Von Sven Böll
Stefan Kruse klagt nicht an, er erzählt einen Witz. "Treffen sich zwei Demminer. Der eine antwortet 'Nein' und 'Im Westen'. Was hat der andere gefragt?" Kruse hält kurz inne. Er sagt: "Haste Arbeit? Wo sind die Kinder?"
Kruses Sohn hat ihm noch schnell den Realschulabschluss gezeigt, die Koffer gepackt und die Flucht in den Westen ergriffen. In seiner neuen Heimat baut er gerade ein Haus. Kruse besucht ihn oft, sein Sohn kommt eher selten. "Ich kann es ihm ja nicht mal übelnehmen. Es gibt nichts, das einen jungen Menschen, der halbwegs bei Verstand ist, in Demmin hält", sagt Kruse, 50 Jahre alt, ein kleiner Mann mit kurzem grauen Haar und Schnauzer.
Kruse wohnt seit 40 Jahren hier, seine Frau ist in Demmin geboren, dem Hauptort des gleichnamigen Landkreises mitten im Niemandsland von Mecklenburg-Vorpommern. Für Firmen zu weit weg vom Berliner Speckgürtel. Und nicht nah genug an der Ostsee, um Touristen anzuziehen.
Die Kruses haben sich immer angepasst, im Kommunismus mitgespielt und nach der Wende auf Marktwirtschaft umgeschaltet. Er, Elektriker, machte Karriere im Vertrieb, Firmenwagen inklusive. Seine Frau arbeitete bei der Allianz und legte die Ersparnisse so an, dass der Traum von der Rente mit 55 mit jedem Jahr realistischer wurde.
Umschulung, Weiterbildung, ABM, Ein-Euro-Job - Kruse kennt alle verzweifelten Instrumente der Arbeitsmarktpolitik: "Was mir fehlt, ist echte Arbeit." Gerade hat er mal wieder eine befristete Kleinststelle, macht die Abrechnung für ein Volksfest. Sein Frau geht morgens um 5 Uhr im Altenheim putzen. Das Gros ihrer Verdienste wird mit Hartz IV verrechnet, viele Bekannte schütteln verständnislos den Kopf. Doch Kruses wollen sich nicht ganz aufgeben. Den Kampf für einen regulären Job mögen sie längst verloren haben, aber gegen die Erosion ihrer Selbstachtung arbeiten sie noch an.
Kann es sein, dass Menschen wie Kruses nicht zu helfen ist? Wenigstens die Frau, die den sichersten Job hat, müsste darauf eine Antwort haben. Christina Felgenhauer ist Chefin der Arge, sie betreut mit ihren Kollegen die Menschen, die wie Kruses von Hartz IV leben. Also fast jeden fünften Einwohner im Landkreis. Wenn Mecklenburg-Vorpommern das Armenhaus der Republik ist, dann hat Demmin die Souterrain-Wohnung abbekommen.
"Du nicht auch noch!"
Felgenhauer, eine großgewachsene Frau, die ihre Entschlossenheit hinter einer sanften Stimme versteckt, rechnet vor: "Bei uns ernähren 19.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte 14.000 Arbeitslose. Das kann doch nicht funktionieren." Seit 1990 verwaltet sie die Hoffnungslosigkeit. Wenn sie morgens in ihr Büro kommt, sieht Felgenhauer als erstes das Foto eines Segelboots mit der Überschrift: "2010 wird stürmisch. Mit vollen Segeln voraus."
Vor sich hat Felgenhauer zig Akten aus dem Archiv ausgebreitet. Die Zahlen darin verraten, warum sie manchmal gedacht hat, es wäre besser, einfach wegzugehen - so wie ihre Kinder. Nur die "Du nicht auch noch!"-Bitten ihrer Mitarbeiter hielten sie. Seit der Wende musste Felgenhauer Zahlen vermelden, mit denen der Landkreis immer am Ende der Arbeitslosenstatistik stand. Monat für Monat. Demmin ist die Hauptstadt der Peter Kruses, der Menschen, nach deren Arbeitskraft niemand fragt.
Anfangs rief noch regelmäßig jemand aus der Nürnberger Zentrale an und wollte eine Erklärung für das Dauer-Desaster. Felgenhauer gab immer die gleiche Antwort: Demmin war auch zu DDR-Zeiten kein Job-Paradies. Doch die Landwirtschaft gab Tausenden Menschen Arbeit. Und ein paar Kombinate unterhielten Dependancen. Nach der Wende wurden diese als Erstes abgewickelt. Und von zehn Bauern blieb einer übrig. Irgendwann kamen die Anrufe aus Nürnberg nicht mehr.
Die Liste der Enttäuschungen ist länger: Als die Ostseeautobahn gebaut wurde, glaubten Optimisten an eine Zukunft als Logistik-Drehkreuz. Doch die A20 hilft vor allem den Polen, montags schneller in Hamburg und freitags zügiger wieder in Stettin zu sein.
Zuletzt wollte ein Investor mit "Caviar Creator" die weltweit größte Störzucht in Demmin aufbauen. Kaviar statt Kartoffelpüree, das klang nach Glanz, Glamour und Globalisierung. Doch die Firma ging pleite. Das Tor vor dem Firmengelände ist geschlossen, keiner geht ans Telefon. Inzwischen weiß selbst die Stadt nicht mehr, wem all die Fische gehören.
Discounter, Nagelstudios und Sonnenbänke
Das allgemeine Lebensgefühl ist: Wir liegen am Boden, und trotzdem tritt einer nach. Allerdings versuchen auch nur wenige aufzustehen. Dass Demmin einst eine stolze Hansestadt war, davon zeugt heute nur noch das Ortseingangsschild. Wie überall in Ostdeutschland gibt es renovierte Häuser, schicke Bürgersteige, Fahrradwege, die besser in Schuss sind als woanders die Autobahnen.
Aber der letzte Rewe hat gerade zugemacht, nur Discounter, Nagelstudios und Sonnenbänke sind geblieben. Selbst an den Ein-Euro-Shops, die längst geschlossen sind, klebt am Fenster noch "Neueröffnung". Wer die Einwohner fragt, wo man abends schön essen gehen kann, guckt in leere Gesichter. Manches Restaurant macht mangels Gästen um 20.30 Uhr zu.
Es scheint, als seien in Demmin mehr Gehwagen angemeldet als Autos. Seit Mitte der neunziger Jahre ist die Bevölkerung im Landkreis um 20 Prozent auf 80.000 geschrumpft. Jeder vierte Einwohner ist inzwischen älter als 65 Jahre.
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