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Demografie: Die Rente mit 76 wird kommen

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Senior beim Zeitungsaustragen: Einschneidende Veränderungen nötig Zur Großansicht
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Senior beim Zeitungsaustragen: Einschneidende Veränderungen nötig

Die Regierung will die Bürger auf sanfte Art auf die vergreisende Gesellschaft vorbereiten. In Wahrheit werden uns nur radikale Maßnahmen vor der Verarmung bewahren. Aus der Rente mit 67 müsste eigentlich die Rente mit 76 werden.

Großen Themen nähert man sich am besten in sehr kleinen Schritten - in der deutschen Politik ist das eine beliebte Methode. Aufregung vermeiden, Widerstände minimieren, Politik im Schleichgang. Kommende Woche wird das wieder mal zu beobachten sein, wenn der Bundesinnenminister Vertreter des Babyboomer-Jahrgangs 1964 zum "Gedankenaustausch" trifft.

Am Dienstag will Thomas de Maizière unter anderen eine Managerin, einen Handwerksmeister und eine Bundespolizistin empfangen. Vermutlich heißen sie Sabine, Stefan und Kerstin, wie man damals eben seine Kinder so nannte. Worüber werden sie reden? Über die Demografie. Darüber, wie der geburtenstärkste Jahrgang der Nachkriegsgeschichte - knapp 1,4 Millionen Menschen wurden vor 50 Jahren hierzulande geboren - die beginnende Alterung und bevorstehende Schrumpfung der Bevölkerung erlebt. Hübsche Fotos soll es geben, Pressestatements, das Übliche.

Das Event ist Teil der "Demografiestrategie der Bundesregierung", die noch unter Schwarz-Gelb gestartet wurde mit dem erklärten Ziel, "jedem Einzelnen entsprechend seiner Lebenssituation und seines Alters Chancen zu eröffnen, seine Potenziale und Fähigkeiten zu entwickeln und seine Vorstellungen vom Leben zu verwirklichen". Das klingt schön soft und einfühlsam. Im Bericht zur Strategie werden dann auf mehr als 70 Seiten alle möglichen wohlklingenden Maßnahmen aufgezählt: Familien stärken, bessere Arbeit, selbstbestimmtes Leben im Alter, solide Finanzpolitik.

Die Wahrheit ist weniger komfortabel. Wenn die Bundesrepublik den ernsthaften Versuch unternehmen will, sich aus der demografischen Falle zu befreien, dann müssen sich die Deutschen auf zwei ziemlich radikale Veränderungen einstellen:

  • Arbeiten bis ins hohe Alter - die Rente mit 67 müsste zur Rente mit 76 werden;
  • Einwanderung in bislang unbekannter Größenordnung - bis 2050 müssten sich 14 Millionen Ausländer bei uns niederlassen.

Das sagt natürlich kein Politiker, weil es die Bürger verschrecken würde. Gelegentlich tut man sogar das Gegenteil des Notwendigen: So ist sich die schwarz-rote Bundesregierung nicht zu schade, die Rente mit 63 einzuführen. Das hat weder mit Nachhaltigkeit noch mit Gerechtigkeit zu tun, noch passt es zur "Demografiestrategie". Aber angesichts der guten Wirtschaftslage gibt es der Bundeshaushalt momentan nun mal her.

Die demografischen Zahlen allerdings weisen in die Gegenrichtung: Um zu verhindern, dass die Zahl der Beschäftigten in Deutschland ins Bodenlose fällt, gibt es zwei Stellschrauben - die Ausdehnung des Arbeitslebens und die massenhafte Zuwanderung.

Schuften für die Babyboomer?

Die Großväter der Babyboomer gingen um 1970 im Alter von 65 Jahren in Rente und hatten dann noch eine Lebenserwartung von knapp 13 Jahren. Ihre Enkel und Urenkel werden 2030, nach einem meist leichteren und unbeschwerteren Leben, im Alter von 65 eine um zehn Jahre längere Lebenserwartung haben. Warum gehen sie nicht auch zehn Jahre später in Rente? Wäre das nicht gerecht? Sollen etwa die geburtenschwachen jüngeren Jahrgänge für die dann alten Babyboomer schuften?

Bislang ist beschlossen, bis zum Ende des nächsten Jahrzehnts die Rente mit 67 einzuführen. Immerhin. Aber eigentlich müssten wir Kurs auf die Rente mit 76 nehmen. Angesichts sinkender Rentenniveaus und eines im Schnitt besseren Gesundheitszustands werden übrigens künftig viele Menschen länger arbeiten wollen. Denn die Alternative - bei schmalen Bezügen ein Vierteljahrhundert lang darben - ist nicht sonderlich verlockend.

Ob de Maizière darüber beim "Gedankenaustausch" mit Sabine, Stefan oder Kerstin spricht?

Auch was die Zuwanderung angeht, müssten einschneidende Veränderungen her. Vorausberechnungen der Bevölkerungsforscher zeigen an, dass die momentane Immigrationsdynamik lange Zeit anhalten müsste, wenn man die Beschäftigtenzahl dauerhaft stabilisieren will. Derzeit kommen jährlich rund 400.000 mehr Menschen nach Deutschland, als fortziehen. Ein im historischen Vergleich hoher Wert - rund doppelt so hoch wie der Durchschnitt der Jahre 1950 bis 2000.

