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S.P.O.N. - Die Spur des Geldes: Die größte Gefahr heißt Schuldendeflation

Eine Kolumne von

Die Angst vor sinkenden Preisen wird größer - doch besonders groß ist das Risiko einer Schuldendeflation: Sie zwingt eine überschuldete Wirtschaft in einen Teufelskreislauf fallender Preise und fallender Nachfrage. Schon jetzt ist sie möglich.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) warnt: Im Euro-Raum gebe es eine zehn- bis zwanzigprozentige Wahrscheinlichkeit für eine echte Deflation. Noch sind wir ein gutes Stück davon entfernt. Im Dezember stand die offizielle Inflationsrate im Euro-Raum bei 0,8 Prozent. Die Kerninflationsrate lag bei 0,7 Prozent. Das ist die Rate ohne Energie und Lebensmittel. Diese Rate schwankt weniger und gilt als guter Indikator für die weitere Entwicklung.

Die öffentliche Debatte um Deflation und Zinsen basiert auf einer Reihe von Missverständnissen, die immer wieder hochkommen. Das Wichtige ist: Preisstabilität ist nicht dasselbe wie null Prozent Inflation. Denn Inflationszahlen sind nicht real. Sie sind statistische Erfassungen. Wenn Sie die Tomaten aus dem Warenkorb werfen und Gummibärchen reinstecken, dann haben Sie andere Inflationsraten. Der Grund, warum Zentralbanken wie unsere eine kleine positive Inflationszahl zum Ziel erheben - im Euro-Raum knapp zwei Prozent - liegt in dieser statistischen Unschärfe. Wenn die Deflation kommt, dann muss die Notenbank zu aggressiven und unkonventionellen Mitteln greifen, um nicht die Kontrolle zu verlieren.

Außer dem Verlust an Kontrolle hat Deflation auch zwei konkrete realwirtschaftliche Auswirkungen. Der klassische Grund ist, dass Menschen Ausgaben aufschieben, wenn sie glauben, dass die Preise in Zukunft fallen. Dadurch fällt die Gesamtnachfrage, und die Preise fallen erneut. Genau das ist in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts passiert. Interessanterweise blieb dieses Phänomen in Japan in den neunziger Jahren aus. Die Deflation war dort nachhaltig, aber nicht stark, zumindest nicht von Jahr zu Jahr. Die Form von Deflation, bei der Menschen ihr Konsumverhalten ändern, ist sehr gefährlich. Ich bin relativ optimistisch, dass es bei uns nicht dazu kommen wird.

Für den Euro-Raum weitaus gefährlicher ist die Auswirkung der Deflation auf die Schulden. Wie der amerikanische Ökonom Irving Fischer in den frühen dreißiger Jahren entdeckte, zwingt die Deflation eine überschuldete Wirtschaft in einen Teufelskreislauf fallender Preise und fallender Nachfrage. Das Land fällt in eine Schuldendeflation.

Schuldenquoten steigen, obwohl man Schulden abbaut

Man kann sich eine Schuldendeflation ungefähr so vorstellen: Nehmen wir an, ein kleines Land hat eine Wirtschaftsleistung von einer Milliarde Euro in diesem Jahr und Schulden von exakt der gleichen Höhe, also 100 Prozent der Wirtschaftsleistung. Im nächsten Jahr stagniert die Wirtschaft, und die Preise fallen um zehn Prozent. Das Land macht keine neuen Schulden und zahlt 50 Millionen Euro an Altschulden zurück. Dann ist am Ende des Jahres die Wirtschaftsleistung 900.000 Millionen Euro. Die Schulden sind 950.000 Millionen Euro. Obwohl das Land einen riesigen Kraftakt unternommen hat und trotz Flaute 50 Millionen Euro an Schulden zurückzahlte, steigt die Schuldenquote von 100 Prozent auf mehr als 105 Prozent. Das Land steckt in einer Schuldenfalle. Solange die Deflation wütet, kommt es da nicht raus.

Der belgische Ökonom Paul de Grauwe hat vor kurzem eine wichtige Beobachtung gemacht: Für eine Schuldendeflation braucht man nicht unbedingt negative Inflationsraten. Auch bei positiver Inflation ist eine Schuldendeflation möglich, wenn der Schuldner eine geringere Inflation in der Zukunft erwartet im Vergleich zu den Erwartungen, die er hatte, als er die Schulden aufnahm. Da die Europäische Zentralbank (EZB) nicht mehr glaubt, ihr Inflationsziel von knapp unter zwei Prozent innerhalb von zwei Jahren zu erreichen, droht jetzt tatsächlich eine Absenkung von Inflationserwartungen. Das Phänomen der Schuldendeflation kann also schon auftreten, wenn die Inflationsraten in Richtung Null fallen, aber noch positiv sind. Und genau da sind wir jetzt.

