Neue Versicherungstarife Daten her, Geld zurück

Ob Auto oder Gesundheit: Immer mehr Versicherer bieten Überwachungs-Tarife an. Wer sich ausspähen lässt und brav ist, zahlt weniger. Ist das Solidarsystem bald am Ende?

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Von , und Florian Müller


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Mist, zum Feierabend zeigt der Schrittzähler auf dem Smartphone erst 2774 Schritte an. Da wird es wohl nichts mit dem Bonus von der AOK Nordost. Für den muss man nämlich mindestens 10.000 Schritte an einem Tag gehen. Oder man hat eine halbe Stunde lang einen Puls von mehr als 110 Schlägen pro Minute. Oder man verbrennt innerhalb von 30 Minuten 150 Kilokalorien.

Als Belohnung für das erreichte Tagesziel winkt ein Euro. Wie sehr man sich anstrengt, kontrolliert die Versicherung per App. Damit ist sie nicht die einzige. Ob bei der Gesundheit oder beim Auto: Immer mehr Versicherungen bieten ihren Kunden Daten-Deals an, bei denen für die Überwachung Rabatte winken. Das könnte letztlich zum Problem werden für die, die ihre Daten nicht preisgeben wollen.

Nun hat die größte deutsche Versicherung Allianz ihren ersten sogenannten Telematik-Tarif für die Kfz-Versicherung vorgestellt. Dabei geht es um die Kontrolle des Fahrverhaltens und einen Bonus für vorsichtiges Fahren. Es ist ein Zeichen: Nach einigen kleineren Versicherungen setzt nun auch der Marktführer auf die Daten der Kunden.

Junge, technikaffine Zielgruppe

Die Versicherer haben mit ihren Produkten insbesondere eine junge, technikaffine Zielgruppe im Blick. Da ist vom "Spartarif" die Rede, von "Preisnachlässen", "Prämien" und "Belohnungen". Zur Zielgruppe passt es, dass viele Angebote mit Smartphone-Apps funktionieren.

Video: Zwei Versicherungs-Apps im Test

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Schon heute teilen zahlreiche Menschen zum Beispiel mit Lauf-Apps in sozialen Netzwerken komplette Bewegungsprofile nicht mit ihrer Versicherung, sondern gleich mit der ganzen Welt - und das ganz ohne finanziellen Anreiz. Stößt eine junge, gesunde Generation hier eine Entwicklung an, die sie später - alt und krank - bereuen wird?

Verbraucher- und Datenschützer sehen die neuen Tarife mit Sorge. "Wir müssen diejenigen schützen, die ihre Daten nicht preisgeben wollen", sagt der Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands, Klaus Müller.

Ersparnis von mehr als 100 Euro möglich

Das Prinzip der Tarife ist immer gleich. Der Versicherte lässt einen Teil seines Lebens auf Schritt und Tritt überwachen - zumindest eine Zeitlang. Verhält er sich gesundheitsbewusst oder fährt defensiv Auto, bekommt er im Gegenzug Rabatt auf die Versicherungsprämie oder Geld zurück.

Bei der Kfz-Versicherung lassen sich bis zu 40 Prozent der Versicherungsprämie sparen. Bei der AOK kann man zum Beispiel die Pulsmessung beim Sport bis zu 180 Mal pro Jahr einreichen - und so 180 Euro erstattet bekommen. Und wer seine Wasserleitung ans Internet anschließt, bekommt bald Rabatt auf seine Wohngebäudeversicherung. Der Axa-Konzern testet zusammen mit RWE ein Steuerungsgerät, das vor undichten Rohren warnen soll.

Mit den Daten-Tarifen lässt sich also durchaus Geld sparen. "Doch die Kopplung der Versicherungsprämie an die Herausgabe von Daten kann problematisch werden", meint die Datenschutzbeauftragte des Landes NRW, Helga Block. "Nämlich dann, wenn es kein Bonus mehr ist für die, die mit freiwilliger Einwilligung mitmachen, sondern ein Malus für die, die nicht mitmachen wollen."

