Ein Kommentar von Sven Böll
Hamburg - Das Tabu ist gebrochen. Endlich. Am Montag haben sich mehrere Krankenkassen geoutet, dass sie bald Zusatzbeiträge von ihren Mitgliedern erheben werden (siehe Kasten unten). Allen voran die DAK, mit mehr als sechs Millionen Versicherten die drittgrößte Kasse der Republik.. Dass die klammen Krankenversicherer gemeinsam an die Öffentlichkeit gegangen sind, zeigt, wie groß ihre Sorge ist, mit dem Makel der Patientenprämie behaftet zu sein.
Dieses Problem dürfte sich allerdings schnell erledigen. Denn wahrscheinlich werden bis Ende des Jahres fast alle Kassen die Mini-Kopfpauschale erheben. So schlecht diese Nachricht für die 50 Millionen Beitragszahler auch ist - dass die Zusatzbeiträge kommen, hat auch etwas Gutes. Denn die einkommensunabhängige Prämie könnte dabei helfen, eine Grundkrankheit des deutschen Gesundheitswesens zu lindern: die mangelnde Transparenz.
Das fängt beim Krankenkassenbeitrag an: Bislang zieht ihn der Arbeitgeber einfach vom Gehalt ab. Das Geld ist also futsch, bevor man darüber verfügen kann. Damit sinkt allerdings auch die persönliche Betroffenheit. Selbst der FDP-Sympathisant unter den Berufsanfängern regt sich nach ein paar Monaten über das Auseinanderklaffen von Brutto und Netto kaum noch wirklich auf. Bringt ja eh nichts.
| Welche Kassen bald Zusatzbeiträge einführen | |||
| Kranken- kasse | Versicherte | vermutl. Start | Betrag pro Monat |
| DAK | 6,4 Mio. | 1. Februar | 8 Euro |
| KKH Allianz | rund 2 Mio. | erstes Halbjahr 2010 | 8 Euro |
| BKK Gesundheit | 1,4 Mio. | 1. Februar/ 1. März | 8 Euro |
| ktp BKK | 130.000 | 1. April | 8 Euro |
| BKK Westfalen- Lippe | 30.000 | 1. Februar | mehr als 8 Euro |
| Quelle: ddp | |||
Das eigene Geld verschwindet in der Wahrnehmung der meisten Versicherten in einem anonymen, mehr als 170 Milliarden Euro schweren System. Weil das alles ziemlich abstrakt ist, macht sich kaum jemand Gedanken über die Ineffizienzen im Gesundheitswesen. Zumal ein Verhalten im Sinne des Allgemeinwohls eh nicht belohnt wird. Wer seltener zum Arzt geht, profitiert nicht davon, so lange die anderen weiter die Wartezimmer stürmen - frei nach dem Motto: "Kostet doch nichts, zahlt ja die Kasse."
Das Schulterzucken über den Status quo könnte sich mit dem Zusatzbeitrag ändern. Der ist konkret und tut Monat für Monat weh. Natürlich wird auch hier ein Gewöhnungseffekt eintreten. Doch das Verständnis der Versicherten wird regelmäßig strapaziert. Denn aus dem monatlichen Obolus von acht Euro, mit dem die meisten Tabubrecher wie die DAK bald starten werden, dürften schnell deutlich höhere Beträge werden.
Die Rechnung ist simpel: Zahlt jeder beitragspflichtig Versicherte zehn Euro mehr im Monat, kommen pro Jahr zusätzlich rund sechs Milliarden Euro zusammen - also ungefähr der Betrag, um den die Kosten der gesetzlichen Krankenversicherung erfahrungsgemäß Jahr für Jahr steigen.
Widerspruch gegen die Verschwendung im System
Dass die Bundesregierung versuchen wird, das drohende Plus beim Zusatzbeitrag durch eine Erhöhung des allgemeinen Beitragssatzes (derzeit 14,9 Prozent) abzufedern, ist unwahrscheinlich. Schließlich plant die schwarz-gelbe Koalition die schrittweise Einführung einer Kopfpauschale beim Arbeitnehmeranteil. Da kommt ihr die jetzige Mini-Prämie sehr gelegen.
Und den Versicherten sollte es genauso gehen: Denn je stärker jeder Einzelne die Kostendynamik im Gesundheitswesen spürt, desto eher dürfte er sich dafür einsetzen, dass kein Geld verschwendet wird. Ob während der Behandlung, bei der Kasse selbst oder - fast am wichtigsten - beim Bundestagsabgeordneten seines Vertrauens.
Widerspruch gegen die Verschwendung im System - das wäre ein echter Fortschritt. Denn noch ist das deutsche Gesundheitswesen weitgehend in der Gefangenschaft der Lobbys. Diese verstehen es perfekt, bei Spar- oder sonstigen Veränderungsvorschlägen die Sorge der Patienten zu schüren, es werde ihnen etwas vorenthalten. Und mit der Angst der Menschen, im Fall der Fälle nicht das medizinisch Notwendige zu bekommen, lässt sich nicht nur in Wartezimmern prima Stimmung machen. Davon kann jeder Gesundheitspolitiker seine Leidensgeschichte erzählen.
Mehr Kontrollmöglichkeiten für Kassenpatienten
Ist die sachliche Debatte erst einmal mit Emotionen ins Irrationale getrieben, spielt es schnell keine Rolle mehr, dass Deutschland eines der letzten Länder der westlichen Welt ist, in denen die Pharmaindustrie die Preise für Medikamente noch immer in beträchtlicher Weise selbst bestimmen kann. Und in dem die Apotheken von nennenswerter Konkurrenz abgeschottet sind - obwohl es von ihnen mehr gibt als Tankstellen.
Nicht weniger überfällig wäre eine ernsthafte Diskussion darüber, ob hierzulande wirklich ein Ärztemangel existiert, oder warum es die Kassenärztlichen Vereinigungen entgegen ihres Auftrages nicht schaffen, die Mediziner fair auf alle Regionen zu verteilen. Lohnenswert wäre es auch, der Frage nachzugehen, welche Konsequenzen das in Krankenhäusern geltende Prinzip "Alles, was nicht explizit verboten ist, ist erlaubt" wohl für die Ausgabenentwicklung hat.
Natürlich müssten Kassenpatienten endlich auch mehr Möglichkeiten zur Kontrolle von Ärzten und Krankenhäusern bekommen. Dies ließe sich mit einer verpflichtenden Quittung über die erbrachten Leistungen und angefallenen Kosten lösen, so wie bei Privatpatienten. Diese wundern sich schon heute regelmäßig, was für angebliche Gebrechen sie mit sich herumschleppen und was sich im Rahmen einer zehnminütigen Visite so alles diagnostizieren und abrechnen lässt.
Es geht bei all diesen Punkten nicht darum, irgendeinem Patienten das medizinisch Notwendige vorzuenthalten. Sondern um die gesamtgesellschaftliche Aufgabe, angesichts stark steigender Kosten im Gesundheitswesen möglichst viele Patienten für die Ineffizienzen im System und ein kostenbewusstes Verhalten zu sensibilisieren. Und so die langfristige Existenz des Systems zu sichern.
Dazu kann die Mini-Kopfpauschale einen sinnvollen Beitrag leisten - sorgt sie doch weit mehr als für einen monatlichen Phantomschmerz.
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