Debatte um Sparpaket Warum das Elterngeld doch ein Erfolg ist

Das Elterngeld steht massiv in der Kritik, die Zahl der Neugeborenen in Deutschland sinkt. Hat die Regierung also Recht, wenn sie die Beihilfe kürzt? Keineswegs, denn ohne die Förderung stünde es um Familien noch viel schlechter.

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Spielende Kinder (in Frankfurt am Main): Fördergelder verpufft?
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Spielende Kinder (in Frankfurt am Main): Fördergelder verpufft?


Hamburg - Es ist wie eine nachträgliche Bestätigung für all die Skeptiker, Kindergegner und Kontrahenten von Ursula von der Leyen. Als die Ex-Familienministerin am 1. Januar 2007 das Elterngeld einführte, pries sie es an, als sei es die Lösung für alle Probleme in Deutschland. Das Land brauche mehr Nachwuchs - und die staatliche Unterstützung helfe dabei, sagte von der Leyen damals. Gut ausgebildeten Frauen falle es dank Lohnersatz leichter, sich für Kinder zu entscheiden. Vätern auch. Und das sei doch ein erstrebenswertes Ziel.

Doch auf den ersten Blick spricht vieles dafür, dass die Ziele komplett verfehlt wurden. Neueste Zahlen des Statistischen Bundesamtes lassen das zumindest vermuten. So lag das durchschnittlich gezahlte Elterngeld in Deutschland in den ersten drei Monaten dieses Jahres bei lediglich 699 Euro. Da die staatliche Hilfe normalerweise 67 Prozent des Nettoeinkommens vor der Geburt ersetzt, lassen sich schnell Rückschlüsse aus den Zahlen der Statistiker ziehen. Wer verdient denn im Schnitt 1000 Euro im Monat? Nicht unbedingt Akademikerinnen. Könnte man annehmen - mehr dazu später.

Auch in anderer Hinsicht liefert das Bundesamt Erhellendes. So standen von zehn weiblichen Elterngeldbeziehern nur knapp sechs vor der Babypause im Berufsleben, bei den Vätern waren es - nun ja - immerhin acht. Das bedeutet im Umkehrschluss: Ein großer Teil der Eltern war gar nicht berufstätig - und hatte deshalb nur Anspruch auf den Elterngeld-Mindestbetrag von 300 Euro. Man muss kein allzu kritischer Beobachter sein, um zu ahnen, dass diese Summe allein nicht zu mehr Kindern führt.

Sind von der Leyen und ihre Nachfolgerin Kristina Schröder also mit ihrem Ziel gescheitert, für mehr Nachwuchs im alternden Deutschland zu sorgen? Auch andere Daten scheinen darauf hinzudeuten: So sinkt die Geburtenrate dramatisch, im vergangenen Jahr kamen mit 651.000 rund 30.000 Kinder weniger zur Welt als 2008.

Als gut bezahltes "Wickelvolontariat" verspottet

Da ist die gerade erst von der schwarz-gelben Koalition beschlossene Kürzung des Elterngeldes doch folgerichtig, könnte man meinen. Und hat der frühere CSU-Landesgruppenchef und heutige Verkehrsminister Peter Ramsauer am Ende doch Recht behalten, als er das Elterngeld als gut bezahltes "Wickelvolontariat" für Väter verspottete?

Sicher ist: Damit macht man es sich zu einfach. Denn jedes Argument contra Elterngeld lässt sich mit einem Gegenargument widerlegen - mindestens.

Angefangen bei der durchschnittlichen Höhe der staatlichen Förderung: Wer im Schnitt nur 1000 Euro netto im Monat verdient, kann durchaus gut ausgebildet sein. Jeder Berufseinsteiger von heute weiß, dass die goldenen Zeiten, in denen es gleich mit dem ersten Job ein saftiges Gehalt gab, längst vorbei sind. Gerade Akademikerinnen haben mit 30 oder 31 Jahren erst seit kurzer Zeit einen richtigen Job - und genau um diese Marken pendelte in den vergangenen Jahren das Durchschnittsalter von Müttern.

Auch kommt es immer häufiger vor, dass sich junge Berufstätige mit einem Teilzeitjob zufriedengeben müssen. Weit mehr als 1000 Euro auf dem Gehaltszettel dürfte man da in den allerwenigsten Jobs erwarten. Und nicht zuletzt darf man nicht vergessen, dass auch Studenten Kinder kriegen können - und diese dann den Mindestanspruch von 300 Euro bekommen. Auch ein Grund, warum der Durchschnittsbezug so gering ausfällt.

