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Demenz-Zentrum in Thailand: Vergessen im Paradies

Von Carsten Stormer

Liebe, Zärtlichkeit, Respekt: Was Demenzkranke brauchen, bekommen sie in Deutschland oft nicht, weil das Geld fehlt. Deshalb hat ein Schweizer in Thailand ein Pflegeheim eröffnet. Das Interesse ist groß. Doch darf man Angehörige in die Fremde abschieben?

Fischer in Thailand: Neue Eindrücke trotz der Krankheit Zur Großansicht
REUTERS

Fischer in Thailand: Neue Eindrücke trotz der Krankheit

Faham - Der Ausflug, an den sie sich nicht erinnern kann, sei bestimmt schön gewesen, sagt Frau Mugli. Egal, das Vergessen gehört zum Programm. Genauso wie das Fremde und Exotische. Die Mönche in ihren safrangelben Gewändern, die seltsame Musik, die nichts mit der Volksmusik zu tun hat, die sie zu Hause in der Schweiz oder in Deutschland so sehr mögen. Und dann dieses Essen, sehr lecker, aber ein bisschen zu scharf vielleicht.

Victor Sammer aß eine Nudelsuppe mit viel Chili, die ihm das Wasser aus den Augen presste. Er nahm seine Brille ab, wischte sich die Tränen mit einem Taschentuch fort und hustete und lachte abwechselnd, bis ihm das Käppi in den Schweizer Nationalfarben vom Kopf rutschte. Elisabeth Mugli begnügte sich nur mit einem Eis. Die Figur, na ja.

Frau Mugli ist eine elegante Dame, die grauen Locken frisch frisiert, die Hände manikürt, ein Seidentuch um den Hals gewickelt und den Rücken gerade durchgedrückt, als hätte sie einen Besenstiel verschluckt - wie man es ihr als junges Mädchen eingetrichtert hat. Neben ihr döst Manfred Richter in seinem Rollstuhl. Reinhardt Mühlethaler, von allen nur Reini genannt, flirtet mit seiner jungen Betreuerin, und Victor Sammer hat sich bei 28 Grad eine Jacke angezogen. Es ist gerade Winter, und man wisse ja nie, ob es nicht gleich zu schneien beginnt.

Die Türen sind nachts offen

Sie genießen den Schatten eines Tamarindenbaums im Innenhof eines Klosters, umgeben von Buddhas aus weißem Marmor und goldenen Türmchen. Eine Zauberwelt, die so gar nichts mit ihrer Heimat gemeinsam hat. Vor ihnen Garküchen mit Töpfen, in denen Fisch oder Suppe köchelt. Es riecht nach gebratenem Schweinefleisch, marinierten Rinderspießchen und Zitronengras. Devotionalienstände bieten Buddha-Statuen und Souvenirshops T-Shirts an, auf denen "Amazing Thailand" steht - wunderbares Thailand.

Wer das Alzheimerzentrum Baan Kamlangchay besuchen möchte, muss nach Faham fahren, einer ruhigen Siedlung eines Vorortes von Chiang Mai, Thailands zweitgrößter Stadt. Keine Spur vom Trubel und Hektik, weder Smog noch Lärm.

Hier schließen die Nachbarn ihre Türen nachts nicht ab, Kinder spielen auf den Straßen Federball und Verstecken. Bougainvilleas blühen, und mit den gestutzten Hecken der Vorgärten wirkt es fast wie ein gepflegter Vorort irgendwo in Deutschland. Das nächste Krankenhaus ist nur ein paar Minuten mit dem Auto entfernt, das ist wichtig für die Demenzkranken.

Martin Woodtli, 50 Jahre alt, der Gründer des Heims, sitzt am Computer seines Büros und korrespondiert mit den Angehörigen seiner Patienten. Er ist ein kräftiger Mann mit warmen Augen. Im Wohnzimmer spielt seine thailändische Frau Areewan mit dem gemeinsamen Sohn, und in der Küche bereiten Angestellte das Mittagessen für seine Gäste vor. Woodtli nennt sie Gäste, nicht Patienten, das ist ihm wichtig. "Das zeigt Respekt vor einem gelebten Leben, das langsam zu Ende geht", sagt er.

"Betreuung des Herzens"

Vor knapp acht Jahren hat er das Heim gegründet, und inzwischen wohnen in den sechs Häuschen zehn Patienten, die von 30 Pflegern und Krankenschwestern rund um die Uhr betreut werden. Der Name des Heims bedeutet übersetzt: Betreuung des Herzens.

Das thailändische Abenteuer begann für Martin Woodtli mit einem Schicksalsschlag in Münsingen bei Bern. Seine Mutter war an Alzheimer erkrankt, und sein Vater nahm sich daraufhin, aus Gram und Trauer, dem geistigen und körperlichen Verfall seiner Frau tatenlos zusehen zu müssen, das Leben.

