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Dauerkrise in Japan: Abstieg einer Super-Wirtschaftsmacht

Von Jan Willmroth

Seit 17 Monaten steckt Japan in der Deflationsfalle - jetzt schnürt die Regierung in Tokio erneut ein Konjunkturpaket. Doch der Abstieg der einstigen Wirtschaftsgroßmacht scheint besiegelt: Die Schuldenlast ist drückend, der große Konkurrent China zieht davon.

Japan: In der Deflationsfalle Fotos
REUTERS

Hamburg - In Finanzfragen haben japanische Ehemänner nicht viel mitzureden. Sie verdienen das Geld und bringen es nach Hause - das behauptet zumindest der japanische Ökonom Richard Koo. Die Kontrolle über das Geld hat die Frau. Und beim Sparen sind japanische Frauen äußerst konservativ.

Kein anderes Volk hat pro Kopf so viel Geld angehäuft wie die Japaner. Rund 1,4 Billiarden Yen (13,2 Billionen Euro) haben sie auf der hohen Kante. Trotzdem hat Japan gigantische Schwierigkeiten: Die Staatsschulden sind die zweithöchsten der Welt, die Gesellschaft altert rasant. Das Land steckt seit Jahren in einer Deflation - also Dümpelwirtschaft mit sinkenden Preisen.

Nun hat die Regierung in Tokio erneut ein Konjunkturpaket beschlossen, es ist das fünfte seit der weltweiten Finanzkrise. Im zweiten Quartal ist die Wirtschaft zwar spürbar gewachsen, doch das liegt vor allem am Basiseffekt: Vor einem Jahr lag die Ökonomie so sehr am Boden, dass es in diesem Jahr fast zwangsweise ein Plus geben musste.

An einem grundsätzlichen Problem ändert all dies nichts: Die Wirtschaft schlingert seit rund zwei Jahrzehnten vor sich hin, die wirklich großen Zeiten hat Japan hinter sich. Zuletzt hat China das Land gar von Platz zwei der größten Wirtschaftsmächte der Welt verdrängt. Da hilft auch der enorme Reichtum der Japaner nichts.

Hohe Staatsausgaben, geringe Arbeitslosigkeit

Ohnehin liegt mehr als die Hälfte der japanischen Ersparnisse unproduktiv auf Konten und in Depots. Die Rendite des Finanzvermögens ist mit zwei Prozent die niedrigste unter den Industrieländern. Das ist kein Zufall. Staatsanleihen sind die beliebteste Anlageform in Japan. Viele Japaner haben aus der großen Krise Ende der achtziger Jahre eines gelernt: Wenn du nicht vorsichtig mit deinem Geld umgehst, ist es ganz schnell weg. Und Staatsanleihen gelten als sicher.

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Japan: Vom Abstieg bedroht
Die Kehrseite der Medaille: Die japanische Regierung hat enorme Schulden aufgetürmt - die Anleihen in den Depots der Bürger sind die Schulden des Staates. Immerhin konnte die Regierung so die Lücke in der Wirtschaftsleistung mit kräftigen Staatsausgaben ausgleichen. Auf diese Weise schaffte es das Land, die Arbeitslosenquote niedrig und das Bruttoinlandsprodukt hoch zu halten. Zu keiner Zeit nach der Krise waren in Japan mehr als 5,6 Prozent der Bürger arbeitslos.

Könnte das Land also als Vorbild für Deutschland dienen? Ist der japanische Weg - staatliche Konjunkturhilfe auf Pump - nachahmenswert?

Ökonom Richard Koo sieht das tatsächlich so: Es sei beeindruckend, dass Japan es trotz der anhaltenden Probleme geschafft habe, zu wachsen - wenn auch nur leicht. Er plädiert dafür, die Konjunkturprogramme noch länger laufen zu lassen.

