Debatte um Notenbank-Bilanz Bofinger attackiert Sinns "Jammer-Diskussion"

Schlummert in der Bundesbank-Bilanz ein gigantisches Risiko? Ja, sagt der Ökonom Hans Werner Sinn. Jetzt erwidert ihm einer der Wirtschaftsweisen: Sinn überzeichne die Bedrohung - ohne eine Alternative zur Rettung der Euro-Zone aufzuzeigen.

Ein Debattenbeitrag von Peter Bofinger

Deutsche Bundesbank in Frankfurt am Main: Versteckte Milliardenrisiken in der Bilanz?
Deutsche Bundesbank

Deutsche Bundesbank in Frankfurt am Main: Versteckte Milliardenrisiken in der Bilanz?


Es ist zweifellos ein Verdienst von Hans-Werner Sinn, die Problematik der Salden entdeckt zu haben, die sich unter dem Namen Target 2 in der Bilanzen der nationalen Notenbanken in der Euro-Zone finden lassen.

Aber neben der zutreffenden Feststellung, dass es sich um eine öffentliche, internationale Kreditvergabe zwischen Notenbanken handelt, verwendet er dabei immer wieder wenig hilfreiche Vergleiche. So habe sich der Süden und Westen Europas mit der Billigung des Rats der Europäischen Zentralbank (EZB) die elektronische Notenpresse geliehen und Geld wie Heu gedruckt. Tatsächlich gibt es in den Problemstaaten der Euro-Zone heute aber weniger Geld, nicht mehr: Die zurechenbaren Geldbestände der privaten Haushalte und der Unternehmen sind in Griechenland, Irland, Italien, Portugal und Spanien in den letzten zwölf Monate um drei Prozent gesunken.

Mit den Target-Salden ist somit kein neues Geld entstanden, es wurden lediglich - wie Sinn auch zutreffend feststellt - private Kredite an Banken durch Notenbankkredite ersetzt. Die zuletzt massiv eingebrochenen deutschen Exporte in diese Länder zeigen: Mit den in den letzten zwölf Monaten stark gestiegenen Target-Salden und dem damit angeblich gedruckten Geld sind auch keine Güter in Deutschland gekauft worden.

Warum stellt man das Ganze nicht so dar: Die Target-Salden haben es deutschen Banken ermöglicht, ihre Engagements in den Problemländern massiv zurückzufahren, ohne dass es zu einem Zusammenbruch des Finanzsystems im Euro-Raum gekommen ist. Der Preis dafür besteht darin, dass ihre Forderungen gegenüber Banken in den Problemländern nun als Target-Forderungen in die Bilanz der Bundesbank gewandert sind.

Sinns Stammtisch-Metaphern

Aber mal abgesehen von Sinns willkürlichen und unwissenschaftlichen Definitionen und seinen allenfalls den Stammtisch stimulierenden Metaphern: Die Diskussion leidet vor allem darunter, dass es sich bei den Target-Salden nicht um ein eigenständiges Problem, sondern vielmehr um ein Symptom einer tieferliegenden Krise handelt. Sie besteht darin, dass das Vertrauen in die Banken der Problemländer massiv gelitten hat und dass zudem immer mehr Investoren einen Austritt einzelner Länder aus der Währungsunion befürchten.

Die von Sinn vorgeschlagene Symptombehandlung in Form von Obergrenzen und Tilgungsverpflichtungen für die Target-Salden oder gar der Ausschluss von Defizit-Ländern aus dem Euro-Raum würde dieses Problem noch erheblich verschärfen. Es könnte so eine Situation eintreten, bei der der Zahlungsverkehr innerhalb der Währungsunion völlig zum Erliegen kommt. Da dies von den Anlegern antizipiert würde, wäre dann das Ende des Euro sehr schnell erreicht.

Wenn man ohnehin an der Sinnhaftigkeit der Währungsunion zweifelt, mag man durchaus bereit sein, solche Konsequenzen in Kauf zu nehmen. Aber man sollte sie dann auch entsprechend deutlich zum Ausdruck bringen.

