Chinas Wirtschaftswachstum Die magische Sieben

Chinas Wirtschaft kriselt seit Monaten. Setzt sich dieser gefährliche Trend fort? Am Montag verkündet Peking die Wachtumsrate des letzten Quartals: Es ist die wichtigste Zahl dieses Jahres.

DPA

Von , Peking


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Als ein sehr erfahrener europäischer Diplomat in Peking kürzlich seinen Abschied nahm, beklagte er, wie wenig er von China verstehe, selbst nach so vielen Jahren: "Das Land ist so komplex geworden, dass Sie inzwischen für fast jede Behauptung über China einen Beweis finden."

Und da China auch noch so groß sei, fügte er hinzu, seien die Beweise meistens erdrückend. "Nur dass sie sich oft völlig widersprechen."

Es ist nicht die Aufgabe von Staaten und Völkern, für andere durchschaubar und verständlich zu sein, doch das Rätsel, das die chinesische Wirtschaft der Welt derzeit aufgibt, ist eine wirklich harte Nuss. Versinkt Chinas Volkswirtschaft gerade im Morast und reißt noch ein paar andere mit - oder setzt sie nach Jahrzehnten eines irren Höhenflugs zu einer sanften Landung an?

Am Montag wird die Regierung in Peking eine Zahl bekannt geben, auf die Politiker und Unternehmer weltweit so gespannt warten wie seit Langem nicht: die offizielle Wachstumsrate des vergangenen Quartals - der drei wirtschaftlich turbulentesten Monate seit Beginn der chinesischen Öffnungspolitik.

Das Wachstum von Chinas Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist ein zentraler Indikator für die Weltwirtschaft. Je größer Chinas Wirtschaft wurde, desto wichtiger wurde auch diese Zahl, und über die Jahre gewann sie eine fast mythische Bedeutung: China, so der Konsens vieler Ökonomen, dürfe seine hohe Wachstumsrate nicht unterschreiten, sonst könne das Land seine Menschen nicht beschäftigen. Allein sieben Millionen Chinesen schließen jedes Jahr ihr Studium ab und drängen auf den Arbeitsmarkt. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn die Mehrzahl von ihnen eines Tages auf der Straße stünde.

Lange galten acht Prozent Wirtschaftswachstum als die Marke, die China vom Chaos trennen. Dann begann Peking, seine Export- und Investitionswirtschaft auf ein Konsum- und Dienstleistungsmodell umzustellen und kündigte an, dafür ein niedrigeres Wachstum zu akzeptieren. Allmählich setzte sich die Sieben als neuer Richtwert durch. Chinas Regierung zementierte die Zahl, indem sie sie, mit wechselnden Ziffern hinter dem Komma, jeweils im März als Ziel ausgab - das sie dann bis Dezember auch prompt erfüllte.

Am Montag wird China die magische Sieben wohl unterschreiten, zum ersten Mal seit der Weltfinanzkrise 2009. Davon gehen fast alle Institute aus, die in den vergangenen Tagen dazu befragt wurden. Einer der Gründe liegt auf der Hand: Viele Sektoren der chinesischen Wirtschaft haben nach dem Börsencrash im Sommer starke Einbußen erlitten.

Ein anderer Grund ist weniger bekannt: Peking stellt ausgerechnet am Montag seine Statistik um und zählt die Quartale von nun an getrennt - statt wie bisher kumulativ vom Jahresbeginn an. Die neue Methode sei genauer und erfasse kurzfristige Wirtschaftsschwankungen besser, sagt der stellvertretende Statistik-Chef. Für die letzten drei Monate bedeutet das nichts Gutes: Umfragen der Nachrichtenagentur Bloomberg und dem "Wall Street Journal" zufolge dürfte die Zahl am Montag bei 6,7 oder 6,8 liegen.

Das allerdings wirft drei Fragen auf:

  • Stimmt diese Zahl? Manche Ökonomen halten Chinas Wachstumswerte seit Jahren für übertrieben. Zu viele ehrgeizige Provinzpolitiker dokterten an den Zahlen herum, um ihre Karrierechancen zu verbessern, außerdem "harmonisiere" das Statistikamt die Wachstumsmarke je nach politischer Vorgabe. Das Problem mit dieser Annahme: Wenn die Wachstumszahl manipuliert ist - wer garantiert dann, dass die negativen Werte der vergangenen Wochen stimmen, etwa die der Industriegewinne (minus 8,8 Prozent) oder die letzte Zahl zum Import (minus 17,7 Prozent)? Zumindest die Tendenz wird stimmen.

  • Was bedeutet die Zahl? Dass das Wachstum um etliche Stellen hinter dem Komma sinkt, ist für sich genommen keine Katastrophe. Im internationalen Vergleich wächst China immer noch schnell und, da die Wirtschaftsleistung heute höher ist, um einen größeren Wert als etwa im Rekordjahr 2007. Damals betrug das Wachstum mehr als 14 Prozent, das Bruttoinlandsprodukt aber nur ein Drittel des heutigen. Hier ist das Problem ein psychologisches: Im März hatte Peking für das Jahr 2015 einen Zielwert von "etwa sieben Prozent" genannt - in der auf Plansoll-Erfüllung fixierten Welt der Kommunistischen Partei macht es keinen guten Eindruck, eine konkret genannte Zahl zu unterschreiten.

