Demmin in Meck-Pomm Hauptstadt der Arbeitslosen

Deutschland feiert den Aufschwung. Nicht in Demmin. Nirgendwo ist die Arbeitslosigkeit so hoch wie in dem Landkreis im Nordosten der Republik. Wer kann, geht in den Westen, wer bleibt, erlebt den täglichen Niedergang. Ein Besuch in der Hartz-IV-Hauptstadt, deren Puls immer langsamer schlägt.

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Stefan Kruse klagt nicht an, er erzählt einen Witz. "Treffen sich zwei Demminer. Der eine antwortet 'Nein' und 'Im Westen'. Was hat der andere gefragt?" Kruse hält kurz inne. Er sagt: "Haste Arbeit? Wo sind die Kinder?"

Kruses Sohn hat ihm noch schnell den Realschulabschluss gezeigt, die Koffer gepackt und die Flucht in den Westen ergriffen. In seiner neuen Heimat baut er gerade ein Haus. Kruse besucht ihn oft, sein Sohn kommt eher selten. "Ich kann es ihm ja nicht mal übelnehmen. Es gibt nichts, das einen jungen Menschen, der halbwegs bei Verstand ist, in Demmin hält", sagt Kruse, 50 Jahre alt, ein kleiner Mann mit kurzem grauen Haar und Schnauzer.

Kruse wohnt seit 40 Jahren hier, seine Frau ist in Demmin geboren, dem Hauptort des gleichnamigen Landkreises mitten im Niemandsland von Mecklenburg-Vorpommern. Für Firmen zu weit weg vom Berliner Speckgürtel. Und nicht nah genug an der Ostsee, um Touristen anzuziehen.

Die Kruses haben sich immer angepasst, im Kommunismus mitgespielt und nach der Wende auf Marktwirtschaft umgeschaltet. Er, Elektriker, machte Karriere im Vertrieb, Firmenwagen inklusive. Seine Frau arbeitete bei der Allianz und legte die Ersparnisse so an, dass der Traum von der Rente mit 55 mit jedem Jahr realistischer wurde.

Doch 2004 warf Kruses Arbeitgeber Leute raus, die Allianz legte Filialen zusammen, auch seine Frau war ihren Job los. Bevor das Leben begann, das seit einigen Jahren Hartz IV heißt, verschaffte sich das Ehepaar einen letzten privaten Konjunkturboom in seiner Plattenbauwohnung. Sofa, Schrankwand, Fernseher - alles neu, alles groß. Nur der DDR-Duft blieb. Jetzt, im Herbst 2010, sitzen die beiden im Wohnzimmer, mit Fleecejacken, dicken Socken - und rauchen die Zigaretten, die sie wie Salzstangen in einem Glas angerichtet haben.

Umschulung, Weiterbildung, ABM, Ein-Euro-Job - Kruse kennt alle verzweifelten Instrumente der Arbeitsmarktpolitik: "Was mir fehlt, ist echte Arbeit." Gerade hat er mal wieder eine befristete Kleinststelle, macht die Abrechnung für ein Volksfest. Sein Frau geht morgens um 5 Uhr im Altenheim putzen. Das Gros ihrer Verdienste wird mit Hartz IV verrechnet, viele Bekannte schütteln verständnislos den Kopf. Doch Kruses wollen sich nicht ganz aufgeben. Den Kampf für einen regulären Job mögen sie längst verloren haben, aber gegen die Erosion ihrer Selbstachtung arbeiten sie noch an.

Kann es sein, dass Menschen wie Kruses nicht zu helfen ist? Wenigstens die Frau, die den sichersten Job hat, müsste darauf eine Antwort haben. Christina Felgenhauer ist Chefin der Arge, sie betreut mit ihren Kollegen die Menschen, die wie Kruses von Hartz IV leben. Also fast jeden fünften Einwohner im Landkreis. Wenn Mecklenburg-Vorpommern das Armenhaus der Republik ist, dann hat Demmin die Souterrain-Wohnung abbekommen.

"Du nicht auch noch!"

Felgenhauer, eine großgewachsene Frau, die ihre Entschlossenheit hinter einer sanften Stimme versteckt, rechnet vor: "Bei uns ernähren 19.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte 14.000 Arbeitslose. Das kann doch nicht funktionieren." Seit 1990 verwaltet sie die Hoffnungslosigkeit. Wenn sie morgens in ihr Büro kommt, sieht Felgenhauer als erstes das Foto eines Segelboots mit der Überschrift: "2010 wird stürmisch. Mit vollen Segeln voraus."

