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Demmin in Meck-Pomm Hauptstadt der Arbeitslosen

Fotostrecke: Impressionen und Depressionen aus Demmin
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2. Teil: "Woher soll man seinen Optimismus denn nehmen?"

Wer die Kraft hat, geht. Zurück bleiben die Alten und Verbitterten. Auf dem Wochenmarkt mit seinem Bücher- und Kleiderantiquariat schleudern einem die Senioren Sätze entgegen wie "Nichts ist gut in Demmin".

Die Vertreter der Verlierer-Generation der Einheit erzählen mit brüchiger Stimme, wie einst Auswärtige schwärmten, Demmin sei die schönste Stadt, die es gebe. Und als wäre es noch immer ein Geheimtipp, flüstern sie hinter vorgehaltener Hand, dass es Demminer Bier wegen seines guten Rufs nur unter der Ladentheke gebe. Dabei ist die Brauerei längst Geschichte.

Der Schleier aus Trauer und Frust, der sich über die Region gelegt hat, will sich einfach nicht verziehen. Dabei geht es Demmin so gut wie lange nicht mehr. 2004 lag die offizielle Arbeitslosenquote noch bei weit über 30 Prozent. Inoffiziell war damals wohl mehr als jeder Zweite ohne Job. Seitdem haben sich die Werte halbiert.

Die Wirtschaftskrise blieb ohne Folgen. Aber echte Freude spürt kaum jemand darüber. Selbst Christina Felgenhauer von der Arge sagt trocken: "Wo nichts ist, kann auch nichts wegfallen." Dass die Arbeitslosigkeit sinke, habe nur zu einem Drittel mit echter Integration in den Arbeitsmarkt zu tun. Der Rest gehe auf Abwanderung und die demografische Entwicklung zurück.

Felgenhauer hat eh andere Sorgen. Im nächsten Jahr will die Regierung die Mittel für den öffentlich geförderten Arbeitsmarkt drastisch kürzen. Viele der 2000 Demminer, die jetzt noch in staatlicher Beschäftigungstherapie sind, muss sie dann nach Hause schicken. Felgenhauer sagt: "Ich würde ja gerne etwas Positives sehen, aber woher soll man seinen Optimismus denn nehmen?"

"Ich kann keine 1000 Bewerbungen gebrauchen"

Selbst da, wo es konstruktive Ansätze gibt, siegt am Ende das Negative. So wie beim Vorzeige-Industriebetrieb, einem Maschinenbauer, der sogar Kunden in China hat. Aber eine Besichtigung? Nein! "Um Gottes Willen, schreiben Sie nicht über uns! Wir sind die einzige Firma im Umkreis von 50 Kilometern, bei der man mit richtiger Arbeit Geld verdienen kann. Ich kann keine 1000 Bewerbungen gebrauchen", sagt der Leiter. Und tschüs.

Wer als Abiturient oder fitter Realschüler so etwas hört, den hält auch keine Heimatverbundenheit. Viele Firmen können offene Stellen nicht mehr besetzen, da die verbliebenen Bewerber oft nicht rechnen können oder keine Lust auf Schichtarbeit haben.

Dabei kann man es selbst im Landkreis Demmin schaffen. Auch Elena Schick hat das anfangs nicht geglaubt. Vor acht Jahren kam die heute 38-Jährige aus Kasachstan - mit Mann, Kind und zwei Taschen. Sie hat seitdem aus ihrer Plattenbauwohnung ein Museum für die Farbe Rot gemacht, Deutsch gelernt, in der Kita als ein Ein-Euro-Kraft gejobbt und sich weitergebildet. Nun arbeitet sie als Kindergärtnerin. Ihr Mann hat Lehramt studiert und steht kurz vor dem Referendariat.

Heute muss sie, die Zugezogene, die neidischen Blicke der Einheimischen ertragen. Hinter ihrem Rücken erzählen sie sich, Schick habe eh nur Glück gehabt. So etwas kränkt die stolze Frau, sie sucht fast eine Minute nach einem Satz, mit dem sie die Lästerer nicht verletzt: "Wer will, der schafft es auch hier. Ich war fleißig, man darf sich nicht gehenlassen."

"Die Zigarette gilt bei uns als das Mallorca des kleinen Mannes"

Es gehört zum Demminer Drama, dass Hartz IV hier ein halbwegs vernünftiges Auskommen sichert. Im Discounter-Dreieck in der Nähe des Marktplatzes kostet die Flasche Schnaps gerade einmal 3,99 Euro. "Die Zigarette gilt bei uns als das Mallorca des kleinen Mannes", sagt Siegfried Konieczny.

