Debatte um Lohnuntergrenze: Deutschland, deine Nixverdiener

Die deutsche Wirtschaft beschäftigt ein Heer von Niedriglöhnern, rund fünf Millionen Menschen verdienen weniger als 8,50 Euro pro Stunde. Ein Überblick zeigt, welche Branchen am miesesten zahlen - und welche Arbeitnehmer am meisten von einem Mindestlohn profitieren würden.

Friseur bei der Arbeit: Sehr viel arbeiten für ganz wenig Geld Zur Großansicht
Corbis

Friseur bei der Arbeit: Sehr viel arbeiten für ganz wenig Geld

Hamburg - Wie hoch soll der Stundenlohn in einem der reichsten Länder der Welt mindestens sein? Muss man von einem Vollzeitjob eine Familie ernähren können? Wo beginnt eine sittenwidrige Bezahlung? Auf diese Fragen, die Millionen von Arbeitnehmern betreffen, hatten die politischen Parteien in den vergangenen Jahren unterschiedliche Antworten.

SPD, Grüne und Linke fordern seit längerem eine tarifliche Lohnuntergrenze. Union und FDP wollten einen solchen Mindestlohn auf jeden Fall verhindern. Zumindest bislang. Nun wird die CDU wohl umschwenken - und wieder ein bisschen sozialdemokratischer. Und die gegen die politische Insolvenz kämpfende FDP könnte sich mit dem Projekt wohl ebenfalls anfreunden. Mit Marktwirtschaft pur scheint derzeit keine Wahl zu gewinnen.

Unklar scheinen nur noch die Details einer Regelung, die in dieser Legislaturperiode in Kraft treten könnte. Denkbar ist, dass die Regierung jedes Jahr einen Mindestlohn festsetzt. Alternativ könnte auch eine Kommission, in der Arbeitgeber und Arbeitnehmer sitzen, über den Betrag entscheiden. Offen ist auch, für wen die neue Lohnuntergrenze gelten soll: für alle Arbeitnehmer oder nur für diejenigen Branchen, in denen es bislang keine Tariflöhne gibt.

Miese Löhne in vielen Branchen

"Eine Lohnuntergrenze, die diesen Namen verdienen soll, muss für alle gelten", sagt Gustav Horn, wissenschaftlicher Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung. "Deshalb müssten dann auch Tarifverdienste, die unter dem Mindestlohn liegen, angehoben werden." Die Arbeitgeber warnen dagegen vor dem Verlust von Arbeitsplätzen. Ihr Argument: Muss ein Unternehmen für einen Job einen zu hohen Stundenlohn bezahlen, bietet es ihn erst gar nicht an.

So umstritten die einzelnen Argumente sind, so unumstritten ist die Faktenlage: In der Bundesrepublik gibt es ein Heer von Niedriglöhnern. Laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung bekommen 1,2 Millionen Deutsche einen Stundenlohn von weniger als fünf Euro. Fünf Millionen Menschen verdienen immerhin weniger als 8,50 Euro pro Stunde.

Selbst wer zu den besserverdienenden Niedriglöhnern gehört, also 8,50 Euro pro Stunde verdient, hat kein Geld zum Prassen. Mehr als 1500 Euro kommen bei einem solchen Stundenlohn pro Monat nicht zusammen. Brutto wohlgemerkt. Netto bleiben bei einem Single nur gut tausend Euro übrig.

Besonders hart trifft es die Arbeitnehmer, die in den Branchen arbeiten, die besonders miese Löhne zahlen - etwa das Bewachungsgewerbe, das Friseurhandwerk und Hotels und Gaststätten. Wer einen dieser Berufe hat und in einer Region arbeitet, in der allgemein nicht gerade üppig entlohnt wird, verdient zum Teil nicht einmal drei Euro pro Stunde. Selbst dann, wenn es einen Tarifvertrag gibt. Von Arbeitnehmern in tariffreien Zonen ganz zu schweigen.

SPIEGEL ONLINE zeigt, wo in Deutschland die geringsten Tariflöhne gezahlt werden.

stk/böl

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 442 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Bitte seriös vergleichen
gerd2006 31.10.2011
.. und nicht Berufe wie Friseurhandwerk und Bedienung in Gaststätten, bei denen erfahrungsgemäss ein hoher Anteil des Lohnes direkte Trinkgelder sind, mit Berufen mischen, bei denen normalerweise (ausserhalb Griechenlands etc.) keine direkten Zuwendungen des Kunden erfolgen. Also, welche Berufe sind es denn, und wie sind dann die Zahlen? Frankreich hat ja einen relativ hohen Mindestlohn. Und, wem nutzt das? Den Arbeitslosen jedenfalls nicht.
2.
Bob Brooker 31.10.2011
Mich hätte mal interssiert, welche Unternehmen am meisten von Niedriglohnarbeit profitieren.
3. ...
dondon71 31.10.2011
Zitat von sysopDie deutsche Wirtschaft*beschäftigt ein Herr von Niedriglöhnern, rund fünf Millionen Menschen verdienen weniger als 8,50 Euro pro Stunde.*Ein Überblick zeigt, welche Branchen*am*miesesten zahlen - und welche Arbeitnehmer am meisten von einem Mindestlohn profitieren würden. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,795043,00.html
ich weiß nicht, was es da zu diskutieren gibt, ob der Mindestlohn nur für die nicht tarifgebundenen oder für alle gelten soll. Natürlich muß ein Mindestlohn für alle und auch in gleicher Höhe gelten. Es wird endlich auch Zeit den Ost/West - Mist zu unterlassen, es sind schließlich schon 20 Jahre her. Ein Mindestlohn von 10 Euro wäre angemessen, aber da werden die "Experten" ganz sicher einen Riegel vorschieben, von wegen dann werden Arbeitsplätze gestrichen, verminderte Wettbewerbsfähigkeit, blablabla und etc. Ich kann es einfach nicht mehr hören....
4. Mindestlohn = 12,50 EURO
kdshp 31.10.2011
Zitat von gerd2006.. und nicht Berufe wie Friseurhandwerk und Bedienung in Gaststätten, bei denen erfahrungsgemäss ein hoher Anteil des Lohnes direkte Trinkgelder sind, mit Berufen mischen, bei denen normalerweise (ausserhalb Griechenlands etc.) keine direkten Zuwendungen des Kunden erfolgen. Also, welche Berufe sind es denn, und wie sind dann die Zahlen? Frankreich hat ja einen relativ hohen Mindestlohn. Und, wem nutzt das? Den Arbeitslosen jedenfalls nicht.
Hallo, stimmt schon und der logik nach müßte wenn alle deutschen im niedriglohnsektor arbeiten es uns noch besser gehen also uns deutschen. Gehen sie bitte morgen zu ihrem chef und verlangen zum wohle aller in deutschland einen mindestlohn für sich. SO leute wie sie die keinen mindestlohn bekommen sondern weit mehr verdienen schaden ihrer eigenen logik nach deutschland. Merken sie was?
5. So ändern sich die Zeiten
check1 31.10.2011
Also wenn ich den artikel vor 10jahren gelesen hätte, hätte ich gedacht ich bin hier wohl im falschen film gelandet. Aber ich kann mich noch gut erinnern bei der euro einführung hat ein normaler haarschnitt bei mir noch 30€ gekostet, vor dem euro waren es aber auch schon 30DM, man kann auch sagen es war eine 1:1 umstellung wie bei vielen anderern dienstleistungen auch.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Staat & Soziales
RSS
alles zum Thema Mindestlohn
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 442 Kommentare
  • Zur Startseite