Star-Architekt Libeskind über Gentrifizierung "Baut höher, dann bleibt die Stadt bezahlbar"

New York, Paris, Berlin - Geringverdiener werden aus den Zentren vertrieben. Stararchitekt Daniel Libeskind fordert ein radikales Umdenken.

Ziegert Immobilien

Ein Interview von


Wenige Fragen werden in deutschen Großstädten so hitzig diskutiert wie diese: Wie viel darf, wie viel soll Wohnen kosten? Die Bundesregierung hat eine Mietpreisbremse eingeführt, Berlin geht gegen die Vermietung von Ferienwohnungen vor. Die Immobilienpreise steigen dennoch weiter, besonders in Großstädten. In München etwa kostet der Quadratmeter bis zu hundertmal mehr als in der Provinz - auch deshalb, weil internationale Investoren deutsche Immobilien als lohnendes Anlageobjekt ausgemacht haben.

Der US-Architekt Daniel Libeskind hat 14 Jahre in Berlin gelebt und verfolgt die Entwicklung mit Sorge. Der Immobilienboom "vertreibt die Menschen aus der Stadt, die der Stadt dienen, sich die Stadt aber nicht mehr leisten können".

Er verlangt ein Umdenken in der Stadtplanung, weg von prestigeträchtigen Großprojekten wie der Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses, hin zu einem modernen sozialen Wohnungsbau. Und Libeskind will auch selbst mit gutem Beispiel vorangehen.

Zur Person
  • DPA
    Daniel Libeskind, geboren am 12. Mai 1946 im polnischen Lodz, ist ein US-amerikanischer Architekt. Von 1989 bis 2003 lebte er in Berlin, wo er unter anderem den Anbau des Jüdischen Museums gestaltete.

SPIEGEL ONLINE: Spüren Sie als Architekt den Immobilienboom in Deutschland und das, was als Gentrifizierung diskutiert wird, also die Verdrängung ärmerer Menschen aus bestimmten Innenstadtvierteln?

Libeskind: Auf der einen Seite ist Gentrifizierung etwas Gutes. Es erhöht die Gebäudestandards in einem Viertel, es wertet die Nachbarschaft auf. Auf der anderen Seite darf das nicht auf Kosten von bezahlbarem Wohnraum gehen. Man braucht beides: steigende Standards, aber ohne die Vertreibung von Leuten durch zu hohe Mieten. Die Viertel müssen divers bleiben, bewohnt von unterschiedlichen Schichten.

SPIEGEL ONLINE: Warum sollten Städte wie Berlin nicht einfach den Kräften des Marktes freien Lauf lassen?

Libeskind: Ich bin gegen den Markt! Der Markt hat die Städte ruiniert. Er vertreibt willkürlich die Menschen aus der Stadt, die in der Stadt arbeiten, der Stadt dienen, sich die Stadt aber nicht mehr leisten können. Der Markt entrechtet die Bürger, die eigentlich in der Mitte der städtischen Gesellschaft stehen, die arbeitende Bevölkerung. Soziale Gerechtigkeit und Gleichheit sind nicht nur intellektuelle Ideen, sie müssen sich in der Art und Weise niederschlagen, wie Städte Bautätigkeit planen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Städte, die in den vergangenen Jahrzehnten ihren Charakter verändert haben?

Libeskind: Schauen Sie sich London an. Sie werden dort keine einzige Person mehr finden, die in der Innenstadt arbeitet und auch in der Innenstadt wohnt. Dort gibt es fast nur noch Oligarchen. New York wird immer mehr so. Die Menschen ziehen nach Brooklyn, Queens, New Jersey, um bezahlbaren Wohnraum zu finden. Wer kann sich Paris noch leisten? Niemand. Es ist eine Museumsstadt geworden.

SPIEGEL ONLINE: Verstärken moderne Architekten diesen Trend nicht selbst?

Libeskind: Einerseits ja, denn wir bauen ehrgeizig. Das muss aber nicht so sein, wenn Architekten bewusst agieren. Sie können sehr ehrgeizige Projekte realisieren und trotzdem eine Balance wahren.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben vor Kurzem ein Haus in Berlin fertiggestellt. Es heißt "Sapphire". Bei zwei der Wohnungen wurde als "Orientierung" ein Preis pro Quadratmeter von 15.000 Euro angegeben...

Libeskind: Sehen Sie, ich bin Architekt. Ich habe nichts damit zu tun, was die Bauherren für das Gebäude verlangen. Ich erfülle lediglich ihre Kriterien von Architektur: Bau ein 22 Meter hohes Gebäude an einer Ecke in Berlin, tu nichts, was gegen die Bestimmungen für Wohnraum verstoßen würde. Schaffe schöne Appartements, eine gute Mischung aus kleinen Studios und größeren Wohnungen. Das ist mein Job. Ich versuche aber schon, eine Balance zu halten: Deshalb habe ich auch Pläne für den Bau bezahlbaren Wohnraums in Berlin, gemeinsam mit zwei Partnern. Einer davon ist der Entwickler des "Sapphire".

SPIEGEL ONLINE: Ist es schwieriger, anspruchsvolle Sozialwohnungen zu realisieren als ein Prestigeprojekt wie das Jüdische Museum, das Sie in Berlin gebaut haben?

