Wirtschaft

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Experte zum CO2-Ausstoß

"Es ist beängstigend"

Der Chef der Internationalen Energieagentur ist alarmiert. Wahrscheinlich werden die globalen Kohlendioxid-Emissionen weiter ansteigen, sagt Fatih Birol. Damit werde es immer schwieriger, das Ausufern des Klimawandels zu vermeiden.

Ein Interview von

Getty Images

Stahlfabrik in der Mongolei

Mittwoch, 26.09.2018   20:02 Uhr

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SPIEGEL ONLINE: Herr Birol, vor drei Jahren haben sich 195 Staaten im Pariser Klimaabkommen vorgenommen, den globalen Temperaturanstieg auf maximal 1,5 bis 2 Grad Celsius zu begrenzen - und dafür den Treibhausgasausstoß drastisch zu senken. Ihre Organisation hingegen erwartet, dass die Menschheit noch jahrzehntelang im großen Stil Öl, Kohle und Gas verbrennen wird. Wie passt das zusammen?

Birol: Die Kluft zwischen den politischen Ambitionen und der tatsächlichen Entwicklung auf den Energiemärkten geht leider immer weiter auf. In Paris haben die Staaten vereinbart, dass der Treibhausgasausstoß möglichst bald sinken solle. Als 2017 dann die weltweiten Emissionen stiegen, hofften wir, dass das ein einmaliger Ausrutscher sein würde. Aber gerade haben wir die Daten für die ersten acht Monate dieses Jahres analysiert. Und alles deutet darauf hin, dass die Emissionen 2018 noch höher sein könnten als 2017. Das ist beängstigend. Wir steuern in die falsche Richtung. Und die Herausforderungen, die wir bewältigen müssen, um das Zwei-Grad-Ziel zu schaffen, werden so noch größer.

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SPIEGEL ONLINE: Sie reden von plus 2 Grad. Können wir das 1,5-Grad-Ziel schon vergessen?

Birol: Wir sollten es nicht vergessen. Aber wenn das Zwei-Grad-Ziel schon so schwer zu erreichen ist, dann wird es sehr, sehr, sehr schwierig mit den 1,5 Grad. Es sei denn, wir entdecken plötzlich eine ganz neue Technologie. Der Trend deutet leider genau in die entgegengesetzte Richtung.

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SPIEGEL ONLINE: Woran liegt es?

Birol: Die Regierungen tun nicht genug, um den Trend umzukehren. Gerade in manchen Schwellenländern setzen Politiker noch immer vor allem auf fossile Brennstoffe als billige Energiequelle, um Wirtschaftswachstum zu schaffen und ihre Gesellschaften zu elektrifizieren. Viele Staaten subventionieren fossile Brennstoffe sogar.

SPIEGEL ONLINE: Andere denken um und setzen auf andere Energiequellen.

Birol: Aber die fossilen Brennstoffe sind sehr stark verankert. Wissen Sie, vor etwa 30 Jahren hat die frühere norwegische Premierministerin Gro Harlem Bruntland für die Uno ein Konzept für nachhaltige Entwicklung entwickelt. Unter anderem wurde gefordert, den Anteil der fossilen Brennstoffe am weltweiten Primärenergieverbrauch von damals 81 Prozent drastisch zu senken. Seither haben wir erlebt, wie sich rund um die Welt eine grüne Bewegung gebildet hat, die erneuerbaren Energien sind viel billiger und wettbewerbsfähiger geworden, wir hatten Weltklimagipfel und alle möglichen internationalen Treffen auf allerhöchster Ebene. Und wo ist der Anteil der fossilen Brennstoffe heute?

SPIEGEL ONLINE: Nicht drastisch gesunken.

Birol: Er ist genau gleich geblieben: 81 Prozent! Wenn die Regierungen nicht die notwendigen Maßnahmen ergreifen und konsequent auf neue Technologien setzen, werden die fossilen Brennstoffe und ihre Emissionen uns noch jahrzehntelang begleiten. 2017 sind nach unseren Berechnungen die weltweiten Investitionen in erneuerbare Energien gefallen, die Investitionen in fossile Brennstoffe hingegen sind gestiegen.

SPIEGEL ONLINE: Und die weltweite Nachfrage nach Kohle ist auch gewachsen.

Birol: Ineffiziente Kohlekraftwerke sind die größte Herausforderung. In einigen Ländern, vor allem in Asien, werden noch immer zahlreiche solche Kraftwerke gebaut. Die derzeitigen Kohlekraftwerke in asiatischen Schwellenländern sind im Durchschnitt gerade einmal elf Jahre alt; die können noch 30, 40 Jahre laufen. In Europa und den USA sind Kohlekraftwerke im Schnitt rund 40 Jahre alt. Und der Strombedarf in Schwellenländern steigt weiter stark an. Ich verstehe, dass es für viele Regierungen die oberste Priorität ist, ihr Land zu elektrifizieren und Menschen aus der Armut zu holen. Aber wenn wir keine Lösung für dieses Problem finden, sinken unsere Chancen drastisch, das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Eine wichtige Option könnte CCS sein, also das Abscheiden und Speichern des CO2 aus Kohlekraftwerken.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist mit den regenerativen Energien? Neue Wind- und Solarkraftwerke können heute vielerorts billiger Strom erzeugen als neue Kohlekraftwerke.

Birol: Ich setze große Hoffnungen auf diese Technologien. Wir erwarten, dass Wind in weniger als zehn Jahren die Stromquelle Nummer eins in Europa sein wird. Und für die europäische Industrie ist der Ausbau der Windenergie weltweit eine goldene Geschäftsgelegenheit, besonders von Offshore-Windenergie. China und Indien zum Beispiel setzen massiv auf erneuerbare Energien: nicht so sehr wegen des globalen Klimawandels, sondern vor allem, um etwas gegen die extreme Luftverschmutzung daheim zu tun. Übrigens nimmt man sich dort Deutschland zum Vorbild. Sie waren die Pioniere für Solar- und Windenergie sowie Energieeffizienz.

SPIEGEL ONLINE: Taugt Deutschland wirklich zum Vorbild? Aller Voraussicht nach wird es sein Klimaziel, bis 2020 die Emissionen um 40 Prozent gegenüber 1990 zu reduzieren, nicht einmal annähernd schaffen.

Birol: Es wäre schade, wenn Deutschland dieses Klimaziel verpasst. Aber ich habe mit Ihrem Wirtschaftsminister Peter Altmaier gesprochen. Ich glaube, dass Deutschland alle Absicht hat, ein weltweiter Anführer im Kampf gegen den Klimawandel zu sein. Und Sie haben eine Kommission zum Kohleausstieg berufen, die jetzt einen Kompromiss sucht, der Umwelt, soziale Aspekte und Kosten in Einklang bringt.

SPIEGEL ONLINE: Aber das kann dauern. Bis dahin werden die Kohlekraftwerke noch viel CO2 emittieren, gerade wird der Hambacher Forst gerodet.

Birol: Nicht alles in der nationalen Energiepolitik von Ländern läuft perfekt. Ich bin sicher, dass sich die Bundesregierung viele Dinge genau anschauen wird, etwa wie sie die Energieeffizienz verbessern kann, welche Anreize sie für Gaskraftwerke als Alternative zu Kohle setzt und woher Deutschlands Erdgas kommen soll. Aber im Prinzip hat Deutschland bereits den richtigen Weg eingeschlagen.

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