Debatte über Jobs für Alte Warum die Rente mit 67 kommen muss

Gewerkschaften und Linke machen mobil gegen die Rente mit 67 - doch es wäre eine Katastrophe, die Reform zurückzudrehen. Denn ältere Menschen sind durchaus noch leistungsfähig. Und viele sind auch leistungswillig.

Von Wolfgang Kaden

Rentner: Haben Siebzigjährige noch die Kraft, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen?
dapd

Rentner: Haben Siebzigjährige noch die Kraft, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen?


Ja, wir wissen es. Die Gewerkschaften haben es in diesen Zeiten der Bindungslosigkeit und Politikverdrossenheit nicht leicht. Mit gespenstischer Regelmäßigkeit schrumpfen seit Jahren ihre Mitgliederzahlen. Die Werktätigen zweifeln zunehmend, ob es wirklich Sinn macht, jeden Monat ein Prozent ihres Salärs auf die Konten der Arbeitnehmerlobby zu überweisen.

Da ist es durchaus nachvollziehbar, dass die Gewerkschaftsoberen nach Themen suchen, mit denen sie - abseits vom üblichen Tarifritual - zugkräftige Kampagnen inszenieren und die Arbeitnehmer von ihrer Existenzberechtigung überzeugen können. Aber muss wirklich die Rente mit 67 missbraucht werden, um die Gefolgschaft aufzumischen? Muss es Realitätsverleugnung in so krasser Form sein?

Die Gewerkschaften - wie auch die Sozialdemokraten - bestätigen erneut, dass sie zu den Strukturkonservativen im Lande gehören. Zu jenen, die gravierende gesellschaftliche Veränderungen nicht wahrnehmen; die sich im lauschigen Ambiente der Vergangenheit einmauern wollen.

Es geht um mehr als um schlichte Rentenarithmetik

Für die längere Lebensarbeitszeit spricht ja nicht nur, wie bekannt, die demografische Entwicklung, das Altern der Gesellschaft: Einerseits schrumpft die Zahl der Beitragszahler, andererseits leben die Rentner immer länger. Da gibt es nur drei Möglichkeiten: höhere Beiträge (wie jetzt selbst DGB-Chef Sommer zugeben musste), niedrigere Renten - oder eben eine längere Lebensarbeitszeit. SPD und CDU/CSU haben in der Großen Koalition klugerweise Letzteres zum Gesetz gemacht. Dass die Sozialdemokraten sich in der Opposition wieder aus dieser Gemeinsamkeit verabschiedet haben, ist ein schlimmer Fall politischer Verwahrlosung.

Aber es geht beim späteren Ruhestand um mehr als um schlichte Rentenarithmetik. Es geht darum, dass die in den vergangenen Jahrzehnten unaufhaltsam gestiegene Lebenszeit und die gravierende Änderung der Lebensumstände in der Arbeitswelt gebührend berücksichtigt werden.

Anders als vor hundert oder vor fünfzig Jahren sind viele Menschen heute mit 60, 65 oder 70 Lebensjahren längst nicht vom Arbeitsleben so ausgelaugt, dass sie sich spätestens mit 65 in den Ruhestand verabschieden müssen. Das Fallbeil der Altersgrenze zwingt viele durchaus Leistungsfähige - und auch Leistungswillige - zum Rückzug aus der Arbeitswelt.

Wer vor 50 Jahren aufs Altenteil wechselte, der hatte im Schnitt noch zehn Jahre vor sich, in denen er von der Rente leben konnte. Heute liegt die Lebenserwartung der Neurentner bei 18 Jahren. Und bis 2029, wenn die Rente mit 67 voll wirksam sein wird, werden noch einmal knapp drei Jahre zusätzlicher durchschnittlicher Lebenserwartung dazu gekommen sein. " Die Alten sind fit wie nie zuvor", sagt CDU-Arbeitsministerin Ursula von der Leyen. Und wer sich vorurteilslos umsieht - in der Verwandtschaft, im Stadtteil, im Sportverein - der kann das Urteil der Christdemokratin nur bestätigen.

Die Rente mit 65 ist kein Naturgesetz

Die Verlängerung der Lebenszeit in den Industrieländern ist eine der eindrucksvollsten Umwälzungen der Neuzeit. Auch was das Tempo dieser Veränderung anbelangt: Als die staatliche Rente vor 120 Jahren im Kaiserreich eingeführt wurde, lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei 43 Jahren, nur wenige erreichten überhaupt das Rentenalter.