Libeskind: Gute Architektur muss nicht teuer sein. Das ist ein Mythos. Beim Bau von bezahlbarem Wohnraum kommt es natürlich auf ein gewisses Verständnis davon an, was nachhaltig ist und wie Kosten reduziert werden können. Solche Projekte interessieren mich. Denn die Menschen beurteilen eine Stadt nicht nach Museen. Wir mögen Städte, die nette Straßen und Häuser haben, Parks und eine gute Infrastruktur.

SPIEGEL ONLINE: Woher rührt Ihr Interesse für sozialen Wohnungsbau?

Libeskind: Ich habe selbst fast mein gesamtes Leben in Sozialwohnungen verbracht. Ich bin in Polen nach dem Krieg in sehr schlichten Verhältnissen aufgewachsen. Später lebte ich in einem sozialen Wohnungsbauprojekt in der Bronx, das von Sozialisten entwickelt worden war. Es gab keinen Aufzug, nur Aufgänge. Die Wohnungen waren winzig, und doch war es ein wunderbarer Ort zum Großwerden, mit einer sehr lebendigen Gemeinschaft. Es hatte eine sozialpolitische Idee: Die Menschen zahlten wenig Miete und sie nahmen teil am öffentlichen Leben. In der Architektur sollte es um die Gesellschaft gehen. Es geht nicht nur um irgendwelche Fassaden. Es geht um die Ethik des Zusammenlebens und Bauen für die Gemeinschaft.

SPIEGEL ONLINE: Zurück zu Berlin: Was können Behörden und Gesetzgeber tun, damit die Stadt bezahlbar bleibt?

Libeskind: Höher bauen, zum Beispiel. Berlin war es gewohnt, sich einfach immer weiter auszubreiten, aber diese Stadt kann nicht einfach immer weiter wachsen und mehr und mehr von Brandenburg verschlingen. Gebraucht wird eine verdichtete Stadt. Eine verdichtete Stadt ist eine nachhaltige Stadt. Die Menschen können zur Arbeit laufen, der öffentliche Nahverkehr ist schnell. Berlin soll natürlich nicht New York werden. Aber es sollte definitiv höher gebaut werden als die bisher üblichen 22 Meter in der Innenstadt.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie Wege, wie Politiker und Behörden dazu gebracht werden können, weniger über große Prestigeprojekte nachzudenken und mehr zu tun für die breite Stadtentwicklung?

Libeskind: Die Öffentlichkeit muss sich mehr einschalten. Es muss Kundgebungen zu diesem Thema geben, öffentliche Debatten mit Immobilienentwicklern, Architekten und Politikern. Wir müssen mit dem heute üblichen Top-down-System brechen, in dem oben jemand eine Entscheidung trifft - und in der Folge alle Gebäude gleich aussehen. Das ist kein Zufall. Wir müssen die Öffentlichkeit mit ins Boot holen, vor allem junge Leute. Sie schauen in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie?

Libeskind: Schauen Sie sich die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses an. Das ist fast ein Trump-artiges Projekt. Er würde sicher seine Freude daran haben, es ist nach seinem Geschmack. Ich verfolge Berlins Entwicklung seit so vielen Jahrzehnten. Berlin ist eine so faszinierende Stadt. Aber die Bau-Diskussion verläuft dort immer sehr formalistisch. Es geht um Fassaden. Dabei müssten ganz andere Fragen gestellt werden: Was braucht die Stadt heute? Welche öffentlichen Plätze brauchen Kinder, wenn sie aus der Schule nach Hause kommen? Die Frage der Stadtentwicklung ist heute die neue soziale Frage.

insgesamt 135 Beiträge
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Seite 1
i.dietz 12.11.2016
1. Über Geschmack
lasst sich ja Gott-sei-Dank nicht streiten ! Stararchitekt hin - Stararchitekt her - mir ist es lieber, er baut nicht gerade vor meiner Nase !
mrotz 12.11.2016
2.
Mit dem deutschen Baurecht, das selbst die Zeigelfarbe festlegt, den deutschen Behörden und POlitikern nciht zu machen. Höher bauen.... das geht doch mal gar nicht.... Das passe nicht ins Stadtbild.... Städte: geht sterben! mfg
zila 12.11.2016
3. Toronto als Gegenbeispiel
Wohl nirgends außer halb Asiens werden mehr Hochhäuser aus dem Boden gestampft als in Toronto. Ein Downtown-Condo ist trotzdem unerschwinglich teuer, und die Preise steigen seit zwei Jahrzehnten, oft im zweistelligen Prozentbereich. Dabei wurde die Wohnfläche pro Person auch noch kleiner. Das in die Höhe bauen löst das Problem nicht, verzögert es vielleicht. Man müsste einfach weit dezentraler leben&arbeiten können, mehr Arbeitsplätze in die Vorstädte verlagern.
g10220530 12.11.2016
4. Baut ÖPNV, vernünftige S-Bahnen und Züge...
... dann sind auch die Vorstädte und ländlichere Gebiete attraktiv und nicht jeder muss in die Stadt ziehen.
pressionist reloaded 12.11.2016
5. Die Stadtentwicklung ...
... ist keine neue soziale Frage. Architektur ist sozialer Entwicklungsstand. Schöne Grüße von Richard Sennett!
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