Gigantisches Schuldenproblem

Andererseits hat das Modell einen Haken: Heute ist Japan - gemessen an der Wirtschaftsleistung - nach Simbabwe das am zweithöchsten verschuldete Land der Welt. Die Bruttoverschuldung beträgt umgerechnet rund 8,5 Billionen Euro - mittlerweile über 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Zum Vergleich: In Deutschland sind es knapp 80 Prozent. Das viele Geld hat sich die Regierung vor allem im Inland geliehen - rund 90 Prozent der Staatsanleihen halten die Japaner selbst, entweder privat oder über die Postsparkasse, die Notenbank oder den staatlichen Pensionsfonds. So hängen Japans Rekordschulden direkt mit den rekordverdächtigen Ersparnissen seiner Bürger und Unternehmen zusammen.

Trotzdem lohnt sich ein Vergleich von Japan und Deutschland, denn beide Länder haben viel gemeinsam. Sie liefern Investitionsgüter in alle Welt, wie keine anderen Staaten sind sie vom Export abhängig. So wie lange Zeit in Japan bleiben die Investitionen in Deutschland hinter der Sparquote zurück. Und Deutschlands Wachstum wird wie in Japan von China getragen, die Abhängigkeit von der Volksrepublik wächst in beiden Ländern. Der Konsum hingegen spielt in Japan wie in Deutschland eine geringe Rolle. Außerdem altert auch Deutschlands Gesellschaft rasant - in Japan ist das Problem nur noch unwesentlich größer (siehe Grafik oben).

"Es gibt eine Reihe von Parallelen zwischen der Lage in Japan und der in Deutschland", sagt Klaus-Jürgen Gern vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. Beide Länder hätten während der Finanzkrise einen starken Konjunktureinbruch erlebt, beide Länder erlebten jetzt einen - im Fall von Japan leichten - Aufschwung, getragen vom Export. Doch Deutschland hat das Glück, Teil des europäischen Binnenmarkts zu sein, Japan steht allein. Die starke Aufwertung des Yen verschärfe die Situation in Japan momentan wieder, sagt Gern. Denn je teurer die eigene Währung, desto schlechter lassen sich heimische Waren im Ausland verkaufen. "Mit der D-Mark hätte Deutschland heute ähnliche Probleme."

In einem Punkt allerdings unterscheiden sich beide Länder deutlich. Japan kämpft seit Anfang der neunziger Jahre mit stetig sinkenden Preisen. Für die Wirtschaft bringt die Deflation gleich zwei Probleme mit sich: Zum einen schwächelt der Konsum - in der Hoffnung auf noch weiter sinkende Preise halten die Bürger ihr Geld zurück. Zum anderen verschärft sich das Schuldenproblem: Denn wenn die Preise fallen, steigt der Wert des Geldes, und damit steigt auch der Wert der Schulden.

Im Juli sanken die Verbraucherpreise den 17. Monat in Folge. Die Notenbank versorgte die Wirtschaft zuletzt im August mit zehn Billionen Yen frischem Geld, um künstlich Inflation zu schaffen - zum wiederholten Mal ohne Erfolg.

"Kollektive Verantwortungslosigkeit"

Viele japanische Probleme sind struktureller Natur. So liefern die Großkonzerne Hochtechnologie in alle Welt, doch im Inland sieht es anders aus. "Bei nicht exportfähigen Produkten ist Japan meilenweit vom Standard anderer Industrienationen entfernt", sagt der Japan-Experte Hanns Günther Hilpert von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Das betreffe Branchen wie die Energieversorgung, den Einzelhandel, den Transport oder das Gesundheitswesen.

Vor allem jedoch altert die Gesellschaft in erschreckendem Tempo. In zehn Jahren, glauben Experten, könnte es in Japan genauso viele Rentner geben wie Arbeitnehmer. "In Deutschland könnten wir das Problem teilweise mit Zuwanderung lösen", sagt Hilpert, "in Japan ist Zuwanderung aber ein Tabuthema."