Wenn man hingegen Deutschlands Zukunft in der Währungsunion sieht, sollte man das funktionslose Klagen über die Target-Salden einstellen und sich stattdessen fragen, wie man das tieferliegende Problem umfassend therapieren kann. Zu einer solchen Lösung gehört zum einen eine grundlegende Sanierung der Banken in den Problemländern des Euro-Raums. Hierfür könnten die Mittel des EFSF eingesetzt werden. Zugleich müsste so schnell wie möglich eine einheitliche Bankenaufsicht für den Euro-Raum geschaffen werden, die verhindert, dass weiterhin von unsoliden Banken schlechte Kredite vergeben werden.

Für eine Stabilisierung der Banken ist es zum anderen erforderlich, das Vertrauen in die Staatsanleihen der Problemländer wieder herzustellen, die in der Vergangenheit als sicherer Kern des Finanzsystems angesehen worden sind. Nach dem Reputationsverlust der beiden letzten Jahre wird man hier um Formen einer gemeinsamen Haftung nicht umhinkönnen. Ein hierfür gut geeignetes Modell ist der vom Sachverständigenrat entwickelte Schuldentilgungspakt. Darin sollen Schulden, die die 60-Prozent-Grenze übersteigen, in einen gemeinsamen Tilgungsfonds ausgelagert werden, für den alle Euro-Staaten gemeinsam und unbegrenzt haften.

Aber es sollte kein Zweifel bestehen: Eine gemeinsame Haftung ist nur vertretbar, wenn die Länder bereit sind, fiskalpolitische Kompetenzen auf die europäische Ebene zu übertragen. Konkret könnte das bedeuten, dass sich hoch verschuldete Länder die Eckpunkte ihres Budgets vom Europäischen Parlament genehmigen lassen müssen.

Die Lösung liegt in einer gemeinsamen europäischen Finanzpolitik

Die Jammer-Diskussion über die Target-Salden verdeutlicht somit nicht zuletzt, dass es der Politik nach wie vor an einem umfassenden Lösungskonzept für die Euro-Krise fehlt. Der Versuch, die Situation mit strengen Sparmaßnahmen, immer komplexeren Vertragswerken zur Fiskaldisziplin und Rettungsschirmen zu stabilisieren ist gescheitert. Er hat nur dazu geführt, dass die gesamte Anpassung über die Notenbankkreisläufe geleistet werden muss. Hans-Werner Sinn hat völlig recht, wenn er darauf hinweist, dass das keine Dauerlösung werden darf. Aber es gibt darauf nur zwei Antworten: Entweder man gibt die Währungsunion auf, und dann besser heute als morgen, oder man macht sich mit aller Energie daran, die Fiskalintegration in Europa deutlich voranzubringen.

Deutschland hat die Wahl, ob es das Schicksal seiner Exportindustrie in die Hände der völlig unberechenbaren Devisenmärkte legen will, oder ob es bereit ist, mit seinen Partnerländern gemeinsam einen politischen Rahmen für eine solide Fiskalpolitik in Europa zu schaffen.