Vieles hat seitdem zu einer stillen Revolution beigetragen: der medizinische Fortschritt, die bessere Ernährung, die allumfassende Hygiene - und vor allem eine Arbeitswelt, in der schwere körperliche Tätigkeiten immer seltener geworden sind. Zu Recht konstatiert der Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel in seinem Buch "Wohlstand ohne Wachstum", "dass Sechzigjährige heute so leistungsfähig sind wie Fünfzigjährige vor wenigen Jahrzehnten und selbst Siebzigjährige durchaus noch die Kraft haben, selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen".

Die Rente mit 65 ist daher kein Naturgesetz. Und die mit 67 kein Verstoß gegen die Menschenrechte. Das belegen nicht zuletzt Länder, in denen deutlich länger gearbeitet wird, Japan beispielsweise, wo es erst ab 68 Ruhegeld gibt, Südkorea (70) oder Island (67).

Wer hierzulande an der über hundert Jahre alten Grenze festhält, missachtet die Veränderung der Lebensumstände: Er macht Menschen künstlich älter und drängt sie nicht selten gewaltsam aus dem Arbeitsleben hinaus.

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Seite 1
klowasser 02.12.2010
1. gegen titelzwang!
Zitat von sysopGewerkschaften und Linke machen mobil gegen*die Rente mit 67 - doch es wäre eine Katastrophe, die Reform zurückzudrehen. Denn ältere*Menschen sind durchaus*noch leistungsfähig. Und*viele sind auch leistungswillig. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,731342,00.html
Sinnvoll ist eine Erhöhung des Rentenalters durchaus - und das sage ich als "Linker". Jedoch nicht branchenübergreifend. Vielleicht sollte man bei z.B. Bürojobs auf 67 hochgehen, während bei intensiveren Jobs, wie der Krankenpflege etc. man durchaus die Rente mit 65 behalten kann.
johndo89 02.12.2010
2. Blödsinn
" Wenn die Altersgrenze erst mal bei 67 liegt, steigen auch die Beschäftigungschancen für Ältere." tolles Argument, warum dann nicht gleich, die Rente mit 80?
keinzeitungsleser 02.12.2010
3. Balanceakt zwischen Anforderung und Zwangsarbeit
Zitat von sysopGewerkschaften und Linke machen mobil gegen*die Rente mit 67 - doch es wäre eine Katastrophe, die Reform zurückzudrehen. Denn ältere*Menschen sind durchaus*noch leistungsfähig. Und*viele sind auch leistungswillig. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,731342,00.html
Ja wenn die Arbeitgeber denn mal ältere Semester beschäftigen würden, macht es vielleicht sogar Sinn. Konsequent gedacht sollte man aber die Alten erst zur Arbeit herannziehen, wenn das "junge Potential ausgeschöpft ist". Wenn das mal der Fall sein sollte (glaub ich nicht), stellt sich die Frage: Ob sich das per Gesetz regeln lässt? Ist doch Konjunkturabhängig. Ja, ich weiß, hier gehts um die Versicherungskohle - ist schon wieder ein Extra-Thema.
annemv 02.12.2010
4. NikT
Zitat von sysopGewerkschaften und Linke machen mobil gegen*die Rente mit 67 - doch es wäre eine Katastrophe, die Reform zurückzudrehen. Denn ältere*Menschen sind durchaus*noch leistungsfähig. Und*viele sind auch leistungswillig. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,731342,00.html
Was genau ist denn nun euer Problem lieber SPON? Auf der einen Seite hindert heute niemand Rentner daran leistungsfähig und -willig zu sein. Im Gegensatz dazu will man Ältere aber jetzt zwingen bis zum Umfallen zu arbeiten bzw. erreicht durch den verspäteten Renteneintritt defacto eine Rentenkürzung. Das ist ja wohl die von euch gemeinte Katastrophe, oder?
Parteilos, 02.12.2010
5. Das ist doch nicht das Thema,
dass einer arbeitet,solange er kann und gebraucht wird! Aber das die Rente mit 67 gesetzlich für alle Pflicht ist, halte ich für nicht sozial.
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