Eltern müssen sich auf einen Krippenplatz bewerben wie auf einen Job

Eine am Donnerstag veröffentlichte Studie der Uni Greifswald widerlegt zudem, dass Akademikerinnen nicht mehr Kinder bekommen als vorher. Der Untersuchung zufolge - die allerdings nur 3360 Geburten in Vorpommern berücksichtigt - hat sich der Anteil von Frauen mit Uni-Abschluss, die ihr erstes Kind bekamen, nach Einführung der staatlichen Hilfe um 30 Prozent erhöht.

Die mickrige Geburtenrate ist kein Hinweis darauf, dass das Elterngeld versagt. Denn sicher ist, dass es in Deutschland weniger Frauen im gebärfähigen Alter gibt. Allein in den vergangenen vier Jahren ist die Zahl der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren um mehr als eine halbe Million gesunken. Und trotzdem ist die durchschnittliche Zahl der Kinder pro Frau mit 1,37 recht stabil.

Dass sie nur stabil ist, könnten Kritiker jetzt monieren. Aber das hat andere Gründe, die bei einer Analyse des Elterngeldes nicht unbeachtet bleiben dürfen. Denn was nach wie vor fehlt, sind geeignete Rahmenbedingungen für junge Mütter und Väter. Angefangen bei der Kinderbetreuung: Gerade in den großen Ballungszentren wie Berlin, Hamburg und München müssen sich Eltern auf Krippenplätze wie auf einen Arbeitsplatz bewerben. Das trifft vor allem solche Paare, denen in der Großstadt ohnehin das familiäre Netz fehlt. Kein Wunder also, dass sich Frauen - insbesondere solche, die das gerade Erreichte im Berufsleben nicht aufgeben wollen - ihren Kinderwunsch sehr gut überlegen.

Auch fehlt manchen Arbeitgebern nach wie vor das Verständnis für eine Auszeit ihrer Mitarbeiter. Gerade Männer stoßen immer wieder auf Vorbehalte bei ihren Chefs - vor allem dann, wenn sie länger als die klassischen zwei Monate beim Kind bleiben wollen.

Es braucht viel Geduld, Mut und finanzielle Mittel

Und dennoch: Dem Familienreport der Bundesregierung zufolge nahm 2009 jeder fünfte Vater die beiden Partnermonate. Vor Einführung des Elterngeldes waren es nur 3,5 Prozent. Außerdem wären 60 Prozent aller befragten Männer heute bereit, für ihre Kinder eine berufliche Auszeit zu nehmen. Wenn man bedenkt, dass Väter bis vor wenigen Jahren ihre Kinder nur abends und am Wochenende erleben konnten, ist das ein gigantischer Schritt nach vorn. Von wegen Wickelvolontariat.

Man kann der Familienpolitik sicher vorwerfen, dass sie trotz des teuren Elterngeldes nach dreieinhalb Jahren keine auf Anhieb glänzenden Zahlen vorweisen kann. Doch die größte Leistung besteht darin, dass mit der Einführung des Elterngeldes ein Imagewandel stattgefunden hat. Die Erfolge werden über einen längeren Zeitraum noch sichtbarer werden. Sicher ist also, dass das Elterngeld Frauen und Männern die Entscheidung für ein Kind erleichtert.