Er ist nicht irgendwer, sondern seit zwei Jahren Landrat der Linken in der einstigen CDU-Hochburg. Seine Vorgänger wurden wegen Affären suspendiert oder von der Landesregierung in die vorpommersche Pampa entsorgt. Nicht die besten Voraussetzungen für, nun ja, einen Aufbruch.

Konieczny sitzt in seinem dunklen Büro, die Bücherregale sind fast leer, nur ein paar VHS-Kassetten ("Unterwegs im Demminer Land") stehen darin. 51 Jahre alt, sieht er mit seinem Überallbart so aus wie zu Wendezeiten die DDR-Pfarrer. "Aufbruch" zählt nicht zu seinem Wortschatz, er sieht seine Aufgabe so: "Ich muss dafür sorgen, dass nicht auch noch der letzte Lebensmut abhandenkommt."

Mutmacher Konieczny hat ein paar Quasi-Superlative seines gebeutelten Reichs zusammengetragen, die er an seiner rechten Hand aufzählt: eine gigantische Mülldeponie zum Beispiel, die älteste Eiche Europas und eine der größten In-Discotheken Mecklenburg-Vorpommerns.

Pläne jenseits von Müll und Party hat Konieczny auch. Er preist mit der anderen Hand die Wald- und Wasserflächen der Region als "Amazonas des Nordens" und schwärmt vom Ausbau Demmins zum "Florida Deutschlands". Touristen und Rentner sollen hier ihren Urlaub und Lebensabend verbringen, Hotels und Altenheime entstehen.

Aber glaubt er wirklich, dass sich mit Kanus und Gehwagen ausreichend Jobs schaffen lassen? Er unterdrückt das Lachen: "Nein, aber es ist doch besser als nichts." Konieczny darf das als Politiker natürlich nicht so klar sagen, aber es geht ihm nicht darum, den Negativtrend umzukehren. Er will vielmehr den Abstieg bremsen, eine Art Abwärtsspirale light schaffen. Sein ehrlicher Slogan bei der nächsten Wahl könnte lauten: "Niedergang gestalten."

Wer zuvor im Demminer Rathaus den Vizebürgermeister und den Chef der Wirtschaftsförderung gesprochen und deren Lethargie überlebt hat, für den wirkt Konieczny wie ein pragmatisch-positiver Politiker, der noch ausreichend Energiereserven hat, um überhaupt so etwas wie Ideen zu entwickeln.

Und der realistisch genug ist, Erfolg nur noch relativ zu definieren - und nicht mehr absolut: In den vergangenen zehn Jahren ging die Bevölkerung um 1000 Einwohner pro Jahr zurück. Da wäre es doch schön, wenn es künftig nur noch 500 jährlich wären.

