Von Sven Böll
Wer die Kraft hat, geht. Zurück bleiben die Alten und Verbitterten. Auf dem Wochenmarkt mit seinem Bücher- und Kleiderantiquariat schleudern einem die Senioren Sätze entgegen wie "Nichts ist gut in Demmin".
Die Vertreter der Verlierer-Generation der Einheit erzählen mit brüchiger Stimme, wie einst Auswärtige schwärmten, Demmin sei die schönste Stadt, die es gebe. Und als wäre es noch immer ein Geheimtipp, flüstern sie hinter vorgehaltener Hand, dass es Demminer Bier wegen seines guten Rufs nur unter der Ladentheke gebe. Dabei ist die Brauerei längst Geschichte.
Die Wirtschaftskrise blieb ohne Folgen. Aber echte Freude spürt kaum jemand darüber. Selbst Christina Felgenhauer von der Arge sagt trocken: "Wo nichts ist, kann auch nichts wegfallen." Dass die Arbeitslosigkeit sinke, habe nur zu einem Drittel mit echter Integration in den Arbeitsmarkt zu tun. Der Rest gehe auf Abwanderung und die demografische Entwicklung zurück.
Felgenhauer hat eh andere Sorgen. Im nächsten Jahr will die Regierung die Mittel für den öffentlich geförderten Arbeitsmarkt drastisch kürzen. Viele der 2000 Demminer, die jetzt noch in staatlicher Beschäftigungstherapie sind, muss sie dann nach Hause schicken. Felgenhauer sagt: "Ich würde ja gerne etwas Positives sehen, aber woher soll man seinen Optimismus denn nehmen?"
"Ich kann keine 1000 Bewerbungen gebrauchen"
Selbst da, wo es konstruktive Ansätze gibt, siegt am Ende das Negative. So wie beim Vorzeige-Industriebetrieb, einem Maschinenbauer, der sogar Kunden in China hat. Aber eine Besichtigung? Nein! "Um Gottes Willen, schreiben Sie nicht über uns! Wir sind die einzige Firma im Umkreis von 50 Kilometern, bei der man mit richtiger Arbeit Geld verdienen kann. Ich kann keine 1000 Bewerbungen gebrauchen", sagt der Leiter. Und tschüs.
Wer als Abiturient oder fitter Realschüler so etwas hört, den hält auch keine Heimatverbundenheit. Viele Firmen können offene Stellen nicht mehr besetzen, da die verbliebenen Bewerber oft nicht rechnen können oder keine Lust auf Schichtarbeit haben.
Heute muss sie, die Zugezogene, die neidischen Blicke der Einheimischen ertragen. Hinter ihrem Rücken erzählen sie sich, Schick habe eh nur Glück gehabt. So etwas kränkt die stolze Frau, sie sucht fast eine Minute nach einem Satz, mit dem sie die Lästerer nicht verletzt: "Wer will, der schafft es auch hier. Ich war fleißig, man darf sich nicht gehenlassen."
"Die Zigarette gilt bei uns als das Mallorca des kleinen Mannes"
Es gehört zum Demminer Drama, dass Hartz IV hier ein halbwegs vernünftiges Auskommen sichert. Im Discounter-Dreieck in der Nähe des Marktplatzes kostet die Flasche Schnaps gerade einmal 3,99 Euro. "Die Zigarette gilt bei uns als das Mallorca des kleinen Mannes", sagt Siegfried Konieczny.
Er ist nicht irgendwer, sondern seit zwei Jahren Landrat der Linken in der einstigen CDU-Hochburg. Seine Vorgänger wurden wegen Affären suspendiert oder von der Landesregierung in die vorpommersche Pampa entsorgt. Nicht die besten Voraussetzungen für, nun ja, einen Aufbruch.
Konieczny sitzt in seinem dunklen Büro, die Bücherregale sind fast leer, nur ein paar VHS-Kassetten ("Unterwegs im Demminer Land") stehen darin. 51 Jahre alt, sieht er mit seinem Überallbart so aus wie zu Wendezeiten die DDR-Pfarrer. "Aufbruch" zählt nicht zu seinem Wortschatz, er sieht seine Aufgabe so: "Ich muss dafür sorgen, dass nicht auch noch der letzte Lebensmut abhandenkommt."
Pläne jenseits von Müll und Party hat Konieczny auch. Er preist mit der anderen Hand die Wald- und Wasserflächen der Region als "Amazonas des Nordens" und schwärmt vom Ausbau Demmins zum "Florida Deutschlands". Touristen und Rentner sollen hier ihren Urlaub und Lebensabend verbringen, Hotels und Altenheime entstehen.
Aber glaubt er wirklich, dass sich mit Kanus und Gehwagen ausreichend Jobs schaffen lassen? Er unterdrückt das Lachen: "Nein, aber es ist doch besser als nichts." Konieczny darf das als Politiker natürlich nicht so klar sagen, aber es geht ihm nicht darum, den Negativtrend umzukehren. Er will vielmehr den Abstieg bremsen, eine Art Abwärtsspirale light schaffen. Sein ehrlicher Slogan bei der nächsten Wahl könnte lauten: "Niedergang gestalten."
Wer zuvor im Demminer Rathaus den Vizebürgermeister und den Chef der Wirtschaftsförderung gesprochen und deren Lethargie überlebt hat, für den wirkt Konieczny wie ein pragmatisch-positiver Politiker, der noch ausreichend Energiereserven hat, um überhaupt so etwas wie Ideen zu entwickeln.
Und der realistisch genug ist, Erfolg nur noch relativ zu definieren - und nicht mehr absolut: In den vergangenen zehn Jahren ging die Bevölkerung um 1000 Einwohner pro Jahr zurück. Da wäre es doch schön, wenn es künftig nur noch 500 jährlich wären.
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