Die EZB könnte mehr tun

Wie geht es weiter? Wer wie die Monetaristen die Geldmenge als das Maß aller Dinge betrachtet, hat Grund für Pessimismus. Die Entwicklung der Geldmenge war in den vergangenen Jahren derart schwach, dass eine Deflation durchaus möglich ist. Aus monetaristischer Sichtweise müsste die Notenbank jetzt noch kräftiger gegensteuern. Interessanterweise kommen auch die Keynesianer zu dem gleichen Schluss - aus unterschiedlichen Gründen. Für sie leidet die Wirtschaft an einer zu schwachen Gesamtnachfrage. Auch sie fordern Gegenmaßnahmen.

Für mich ist die plausibelste Erklärung die Theorie der Bilanzrezession. Nach einer Finanzkrise entschulden sich Staaten und der Privatsektor, und in dieser Zeit bleibt die Nachfrage schwach. Die Funktion der Geldpolitik ist in dieser Zeit zunächst begrenzt. Sie ist allerdings nicht völlig außer Kraft gesetzt, denn Notenbanken verfügen über mehr geldpolitische Instrumente als den Zinssatz. Mit dem Ende der Krise greift die Geldpolitik dann auch wieder. Die wichtigste Aufgabe der Geld- und Finanzpolitik in der Zwischenzeit besteht darin, den Finanzsektor zu reparieren.

In Japan dauerte es 20 Jahre, bis man sich von der Deflation befreite. Wenn das Risiko einer echten Deflation wirklich so hoch sein sollte, wie der IWF es beschreibt, dann lohnt es sich allemal, sich gegen dieses Risiko zu versichern. Ich finde, die EZB könnte hier mehr tun.

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1. Binnennachfrage
friedberta 22.01.2014
Dass Menschen ihre Konsumwünsche aufschieben, weil sie noch weiter fallende Preise erwarten, ist unwahrscheinlich und zwar deshalb, weil es in Deutschland viele Menschen gibt, die noch einen erheblichen Konsumbedarf haben, aber diesen nicht befriedigen können, weil sie als Aufstocker oder armer Rentner unterwegs sind. Sie überleben gerade so und nicht mehr. Wenn dieser Zustand durch einen entsprechenden Mindestlohn oder eine Grundrente (sagen wir mal 1000 Euro) beendet wird, dann kommt es auf jeden Fall zu weiterer Nachfrage. Keiner aus dieser Konsumentengruppe wird abwarten, ob die Preise noch etwas fallen. Das ist die beste Gewährleistung gegen Deflation.
2. Dann ist doch zu überlegen, ob...
slashmaxx 22.01.2014
dann die Angabe der Schuldenquote eine geeignete Kennzahl ist? Hier wäre doch in Ihrem Beispiel interessanter anzugeben, wie hoch die Schuldentilgungsquote oder bzw. auch die Quote zwischen Schulden machen und Schulden tilgen ist. Es werden ja heutzutage sehr gerne auf solche Kennzahlen verwiesen, um damit alles zu erklären und rechtzufertigen. Aber kaum jemandem ist bewusst, dass bei Betrachtung einzelner Kennzahl bereits Informationen über die eigentliche Sache zwangsläufig verloren gegangen sind. Und dann werden basierend auf solchen Kennzahlen Entscheidungen getroffen? Mal ehrlich, ist das die richtige Art und Weise wie Entscheidungen in unserer Gesellschaft von den Politikern und den hochgelobten Topmanagern gefällt werden sollen?
3. Kein Wunder
sarang he 22.01.2014
inflationsbereinigt stagnierende bzw. sinkende Löhne bei der Mehrheit der Einkommensbezieher kombiniert mit einer völlig verfehlten Rentenpolitik reduzieren die Kaufkraft und dämpfen in weiterer Folge die Preisentwicklung bis hin zur Deflation. Diese Entwicklung ist schon seit 15 Jahren bekannt - die notwendigen langfristig wirksamen Massnahmen dagegen wurden aber dem Quartalsdenken der "Entschieder" aus Politik und Wirtschaft geopfert.
4. ...
Trolf77 22.01.2014
Eine große Katastrophe ist eine Deflation in erster Linie für Sachwertebesitzer und Kreditnehmer, sowie natürlich für den Staat als Hauptschuldner. Der sogenannte "kleine Mann" als Verbraucher sowie die Umwelt profitieren hingegen. Ob eine Deflation positive oder negative Auswirkungen hat, hängt doch in erster Linie von politischen und gesellschaftlichen Rahmensetzungen ab. Insofern halte ich derartige pauschale Schwarzmalerei für reichlich kurzsichtig. Insbesondere da man sich ohnehin langsam aber sicher vom immerwährenden Wachstumsparadigma verabschieden sollte.
5. Mich, als relativ armes Mitglied der Gesellschaft
freiheitstehauf 22.01.2014
würde eiine Deflation sehr begrüßen, die Reichen bunkern ihr Geld sowieso nur und geben es nicht aus. Daher ist eine steigerung der KAUFKRAFT nur erstrebenswert. Der IWF handelt sowieso nur in ganz eigennützigem Interesse und denkt kaum an die Menschen, daher kann man seine Tipps getrost als Logikverdrehung ignorieren.
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Wolfgang Münchau

Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.

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