Zugespitzt formuliert: Wenn alle gesunden, sportlichen Vorzeige-Autofahrer im Daten-Tarif sind, dann bleiben in den normalen Tarifen nur noch die rauchenden Raser übrig - und die, die ihre Daten nicht hergeben wollen. Für die könnte es dann langfristig teurer werden.

Kfz-Tarife

Bei der Kfz-Versicherung hält Verbraucherschützer Müller das unter Umständen grundsätzlich für vertretbar. "Wenn der Schutz, die Sicherheit und die Qualität der Daten gewährleistet sind, soll jeder Verbraucher wählen können. Dann muss aber der angebotene Tarif auch wirklich günstiger sein, als vergleichbare Produkte am Markt", sagt Müller.

Im Grundsatz hätten sogar alle Beteiligten etwas davon: Der Versicherte könne Geld sparen, die Versicherung müsse für weniger Schäden aufkommen und die Allgemeinheit profitiere davon, wenn sich mehr Menschen an die Verkehrsregeln halten.

Datenschützer haben eine Reihe von Anforderungen an die Versicherer formuliert:

  • Die Versicherung hat keinen direkten Zugriff auf die Fahrdaten. Diese werden vielmehr auf einem Server gespeichert und dort in Scores für Kategorien wie Beschleunigungs- und Bremsverhalten umgerechnet. Nur diese Scores werden an die Versicherung übermittelt und erst dort dem Versicherten zugeordnet. Allerdings: Wird der Server gehackt, können prinzipiell komplette Bewegungsprofile gestohlen werden.
  • Die Daten müssen verschlüsselt übertragen werden.
  • Bei mehreren Fahrern müssen sich diese für oder gegen eine Aufzeichnung entscheiden können.
  • Die Daten werden nur zur Berechnung der Prämie verwendet, nicht jedoch für die Schadenregulierung im Falle eines Unfalls.

Krankenversicherung

Wie aber sieht es im Gesundheitsbereich aus? Der zweitgrößte Privat-Versicherer Generali will in diesem Jahr einen "Vitality"-Tarif auf den Markt bringen. Wer gesund lebt, soll beim Beitrag belohnt werden.

Während privat Versicherte schon immer abhängig von ihrem Krankheitsrisiko bezahlen mussten, ist eine solche Diskriminierung bei der gesetzlichen Krankenkasse verboten.

Ausgerechnet die gesetzliche AOK Nordost ist in diesem Bereich jedoch am weitesten. Die App "FitMit AOK" kann man mit anderen Fitness-Apps oder Fitnessarmbändern verknüpfen, deren Aufzeichnungen ausgewertet werden. Für die gesammelten Punkte gibt es Rabatte in Sportstätten, Prämien wie Sportartikel oder - wie erwähnt - Bargeld.

Dabei gibt die App keine Rohdaten des Versicherten an Rechenzentren oder die AOK weiter. Es werden nur Datum, Sportart und die erbrachten Punkte übermittelt. Darauf legt die Datenschutzbeauftragte des Landes Brandenburg wert, die die AOK bei ihrem Projekt beraten hat.

Die AOK selbst betont, die Teilnahme habe keinen Einfluss auf die Beitragshöhe. "Als gesetzliche Krankenversicherung steht die AOK Nordost für ein Solidarsystem, das keine Beitragsunterschiede nach Gesundheitsrisiko zulässt", schreibt die Kasse.

Doch die Logik der AOK ist schon ziemlich spitzfindig: Zahlt ein Gesunder nach Auswertung seiner Gesundheitsdaten weniger Beitrag wäre das demnach unsolidarisch - und damit verboten. Zahlt ein Gesunder aber zunächst den gleichen Beitrag und bekommt dann nach Auswertung seiner Gesundheitsdaten einen Teil wieder erstattet ist das ein Prämienprogramm.

"Wir befinden uns an der Grenze der Bonusprogramme", meint auch Verbraucherschützer Müller. Die Politik müsse einen ganz klaren Strich ziehen: Gesundheitsdaten von Versicherten dürften die Beitragshöhe nicht beeinflussen. "Sonst ist das der Einstieg in den Ausstieg aus dem Solidarsystem."

