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10. August 2010, 18:47 Uhr

Debatte um Rente mit 67

Malochen, solange der Rücken hält

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Arbeitsministerin Ursula von der Leyen wirbt für die Rente mit 67. Dabei gehen viele Arbeitnehmer schon mit 60 Jahren in den Ruhestand. Manche Berufsgruppen halten sogar nur bis 55 durch - SPIEGEL ONLINE gibt den Überblick.

Hamburg - Bei der Rente mit 67 steht die Entscheidung bevor. Im November will die Bundesregierung endgültig klären, ob das gigantische Arbeitsmarktprojekt vertretbar ist. Die Kernfrage dabei: Gibt es in den kommenden Jahren überhaupt genug Jobs für Ältere?

Derzeit wird an einer Untersuchung gearbeitet, die die Antwort darauf geben soll. Doch auch wenn die Fakten noch nicht alle auf dem Tisch liegen, gibt Arbeitsministerin Ursula von der Leyen schon heute die Richtung vor. Die Fakten sprechen für die Rente mit 67, sagt die CDU-Politikerin jetzt ziemlich deutlich und reagiert damit auf Attacken des SPD-Vorstands gegen die Reform. Eine Argumentationshilfe liefert von der Leyen gleich mit: In den vergangenen fünf Jahren sei der Anteil der 60- bis 64-Jährigen in Arbeitsverhältnissen um zwölf Prozentpunkte auf inzwischen 40 Prozent gestiegen.

Was die Zahl aber auch verdeutlicht: Immer noch gehen 60 Prozent aller Älteren keiner Arbeit nach.

Nur jeder Dritte geht mit 65 Jahren in Rente

So sieht die Bilanz für die Rente mit 65 schon heute dürftig aus: Nur etwa jeder Dritte geht erst mit Eintreten des gesetzlichen Renteneintrittsalters in den Ruhestand. Tatsächlich ist der durchschnittliche Rentner 63,2 Jahre alt, wenn er seine Altersbezüge erstmals überwiesen bekommt. Das zeigen Daten der Deutschen Rentenversicherung aus dem vergangenen Jahr.

Und selbst von dieser Marke sind viele Berufsgruppen noch sehr weit entfernt: allen voran Arbeiter der unterschiedlichsten Fachrichtungen. Die Spitze der Frührentner führen männliche Bergleute an. Sie gingen im vergangenen Jahr im Schnitt mit 55,7 Jahren in den Ruhestand, Rentner wegen verminderter Erwerbsfähigkeit inbegriffen. Nur minimal später hören Hilfsarbeiter mit der Arbeit auf (siehe Tabelle unten).

Etwas länger halten es Arbeiter in Bauberufen aus. Hier liegt das durchschnittliche Renteneintrittsalter bei den Männern bei rund 58 Jahren - immer noch sieben Jahre von der gesetzlichen Grenze entfernt. Darunter fallen auch Dachdecker, die in der politischen Debatte von der SPD immer wieder als Gegenbeispiel für die Rente mit 67 angeführt wird. Nur etwas mehr als zehn Prozent von ihnen steigen bis zum 65. Lebensjahr aufs Dach.

Tatsächlich dürfte die Bilanz für die besonders belasteten Berufsgruppen noch schlechter ausfallen, wenn die Daten der Deutschen Rentenversicherung umfassender wären. Denn angehende Ruheständler geben der Behörde immer nur ihren letzten aktiven Beruf an. Jobbt ein Arbeitnehmer in seinen letzten zwei Berufsjahren also als Lagerarbeiter, obwohl er seine gesamte Karriere davor im Baugewerbe gemacht hat, wird nur die letzte Beschäftigung gemeldet.

Ingenieure halten es bis zum 63. Lebensjahr aus

Weiteres Problem: Unter den Aspekt Gesundheitsberufe fallen sowohl Krankenpfleger als auch Ärzte. Doch bekannt ist, dass Mediziner sehr oft über das 65. Lebensjahr hinaus arbeiten, Krankenschwestern aber häufig früher aus dem Berufsleben scheiden. So gesehen dürfte das durchschnittliche Renteneintrittsalter mit knapp 60 Jahren gerade bei diesem Beispiel verzerrt sein.

Aber natürlich gibt es auch Berufe, in denen es Arbeitnehmer laut Statistik insgesamt lange aushalten. Ingenieure, Mathematiker oder Physiker etwa. Hier bleiben Männer im Schnitt bis knapp zum 63. Lebensjahr im Job. Ingenieurinnen, Mathematikerinnen und Physikerinnen gehen in der Regel jedoch schon mit unter 60 in Rente. Grundsätzlich liegt das durchschnittliche Renteneintrittsalter von Frauen niedriger als bei Männern.

Auch in nicht-akademischen Berufen wird teilweise deutlich länger gearbeitet als etwa bei Bauarbeitern. Insbesondere männliche Beschäftigte im Organisations- und Verwaltungsbereich halten es lange an ihrem Arbeitsplatz aus (Renteneintrittsalter: 61,4 Jahre). Gleiches gilt für den Dienstleistungssektor.

Wer früher aufhört zu arbeiten, muss für jedes Jahr Abschläge in Kauf nehmen. Die Einbußen liegen im Schnitt der vorzeitigen Rentner bei 115 Euro pro Monat. Bislang schreckte Arbeitnehmer das offenbar nicht davor ab, früher in Rente zu gehen. Steigt der offizielle Rentenbeginn auf 67, drohen allerdings höhere Abschläge.

Ist die Rente mit 67 also realistisch? Geht es nach der SPD, müssten erst einmal die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass Menschen länger arbeiten können. "Zum anderen brauchen wir flexible Übergänge für die, die das nicht können", sagte Parteichef Sigmar Gabriel der "taz".

Der rheinland-pfälzische SPD-Ministerpräsident Kurt Beck wird zudem nicht müde, flexible Übergänge für besonders belastete Berufe zu fordern. Sein liebstes Beispiel bleibt dabei der Dachdecker.

Von der Leyen gibt sich jedoch hart. Sie will nicht auf den "Silberschatz des Alters verzichten", wie sie sagt. Stattdessen fordert sie die Unternehmen auf, flexible Arbeitsplätze für Ältere einzurichten. So könnte ein Dachdecker mit einem kaputten Rücken auch im Büro arbeiten, so die Schlussfolgerung der Ministerin.

Zeit genug, sich umzustellen, haben die Unternehmen noch. Laut Gesetz wird die Altersgrenze für die Rente erst zwischen 2012 und 2029 schrittweise von 65 auf 67 Jahre angehoben. Erst für Versicherte ab Geburtsjahrgang 1964 soll die Regelaltersgrenze von 67 Jahren gelten.

Nach Ansicht von Karl Brenke, Arbeitsmarktexperte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), wird sich bis dahin auch noch viel bei den Älteren entwickeln. "So rasant, wie sich die Arbeitschancen Älterer in den vergangenen Jahren verbessert haben, dürfte es auch weitergehen", sagt er. Zudem dürfte die Mehrheit besser qualifiziert sein als heute. Und was auch aus der Statistik hervorgeht: "Je qualifizierter Arbeitnehmer sind, desto länger bleiben sie erwerbstätig."

Doch eine Sache wird sich Brenke zufolge trotz des Wandels nie ändern: "Auch wenn das faktische Durchschnitts-Renteneintrittsalter stetig steigt, wird es immer von der gesetzlichen Grenze abweichen."

Welche Berufsgruppen halten es besonders lange im Arbeitsleben aus? Welche nicht? SPIEGEL ONLINE gibt den Überblick (siehe auch Fotostrecke oben).

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