Konjunktur in Deutschland Zurück in die Normalität

Der Dax im Abwärtsgang, Auftragsflaute, sinkende Produktion - die Anzeichen mehren sich, dass der Aufschwung in Deutschland ins Stocken gerät. Was bleibt noch vom Boom?

Stahlwerk der Georgsmarienhütte: Es brummt nicht mehr, aber es läuft
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Stahlwerk der Georgsmarienhütte: Es brummt nicht mehr, aber es läuft

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Berlin - Irgendwann würde die Party zu Ende sein, darüber waren sich Börsenbeobachter seit Langem im Klaren. Am Freitag wurde - um im Bild zu bleiben - die erste Bluesplatte aufgelegt, die das Finale einläuten könnte: Der Dax rutschte erstmals seit Mitte März wieder unter die Marke von 9000 Punkten. Schnäppchenjäger trieben die Kurse im Verlauf des Tages zwar wieder leicht nach oben, doch am mittelfristigen Trend dürfte dies wenig ändern: Die Zeiten ungestümen Wachstums dürften erst einmal vorbei sein.

Dabei ist es nur wenige Wochen her, dass Deutschland nahezu unverwundbar zu sein schien. Im Sieg der Nationalmannschaft sahen nicht nur die Fußballfans hierzulande einen Beleg dafür, dass alles gelingt, wenn man nur hart genug daran arbeitet. Autoindustrie und Maschinenbauer glänzten mit Exporterfolgen, Arbeitgeber suchten händeringend nach Arbeitskräften. Der Dax erreichte mehr als 10.000 Punkte - ein Rekord. Der Schwung des ersten Halbjahres, so die allgemeine Auffassung, würde sich bestimmt aufrechterhalten lassen - trotz aller Widrigkeiten.

Doch mit dem Abebben der Euphorie drängen plötzlich die Warnsignale in den Vordergrund. Die Bürgerkriege in Syrien und im Irak sowie der Gaza-Konflikt sorgen ebenso für Verunsicherung wie die blutigen Fehden mit Separatisten in der Ukraine und dem Konflikt mit Russland. Die europäischen Partnerländer kämpfen um längst überfällige Reformen, und die Verhandlungen über das Freihandelsabkommen mit den USA sind durch die NSA-Affäre noch schwieriger geworden, als sie ohnehin schon waren.

Wirtschaft schrumpft im zweiten Quartal

Die Bilanzabteilungen in den Unternehmen und die Experten des Statistischen Bundesamts können in Zahlen fassen, was die Finanzmärkte längst ahnen: Im zweiten Quartal ist die Wirtschaftsleistung in Deutschland erstmals seit Langem wieder geschrumpft: Die Bestellungen sind deutlich um 3,2 Prozent zurückgegangen, die Industrieproduktion sank um 1,5 Prozent, die Bauleistung gar um 5,8 Prozent. Nach Überzeugung von Commerzbank-Analyst Marco Wagner werden sich im dritten Quartal allenfalls die Werte ändern, das Minus davor jedoch wird jeweils bestehen bleiben, wie er dem "Handelsblatt" sagte. Auch EZB-Präsident Mario Draghi schwor die Öffentlichkeit am Donnerstag zumindest indirekt auf schlechtere Zeiten ein.

Die Entwicklung könnte sich leicht verschärfen, wenn der Streit mit Russland anhält. In solchen Zeiten fallen Entscheidungen für Investitionen erfahrungsgemäß besonders schwer. Einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) zufolge haben die Kleinbetriebe schon reagiert und Neuanschaffungen zurückgestellt. Auch die Bereitschaft, die Belegschaft aufzustocken, ging spürbar zurück, was der Verband allerdings zum Gutteil auf die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns und die Rente mit 63 zurückführt.

Für übertriebenen Pessimismus sieht Ferdinand Fichtner, Konjunkturchef am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), trotz der vielen alarmierenden Indizien dennoch keinen Anlass. Denn nicht nur im Vergleich zu den Partnerstaaten in Europa steht die deutsche Wirtschaft nach wie vor glänzend da. Auf das Jahr gesehen werde die Wirtschaft zwar nicht wie prognostiziert um 1,9 bis 2,0 Prozent wachsen, schätzt Fichtner. Doch mit 1,7 Prozent könne man ebenso zufrieden sein. "Es brummt nicht mehr - aber es läuft weiterhin ordentlich."