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insgesamt 136 Beiträge
DJ Doena 25.10.2010
Manchmal muss man auch einfach aufgeben und woanders neu anfangen. Hätte sich das Ganze vor 200 Jahren abgespielt, gäbe es den Ort bereits nicht mehr, weil alle abgewandert wären. Sozialsysteme sind eben Fluch und Segen [...]
Manchmal muss man auch einfach aufgeben und woanders neu anfangen. Hätte sich das Ganze vor 200 Jahren abgespielt, gäbe es den Ort bereits nicht mehr, weil alle abgewandert wären. Sozialsysteme sind eben Fluch und Segen zugleich. Segen, weil diese Menschen nicht verhungern müssen, nur weil sie keine Arbeit haben. Fluch, weil sie solche Orte überhaupt am Leben erhalten. Eigentlich müsste die Stadt ein "Ghost Town" sein.
shaim74 25.10.2010
...und das ganze ohne türken, moslems und integrations bla bla bla.. ist das denn möglich?
Zitat von sysopDeutschland feiert den Aufschwung. Nicht in Demmin. Nirgendwo ist die Arbeitslosigkeit so hoch wie in dem mecklenburgischen Landkreis. Wer kann, geht in den Westen, wer bleibt, erlebt den täglichen Niedergang. Ein Besuch in der Hartz-IV-Hauptstadt, deren Puls immer langsamer schlägt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,724044,00.html
...und das ganze ohne türken, moslems und integrations bla bla bla.. ist das denn möglich?
Michael Giertz 25.10.2010
Fluch ist eigentlich eher die mieserable Wirtschaftspolitik. Es müssten gar nicht so viele Menschen am sozialen Trop hängen, würden nicht massenweise Billigjobs geschaffen statt richtiger Arbeitsplätze, würden vorhandene [...]
Zitat von DJ DoenaManchmal muss man auch einfach aufgeben und woanders neu anfangen. Hätte sich das Ganze vor 200 Jahren abgespielt, gäbe es den Ort bereits nicht mehr, weil alle abgewandert wären. Sozialsysteme sind eben Fluch und Segen zugleich. Segen, weil diese Menschen nicht verhungern müssen, nur weil sie keine Arbeit haben. Fluch, weil sie solche Orte überhaupt am Leben erhalten. Eigentlich müsste die Stadt ein "Ghost Town" sein.
Fluch ist eigentlich eher die mieserable Wirtschaftspolitik. Es müssten gar nicht so viele Menschen am sozialen Trop hängen, würden nicht massenweise Billigjobs geschaffen statt richtiger Arbeitsplätze, würden vorhandene Infrastrukturen genutzt und würden sich endlich auch mal Unternehmen in strukturschwächeren Regionen ansiedeln. Auf dem Gebiet der NBL gibt es, ich bin übrigens Exil-Sachse, keinen gesund gewachsenen Mittelstand. Höchstes "Westimporte", die da die Märkte besetzen und vielleicht gnädigerweise Ostdeutsche einstellen - aber willkommener, besonders in den Grenzregionen, sind Polen, die für weniger arbeiten. Große Unternehmen, die durch ihre Anwesenheit zum Beispiel Zulieferunternehmen mit großziehen gibt es kaum, nur in Sachsen gibt es überhaupt sowas ähnliches. Und auch nur, weil Sachsen auch schon in der DDR ein Industriestandort war, MeckPom war dagegen schon immer ländlich geprägt. Worauf ich hinaus will: MeckPom, Brandenburg, Nordsachen, Sachsen-Anhalt & Thüringen, das sind alles Bundesländer bzw Regionen, die defakto ausbluten. Nicht nur, weil nicht die Blutung gestoppt wird, sondern auch, weil man nichts tut, um die Leute zurückzuholen. Ich würde gern nach Dresden zurückkehren irgendwann - wenn ich dort nicht ewig in der Arbeitslosigkeit oder mies bezahlten Jobs rumhängen müsste. Meine Heimat ist meine Heimat und ich will da zurück, aber nicht unter den gegebenen Umständen. Und so geht es sicher noch anderen "Exil-Ossis" ... Der Mensch ist sesshaft. Und sollte es auch bleiben.
hook123 25.10.2010
*"Der Aufschwung kommt bei den Menschen an!"*
Zitat von sysopDeutschland feiert den Aufschwung. Nicht in Demmin. Nirgendwo ist die Arbeitslosigkeit so hoch wie in dem mecklenburgischen Landkreis. Wer kann, geht in den Westen, wer bleibt, erlebt den täglichen Niedergang. Ein Besuch in der Hartz-IV-Hauptstadt, deren Puls immer langsamer schlägt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,724044,00.html
*"Der Aufschwung kommt bei den Menschen an!"*
pax 25.10.2010
Sie greifen da zu hoch. In Demmin würde man sich schon über massenweise Billigjobs freuen. Sie prangern hier einen Missstand an, der schon dermaßen weit in der Realität unterboten wird, dass er relativ dazu schon ein [...]
Zitat von Michael GiertzFluch ist eigentlich eher die mieserable Wirtschaftspolitik. Es müssten gar nicht so viele Menschen am sozialen Trop hängen, würden nicht massenweise Billigjobs geschaffen statt richtiger Arbeitsplätze, würden vorhandene Infrastrukturen genutzt und würden sich endlich auch mal Unternehmen in strukturschwächeren Regionen ansiedeln.
Sie greifen da zu hoch. In Demmin würde man sich schon über massenweise Billigjobs freuen. Sie prangern hier einen Missstand an, der schon dermaßen weit in der Realität unterboten wird, dass er relativ dazu schon ein Paradies darstellt.
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Die Säulen des Sozialsystems
Jeder Arbeitnehmer in Deutschland ist Pflichtmitglied der Arbeitslosenversicherung. Die Hauptleistung der Versicherung ist das Arbeitslosengeld I (ALG I), das einen Teil des ehemaligen Nettoeinkommens ersetzt und bis zu ein Jahr nach Verlust einer Stelle gezahlt wird. Für ältere Arbeitslose gelten Ausnahmen. Läuft die Zahlung des ALG I aus, ohne dass eine neue Stelle gefunden wurde, wird anschließend Arbeitslosengeld II (ALG II) gezahlt. Das Instrument - auch bekannt als Hartz IV - wurde im Jahr 2005 geschaffen, als die ehemalige Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammengelegt wurden. Der Beitragssatz zur Arbeitslosenversicherung beträgt derzeit 3,0 Prozent des Bruttolohns. Arbeitgeber zahlen diesen Satz auch für jeden Beschäftigten.





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