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Debatte über Strauss-Kahn-Nachfolger: Wer könnte neuer IWF-Chef werden?

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Die Vorwürfe gegen Dominique Strauss-Kahn bescheren dem IWF eine Führungskrise: Boom-Staaten wie Indien melden Ansprüche auf den Chefposten beim Währungsfonds an - doch die Europäer beharren auf dem alten Machtgefüge. Auch zwei Deutsche werden als Kandidaten gehandelt.

Nachfolgedebatte: Kandidaten für IWF-Chefposten Fotos
AP

Hamburg - Die Machtverteilung spiegelt noch die alte Weltordnung wider: Unter den 24 Direktoren des Internationalen Währungsfonds (IWF) sind neun Europäer, die Stimme des US-Amerikaners zählt vierfach. Der Brasilianer vertritt gleich neun Länder, seine Gruppe hat gerade einmal ein Stimmgewicht von 2,4 Prozent.

An der Spitze des IWF, der Zentrale des Weltfinanzsystems, steht ein Europäer. So war es jahrzehntelang. Der Deal war, dass die Amerikaner den Stellvertreter stellen - und außerdem den Chefposten bei der Weltbank besetzen. Doch nun könnte die alte Ordnung aus den Fugen geraten.

Der IWF verwaltet rund 900 Milliarden Dollar, er ist so etwas wie die globale Finanzfeuerwehr. Hat ein Land Probleme, seine Schulden zu bedienen, springt der IWF ein - die Organisation verlangt für ihre Hilfe aber auch Gegenleistungen, etwa einen strikten Sparkurs, wie ihn Griechenland jetzt eingeschlagen hat.

Fotostrecke

3  Bilder
Der IWF: Struktur des Währungsfonds
Die Ermittlungen gegen IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn bringen die Organisation in eine unangenehme Situation. Die Suche nach einem Nachfolger wird schneller als geplant ablaufen müssen - und Schwellenländer wie Brasilien, Indien und China dürften auf einen wachsenden Einfluss drängen.

Wer könnte also neuer Chef des Währungsfonds werden?

Klar ist: Derzeit kann über einen möglichen Nachfolger nur spekuliert werden. Bei dem Treffen der Euro-Finanzminister wird Strauss-Kahn jedenfalls von der IWF-Vizedirektorin Nemat Shafik vertreten. Die EU bemühte sich am Montag, seinen Ausfall herunterzuspielen: "Die Kontinuität beim Internationalen Währungsfonds ist gesichert", sagte ein Sprecher von EU-Währungskommissar Olli Rehn. Daran gebe es "keinen Zweifel", die Ermittlungen in den USA hätten keinen Einfluss auf die Hilfsprogramme für Portugal, Irland und Griechenland.

Doch wie geht es weiter? Angesichts einer möglichen Kandidatur Strauss-Kahns für die französische Präsidentschaft wird schon länger über mögliche Nachfolger beim IWF spekuliert. Als aussichtsreiche Kandidatin wird immer wieder die französische Finanzministerin Christine Lagarde genannt (siehe Fotostrecke). Doch gegen sie läuft gerade ein Verfahren - wegen angeblichen Amtsmissbrauchs im Zusammenhang mit dem Tycoon Bernard Tapie.

Wahl ist politisches Gemauschel

Ein weiteres Hindernis: Drei der letzten fünf IWF-Direktoren kamen aus Frankreich. Allein aus Proporzgründen könnte dies gegen Lagarde sprechen. Auch der deutsche Ex-Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) wird als Kandidat gehandelt.

Dabei gibt es selbst von Europäern Hinweise, dieses Machtgefüge aufzuweichen: So ließ etwa der britische Premierminister David Cameron verlauten, die Zeit für einen Nicht-Europäer an der Spitze des IWF sei gekommen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hingegen sprach sich am Montag für einen Europäer als IWF-Chef aus, sollte ein Führungswechsel notwendig werden. "Wir wissen, dass auf mittlere Zeiträume sicherlich die Schwellenländer auch Anspruch haben sowohl auf den Posten des IWF-Chefs als auch auf den Posten des Weltbank-Chefs", sagte Merkel in Berlin. "Ich glaube allerdings, dass es in der jetzigen Phase gute Gründe gibt, dass Europa auch gute Kandidaten zur Verfügung hat."