Den Sohn ließ er mit der Frage zurück: "Was soll ich jetzt mit der Mutter machen?" Neun Monate pflegte Woodtli sie zu Hause, "ständig musste man aufpassen, dass nichts passiert". In dieser Zeit sah er sich mehrere Heime in der Schweiz an. Wie die Pfleger dort allerdings die alten und kranken Menschen behandelten, fand er "völlig unzumutbar". Das Personal habe zu wenig Zeit für zu viele Patienten, und wenn es hektisch wird, werden die Alten schon mal an ihre Stühle gefesselt, damit sie nicht randalieren oder aus dem Heim ausbüchsen.

"Das wollte ich meiner Mutter nicht antun", sagt Woodtli und hebt seinen Sohn auf seinen Schoß. Außerdem wären die Ersparnisse seiner Eltern innerhalb von zwei Jahren aufgebraucht gewesen, "für mindere Pflege in trister Atmosphäre".

Am schwierigsten war es zu Beginn, als seine Mutter begriff, welche Krankheit sie hat. Als sie sich das Gesicht mit Zahnpasta einrieb und meinte, das sei "völlig normal". Wenn sie sich in ihrem Zimmer einsperrte und hysterisch lachte, gefangen im Labyrinth ihrer Erinnerungen. Mit 73 Jahren hätte seine Mutter etwas Besseres verdient, fand Woodtli. Er wollte, dass sie geistig gefordert wird, dass sie trotz ihrer Krankheit Eindrücke bekommt, dass sich jemand um sie kümmert. "Ich wollte mit ihr noch etwas Abenteuerliches erleben. Lebensqualität ist besser als Langlebigkeit!"

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insgesamt 33 Beiträge
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1. Schön
Qual 06.08.2011
Einfach schön. Und aus Deutschland dazu: "In der Heimat wird gelästert" Irgendwie sagt das alles. Ich würde einiges dafür tun jetzt schon dort zu landen.
2.
CharlyCharly 06.08.2011
Tja, - die "Zeit" hat den Artikel schon vor über einem Monat im Magazin "enorm" gelesen und abgeschrieben. Wenn Sie wissen wollen, was man so über das Thema denkt, können Sie hier ja nachlesen: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2011-06/demenz-pflege-thailand
3. toll
blowup 06.08.2011
Ein geniales Konzept. Für ALLE Beteiligten. Die Angehörigen haben wieder etwas von ihrem Leben. Die Patienten werden rund um die Uhr betreut und statt grauer, kalter Umwelt sehen sie das intensive Leben und Vergehen in einer beeindruckenden Umgebung. Und die Pflegerinnen verdienen gutes Geld für sich und ihre Familien, die meist auch noch Eltern und Großeltern umfassen. Ich gehe davon aus, dass so was Schule machen wird. Und statt in einem tristen Pflegeheim mit überforderten und unterbezahlten Pflegern hoffe ich, die letzten Tage in Asien oder sons two zu verbringen.
4. Im- und Export
genesys, 06.08.2011
Wir exportieren Waren und nunmehr auch Menschen. Damit sie, die Menschen, auf der anderen Seite der Welt etwas erleben, dass es hier kaum noch gibt: Menschlichkeit.
5. .
Haio Forler 06.08.2011
Zitat von sysopLiebe, Zärtlichkeit, Respekt: Was Demenzkranke brauchen, bekommen sie*in Deutschland*oft nicht, weil das Geld fehlt.*Deshalb hat ein Schweizer in Thailand ein Pflegeheim eröffnet. Das Interesse ist groß. Doch darf man*Angehörige*in die Fremde*abschieben? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,773044,00.html
"Abschieben"? Bitte schiebt mich ab! Jetzt und hier! Das Konzept ist eine win-win-Situation für beide Seiten, die Pflegekräfte und die zu Behandelnden. Besser Palmen als Dackelclub. Nix wie weg.
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Morbus Alzheimer

Die Alzheimer-Krankheit wird auch Morbus Alzheimer oder Demenz vom Alzheimer-Typ genannt. Der bayerische Nervenarzt Alois Alzheimer beschrieb die Erkrankung erstmals 1906 anhand von Beobachtungen an seiner 51-jährigen Patientin Auguste Deter, die fünf Jahre lang unter schwerem Gedächtnisverlust und paranoiden Wahnzuständen gelitten hatte, bevor sie starb. Bei der Analyse ihres Gehirns fand Alzheimer steinharte Ablagerungen, die sogenannten Plaques und Fibrillen.

Die langsam fortschreitende Erkrankung ist neurodegenerativ, d.h in bestimmten Gehirnbereichen wie dem Hippokampus, den motorischen Arealen und dem Hirnstamm, gehen die Nervenzellen allmählich zugrunde. Die durchschnittliche Krankheitsdauer liegt zwischen sechs und acht Jahren, in Ausnahmefällen zwischen einem und 15 Jahren. Im Verlauf kann es zu Jahre anhaltenden Plateauphasen kommen, während derer sich der Patient stabil auf dem erreichten Niveau hält.

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