Vor sich hat Felgenhauer zig Akten aus dem Archiv ausgebreitet. Die Zahlen darin verraten, warum sie manchmal gedacht hat, es wäre besser, einfach wegzugehen - so wie ihre Kinder. Nur die "Du nicht auch noch!"-Bitten ihrer Mitarbeiter hielten sie. Seit der Wende musste Felgenhauer Zahlen vermelden, mit denen der Landkreis immer am Ende der Arbeitslosenstatistik stand. Monat für Monat. Demmin ist die Hauptstadt der Peter Kruses, der Menschen, nach deren Arbeitskraft niemand fragt.

Anfangs rief noch regelmäßig jemand aus der Nürnberger Zentrale an und wollte eine Erklärung für das Dauer-Desaster. Felgenhauer gab immer die gleiche Antwort: Demmin war auch zu DDR-Zeiten kein Job-Paradies. Doch die Landwirtschaft gab Tausenden Menschen Arbeit. Und ein paar Kombinate unterhielten Dependancen. Nach der Wende wurden diese als Erstes abgewickelt. Und von zehn Bauern blieb einer übrig. Irgendwann kamen die Anrufe aus Nürnberg nicht mehr.

Aber es kam auch nicht der ersehnte Erlöser, der reiche Investor aus dem Westen. Ob Callcenter oder Freizeitpark, sie hätten alles genommen. Hauptsache Arbeit. Bis heute ist es der größte Subventionscoup, dass der Lebensmittel-Riese Unilever seine Pfanni-Kartoffeln hier verarbeitet und nicht mehr in München.

Die Liste der Enttäuschungen ist länger: Als die Ostseeautobahn gebaut wurde, glaubten Optimisten an eine Zukunft als Logistik-Drehkreuz. Doch die A20 hilft vor allem den Polen, montags schneller in Hamburg und freitags zügiger wieder in Stettin zu sein.

Zuletzt wollte ein Investor mit "Caviar Creator" die weltweit größte Störzucht in Demmin aufbauen. Kaviar statt Kartoffelpüree, das klang nach Glanz, Glamour und Globalisierung. Doch die Firma ging pleite. Das Tor vor dem Firmengelände ist geschlossen, keiner geht ans Telefon. Inzwischen weiß selbst die Stadt nicht mehr, wem all die Fische gehören.

Discounter, Nagelstudios und Sonnenbänke

Das allgemeine Lebensgefühl ist: Wir liegen am Boden, und trotzdem tritt einer nach. Allerdings versuchen auch nur wenige aufzustehen. Dass Demmin einst eine stolze Hansestadt war, davon zeugt heute nur noch das Ortseingangsschild. Wie überall in Ostdeutschland gibt es renovierte Häuser, schicke Bürgersteige, Fahrradwege, die besser in Schuss sind als woanders die Autobahnen.

Aber der letzte Rewe hat gerade zugemacht, nur Discounter, Nagelstudios und Sonnenbänke sind geblieben. Selbst an den Ein-Euro-Shops, die längst geschlossen sind, klebt am Fenster noch "Neueröffnung". Wer die Einwohner fragt, wo man abends schön essen gehen kann, guckt in leere Gesichter. Manches Restaurant macht mangels Gästen um 20.30 Uhr zu.

Es scheint, als seien in Demmin mehr Gehwagen angemeldet als Autos. Seit Mitte der neunziger Jahre ist die Bevölkerung im Landkreis um 20 Prozent auf 80.000 geschrumpft. Jeder vierte Einwohner ist inzwischen älter als 65 Jahre.