FDP-Finanzpolitiker plädiert für Ex-Bundesbanker Axel Weber

Die Debatte über einen möglichen Nachfolger für den IWF-Chefposten hat in der schwarz-gelben Koalition mit einem konkreten Vorschlag bereits begonnen. " Axel Weber wäre ein guter Mann. Unabhängig, geradlinig und mit ordnungspolitischem Kompass", sagte der FDP-Finanzpolitiker und Bundestagsabgeordnete Frank Schäffler am Montag zu SPIEGEL ONLINE. Weber hatte im Frühjahr überraschend seinen Rückzug als Präsident der Bundesbank angekündigt. Sein Nachfolger ist seit kurzem der frühere Kanzlerberater Jens Weidmann. Ob Weber, der nach seinem Ausscheiden Vorträge hält, aber eine Chance in der Bundesregierung hätte, ist fraglich. Er galt lange Zeit als Wunschkandidat Merkels für den Präsidentenposten der Europäischen Zentralbank und hatte mit seinem Rückzug alle Planungen über den Haufen geworfen.

Die Wahl eines möglichen Nachfolgers für den IWF-Chef dürfte nicht leicht sein. Von einem transparenten Modus kann bei Chefposten keine Rede sein. Zwar entscheiden die 24 Exekutivdirektoren formal über die Besetzung des geschäftsführenden Direktors. Sie können dies aber keineswegs nach freiem Willen tun - sondern agieren auf Weisung ihrer Regierung. Tatsächlich handeln also die deutsche Kanzlerin, der amerikanische und der französische Präsident sowie die Chefs der wichtigsten Schwellenländer den Posten aus.

Im Rennen sind dieses Mal auch Männer aus Indien, Mexiko und Südafrika. Ob sie eine Chance haben, hängt entscheidend davon ab, ob sich die Regierungen der Boom-Staaten auf einen Kandidaten einigen.

Wer hat Chancen auf die Nachfolge von Strauss-Kahn? Ein Überblick über die Kandidaten - siehe Fotostrecke oben.

Mitarbeit: Severin Weiland

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insgesamt 21 Beiträge
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1. Ein offensichtlicher Kandidat wurde vergessen
alnemsi 16.05.2011
Dr. Christian A. Schmidt wurde in dieser Aufzählung leider vergessen.
2. DSK durch Spiegel schon vorverurteilt / Nachfolge-Präsentation?
Preinl 16.05.2011
Es ist schon unglaublich, daß der Spiegel bereits einen umfangreichen Artikel über Nachfolger von DSK bringt, inklusive Argumentation und Foto-Reihe. Beteiligt sich so ein seriöses Medium an einer Vorverurteilung, noch bevor überhaupt ein Gerichtsverfahren eröffnet wurde, ja sogar bevor ein Richter eine Aussage getroffen hat. Titel wie "Ende eines Menschenfischers" beerdigen DSK schon bevor irgend welche stichhaltigen Beweise präsentiert wurden. Sehr traurig für den Ehrenkodex verantwortlicher journalistischer Tätigkeit!
3. ...
diga zero 16.05.2011
entweder guttenberg oder stefan raab.
4. Misswirtschaftswissenschaftler...
Mersinar 16.05.2011
Zitat von diga zeroentweder guttenberg oder stefan raab.
... wären auch Eichel, dann hätten wir die Euro Krise mal global oder Schäuble, um die Währungen der Welt zu zerstören... Als Europäer sollte man vielleicht einfach mal die Schnauze halten und einen fähigen Menschen in stürmigen Zeiten an die Spitze des IWF lassen. Immerhin wäre das mal ein ausgleichende Meinung bei der Krise in den PIIGS...
5. Sehr richtig !
Revan 16.05.2011
Zitat von PreinlEs ist schon unglaublich, daß der Spiegel bereits einen umfangreichen Artikel über Nachfolger von DSK bringt, inklusive Argumentation und Foto-Reihe. Beteiligt sich so ein seriöses Medium an einer Vorverurteilung, noch bevor überhaupt ein Gerichtsverfahren eröffnet wurde, ja sogar bevor ein Richter eine Aussage getroffen hat. Titel wie "Ende eines Menschenfischers" beerdigen DSK schon bevor irgend welche stichhaltigen Beweise präsentiert wurden. Sehr traurig für den Ehrenkodex verantwortlicher journalistischer Tätigkeit!
Sehr richtig ! Nur wundere ich mich, dass Sie das erst am Fall DSK erkennen. SPON ist in der letzten Zeit zu einer Bild-Zeitung für die vermeintlich gebildeteren Schichten verkommen. Kampagnen-Journalismus pur, ohne Rücksicht auf Stil und Moral und vor allem ohne den investigativen Inhalt der den Spiegel zu Augsteins und Aust Zeiten mal auszeichnete. "Geschreibsel" nennt man das wohl. Aufmerksamkeit und Clicks sind alles, da ist der Redaktion jede Kampagne für recht. Das ist hier jeden Tag zu beobachten. Schauen Sie einfach mal die täglichen Aufmacher an oder erinnern sich bitte erst vor kurzem an den inszenierten Fukushima-"Weltuntergang". SPON bildet halt ;-)
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Der IWF
Die Institution
Gegründet wurde der Internationale Währungsfonds (IWF) zusammen mit seiner Schwesterinstitution Weltbank im Juli 1944 auf der Konferenz von Bretton Woods. Der in Washington ansässige Fonds wacht als Sonderorganisation der Vereinten Nationen über die Währungspolitik seiner 186 Mitgliedsländer. Jedes Land muss entsprechend seinem Anteil an der Weltwirtschaft eine Einlage leisten und verfügt über entsprechende Stimmrechte. Die reichsten Länder haben damit den größten Einfluss.