Experten beschwichtigen

Seinen Optimismus leitet der Experte aus Kennzahlen ab, die zumindest derzeit noch ein anderes Bild vom Zustand der Wirtschaft zeichnen: die Liquidität der Unternehmen zum Beispiel, die Steuereinnahmen, das Konsumklima oder die Beschäftigung. Tatsächlich ging die Arbeitslosigkeit bis Ende Juli saisonbereinigt noch einmal um 57.000 zurück, in Deutschland haben so viele Menschen einen Job wie nie zuvor. Und weil sie für ihr Geld derzeit kaum Zinsen bekommen, geben sie es aus. "Die Binnennachfrage dürfte einen Teil des Rückgangs im Außenhandel kompensieren", sagt Fichtner.

Auch aus Sicht von Roland Döhrn vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung ist keineswegs alles so düster, wie es auf den ersten Blick aussieht. Vielmehr spreche dafür, dass der Ernst der Situation jetzt ebenso überzeichnet werde wie die rosigen Zukunftsaussichten im Überschwang zuvor. "Der Rückgang von Auftragseingängen und Industrieproduktion erscheint nur deshalb so dramatisch, weil der milde Winter das Wirtschaftsleben viel weniger gebremst hat als im Normalfall", erklärt der Konjunkturexperte. Wenn man die Sonderfaktoren herausrechne, falle der Rückgang schon weniger dramatisch aus.

Die Auswirkungen der Handelssanktionen gegenüber Russland halten sich Döhrns Einschätzung nach in einem überschaubaren Rahmen. Zumal die Energiepreise trotz der Krise stabil geblieben seien.

Sowohl Fichtner als auch Döhrn setzen allerdings voraus, dass die Krise nicht zu einer neuen Eiszeit zwischen Ost und West führt. "Das wären dann ganz neue Umstände, die das Weltwirtschaftsgefüge so verändern würden, dass die Folgen nicht absehbar sind", sagt Döhrn.

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aurelius.stahl 08.08.2014
1. Moment mal!
Ungestümes Wachstum? Habe ich da etwas verpasst. Und die Börsen wurden ausschließlich vom billigen Geld und mangelnder Anlagemöglichkeiten getrieben. Das hatte mit der realen Wirtschaft gar nichts zu tun. Das Geld ist immer noch billig und neue Anlagemöglichkeiten gibt es auch nicht. Ebenso wie sich die Fundamentaldaten kaum verändert haben. Es will nur keiner der Letzte sein der bemerkt das die Party an der Börse zu Ende ist. Und daraus irgendetwas für die Realwirtschaft abzuleiten ist schlicht Unsinn.
einwerfer 08.08.2014
2. Boom ?
Laut Statista hatten wir (BRD) 2012 bzw 2013 ein Wachstum des BIP von 0,7 % bzw. 0,4 %. Und das ist jetzt Boom ???
benechmeyer 08.08.2014
3. .... was bleibt vom Boom?
Eine große Anzahl an nicht zu bezahlenden Wohnungen, ob Miete oder Kauf spielt keine Rolle.
Pfaffenwinkel 08.08.2014
4. Die Normalität
ist mir jedenfalls lieber als diese aufgeblasenen Höhenflüge, an denen nur einige wenige verdienen.
PeterPan95 08.08.2014
5. Amüsant
Mal heißt es, Die Börse ignoriere die Realität und machen nur Spekulationen. Dann soll die Börse auf einmal der Realität folgen. Ein andermal soll die Börse der Realität voraus sein. Und dann wieder soll die Börse Realitäten machen, indem sie bspw. Übernahmen und Crashs ermöglicht oder verhindert. Also irgendwie habe ich das Gefühl, man interpretiert da immer genau das rein, was man gerade haben möchte. Und das ist immer eine Frage des Standpunktes: Im Falle des Spiegel ist es eben die Nutzung der Entwicklung als Aufhänger für tiefgreifende "Analysen" und die Generierung möglichst vieler Artikel.
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