Weltwirtschaftsforum in Davos Untergangsstimmung vor Alpenkulisse

Beim Weltwirtschaftsforum blicken Top-Manager und Spitzenpolitiker gerne in die Zukunft. Doch in diesem Jahr hält die Gegenwart genug Fragen bereit. Die Terrorangst wird bis in die Alpen zu spüren sein.

Aus Davos berichten und


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Es gibt Fragen, die stellt sich der Durchschnittsbürger eher selten. Etwa: "Was wäre, wenn du im Jahr 2100 noch lebst?" Oder: "Was wäre, wenn Roboter in den Krieg ziehen?" Beides wird auf dem Weltwirtschaftsforum diskutiert, das am Mittwoch wieder im Schweizer Kurort Davos beginnt.

Im Jahr 2016 allerdings ziehen noch deutlich mehr Islamisten als Roboter in den Krieg. Und statt über Unsterblichkeit zu philosophieren, sind Hunderttausende Flüchtlinge schon froh, wenn sie es lebend bis nach Europa schaffen. Laut dem diesjährigen Welt-Risiko-Bericht des Forums gab es noch nie in den vergangenen Jahren eine vergleichbare Bandbreite globaler Probleme. Anstelle der in Davos gerne gepflegten Visionen dürfte deshalb dieses Mal in besonderem Maß die Gegenwart im Fokus stehen:

  • Die Flüchtlingskrise droht nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa zu spalten. Bundespräsident Joachim Gauck hält dazu am Mittwoch die Eröffnungsrede, am Donnerstag diskutiert dann Finanzminister Wolfgang Schäuble mit dem griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras und dem französischen Premierminister Manuel Valls über die Zukunft des Kontinents. Den in Davos versammelten Managern wird übrigens schon seit Jahren eine Simulation angeboten, in der sie selbst in die Rolle eines Flüchtlings schlüpfen können.
  • Die Sorge vor islamistischem Terrorismus ist nach den jüngsten Anschlägen in Paris, Istanbul und Jakarta größer denn je. Gleich am ersten Morgen diskutieren der türkische Außenminister und der indonesische Minister für Sicherheitsfragen über den "Neuen Sicherheitskontext". Die Suche nach Erklärungen für den religiösen Fanatismus spiegelt sich in Veranstaltungen wie "Die Entwicklung des politischen Islam" oder "Den Islam verstehen".
  • Vielerorts kommt es zu Gewalt zwischen Staaten oder Volksgruppen. Die Konflikte in Syrien oder der Ukraine sind längst eskaliert, zwischen Saudi-Arabien und Iran oder der Türkei und Russland drohen Auseinandersetzungen. Und eine Einladung von Nordkorea nach Davos wurde nach dem jüngsten Bombentest zurückgezogen. Immerhin einen Durchbruch konnte die internationale Diplomatie mit der Aufhebung der Sanktionen gegen Iran zuletzt vermelden. Die Annäherung hatte Präsident Hassan Rohani vor zwei Jahren mit einer Rede in Davos eingeläutet. Nun ist er erneut zu Gast und dürfte von den Vertretern zahlreicher Branchen umworben werden, die nach dem Ende der Handelsbeschränkungen auf gute Geschäfte hoffen.
  • Die wirtschaftliche Schwäche großer Schwellenländer wie China und Brasilien belastet die gesamte Weltwirtschaft. Die jüngsten Turbulenzen an chinesischen Börsen haben bei Anlegern in aller Welt Sorgen genährt, das erfolgsverwöhnte Land könne in eine ernsthafte Wirtschaftskrise rutschen.
  • Nach der Einigung auf dem Gipfel von Paris wollen Staaten in aller Welt ambitionierte Schritte zum Klimaschutz umsetzen, der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen gilt nur als eine Frage der Zeit. Der Besuch von Energiebossen wie Bob Dudley (BP), Ben van Beurden (Shell Chart zeigen), Amin H. Nasser (Saudi Aramco) oder Wagit Alekperow (Lukoil Chart zeigen) wird dieses Mal ungewöhnlich für sie sein. Sie alle kommen nach Davos, doch auf einem Podium sitzt diesmal keiner von ihnen. Neben der Klimadebatte dürften sie auch Fragen nach dem Ölpreis scheuen. Dessen Absturz bringt die Branche zunehmend in Bedrängnis, durch die Rückkehr Irans auf den Weltmarkt könnte sich die Lage noch verschärfen.

Wenn es so etwas wie ein Davoser Glaubensbekenntnis gibt, dann die Überzeugung, dass die Globalisierung von Wirtschaft und Politik grundsätzlich segensreich und unausweichlich ist. Doch auf Probleme wie die Flüchtlingskrise oder die Terrorgefahr reagieren derzeit viele Staaten mit Abschottung.