Politik kommt bei Gesetzen nicht voran

Doch momentan hat die Politik keine Lösung für die neue Herausforderung parat. Datenschutzbeauftragte haben jetzt an den Gesetzgeber appelliert: Er soll prüfen, wie die Möglichkeiten, "materielle Vorteile von der Einwilligung in die Verwendung von Gesundheitsdaten abhängig zu machen", beschränkt werden könnten.

Zwar gelobte Justiz- und Verbraucherschutzminister Heiko Maas (SPD) im Februar schlagzeilenträchtig, dass "bei der Krankenversicherung niemandem Nachteile entstehen dürfen, wenn er auf die digitale Technik verzichtet", und dass er neue Regeln zur Verwendung von Gesundheitsdaten prüfe.

Doch mit einem Gesetz ist aus seinem Haus in naher Zukunft nicht zu rechnen - erst müssen die neuen, seit Jahren erwarteten europäischen Datenschutzregeln in Kraft treten. Dann prüft das Ministerium, welche Spielräume beim Thema bleiben. Das Interesse von Versicherungen an sensiblen Daten wird währenddessen weiter steigen.


Zusammengefasst: Versicherungen wollen ihre Kunden in verschiedenen Lebensbereichen stärker überwachen - und versprechen im Gegenzug Rabatte. Verbraucherschützer warnen: Wer seine Daten nicht hergeben möchte, könnte langfristig mehr zahlen. Bei Gesundheitsdaten fordern sie ein Verbot solcher Tarife. Wenn Kranke mehr zahlen als Gesunde, sei das Solidarsystem am Ende.

insgesamt 65 Beiträge
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Seite 1
HaraldKönig 07.04.2016
1.
Das wird sich durchsetzen. Fast alle Supermarktkunden legen ihr Einkaufsverhalten offen für lumpige 0.5% Rabatt.
nick_neuer 07.04.2016
2. Nein danke
Was soll's? Gas geben ist generell teurer als langsam fahren. Wenn ich schnell fahren will, kann ich auf die paar Euro von der Versicherung gut verzichten. Für Sparfüchse, die immer streng nach Eco-Anzeige fahren aber sicherlich toll.
111ich111 07.04.2016
3. Grundsätzlich ok
Außer bei Solidarversicherungen wie Krankenversicherung grundsätzlich ok, wenn der Gesetzgeber gleichzeitig a) den Bonus auf so ca. 10% begrenzt und b) eine Pflicht zur Aufnahme von Kunden ohne Datenfreigabe einführt (sonstige bisherige Rückweisungsgründe bleiben natürlich bestehen) und ein Verstoß dagegen unter hohe Strafen stellt. Sollen doch die Leute mit ihren Daten machen, was sie wollen ...
Thunder79 07.04.2016
4.
Ich finds gut! Ich nutze die Polar Uhr und die App schon lange, da ich eben viel Sport betreibe. Und da ich in den letzten 10 Jahren nur 3x krankgeschrieben war, ist es nur fair, mich dafür auch zu belohnen. Sport ist nachweislich gesund und hält gesund. Wenn ich also eine Möglichkeit sehe dadurch meinen Versicherungsbeitrag zu senken, kann ich es nur begrüßen und würde jederzeit die Datenübergabe zustimmen. Ich find´s gut und das motiviert sicherlich einige Couchpotatos auch mal mehr an die frische Luft zu gehen.
Flying Rain 07.04.2016
5. Zielgruppe
Zielgruppe Jung und Technikaffin....ich gehöre zu genau dieser Zielgruppe aber auch genau deswegen werde ich mich auch nicht dieser Überwachung hingeben. Ich sehe schon wie es in 10-20 Jahren aussieht ... "Oh Herr XY sie haben in den vergangenen 3 Monaten täglich mehr als eine Tasse Kaffee getrunken, leider wurde ihnen somit jegliche finanzielle Unterstützung in der Zahnvorsorge gestrichen. "
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