Historischer Datenvergleich Als Indien die Weltwirtschaft anführte

Wissenschaft oder statistische Spielerei? Forscher der Universität Groningen wollen die größten Wirtschaftsmächte seit dem Jahr eins ermittelt haben - mit überraschenden Ergebnissen: Als Jesus geboren wurde, schlug das Herz der Weltwirtschaft demnach in Indien.

Von Henning Jauernig

  Die Rangliste der größten Wirtschaftsnationen der Jahre 1-2030
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Die Rangliste der größten Wirtschaftsnationen der Jahre 1-2030


Hamburg - Welches Land war im ersten Jahr nach Christi Geburt die größte Volkswirtschaft der Erde? Die erstaunliche Antwort: Sie befand sich auf dem Gebiet des heutigen Indien. Auf Platz zwei folgt China. Italien, damals immerhin Herzstück des Römischen Reiches, muss sich mit dem dritten Rang begnügen.

Der mittlerweile verstorbene britische Ökonom Angus Maddison gibt Antwort auf die Frage, wer wann die größte Volkswirtschaft hatte. Der ehemalige Professor der Universität Groningen hat die Bruttoinlandsprodukte (BIP) aller Nationen seit dem Jahr eins errechnet.

Ein Mammut-Projekt - in der Excel-Tabelle sind mehr als 12.800 Bruttoinlandsprodukte von mehr als 180 Staaten aufgelistet. Die Erhebung erfasst die Entwicklung von mehr als 2000 Jahren. Sicher, viele der Daten beruhen auf Schätzungen. An die Verlässlichkeit heutiger Wirtschaftsstatistiken reichen sie nicht heran. Entsprechend umstritten ist das Projekt unter Experten. Was die "Maddison Tables" aber nicht daran gehindert hat, zur vielgenutzten Datengrundlage in Disziplinen wie Wachstumstheorie und Wirtschaftsgeschichte zu werden.

Maddison war ein besessener Zahlenliebhaber, der sich sein ganzes Leben mit der Messung des wirtschaftlichen Wachstums befasste. Sein Lebensziel: Die Wirtschaftskraft aller Nationen ermitteln und so weit in der Geschichte zurückgehen, wie es nur möglich ist. Im Jahr 2001 gelang ihm ein erster Durchbruch: Maddison ermittelte das gesamte Output der Welt im Jahre eins. Es soll 105,4 Milliarden Dollar in Preisen des Jahres 1990 betragen haben. Zum Vergleich: Das ist weniger als die heutige Wirtschaftskraft von Berlin.

China dominierte jahrhundertelang die ganze Welt

Die Maddison-Statistik liefert viele überraschende Ergebnisse. Heutzutage gilt China als aufstrebende Wirtschaftsmacht, die den Westen bedroht. Dabei ist das historisch betrachtet nichts Neues: China dominierte über mehrere Jahrhunderte hinweg die ganze Welt. Im Jahre 1500 war das chinesische Kaiserreich unter der Ming-Dynastie die größte Volkswirtschaft der Erde. Ungefähr ein Viertel des gesamten Weltsozialprodukts wurde in China erwirtschaftet.

In unserem interaktiven Chart sehen Sie, welche Nation zu welchem Jahrhundert wie viel Prozent des Weltsozialprodukts erwirtschaftete. Damit die Grafik übersichtlich wird, können Sie per Klick einzelne Länder in der Legende auswählen. Ziehen Sie zusätzlich die Maus über ein bestimmtes Jahrhundert, um heranzuzoomen.

Erst knapp 400 Jahre später, im Jahr 1890, stießen die USA China vom Thron und dominierten das 21.Jahrhundert. Im Jahr 1970 erbrachte China gerade noch vier Prozent der Wirtschaftsleistung.

Ein umgekehrtes Schicksal hat Russland hinter sich: Bereits im Jahr 1000 gehörte das Gebiet der späteren UdSSR zu den größten Wirtschaftsmächten der Erde - vor allem durch das damalige Mongolenreich. Von 1938 bis 1980 schob sich die UdSSR auf Platz zwei der Wirtschaftsmächte vor. Heute hingegen ist Russland politisch ein Riese, doch ökonomisch eine Mittelmacht auf dem absteigenden Ast.

Wichtig: Maddison berechnete die BIP-Werte in sogennannten Kaufkraftparitäten, um Wechselkursschwankungen und das unterschiedliche Preisniveau in verschiedenen Ländern auszugleichen. Auch die Inflation wurde berücksichtigt, alle Daten sind in Preisen von 1990 angegeben.

Bald könnten sich historische Normalverhältnisse wiederherstellen. SPIEGEL ONLINE hat die BIP-Werte für 2012 und 2030 auf Basis der von der Weltbank prognostizierten BIP-Zuwachsraten hochgerechnet - denn Maddison hat die Werte nur bis zum Jahr 2008 erfasst. Nach dieser Schätzung wird China die USA im Jahr 2030 als größte Volkswirtschaft der Welt ablösen. Das Aufstreben der Weltmacht Chinas ist so gesehen gar keine Revolution, sondern eine Rückkehr zum historischen Regelfall.

Spielerei oder Studie mit Aussagekraft?

"Die Rangliste zeigt, wie sich wirtschaftliche Macht in politische Ambitionen umschlägt", sagt Albrecht Ritschl, Wirtschaftshistoriker an der London School of Economics. So ist Deutschland im Jahre 1913, kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs, wirtschaftlich besonders stark und greift im Zuge dessen nach der Vormachtstellung in Europa.

