G-8-Gipfel in Camp David: Abstiegskandidaten ringen um Wachstum

Aus Camp David berichtet Michael Sauga

Konsenssuche zwischen Mückenschwärmen: Im amerikanischen Camp David suchen die Regierungschefs der G-8-Staaten nach einer gemeinsamen Position in der Wirtschaftspolitik. Doch die Zeiten, in denen Europa und die USA die Welt retten konnten, sind längst vorbei.

Es hatte etwas von Abenteuerurlaub, als die Regierungschefs der acht größten Industrienationen (G8) am Freitag zu ihrem jährlichen Gipfel zusammenkamen - diesmal in Camp David, der Ferienresidenz des US-Präsidenten. Eingeflogen wurden die Spitzenpolitiker mit gepanzerten Militärhubschraubern des Marinecorps, ihre Chefberater mussten die Nacht in einfachen Zweibett-Kabinen verbringen. Und um mit der gefürchteten Mückenplage auf dem Gelände fertig zu werden, hatten sich die Delegationsleiter mit großen Vorräten an Insektenspray eingedeckt.

Das rustikale Ambiente, so wollte es der amerikanische Präsident Barack Obama, sollte zu einem möglichst lockeren und ungezwungenen Gedankenaustausch beitragen. In Wahrheit jedoch geht es beim laufenden G-8-Gipfel darum, ausgiebig aneinander vorbeizureden - wie so häufig bei solchen Veranstaltungen. Wenn die Regierungschefs am Samstagabend ihr Abschlusskommuniqué veröffentlichen, wird darin viel von "Wachstum" und "Stabilität" zu lesen sein. Doch was als Manifest der Einigkeit daherkommt, ist in Wahrheit der Versuch, mit denselben Worten ganz unterschiedliche Dinge zu sagen.

In Camp David wird einmal evangelisch, einmal katholisch gepredigt

US-Präsident Obama versteht unter Wachstum Konjunkturprogramme, und wirtschaftliche Stabilität besteht für ihn vor allem in stabil sinkenden Arbeitslosenzahlen. Für Kanzlerin Angela Merkel dagegen sind dieselben Begriffe gleichbedeutend mit Strukturreformen und gesunden Staatsfinanzen. Es klingt wie dasselbe Evangelium, aber wer genauer hinhört, stellt fest, dass in Camp David einmal protestantisch und einmal katholisch gepredigt wird.

Seit die Welt vor drei Jahren in die schlimmste Finanzkrise der Nachkriegszeit stürzte, werden nahezu alle Gipfeltreffen der westlichen Welt vom selben deutsch-amerikanischen Schisma überschattet. Washington bezichtigt die Europäer, mit überzogenen Sparaktionen das Wachstum abzuwürgen. Berlin wirft den USA vor, mit ungebremster Schuldenmacherei die nächste Finanzkrise zu riskieren. Der Streit tobt seit langem, eine Entscheidung ist nicht in Sicht, doch rechtzeitig zum G-8-Gipfel erhielten die US-Vertreter neues Futter für ihre Position.

Seitdem in Athen reformkritische Parteien im Aufwind sind und sich in Spanien die Bankenmisere verschärft, hat die Euro-Krise eine neue Eskalationsstufe erreicht. Noch vor wenigen Wochen schien es, als sei das Schlimmste überstanden, doch nun malen die Experten wieder jenes Schreckensszenario an die Wand, das sie seit langem umtreibt: eine ungeordnete Staatspleite Griechenlands, die auf andere südeuropäische Schuldenländer übergreift. Zwar beteuerten die Krisenbekämpfer aus Berlin, Paris, London und Rom in einer Telefonkonferenz unmittelbar vor dem G-8-Gipfel, sie wollten Athen im Euro halten. Doch zugleich ließen sie wissen, dass an den Reform- und Sparvorgaben für das Land nicht gerüttelt werden könne.

Mit anderen Worten: die Griechen sollen bei den anstehenden Parlamentswahlen im Juni indirekt auch darüber abstimmen, ob sie im Euro bleiben oder nicht. Wenn sie erneut keine klare Mehrheit für das Spar- und Reformpaket ins Parlament wählen, so die unausgesprochene Drohung, dann rücke die Rückkehr zur Drachme deutlich näher.Kein Wunder, dass der Rest der Welt allmählich die Geduld verliert mit dem alten Kontinent: Die Europäer müssten mehr Geld in die Hand nehmen, um ihre schwächeren Mitgliedstaaten zu stützen, verlangte Kanadas Finanzminister Jim Flaherty. Andernfalls sollten sie sich "von der Euro-Zone abwenden" und sagen, "das war ein Experiment, das nicht funktioniert hat".