Man muss sich also nichts vormachen: Es gibt keinen Mechanismus, bei dem die Politik den Hebel umlegt, und dann schnellt die Geburtenrate steil nach oben. Es braucht viel Geduld, Mut und finanzielle Mittel - und keine vorschnellen Kürzungen wie im aktuellen Sparpaket. Dann wird man feststellen: Am Ende kann Geld doch Kinder zeugen.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 86 Beiträge
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Seite 1
Oskar ist der Beste 11.06.2010
1. gebumst wird immer
Zitat von sysopDas Elterngeld steht massiv in der Kritik, die Zahl der Neugeborenen in Deutschland sinkt. Hat die Regierung also Recht, wenn sie die Beihilfe kürzt? Keineswegs, denn ohne die Förderung stünde es um Familien noch viel schlechter. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,700030,00.html
Der sozialpolitische Skandal am Elterngeld ist, dass er bei der Unterstuetzung die Einkommensituations der Eltern nicht nur beruecksichtigt, sondern dem Subsidiaritaetsprinzip entgegenwirkend, Kinder hoeher bewertet, deren Eltern ein hoeheres Einkommen haben. Das allein ist unertraeglich. Auch konnte die Autorin in ihrem SPON Beitrag nicht deutlich machen, warum diese "Gebaehrpraemie fuer Besserverdienende" ein Erfolg sein soll, nimmt man sich einmal die Zielvorstellung vor Augen, mehr Kinder auf die Welt bringen zu wollen.
Mathesar 11.06.2010
2. Blödsinn
Zitat von sysopDas Elterngeld steht massiv in der Kritik, die Zahl der Neugeborenen in Deutschland sinkt. Hat die Regierung also Recht, wenn sie die Beihilfe kürzt? Keineswegs, denn ohne die Förderung stünde es um Familien noch viel schlechter. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,700030,00.html
Natürlich...mit Geld kann man alles erreichen. Frieden, Wohlstand...die Leute werden schlanker, schöner, intelligenter...alles durch Geld. Die Wunderdroge der Politik der Nachkriegsjahre... Das Elterngeld ist so ziemlich die blödsinnigste und überflüssigste Einrichtung, die diese Republik bisher gesehen hat. Ersatzlos streichen.
Lawman, 11.06.2010
3. Zustimmung!
Ich kann dem Artikel nur beipflichten, und noch etwas ergänzen. Wenn mindestens ein Elternteil Elternzeit als Teilzeit nimmt (bei uns waren es beide mit je 30h/Woche Teilzeitarbeit) und dieses Elternteil trotzdem ein signifikant höheres Einkommen hat als der andere und deswegen nach der Geburt des Kindes die Steuerklasse von IV nach III wechselt, erhält dieser dann häufig eben auch nur den Mindestsatz von 300,- Euro, weil trotz der Teilzeit der Nettolohn durch den Steuerklassenwechsel häufig fast so hoch ist wie bei Vollzeitarbeit und das rechnerische Elterngeld von 67% der Lohndifferenz unter dem Mindestsatz von 300,- Euro liegt. So hat dann dieses Elternteil trotz Teilzeit den gleichen oder sogar einen leicht höheren Nettolohn als bei der Vollzeitarbeit. Ich habe jedenfalls meine vier Monate Elternzeit in Teilzeit sehr genossen, durch die 30h/Woche konnte ich an zwei Tagen daheim bei meinem Sohn sein (und an drei Tagen eben 10h/Tag arbeiten) und habe das Gefühl, dass dadurch die Bindung zwischen uns beiden ähnlich eng ist wie die Bindung meines Sohnes zu meiner Frau. Ich würde es jederzeit wieder so machen! Die Teilzeit war auch ein tragbarer Kompromiss für meinen Arbeitgeber, der aufgrund der Größe des Unternehmens nicht voll auf mich hätte verzichten können. Lawman
andkathjajo 11.06.2010
4. Erst Erziehungsgeld dann Elterngeld dann gar kein Geld!
Zitat von sysopDas Elterngeld steht massiv in der Kritik, die Zahl der Neugeborenen in Deutschland sinkt. Hat die Regierung also Recht, wenn sie die Beihilfe kürzt? Keineswegs, denn ohne die Förderung stünde es um Familien noch viel schlechter. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,700030,00.html
Die Wahrheit ist, daß mit der Abschaffung des Erziehungsgeldes, einschließlich der damit verbundenen gesetzlichen Regelungen, durch die Einführung des Elterngeldes bei vielen Müttern und Familien eine reale Verschlechterung eintrat.Das Elterngeld für die Ärmsten jetzt noch ganz abzuschaffen ist ein sozialpolitischer Anschlag auf Familien und Kinder.
AllesGrau, 11.06.2010
5. Kinder kosten immer Geld!
Das Elterngeld ist eine Katastrophe, wie schon dasKindergeld, oder Steuerfreibeträge für Kinder. Eltern wollen Kinder bekommen, weil sie welche wollen,nicht weil die sich als Geldanlage rentieren. Wollen wir wirklich, dass herzlose Eltern Kinder in dieWelt setzen, weil das eine Rendite von 150 Euro im Monatpro Kind bringt?Fragen sie mal bei Unternehmensberatern an, die erklären ihnen, wie man Kinder billig hält! Wer das Kinderkriegen mit Geld belohnt, der macht nureinmal mehr klar, dass auf der Belohnungsleiter das Geldüber dem Kindersegen steht.Und Geld kann man ohne Kinder noch immer viel einfacher anhäufen als mit Kindern, also kein Wunder, wennin unserer geldgeilen Gesellschaft Kinder zum unerwünschten Luxusgut werden. Wir haben eine Gesellschaft geformt, in Geld undStatussymbole immer wichtiger werden. Kinder sind nicht teuer! Sie sind nur teuer, wenn wir unserbeklopptes Wertesystem auf sie anwenden! Kinder kosten nicht viel Geld, aber viel Zeit.Und die Zeit muss man investieren. Dafür muss man Opfer bringen! Und da in unserer Gesellschaft Zeitwieder Geld ist, drehen wir uns leider im Kreis. Mal ganz ehrlich: wenn Eltern ihre vier Kinder mit Liebegrossziehen, dürfen die von mir aus auch beide zuhause bleiben und die Familie von Hartz IV leben.Liebevolle arme Eltern sind mir lieber als irgendwelcheJuppies, deren Tagesmutter da ein paar herzloseInvestmentbanker grosszieht.
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