Die Arbeit des IWF
Der IWF tritt vor allem bei Finanz- und Wirtschaftskrisen öffentlich in Erscheinung. Indem er einzelne Staaten unterstützt, soll er vor allem verhindern, dass sich Krisen ausbreiten und ganze Regionen oder gar das gesamte internationale Finanzsystem treffen. Der Fonds kann mit kurzfristigen Krediten die Defizite in Entwicklungs- und Schwellenländern ausgleichen. Zudem leistet er Mitgliedstaaten technischen Beistand für den Umbau von Institutionen und bei der Gestaltung von Finanz- und Wirtschaftspolitik.

Häufige Kritik
Die Bedingungen, die an die Vergabe der Gelder geknüpft werden, stoßen in den betroffenen Ländern und bei Globalisierungskritikern allerdings oft auf Unmut. Verordnet werden von der Institution aus Washington meist radikale Einschnitte in die Staatshaushalte, die Öffnung der Märkte und Privatisierungen. Diese jedoch verschärfen die Krisen nach Ansicht der Kritiker oft noch weiter. Nach Reformen ist inzwischen vorgesehen, dass der IWF verstärkt die sozialen Auswirkungen von Krisen und Hilfsmaßnahmen beachtet.

Die Direktorin
Seit Ende Juni 2011 steht die frühere französische Wirtschafts- und Finanzministerin Christine Lagarde an der IWF-Spitze. Sie ist die erste Frau auf diesem Posten.
Wer wählt den Direktor?
Das Exekutivdirektorium des IWF besteht aus 24 Direktoren. Fünf von ihnen werden von den Mitgliedstaaten mit den größten Quoten ernannt, die verbleibenden vertreten jeweils mehrere Mitgliedsländer. Je mehr ein Land einzahlt, desto höher ist seine Quote. Deshalb haben die USA einen Stimmanteil von fast 17 Prozent, Japan von etwas mehr als sechs und Deutschland knapp unter sechs Prozent. Die USA verfügen über eine Sperrminorität. Denn zentrale Beschlüsse im IWF - wie auch die Wahl des kommenden Geschäftsführenden Direktors - müssen mit einer Mehrheit von 85 Prozent getroffen werden.

Die Direktoren wählen den Geschäftsführenden Direktor. Er ist für das Tagesgeschäft, die Organisation und die Personalpolitik des Fonds zuständig. Der Direktor wird vom Exekutivdirektorium kontrolliert, dieses kann ihm die Amtsführung entziehen. Grundsatzentscheidungen werden vom Gouverneursrat des IWF und vom International Monetary and Financial Committee getroffen, die bei den Herbst- und Frühjahrstagungen von IWF und Weltbank zusammenkommen.
Informelle Vereinbarung
Die USA und Europa haben sich informell darauf verständigt, wichtige Posten untereinander aufzuteilen. So stellen die USA traditionell den Direktor der Weltbank, während der Geschäftsführende Direktor des IWF von einem EU-Mitgliedsland gestellt wird. In den Statuten ist diese Regelung nicht verankert. Besonders die Schwellenländer dringen seit Jahren darauf, dass das informelle Abkommen gekippt und der Posten des Direktors ausgeschrieben wird.
Bedingungen für Hilfe
Der IWF arbeitet mit dem Land ein Programm aus, das konkrete Vorgaben zur Überwindung der Krise umfasst, zum Beispiel Vorgaben zur Haushaltspolitik. Die Kreditlinien werden üblicherweise in mehrere Tranchen gestückelt, deren Auszahlung an das Erreichen von Zwischenzielen gebunden ist. Üblich sind Kreditlaufzeiten von bis zu drei Jahren, die bei schweren Krisen aber verlängert werden können. Das angeschlagene Land legt seinen Sparplan im Detail offen. Bei Bedarf sind nachträgliche Änderungen möglich.
Fotostrecke
IWF-Chef Strauss-Kahn: Festnahme auf dem Flughafen


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