Angesichts der zugespitzten Lage in Europa wirken die USA wie eine Insel der Solidität; doch der Schein trügt. Wollen die Vereinigten Staaten ihr ausuferndes Staatsdefizit abbauen, müssen sie nach den Präsidentenwahlen im Herbst jährlich dreistellige Milliardenbeträge einsparen. Derzeit schaffen es Republikaner und Demokraten nicht einmal, sich auf einen Bruchteil dieser Summe zu verständigen.

Entsprechend froh sind die westlichen Vormächte aus Europa und Amerika, sobald sie in Camp David auch über andere Themen reden dürfen als über Wachstum und Finanzen. Bei ihrem Abendessen am Freitag berieten die G-8-Chefs über die Konflikte in Syrien und im Iran. Am Samstag wollen sie für das traditionelle Gipfelfoto posieren und sich mit den Staatsschefs von Äthiopien, Tansania, Benin und Ghana treffen. Ein Termin, mit dem Obama nicht zuletzt seine Kernwählerschaft erfreuen will: die afroamerikanische Mittelschicht aus den US-amerikanischen Großstädten.

Einst waren die Weltwirtschaftsgipfel weltbewegende Ereignisse, auf denen die mächtigsten Staatenlenker der Erde die großen Fragen ihrer Zeit berieten. Heute sind die Zusammenkünfte eine Mischung aus Wahlkampfshow und Pflichtübung, die nicht wenige Teilnehmer als lästig empfinden. Wer keine Lust hat, bleibt lieber zu Hause wie Russlands Präsident Wladimir Putin, der stattdessen seinen Mitarbeiter Dmitrij Medwedew nach Camp David entsandte.

Der Westen muss sich erst einmal selbst retten

Aus dem G-8-Club der Reichen und Mächtigen ist ohnehin ein Verein von Abstiegskandidaten geworden. Der Gang der globalen Konjunktur wird längst in China bestimmt, die politische Agenda diktieren die internationalen Finanzmärkte. Die westlichen Industrienationen, die einst den Anspruch erhoben, die Probleme der ganzen Welt lösen zu können, erweisen sich heute selbst als Problemfall. In Japan stagniert die Wirtschaft seit zwei Jahrzehnten, die Supermacht USA hat sich zur Supermacht der Schulden entwickelt, und Europas Währung droht an der politischen Kultur Griechenlands zu zerbrechen. Eines Staates, swe nicht einmal zwei Prozent der Wirtschaftsleistung auf dem Kontinent ausmacht. Die Retter der Weltwirtschaft müssen sich erst einmal selbst retten.

Der Graben zwischen den Positionen Deutschlands und Amerikas ist tief, doch ist die Kanzlerin inzwischen wenigstens bemüht, ihre Position gefälliger zu formulieren. Wachstum sei wichtig, sagt Merkel, doch Wachstum müsse auch "bei den Menschen ankommen".