Natürlich kratzt der Aufstieg Chinas am japanischen Selbstbewusstsein. Aber eine öffentliche Diskussion über die strukturellen Probleme im Land erkenne er nicht, sagt Hilpert. "Die Dramatik des Problems hat die Gesellschaft noch nicht durchdrungen. Es herrscht eine kollektive Verantwortungslosigkeit."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. x
R Panning, 10.09.2010
Zitat von sysopSeit 17 Monaten steckt Japan in der Deflationsfalle. Jetzt schnürt die Regierung in Tokio erneut ein Konjunkturpaket, doch der Abstieg der einstigen Wirtschaftsgroßmacht scheint besiegelt: Die Schuldenlast ist drückend, der große Konkurrent China zieht davon. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,716590,00.html
Wenn Deutschland so weiter macht wie bisher, kann uns das auch blühen. Export top, Binnenmarkt flop. Und ei Leute schnüren den Gürtel enger und sparen und enger und sparen und enger..... Hier bricht ja schon Panik aus, wenn die "Inflation" deutlich über 1% steigt. Man würde sich wahrscheinlich auch noch freuen, wenn die Preise (und Löhne dann noch schneller) sinken würden.
2. Ein kleiner Vorgeschmack
cottoner 10.09.2010
auf das, was auch auf die USA and Europa zukommen wird. Die Musik spielt zukuenftig in den Schwellenlaendern und die alten Wirtschaftsmaechte werden alle Haende damit zu tun haben, ihren Staat/Staaten zusammenzuhalten. Die Werte, die wir heute mit den Exporten in diese Laender schaffen, sollten weise und zukunftsorientiert investiert werden. Wir werden diese dann dringend brauchen.
3. Titel:
hansmaus 10.09.2010
Mal ne blöde Frage zu den Grafiken, warum wird nicht auch ein Strichlein für die EU mit gezogen? Es heißt doch immer das wir alle Europäer sind ;)
4. Titel
mcmercy, 10.09.2010
Also ich seh da kein Problem, der Artikel sagt es doch schon. Japan leiht sich das Geld bei den eigenen Bürgern, also ein Nullsummenspiel, defakto hat Japan als Volkswirtschaft also gar keine Schulden. Dies ist absolut im Gegensatz zum erwähnten Simbabwe, ich schätze mal dort stammt der Großteil des geliehen Geldes, wie auch in Griechenland aus dem Ausland und das will fette Zinsen für die Kohle sehen und blutet damit die Volkswirtschaft weiter aus.
5. Es ist alles ein Schattenspiel - nur der Marionettenmeister sieht die Wirklichkeit
localpatriot 10.09.2010
Zitat von R PanningWenn Deutschland so weiter macht wie bisher, kann uns das auch blühen. Export top, Binnenmarkt flop. Und ei Leute schnüren den Gürtel enger und sparen und enger und sparen und enger..... Hier bricht ja schon Panik aus, wenn die "Inflation" deutlich über 1% steigt. Man würde sich wahrscheinlich auch noch freuen, wenn die Preise (und Löhne dann noch schneller) sinken würden.
Extern gesehen ist Japan die reichste Nation der Welt und wird im Vergleich zu anderen jedes Jahr reicher. Warum glaubt jemand dass der Yen andauernd steigt? Die Antwort ist bestimmt nicht weil die Staatsschulden steigen. Das tun sie wohl, jedoch steigt das externe Japanische Anlagevermoegen im Ausland noch viel schneller: May 25 (Reuters) - Japan's net foreign assets hit a record high of 266.2 trillion yen ($2.958 trillion) at the end of last year, making it the world's top creditor nation for the 19th straight year, the Ministry of Finance said on Tuesday. Zum 19. mal in der Reihe steigt das Japanische Nettonalagevermoegen im Ausland letztes Jahr auf US$ 2,958 Billionen (auf Deutsch). im Jahre 2009 um !8%. China war der naechstgroesste Nettobesitzer im Ausland mit 167,7 Billionen Yen. $1 = 90 Yen zu der Zeit) Also, jede Woche reicher, 19 Jahre lang. Die machen bestimmt was richtig. Quelle:http://www.reuters.com/article/idUSTOE64N07320100524 Bonds
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Fläche: 377.944 km²

Bevölkerung: 127,016 Mio.

Hauptstadt: Tokio

Staatsoberhaupt:
Kaiser Akihito

Regierungschef: Shinzo Abe

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