Vor diesem Hintergrund scheinen auch viele Firmenchefs vom Glauben abzufallen - das zeigt die jährliche Umfrage der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) unter Firmenchefs. Demnach erwarten die gut 1400 Bosse in Zukunft mehr Nationalismus und weniger überregionale Bündnisse - ob in ökonomischen oder ethischen Fragen. "Die jüngsten Erfahrungen in der EU tragen zu dieser Meinung sicherlich ebenso bei wie die schwierigen Verhandlungen vieler Handelsabkommen, zu denen auch TTIP gehört", sagt Norbert Winkeljohann, Vorstandssprecher von PwC Deutschland.

In dieser Situation verlassen sich die Bosse auf Bewährtes: Als die größten Wachstumstreiber gelten ihnen wie im Vorjahr die USA. An zweiter Stelle folgt trotz der zunehmenden Probleme erneut China. Und auch der Drittplatzierte ist ein alter Bekannter: Deutschland. Knapp ein Fünftel der Befragten nannte die Bundesrepublik als einen der wichtigsten Wachstumstreiber.

Insgesamt aber lassen sich die Prognosen laut PwC-Chef Winkeljohann klar zusammenfassen. "Es wird kein Erfolgsjahr." Ein Wachstum der Weltwirtschaft erwarten 2016 nur noch 27 Prozent der Top-Manager - das sind ganze zehn Prozentpunkte weniger als im Vorjahr. Die Erwartungen für das eigene Unternehmen fallen zwar besser aus, haben sich aber mit Blick auf die nahe Zukunft ebenfalls eingetrübt.

Sehr zuversichtlich, Wachstum zu erzielen (12 Monate)
Sehr zuversichtlich, Wachstum zu erzielen (36 Monate)
Zunahme des weltweiten Wirtschaftswachstums
Die gewachsene Unsicherheit wird auch in den Alpen zu greifen sein. Zum Weltwirtschaftsforum verwandelt sich Davos ohnehin jedes Jahr zur Festung. Nun aber bestehe erhöhte Terrorgefahr, sagte der zuständige Polizeikommandant Walter Schlegel der "NZZ am Sonntag". Schließlich gibt es wohl keinen anderen Ort auf der Welt, wo sich auf einmal so viele Prominente aus Politik und Wirtschaft versammeln. "Wir überwachen die Zufahrtswege nach Davos noch schärfer", kündigte Schlegel an. Für die Suche nach Sprengstoff würden vermehrt Spürhunde eingesetzt.

Insgesamt werden beim Weltwirtschaftsforum diesmal also viele eher unentspannt auf das Hier und Jetzt schauen. Doch Davos wäre nicht Davos, wenn es nicht auch hierfür Abhilfe gäbe. Der US-Professor Jon Kabat-Zinn, Entwickler des Stressreduzierungsprogramms MBSR, bietet Forumsteilnehmern jeden Morgen eine halbstündige Achtsamkeitsmeditation an.

Zusammengefasst: Das Weltwirtschaftsforum in Davos ist in diesem Jahr von besonders vielen globalen Problemen geprägt. Sie reichen von der Flüchtlingskrise über die Serie islamistischer Anschläge bis zur Gefahr eines neuen Börsenbebens. Ein Wachstum der Weltwirtschaft erwartet vor diesem Hintergrund nur eine Minderheit der Top-Manager.

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insgesamt 52 Beiträge
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Seite 1
spmc-135322777912941 19.01.2016
1. Alles schon dagewesen
Meine erste Teilnahme am WWF in Davos resultierte aus der Angst der Amis nach dem ersten Irakkrieg zu fliegen.
Nordbayer 19.01.2016
2. Wieviel wird diese ...
... Shoppingveranstaltung für die Damen der versammelten korrupten Kapitalisten dem Schweizer Steuerzahler kosten? Was könnte man damit auf der Welt alles gutes tun?
nofreemen 19.01.2016
3. Club der Troublemaker?
Die Agression des Westens auf die übrige Welt sollte nicht vergessen werden. Der Westen ist zwar wirtschaftlich am stärksten aber die Mehrheit der Weltbevölkerung sollte trotzdem in die Entscheidungen mit eingebunden werden ohne missioniert zu werden. Nur als Beobachter oder Entertainer zu agieren ist nicht genug. Die Kriege auf der Welt kommen alle vom Westen und klar, man profitiert wirtschaftlich sehr davon. Trotzdem auch die Dritte Welt sollte teilhaben am Wohlstand ohne hungern zu müssen. Davon ist man in Davos so weit entfernt wie noch nie. Die schlagen sich die Bäuche voll währendessen Bulldozer die Flüchtlingscamps räumen. Mahlzeit.
thinking_about 19.01.2016
4. Erkenntnisse
Davos: Umfragen zufolge geben Spitzenmanager der Globalisierung keine Chance mehr und rechnen mit verstärkter Renationalisierung im wirtschaftlichen und politischen Bereich. An ein weltweites Wertesystem und eine gemeinsame Rechtsordnung glauben nur noch rund 15 %. vor 15 Min (19:30) - Echtzeitnachricht
zynik 19.01.2016
5.
Ob sich die "Top-Manager" dieses mal die Zusammenhänge erschließen oder wird man das übliche neoliberale Programm gnadenlos weiter durchdrücken?
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