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insgesamt 45 Beiträge
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1. Bitte keine Ratschläge!
Siloy 19.05.2012
In Europa hat niemand mehr das Geld für Konjunkturprogramme. Die letzten ihrer Art haben die Folgen der Finanzkrise abgebremst. Sie waren allesamt schuldenfinanziert und haben die Staatsverschuldung weit nach oben getrieben. Und was reden da Amerikaner und auch Briten ständig von mehr Anstregungen anderer? Die Finanzkrise wurde in ihren Ländern ausgebrütet, die Folgen tragen alle. Bei den Hilfen für schwächere Länder halten sie sich auffällig zurück, geben dafür aber umso dreister Ratschläge, die sie selber nicht befolgen (würden). Solange die Amerikaner nichts mehr zum IWF beisteuern, die Briten nur wenig und für Griechenland & Co. (außer Irland) gar nichts leisten und solange Virginia nicht für die Haushaltsprobleme Kaliforniens geradesteht: Bitte keine Ratschäge!
2. Was so alles passieren kann. Man glaubt es nicht.
albert schulz 19.05.2012
Zitat von sysopKonsenssuche zwischen Mückenschwärmen: Im amerikanischen Camp David suchen die Regierungschefs der G-8-Staaten nach einer gemeinsamen Position in der Wirtschaftspolitik. Doch die Zeiten, in denen Europa und die USA gemeinsam die Welt retten konnten, sind längst vorbei. Debatte über Konjunkturprogramme auf G-8-Gipfel in Camp David - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,833923,00.html)
Nett geschrieben, Information gleich Null. Und in China wird gar nichts bestimmt.
3. Schneller
whitemouse 19.05.2012
Zitat von sysopKonsenssuche zwischen Mückenschwärmen: Im amerikanischen Camp David suchen die Regierungschefs der G-8-Staaten nach einer gemeinsamen Position in der Wirtschaftspolitik. Doch die Zeiten, in denen Europa und die USA gemeinsam die Welt retten konnten, sind längst vorbei. Debatte über Konjunkturprogramme auf G-8-Gipfel in Camp David - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,833923,00.html)
Die USA stützen ihre Bedeutung inzwischen ausschließlich auf ihre militärische Macht. Wirtschaftlich sind sie doch nur noch ein Witz. In Europa ist die ökonomische Potenz sehr unterschiedlich gestreut, und das ist ja auch der Grund für den Mißerfolg des Euro. Eine Währungsunion kann ohne Wirtschafts- und Sozialunion nicht funktionieren; für die Herstellung einer Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion sind die Unterschiede aber viel zu groß und es fehlt dazu auch der Wille. Letztlich ist der Euro nur als gemeinsame Außenhandelswährung zu gebrauchen; die natiuonalen Währungen müssen wiederkommen. Je schneller das geschieht, um so geringer wird der Schaden sein.
4. Paragraph 1:
coyote38 19.05.2012
Jeder macht SEINS. Die Amerikaner dürfen GERNE noch mehr Schulden machen und weiterhin von "Verantwortung" und "Opfern" faseln. Monsieur Hollande darf die französische Staatswirtschaft GERNE noch mehr ausweiten und sich einbilden, dass "La Grande Nation" eine "Weltmacht" und er der Revolutionserbe Napoleons unter dem Banner von "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" ist. Unsere hellenischen "Demokratieerfinder" dürfen GERNE in ihrem aufgeblähten, ineffizienten und völlig überschuldeten Staatsmoloch sitzenbleiben, rumnöhlen, dass ihnen niemand hilft und alle gemein zu ihnen sind, noch mehr Beamte einstellen und von der Eroberung Trojas oder der Wiedererrichtung des Delisch-Attischen Seebundes träumen. ABER es soll sich doch bitte NIEMAND anmaßen, UNS zu erzählen, wofür wir UNSER Geld auszugeben haben, das sich aufgrund der harten Arbeit fleissiger Menschen und der ach so ausgiebig belächelten preußisch-deutschen Tugenden in diesem Land wiederfindet. Wie wäre es, wenn ihr Siegermacht- und Opfer-Apostel AUCH MAL unbequeme Entscheidungen trefft und DURCHSETZT, anstatt nur darüber zu reden und Euch im Zweifelsfall darauf zu verlassen, dass man am Ende ja Deutschland die Schuld für alles zuschieben kann ...? Es würde dem Planeten - und vor allem den MENSCHEN auf dem Planeten - insgesamt deutlich besser gehen.
5. Camp David G-8 !
paoloDeG 19.05.2012
Die Zeit, in denen Europa und die USA die Welt retten können, ist noch nicht ganz vorbei! Zwischen Liberalismus und Anarchie es gibt kein LIMES und das "muss geändert werden"! Die G-8- Staaten sollen zusammenarbeiten um die nationale und internationale organisierte Kriminalität, Terrorismus und seine Netzwerke organisierter Kriminalität, die nationale und internationale Korruption mitsamt die Finanzkriminalität erfolgreich zu bekämpfen! Seit der Globalisierung die Acse des Bösen verbucht besonders in der Euro-Zone grosse Erfolge und ist die HauptUrsache der Krisen! Bis Heute ist nichts getan worden um diese Gefahr zu vernichten und um tausenden Milliarden Euro wiederbekommen! Um das durchzusetzen, die EU bracht EU-FBI, EU-CIA und ich als EU-President, anstatt die EU-Kommission und EU-Parlament die gescheitert sind! Man will es immer noch nicht wahrhaben, dass dies eine Realiät ist! 'Rette Sich Wer Kann' !
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