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DJ Doena 25.10.2010
1. Ghost Town
Manchmal muss man auch einfach aufgeben und woanders neu anfangen. Hätte sich das Ganze vor 200 Jahren abgespielt, gäbe es den Ort bereits nicht mehr, weil alle abgewandert wären. Sozialsysteme sind eben Fluch und Segen zugleich. Segen, weil diese Menschen nicht verhungern müssen, nur weil sie keine Arbeit haben. Fluch, weil sie solche Orte überhaupt am Leben erhalten. Eigentlich müsste die Stadt ein "Ghost Town" sein.
shaim74, 25.10.2010
2. sowas gibts?
Zitat von sysopDeutschland feiert den Aufschwung. Nicht in Demmin. Nirgendwo ist die Arbeitslosigkeit so hoch wie in dem mecklenburgischen Landkreis. Wer kann, geht in den Westen, wer bleibt, erlebt den täglichen Niedergang. Ein Besuch in der Hartz-IV-Hauptstadt, deren Puls immer langsamer schlägt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,724044,00.html
...und das ganze ohne türken, moslems und integrations bla bla bla.. ist das denn möglich?
Michael Giertz, 25.10.2010
3. Hmmm
Zitat von DJ DoenaManchmal muss man auch einfach aufgeben und woanders neu anfangen. Hätte sich das Ganze vor 200 Jahren abgespielt, gäbe es den Ort bereits nicht mehr, weil alle abgewandert wären. Sozialsysteme sind eben Fluch und Segen zugleich. Segen, weil diese Menschen nicht verhungern müssen, nur weil sie keine Arbeit haben. Fluch, weil sie solche Orte überhaupt am Leben erhalten. Eigentlich müsste die Stadt ein "Ghost Town" sein.
Fluch ist eigentlich eher die mieserable Wirtschaftspolitik. Es müssten gar nicht so viele Menschen am sozialen Trop hängen, würden nicht massenweise Billigjobs geschaffen statt richtiger Arbeitsplätze, würden vorhandene Infrastrukturen genutzt und würden sich endlich auch mal Unternehmen in strukturschwächeren Regionen ansiedeln. Auf dem Gebiet der NBL gibt es, ich bin übrigens Exil-Sachse, keinen gesund gewachsenen Mittelstand. Höchstes "Westimporte", die da die Märkte besetzen und vielleicht gnädigerweise Ostdeutsche einstellen - aber willkommener, besonders in den Grenzregionen, sind Polen, die für weniger arbeiten. Große Unternehmen, die durch ihre Anwesenheit zum Beispiel Zulieferunternehmen mit großziehen gibt es kaum, nur in Sachsen gibt es überhaupt sowas ähnliches. Und auch nur, weil Sachsen auch schon in der DDR ein Industriestandort war, MeckPom war dagegen schon immer ländlich geprägt. Worauf ich hinaus will: MeckPom, Brandenburg, Nordsachen, Sachsen-Anhalt & Thüringen, das sind alles Bundesländer bzw Regionen, die defakto ausbluten. Nicht nur, weil nicht die Blutung gestoppt wird, sondern auch, weil man nichts tut, um die Leute zurückzuholen. Ich würde gern nach Dresden zurückkehren irgendwann - wenn ich dort nicht ewig in der Arbeitslosigkeit oder mies bezahlten Jobs rumhängen müsste. Meine Heimat ist meine Heimat und ich will da zurück, aber nicht unter den gegebenen Umständen. Und so geht es sicher noch anderen "Exil-Ossis" ... Der Mensch ist sesshaft. Und sollte es auch bleiben.
hook123 25.10.2010
4. Frag Merkel!
Zitat von sysopDeutschland feiert den Aufschwung. Nicht in Demmin. Nirgendwo ist die Arbeitslosigkeit so hoch wie in dem mecklenburgischen Landkreis. Wer kann, geht in den Westen, wer bleibt, erlebt den täglichen Niedergang. Ein Besuch in der Hartz-IV-Hauptstadt, deren Puls immer langsamer schlägt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,724044,00.html
*"Der Aufschwung kommt bei den Menschen an!"*
pax, 25.10.2010
5. Relative Missstände
Zitat von Michael GiertzFluch ist eigentlich eher die mieserable Wirtschaftspolitik. Es müssten gar nicht so viele Menschen am sozialen Trop hängen, würden nicht massenweise Billigjobs geschaffen statt richtiger Arbeitsplätze, würden vorhandene Infrastrukturen genutzt und würden sich endlich auch mal Unternehmen in strukturschwächeren Regionen ansiedeln. Auf dem Gebiet der NBL gibt es, ich bin übrigens Exil-Sachse, keinen gesund gewachsenen Mittelstand. Höchstes "Westimporte", die da die Märkte besetzen und vielleicht gnädigerweise Ostdeutsche einstellen - aber willkommener, besonders in den Grenzregionen, sind Polen, die für weniger arbeiten. Große Unternehmen, die durch ihre Anwesenheit zum Beispiel Zulieferunternehmen mit großziehen gibt es kaum, nur in Sachsen gibt es überhaupt sowas ähnliches. Und auch nur, weil Sachsen auch schon in der DDR ein Industriestandort war, MeckPom war dagegen schon immer ländlich geprägt. Worauf ich hinaus will: MeckPom, Brandenburg, Nordsachen, Sachsen-Anhalt & Thüringen, das sind alles Bundesländer bzw Regionen, die defakto ausbluten. Nicht nur, weil nicht die Blutung gestoppt wird, sondern auch, weil man nichts tut, um die Leute zurückzuholen. Ich würde gern nach Dresden zurückkehren irgendwann - wenn ich dort nicht ewig in der Arbeitslosigkeit oder mies bezahlten Jobs rumhängen müsste. Meine Heimat ist meine Heimat und ich will da zurück, aber nicht unter den gegebenen Umständen. Und so geht es sicher noch anderen "Exil-Ossis" ... Der Mensch ist sesshaft. Und sollte es auch bleiben.
Sie greifen da zu hoch. In Demmin würde man sich schon über massenweise Billigjobs freuen. Sie prangern hier einen Missstand an, der schon dermaßen weit in der Realität unterboten wird, dass er relativ dazu schon ein Paradies darstellt.
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