Im Jahr 2010 ist Maddison verstorben. Seitdem arbeiten viele ehemalige Schüler des britischen Ökonomen am "Maddison-Projekt" und führen sein Lebenswerk weiter. Sobald es neue Daten gibt, fügen die Wissenschaftler diese der Excel-Tabelle hinzu. Zuletzt wurden im Januar 2013 die BIP-Zahlen der Niederlande zwischen 1348 und 1807 ergänzt.

Doch wie aussagekräftig sind Maddisons Daten? Das größte Problem der Statistik: Es gibt keine verlässlichen Datenquellen. Denn das erste Bruttoinlandsprodukt wurde erst im Jahre 1665 vom Ökonomen William Petty errechnet. Damit fehlen Tausende Daten. "Es ist völlig unmöglich, die fehlenden Daten zu erfassen. Wir wissen heute noch nicht einmal, wie viele Menschen zum jeweiligen Zeitpunkt in diesen Ländern gelebt haben", sagt Dieter Ziegler, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum. Für ihn ist Maddisons Erhebung deshalb "nur eine Spielerei ohne wirkliche Aussagekraft".

Der Westen war jahrhundertelang unterlegen

Klar ist: Maddisons historische Daten sind wesentlich ungenauer als heutige Messungen der Wirtschaftskraft, auch weil sich die Landesgrenzen über die Jahrhunderte hinweg mehrfach verschoben haben. Doch trotzdem sind Lehrbücher für Volkswirtschaftslehre voll von Maddisons Grafen. Vor allem in der Wachstumstheorie werden die Daten oft verwendet. "Die Zahlen zeigen die richtige Tendenz", sagt Historiker Ritschl. Die grobe Rangfolge der Nationen stimme, auch wenn die Daten nur geschätzt seien.

Doch selbst diese Schätzungen haben Grenzen. "Einmal hat Maddison mir vorgeschlagen, die Wirtschaftskraft von Ägypten in der Antike zu errechnen", erzählt Ritschl. Man könne historische Quellen heranziehen, die die Erntemengen auflisten, habe Maddison gesagt. "Doch das", so Ritschl, "wäre dann wirklich ein Himmelfahrtskommando gewesen."



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insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
blurps11 13.04.2014
1.
Selbst mit Geschichtswissen nur aus dem Gymnasium sollte das eigentlich alles andere als überraschend sein.
muellerthomas 13.04.2014
2.
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEWissenschaft oder statistische Spielerei? Forscher der Universität Groningen wollen die größten Wirtschaftsmächte seit dem Jahr Eins ermittelt haben - mit überraschenden Ergebnissen: Als Jesus geboren wurde, schlug das Herz der Weltwirtschaft demnach in Indien. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/datenjournalismus-die-groessten-wirtschaftsnationen-aller-zeiten-a-960937.html
Was ist daran überraschend, zumal diese Daten seit vielen Jahren öffentlich zugänglich sind? Indien und China weisen seit jeher die größte Bevölkerung auf. Die Gesamtzahlen sagen jedoch nichts über das Wohlstandsniveau aus. Pro Kopf gerechnet lag zunächst Italien bzw. das Römische Reich vorne und wurde dann später abgelöst von Gebiet der heutigen Niederlande, die dann abgelöst wurden von Großbritannien.
stephanleonhardt 13.04.2014
3. Etikettierung
Wie ist es möglich, dass die Türkei im Jahr 1 auf Platz 4 und im Jahr 1000 auf Platz 3 der Liste der größten Volkswirtschaften der Welt verzeichnet ist, wenn es zu dieser weder die Türkei noch das Osmanische Reich gab?
ofelas 13.04.2014
4. Man schaue sich Europa im fruehen 17 Jahrhundert an, Paris, London
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEWissenschaft oder statistische Spielerei? Forscher der Universität Groningen wollen die größten Wirtschaftsmächte seit dem Jahr Eins ermittelt haben - mit überraschenden Ergebnissen: Als Jesus geboren wurde, schlug das Herz der Weltwirtschaft demnach in Indien. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/datenjournalismus-die-groessten-wirtschaftsnationen-aller-zeiten-a-960937.html
Erstaunlich nur fuer den Westen - ungern beschreiben wir den Entwicklungsstand anderswo, erstrecht wenn diese weiter waren als wir. Wir glauben gerne seit dem Mittelalter die Welt anzufuehren, dem war nicht so weder wissenschaftlich noch wirtschaftlich. Wir hatten einen Vorteil, die Waffen waren besser und wir waren aggressiver als andere....the rest is history. Indien war selbst nach Britischen Berichten Wirtschaftstechnisch weiter als das Kolonialreich, systematisch wurden Betriebe und Schulen geschlossen, die Rohstoffe nach GB exportiert und die Produktion dann wieder Importiert.
schmusel 13.04.2014
5. Unsinn
---Zitat--- Doch wie aussagekräftig sind Maddisons Daten? Das größte Problem der Statistik: Es gibt keine verlässlichen Datenquellen. ---Zitatende--- Und damit lässt sich diese Arbeit auf ein Wort reduzieren, wenn man gehässig sein will: Unsinn. Auch der Artikel hierzu ist nicht viel besser. Da wird von "Domination der Weltwirtschaft" fabuliert - völliger Unsinn. Vor 300 Jahren gab es noch nicht mal ansatzweise einen weltumspannenden Handel! Wie soll also eine Nation andere wirtschaftlich "dominieren", wenn grosse Teile der Welt von anderen grossen Teilen der Welt noch nicht mal wussten, geschweigedem Produkte von dort kannten? Selbst wenn diese Spielerei auf verlässlichen Daten basieren würde, so müsste für die meiste Zeit die Nationen isoliert betrachtet werden, da sie weder miteinander Handel trieben noch im Wettbewerb standen.
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