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Steigende Zinsen: Chinas Banken schlagen Cash-Alarm

Von Lucas Söchtig

Skyline von Hongkong: Chinas Banken leihen einander nicht mehr gerne Geld Zur Großansicht
REUTERS

Skyline von Hongkong: Chinas Banken leihen einander nicht mehr gerne Geld

In Chinas Banken wird das Geld knapp. Grund sind die vorsichtigen Versuche von Zentralbankchef Zhou Xiaochuan, die Luft aus dem aufgeblähten Finanzsektor zu lassen. Wenn er scheitert, droht der Wirtschaftsgroßmacht ein Lehman-Moment.

Streng genommen dürfte Chinas Zentralbankchef gar nicht mehr im Amt sein. Am 29. Januar ist Zhou Xiaochuan 65 Jahre alt geworden, laut Statuten der People's Bank of China müsste er damit pensioniert werden. Doch sein Staatspräsident und sein Premier lassen das nicht zu. Sie haben Zhou kurzerhand zum "Nationalen Führer" erhoben und so die Altersgrenze außer Kraft gesetzt. Weil sie ihren obersten Notenbanker gerade dringender brauchen denn je. Nur ihm trauen sie zu, den ganz großen Knall zu verhindern.

Zhou muss die Luft rauslassen aus dem aufgeblähten Banken- und Immobiliensektor. Und das ist eine heikle Aufgabe. Denn einerseits muss er das rasante Kreditwachstum eindämmen, das China selbst in Zeiten der Weltwirtschaftskrise märchenhafte Wachstumsraten beschert hat - nun aber zum Problem wird. Will heißen: Die Zentralbank soll weniger Geld als bisher und zu strengeren Konditionen verleihen.

Andererseits muss Zhou aber auch darauf achten, dass Chinas riesige Geschäftsbanken weiterhin an Liquidität kommen, um ihre Schulden bedienen zu können. Denn würde ein führendes Institut wie etwa die staatliche Bank of China kollabieren, wäre das für die Volksrepublik kein geringerer Schock als die Lehman-Pleite für die USA. Und die Folgen wären ähnlich unabsehbar. Denn Chinas Banken zählen mittlerweile zu den größten der Welt.

Sie waren die Profiteure eines nie enden wollenden Wirtschaftsbooms - der immer mehr über Darlehen finanziert wurde. Mal brauchte die öffentliche Hand Geld für Straßen, Brücken oder Kraftwerke, mal brauchten Familien Hypotheken für eine neue Wohnung in einer der riesigen Hochhaussiedlungen am Stadtrand Pekings oder Shanghais. Und die Banken gaben bereitwillig. Zu bereitwillig.

Helle Aufregung am chinesischen Interbankenmarkt

Seit 2008 schoss das Verhältnis von Darlehen zum Bruttosozialprodukt von 120 auf beinahe 200 Prozent hoch, im bisherigen Jahresverlauf wuchs das Kreditvolumen schon wieder um mehr als 20 Prozent. Und die Immobilienpreise sind ähnlich schnell gestiegen. Seit Jahren warnen Kritiker wie Michael Pettis, Finanzprofessor an der Peking University, vor Blasenbildungen ähnlich wie in den USA, vor einem Kollaps des Systems. Jetzt bekommen es auch die Institute selbst mit der Angst zu tun. Denn neuerdings leihen sie einander nicht mehr gerne Geld.

Am chinesischen Interbankenmarkt regiert die Nervosität. Für Sieben-Tages-Kredite zwischen Banken, die normalerweise um die vier Prozent Zinsen kosten, verlangten die Kreditinstitute gestern zeitweilig mehr als zehn Prozent für ihr erhöhtes Risiko.

Die zehn Prozent drücken zum einen die Angst aus, dass die jeweils andere Bank innerhalb der nächsten Tage pleitegehen könnte. Westliche Bankenvertreter in China weisen allerdings auch darauf hin, dass viele chinesische Unternehmer im Juni ihre Steuern zahlen müssen, was alljährlich den Cash-Bedarf und damit die Zinsen für kurzfristige Kredite ansteigen lasse.

Am Freitagmorgen chinesischer Zeit dann sanken die Interbankenzinsen nach Gerüchten, die Zentralbank habe einigen Großbanken Geldspritzen gegeben, von 10,7 Prozent auf 8,5 Prozent. Etwas Entspannung kehrte ein. Dann aber berichtete eine Wirtschaftszeitung, die große Geschäftsbank Bank of China habe ihre Zahlungen um eine halbe Stunde hinausschieben müssen, weil ihr das Geld ausgegangen sei. Obwohl das Institut sofort dementierte, schnellten die Zinsen darauf wieder hoch. Marktteilnehmer berichteten, der Interbankenhandel sei "eingefroren". Wie 2008 nach der Lehman-Pleite in den USA.