  • Wie wird die Zahl verstanden? China-Optimisten verweisen darauf, dass neben den vielen negativen Zahlen dieses Jahres auch eine Reihe überraschend positiver zu vermelden sind. So sei etwa der Binnenkonsum in den vergangenen zwölf Monaten um fast elf Prozent gestiegen, die Chinesen gehen öfter ins Restaurant (plus elf Prozent) und ins Kino (plus 17 Prozent). Selbst die zuletzt eingebrochenen Neuwagen-Verkäufe nahmen im September wieder um 2,1 Prozent zu.

Der seit Monaten negative Einkaufsmanager-Index der verarbeitenden Industrie, erinnert der China-Experte Anatole Kaletzky, werde im Übrigen oft falsch verstanden: Der seit März unterschrittene Wert von 50 markiere nicht, wie vielfach angenommen, die Grenze zwischen Wachstum und Rezession, sondern die zwischen zu- und abnehmendem Wachstum. Ein wichtiger Hinweis - aber reicht er aus, um den seit dem Sommer um sich greifenden China-Blues zu vertreiben?

Ein Problem wird die mit Spannung erwartete Zahl vom Montag gewiss nicht lösen - das des heimgekehrten europäischen Diplomaten. China ist groß und bleibt schwer zu durchschauen, vor allem seine Wirtschaft. Wer etwas anderes behauptet, hat noch nicht tief genug in den Zahlen gegraben.

Zusammengefasst: Chinas Regierung wird am Montag voraussichtlich ein Quartalswachstum von weniger als sieben Prozent bekannt geben - zum ersten Mal seit der Weltfinanzkrise 2009. Das dürfte auch an einer umgestellten Statistik liegen. Selbst wenn das nach mehr Transparenz aussieht, bleiben Fragen: Ist die Zahl korrekt, was bedeutet sie wirklich - und vor allem - wie wird sie verstanden?

Zum Autor
Bernhard Zand arbeitet seit 1998 beim SPIEGEL. Er war Korrespondent in Istanbul, Kairo und Dubai und stellvertretender Leiter des Auslandsressorts. Er hat als Nahostkorrespondent über die Kriege im Irak, in Gaza und im Libanon berichtet. Seit 2012 arbeitet Zand in Peking.

E-Mail: Bernhard.Zand@spiegel.de

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insgesamt 74 Beiträge
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Seite 1
joG 18.10.2015
1. Wir sollten ins nicht täuschen lassen von der....
.....Bedeutung der Veröffentlichung am Montag. Die chinesische Wirtschaft is sicherlich wichtig für uns alle. Kein Zweifel. Aber viel bedeutsamer ist, was das Mao Bild über dem Tor in dem Titelbild dieses Artikels über China und seine Führung aussagt. Der dort verehrte Mao war diskutierbar der größte Massen örder der gesamten Menschheitsgeschichte, zumindest in absoluten Zahlen tötete er mehr seiner Landsleute als jeder andere Führer der Geschichte. Was sagt es uns das über die Einstellung einer Kultur zum Menschen, das einen solchen Führer verehrt?
it--fachmann 18.10.2015
2. Leben und leben lassen ...
... ist irgendwie die Devise in China. Die Leute schaffen es mit den grössten intellektuellen Widerspüchen zu leben. Auf der einen Seite Kommunismus, auf der anderen Seite Steinzeit-Kapitalismus. Die Funtionäre der Kommunistischen Partei haben sich durch die Privilegien ihres Amtes selbst zu den grössten Kapitalisten gemacht. Wie lange das noch gut gehen wird - keine Ahnung. Aber ich würde aktuell nichts in China investieren.
amazing^^ 18.10.2015
3.
Exporte/Energieverbrauch weisen auf ein Wachstum von 6.3-6.5 hin. Das mag für Börsianer eine Katastrophe sein aber den Rest der Menschheit lässt es kalt. Die offiziellen Zahlen hat noch nie jemand im Falle Chinas ernstgenommen, schlimmer ist tatsächlich wenn realistische Zahlen verkündet werden. Interpretation "der Regierung entgleitet die Kontrolle". Auch das wieder nur für Börsianer interessant. Ansonsten ist das einer der besseren Artikel die ich über China gelesen habe: Keep it up!
amazing^^ 18.10.2015
4.
Exporte/Energieverbrauch weisen auf ein Wachstum von 6.3-6.5 hin. Das mag für Börsianer eine Katastrophe sein aber den Rest der Menschheit lässt es kalt. Die offiziellen Zahlen hat noch nie jemand im Falle Chinas ernstgenommen, schlimmer ist tatsächlich wenn realistische Zahlen verkündet werden. Interpretation "der Regierung entgleitet die Kontrolle". Auch das wieder nur für Börsianer interessant. Ansonsten ist das einer der besseren Artikel die ich über China gelesen habe: Keep it up!
suelzer 18.10.2015
5.
Deutsche Schrebergartenmentalität. Immer schön alles einzäunen. Abgrenzen. Ich hasse es manchmal, dass ich als Deutscher in Deutschland geboren wurde. Jetzt kommt von irgendwelchen geistig Minderbemittelten bestimmt das intelligente Totschlagargument: Dann geh doch weg. Wie gesagt, ich hasse es, Deutsch zu sein.
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