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insgesamt 159 Beiträge
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Seite 1
Kalix 28.02.2012
1.
Zitat von sysopDeutsche BundesbankSchlummert in der Bundesbank-Bilanz ein gigantisches Risiko? Ja, sagt der Ökonom Hans Werner Sinn. Jetzt erwidert ihm der Wirtschaftsweise Peter Bofinger: Sinn überzeichne die Bedrohung durch die sogennnten Target-Salden - ohne eine Alternative zur Rettung der Eurozone aufzuzeigen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,818022,00.html
kettensprenger 28.02.2012
2. Albtraum Fiskalunion
Das kann nicht Herrn Bofingers Ernst sein: Eine "Fiskalintegrierung"? Das heißt: Alle Steuerzahler Europas werden in Sippenhaft genommen für Schulden in Gesamt-Europa. Motivation zu ausgeglichenen Haushalten hat dann niemand mehr. Das wäre der Sargnagel für die gesamte Europäische Idee. Die bisher einzige Alternative ist die Erhöhung der Einnahmen und die Entlastung der Sozialkassen durch bandbreitenmodell.de.
PK2011 28.02.2012
3. Titel
Herr Bofinger schreibt: "Der Versuch, die Situation mit strengen Sparmaßnahmen, immer komplexeren Vertragswerken zur Fiskaldisziplin und Rettungsschirmen zu stabilisieren ist gescheitert. Er hat nur dazu geführt, dass die gesamte Anpassung über die Notenbankkreisläufe geleistet werden muss. Hans-Werner Sinn hat völlig recht, wenn er darauf hinweist, dass das keine Dauer-Lösung werden darf. Aber es gibt darauf nur zwei Antworten: Entweder man gibt die Währungsunion auf, und dann besser heute als morgen, oder man macht sich mit aller Energie daran, die Fiskalintegration in Europa deutlich voranzubringen." Lieber eine aufgegebene Währungsunion wie eine übermächtige Fiskalorganisation. Diese ist in der notwendigen Zeit nur "per ordre" zu errichten unter Inkaufnahme bedenklicher Kollateralschäden und wird unter Missachtung aller demokratischer Regeln installiert werden müssen. Ein Europa, dass seine eigenen demokratischen Werte zugunsten der Wirtschaftsgestaltung missachtet - das kann es nicht sein. Somit bleibt - im Interesse der Menschen - nur die schnellstmögliche Auflösung des historischen Irrtums "EUR". Herr Bofinger schrieb: "Deutschland hat die Wahl, ob es das Schicksal seiner Exportindustrie in die Hände der völlig unberechenbaren Devisenmärkte legen will, oder ob es bereit ist, mit seinen Partnerländern gemeinsam einen politischen Rahmen für eine solide Fiskalpolitik in Europa zu schaffen." Mit Verlaub, das halte ich als Wirtschaftsteilnehmer für nicht zutreffend. Lassen Sie uns unsere Geschäfte weltweit in USD als Verrechnungswährung durchführen - was zu 70% sowieso passiert - und gestehen jeder europäischen Nation ein Währungssystem analog ihrer Wirtschaftskraft und -filiosofie zu. Dann läuft die Kiste rund.
silverhair 28.02.2012
4.
Zitat von sysopDeutsche BundesbankSchlummert in der Bundesbank-Bilanz ein gigantisches Risiko? Ja, sagt der Ökonom Hans Werner Sinn. Jetzt erwidert ihm der Wirtschaftsweise Peter Bofinger: Sinn überzeichne die Bedrohung durch die sogennnten Target-Salden - ohne eine Alternative zur Rettung der Eurozone aufzuzeigen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,818022,00.html
"Jammer" hört sich eher nach Propaganda an , H.Bofinger, und mit Sicherheit nicht nach "Wissenschaftlich"! Man muss H.Sinn weder mögen noch seine Interpretationen für Richtig halten - aber Computersysteme auf denen mit Zahlen gerechnet wird die dann auch noch in der Praxis verwendet werden sind per Definition eben wissenschaftliche Korrekte Systeme - sonst würden sie nicht zum Einsatz kommen! Es ist auch kein Geheimnis wie sie gebaut sind - eher muss man sich fragen , warum die Mehrheit der Ökonomen regelrechts Schwafelt wenn es ums Geld geht, anstatt sich an einen Simulator von Target2 zu setzen , und erstmal festzustellen wie