Hannover Messe: Chinas Premier Wen zu Gast bei Freunden
Es ist ein wirtschaftspolitischer Schulterschluss mit bitterem Beigeschmack. Der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao und Kanzlerin Angela Merkel haben gemeinsam die Hannover Messe eröffnet - und die gute Partnerschaft gelobt. Auf Proteste von Menschenrechtsgruppen gingen die Politiker nicht ein.
Hannover - Demonstrationen von Menschenrechtlern sollen offenbar keinen Schatten auf die Partnerschaft der Industrieländer China und Deutschland werfen. Chinas Premierminister Wen Jiabao und Kanzlerin Angela Merkel haben das Thema zur Eröffnung der Hannover Messe am Sonntagabend jedenfalls mit offensivem Schweigen bedacht. Stattdessen demonstrierten die Politiker selber einen engen Schulterschluss der beiden Wirtschaftsnationen.
Wen betonte den Willen seines Landes, die Industrialisierung, aber auch die Öffnung des chinesischen Marktes weiter voranzutreiben. Bei der Auftaktveranstaltung der Messe sagte er am Sonntagabend mit Blick auf die erwünschten internationalen Investoren: "Wir werden das geistige Eigentum noch stärker schützen." Chinas Premier verwies auf das starke Wachstum Chinas und sagte: "Die Industrialisierung bleibt eine Aufgabe von historischer Bedeutung, darüber sind wir uns im Klaren." Dabei setze China auf Wettbewerb: "Wir werden Protektionismus entschieden bekämpfen."
Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte, das Partnerland der Messe, China, mache deutlich, dass auch woanders gedacht, geforscht, gehandelt wird: "Deshalb sind wir Partner, auf der anderen Seite aber auch Wettbewerber um die beste Lösung." China und Deutschland verbinde "das klare Bekenntnis zum Industrieland". China habe durch sein starkes Wachstum "einen riesigen Beitrag geleistet", um die Krise zu überwinden.
Merkel: "Partnerschaft auf ein strategisches Niveau angehoben"
Im Februar hatte China erneut seine Bereitschaft signalisiert, Europa bei der Lösung der Schuldenkrise zu unterstützen. "Wir stehen vor enormen Herausforderungen", sagte Wen anlässlich des EU-China-Gipfels in Peking. China und Europa seien zunehmend voneinander abhängig.
"Wir tragen gemeinsam Verantwortung", sagte Merkel am Sonntag in Hannover. Die Kanzlerin verwies auf die inzwischen "sehr viel engere Zusammenarbeit" mit dem bevölkerungsreichsten Land der Erde: "Wir haben die Partnerschaft auf ein strategisches Niveau angehoben."
Das Thema Menschenrechte blieb in den Reden von Wen und Merkel ausgespart. China wurde zuletzt von Rechtsexperten und internationalen Menschenrechtsgruppen scharf für die Verabschiedung eines neuen Gesetzes kritisiert: Zum Abschluss der Jahrestagung in Peking hatte der Volkskongress im März ein umstrittenes Strafverfahrensrecht gebilligt, das chinesischen Sicherheitsorganen weitreichende Vollmachten für Festnahmen von Regimekritikern gewährt.
Wirtschaft wächst, Respekt für die Menschenrechte nicht
Draußen vor dem Kongresszentrum machten Menschenrechtsgruppen lautstark ihrem Unmut Luft. Rund 100 Teilnehmer, unter anderem von der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) und Amnesty International (AI), versammelten sich nach Polizeiangaben vor dem Hannover Congress Centrum, in dem Merkel und Wen am Abend die weltgrößte Industrieschau eröffneten.
Etwa zwei Dutzend Mitglieder von Amnesty International hielten Transparente in die Höhe und forderten die Freilassung inhaftierter Journalisten und Schriftsteller. "Die wirtschaftliche Lage in China hat sich sehr verbessert, doch die Respektierung der Menschenrechte ist nicht im gleichen Umfang mitgewachsen", sagte die Aktivistin Astrid Stuchlik. AI-China-Experte Dirk Pleiter appellierte an die Messegäste, das Reizthema Menschenrechte offen anzusprechen: "Der Blick auf die wirtschaftliche Dynamik darf nicht darüber hinweg täuschen, dass die Menschenrechte in China nach wie vor mit Füßen getreten werden."
China ist Partnerland der Hannover-Messe 2012 und mit fast 500 Firmen so stark vertreten wie nie zuvor. Auf der größten Industriemesse der Welt stellen insgesamt fast 5000 Unternehmen bis zum 27. April in der niedersächsischen Landeshauptstadt ihre Produkte vor. Das Motto der Messe lautet "greentelligence".
bos/dpa/AFP
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
- alles aus der Rubrik Wirtschaft
- Twitter | RSS
- alles aus der Rubrik Staat & Soziales
- RSS
- alles zum Thema Hannover Messe
- RSS
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Sonntag, 22.04.2012 – 22:26 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 5 Kommentare
Fläche: 9.572.900 km²
Bevölkerung: 1341,335 Mio. Einwohner
Hauptstadt: Peking
Staatsoberhaupt: Xi Jinping
Regierungschef: Li Keqiang
Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | China-Reiseseite
- Fotostrecke: "Wettbewerber um die beste Lösung"
- Machtkampf in der KP: Chinas Elite gegen Chinas Banken (05.04.2012)
- Finanzreformen: Chinas Premier will Bankenmonopol brechen (04.04.2012)
- Als Lehrerin in China: Mein Alltag in der Lernfabrik (03.04.2012)
- Putschgerüchte: China verschärft Internet-Zensur (31.03.2012)
- Gesetz gegen Regimekritiker: Willkür-Vollmacht für Chinas Polizei (14.03.2012)
- Schuldenkrise: China will der Euro-Zone helfen (14.02.2012)
MEHR AUS DEM RESSORT WIRTSCHAFT
-
Börsen
Dax, Dow, Nikkei und Ihr persönliches Portfolio: Die Weltbörsen im Überblick -
Gehalt-Check
Brutto-Netto-Rechner: Berechnen Sie Ihr Gehalt -
Konjunktur
Alle wichtigen Wirtschaftsdaten: Arbeitslosigkeit, Brutto-
inlandsprodukt und Inflation -
Finanztest
Im Test: Finanztipps und mehr - was Sie als Verbraucher unbedingt wissen sollten -
Mehr Wirtschaft
Die Angebote von manager-magazin.de und harvardbusiness
manager.de
Möchten Sie ein anderes Land erkunden?