Die fetten Jahre gehen zu Ende

Damals handelte Zhou so schnell wie kaum ein anderer Notenbanker. Dreimal senkte er binnen zwei Monaten die Zinsen, er lockerte die Kreditauflagen für die Geschäftsbanken, entwarf das gigantische staatliche Konjunkturprogramm von mehr als 400 Milliarden Euro mit - immer im Einklang mit der Regierung, schließlich ist die People's Bank of China nicht politisch unabhängig. So sorgten Zentralbank und Politik dafür, dass China den Lehman-Schock so gut verdaute wie kaum ein anderer Staat.

Jetzt aber gehen die fetten Jahre zu Ende. Längst ist Chinas Wachstum unter die einst als unantastbar geltende Acht-Prozent-Markte gesackt, die Exporte stagnieren, Inflation, Löhne und vor allem die Fremdfinanzierung schießen hoch. Es ist die Kehrseite von Zhous lockerer Geldpolitik, die sich nun zeigt. Und nur ihm trauen sie im Pekinger Politbüro zu, einen Weg herauszufinden.

Bislang ist Zhou in China unantastbar, hinter ihm liegt eine Bilderbuchkarriere. Der studierte Chemieingenieur, dessen Vater unter Mao verfolgt wurde, machte sich während der Wirtschaftsliberalisierungen unter Deng Xiaoping einen Namen als Ökonom, wurde stellvertretender Handelsminister, Vizechef der Bank of China und beriet schließlich Präsident Jiang Zemin bei der ökonomischen Öffnung der Volksrepublik.

2002 übernahm er dann die Führung der Zentralbank - und geriet auch international in die Schlagzeilen, als er 2005 die jahrzehntealte, starre Bindung der total unterbewerteten Landeswährung an den US-Dollar behutsam lockerte. Seither steigt der Kurs des Renminbi in Trippelschritten, sorgsam überwacht von der Notenbank. In China preisen sie Zhou für seine Umsichtigkeit bei der Flexibilisierung des "Volksgeldes". Die muss er jetzt wieder unter Beweis stellen.

Nur hat er diesmal keine acht Jahre Zeit.

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1. Die Welt
heinz4444 21.06.2013
der Finanzen besteht seit langem aus Blasen und die werden über kurz oder lang einmal platzen.Ob in China den USA oder Europa,es wird zwangsläufig eine Neuorientierung des Finanzwesens geben müssen...sofern einmal die Vernunft gegenüber der Gier siegen sollte. Ich persönlich halte das aber für sehr unwahrscheinlich.
2. Dummenfang
carolian 21.06.2013
Aha, die Kurse an den Börsen sollen mit Tatarenmeldungen aus China gedrückt werden. "Seit 2008 schoss das Verhältnis von Darlehen zum Bruttosozialprodukt von 120 auf beinahe 200 Prozent hoch(...)" Das zeigt lediglich, das bei den Menschen in China eine Hoffnung vorhanden ist, die die Verschuldungsbereitschaft willkommenermassen hoch sein lässt. Seit 2008 ist das BSP von China um ca. 50 % gestiegen. Gleichverteilt müsste damit das Verhältnis auf 180 % mitgegangen sein. Dass es nun auf 200 % liegt, sind gerade mal 10 % mehr. Sehr erfreulich, wenn man den Theorien anhängt, dass die Konjunktur von der Verschuldungsbereitschaft der Konsumenten getrieben wird. Was übrigens recht logisch ist. Was mit diesem Artikel versucht wird, ist Dummenfang.
3.
kimba_2014 21.06.2013
Zitat von sysopREUTERSIn Chinas Banken wird das Geld knapp. Grund sind die vorsichtigen Versuche von Zentralbankchef Zhou Xiaochuan, die Luft aus dem aufgeblähten Finanzsektor zu lassen. Wenn er scheitert, droht der Wirtschafts-Großmacht ein Lehman-Moment. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/wie-die-chinesische-zentralbank-gegen-die-blase-kaempft-a-907159.html
Hat Merkel vielleicht noch etwas Geld für Chinas "notleidende Banken"?
4. hoffentlich erzählt das keiner...
klaus47112 21.06.2013
... dem Schäuble, sonst meint der er muss die Chinesischen Banken auch noch retten!
5. Klassisches Problem, auch in China
raumbefeuchter 21.06.2013
Was wir beobachten ist ein klassisches Problem von zinsbasierten Systemen. Die Börse braucht Geld zum zocken. Der Bürger will eine stabile Währung. Beides ist nicht miteinander vereinbar. Solange der Zinsdruck das exponentielle Wachstum fördert gibt es eine eingebaute Sollbruchstelle - egal ob man ion Dollar, Euro, DM oder Yuan handelt. Es wird auch keine Änderung in der nahen Zukunft geben, da das Bewustsein für diese simple Erkentnis einfach nicht vorhanden ist. Märchen von Einhörnern, Elfen und dem Josephspfennig sind fester Bestandteil unserer Gesellschaft.
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