die Realität aussieht! H. Sinn hat durchaus korrekt nachgewiesen das im Eurosystem Die Aussenhandelsbilanzdifferenzen im Target2 nachzuweisen sind , und das sie durchaus gewaltige Löcher offenreissen! Wo er nicht weiter drüber nachgedacht hat ist das - parallel dazu laufende Interbankensystem - und warum - wie er zu recht noch feststellte der Zusammenbruch Ende 2007 der Startschuss für die im Target2 System auflaufenden "Schuldenberge" für Deutschland , den um nichts anderes handelt es sich zustande kommen! Das allerdings immer wieder eine ominöse Fiskalunion auch von ihnen kann man wirklich da nur als Merkelche Propaganga verstehen - den wo schlicht das Wissen über das Geldsystem so dünn verbreitet ist , da kann auch keine Fiskalunion irgendwas korrieren - sie ist nichts anderes als der Versuch einen wirklich Kommunistischen Planstaat einzurichten - trotz aller historischen Erfahrungen mit Gross u. Zentralstaaten , die alle irgendwann unter ihrem eigenen Gewicht der Regulierung zusammen gebrochen sind! Auch dazu gibt es hervorragende Wissenschaftlich Erkennnisse , nicht nur aus den Wirtschaftswissenschaften, sondern aus praktisch jedem Natur- Technische, Logistischen - Informationstechnischen Anwendungen - Der "Glaube" man können Zentralsystem durch Labern steuern hat sich immer als tödlicher Irrtum herausgestellt - warum wollen sie also hier einen neuen Anlauf starten! Seien sie froh das ihr Körper keine "Zentralregierung besitzt" sondern sich evolutionär auf Dezentralisieren eingerichtet hat - es würde keine Primaten , und Sie ebenfalls nicht geben hätte die Evolution diesen Nonsens von Zentralstaat angefangen! Und nebenbei, auch die USA sind kein "Zentralstaat" sondern ein doch sehr lockerer Staatenverbund, der sein Überleben bis heute genau der Ablehnung der sozialistischen von oben verordneten Gleichmacherei von "Eliten" verdankt! Eliten an der Spitze von Zentralstaaten sind informationstechnisch die dümmsten Mitglieder des gesamten Systems - sie wissen nichts über alles - aber glauben da ihr nichtwissen irgendwo in der Realität noch die Lokalen Unterschiede reflektiert!
spatzimatzi 28.02.2012
5. Bofinger zündet Nebelkerzen
Zitat von sysopDeutsche BundesbankSchlummert in der Bundesbank-Bilanz ein gigantisches Risiko? Ja, sagt der Ökonom Hans Werner Sinn. Jetzt erwidert ihm der Wirtschaftsweise Peter Bofinger: Sinn überzeichne die Bedrohung durch die sogennnten Target-Salden - ohne eine Alternative zur Rettung der Eurozone aufzuzeigen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,818022,00.html
Natürlich sind die Geldbestände der privaten Haushalte und Unternehmen in den PIIGS-Staaten gesunken - weil damit die chronischen Leistungsbilanzdefizite finanziert werden. Dieses Geld fließt entweder direkt oder indirekt (über das Euro-Ausland) nach Deutschland. Hier baden die Unternehmen und Geschäftsbanken in Liquidität. Die Geldschöpfung gegen minderwertige Sicherheiten in den Peripheriestaaten kommt dabei immer wieder an ihre Grenzen, weil die Sicherheiten ja immer schlechter werden müssen und irgendwann der Standard zu hoch wird. Das erklärt die rückläufigen Geldbestände. Aber man weiß sich ja zu helfen: die EZB lockert einfach immer wieder die Standards, so wie auch jüngst wieder geschehen. Zwar hat Bofinger recht, dass auch Kapitalflucht insbesondere in den Fällen Italiens und Irlands eine wichtige Rolle spielt, aber entscheidend sind für die Zahlungsbilanzkrise der PIGS die Leistungsbilanzdefizite, und die lassen sich nicht wegargumentieren. Denn es finden ja keine privaten Kreditströme mehr statt. Da aber nach wie vor Leistungsbilanzdefizite existieren und keine Gold- oder Devisenreserven zum Bezahlen eingesetzt werden, kann es sich nur um eine Finanzierung via Target-2-Mechanismus handeln.
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