Die kulturellen Hürden werden höher

Um bis 2050 die Nettozuwanderung bei 400.000 im Jahr zu halten, bedarf es erheblicher Anstrengungen. Insgesamt müssten rund 14 Millionen Menschen einen Platz in dieser Gesellschaft finden. Bislang kommen die Neubürger zu drei Vierteln aus dem übrigen Europa. Die kulturellen Hürden sind entsprechend niedrig, die Integration vergleichsweise leicht. Doch dieses Reservoir wird in wenigen Jahren erschöpft sein: weil die Krise dort irgendwann vorbei sein wird und der Abwanderungsdruck entsprechend abnimmt.

Um den Zielwert von 400.000 zu erreichen, müsste Deutschland eine aktive Einwanderungspolitik betreiben, die in Ländern mit hohen Geburtenraten ansetzt: in Indien beispielsweise oder in Teilen Afrikas, also Ländern mit größerer kultureller Distanz zu uns. Der Integrationsaufwand wäre erheblich. Auf jeden Fall würde eine Einwanderung in dieser Größenordnung die Gesellschaft gründlich verändern.

Sicher, es gibt noch eine weitere Handlungsoption gegen die demografische Falle: die Steigerung der Produktivität. Rasch steigende Einkommen könnten locker eine größere Zahl von Ruheständlern mitfinanzieren. Denkbar, dass die heraufziehende Roboterrevolution solche Produktivitätssprünge ermöglicht. Aber das ist reines Wunschdenken: Der tatsächlich gemessene Produktivitätsfortschritt ist überall im Westen fast zum Erliegen gekommen.

Ein "Gedankenaustausch" über die demografischen Aussichten sollte sich nicht auf das Wünschenswerte beschränken, sondern das Notwendige und das Machbare ins Visier nehmen. Wer sich immer nur in sehr kleinen Schritten voranbewegt und manchmal sogar rückwärts (wie bei der Rente mit 63), der kommt nie ans Ziel.

Die Wirtschaftstermine der Woche

Montag

WASHINGTON - Amerikas weitere Aussichten - Der Internationale Währungsfonds veröffentlicht seinen Bericht über die US-Wirtschaft. Zeitgleich berichten die US-Statistiker über die Industrieproduktion im Mai.

SALVADOR/BRASILIEN - La Ola - Bundeskanzlerin Angela Merkel absolviert Termine am Rande des deutschen WM-Auftakts.

DIENSTAG

Berlin - Gedanken der Babyboomer - Innenminister de Maizière spricht mit ausgewählten 50-Jährigen über deren Haltung zu demografischen Fragen.

Washington/LONDON - Inflation im Anzug? - Während in Europa wieder mal das Deflationsgespenst spukt, gibt es neue Zahlen zum Anstieg der US-amerikanischen und der britischen Verbraucherpreise.

TOKIO - Autoriese unter Druck - Toyota bittet zur Hauptversammlung.

MITTWOCH

ESSEN - "Big T" in Trouble - Fortsetzung des Prozesses vor dem Landgericht Essen gegen den ehemaligen Arcandor-Chef Thomas Middelhoff wegen des Vorwurfs der Untreue

WASHINGTON - Tapering in Action - Der Offenmarktausschusses der US-Notenbank Fed entscheidet über die Rückführung der expansiven Geldpolitik. Chairwoman Janet Yellen berichtet der Presse. Allmählich sei es Zeit für eine schnellere Straffung, meinen die Volkswirte der Commerzbank.

DONNERSTAG

BERLIN - Überschuss-Frage - US-Finanzminister Jacob Lew besucht Deutschland und dürfte sich wieder mal deutlich über den deutschen Leistungsbilanzüberschuss beschweren.

LUXEMBURG - Regierung von Euroland - Eine Woche vor dem EU-Gipfel, bei dem die Regierungschefs sich gegenseitig ihre Wirtschaftspolitik absegnen ("Europäisches Semester"), treffen sich die Finanzminister der Eurozone.

Freitag

Luxemburg - Geldfragen - Treffen der Finanzminister der gesamten EU

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. ja und?
susanne_tatter 15.06.2014
Zitat von sysopDPADie Regierung will die Bürger auf sanfte Art auf die vergreisende Gesellschaft vorbereiten. In Wahrheit werden uns nur radikale Maßnahmen vor der Verarmung bewahren. Aus der Rente mit 67 müsste eigentlich die Rente mit 76 werden. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/demografie-das-rentenalter-wird-steigen-a-975073.html
Die Lebenserwartung steigt stetig, ca. alle vier Jahre um ein Lebensjahr. Was spricht dagegen, das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung zu koppeln? Z.B. 20 Jahre vor der durchschnittlichen Lebenserwartung eines Jahrganges.
2. Soviel zur Generationengerechtigkeit
Diskutierender 15.06.2014
Zitat von sysopDPADie Regierung will die Bürger auf sanfte Art auf die vergreisende Gesellschaft vorbereiten. In Wahrheit werden uns nur radikale Maßnahmen vor der Verarmung bewahren. Aus der Rente mit 67 müsste eigentlich die Rente mit 76 werden. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/demografie-das-rentenalter-wird-steigen-a-975073.html
Zitat aus dem Artikel: "Die Großväter der Babyboomer gingen um 1970 im Alter von 65 Jahren in Rente und hatten dann noch eine Lebenserwartung von knapp 13 Jahren. Ihre Enkel und Urenkel werden 2030, nach einem meist leichteren und unbeschwerteren Leben, im Alter von 65 eine um zehn Jahre längere Lebenserwartung haben. Warum gehen sie nicht auch zehn Jahre später in Rente? Wäre das nicht gerecht? Sollen etwa die geburtenschwachen jüngeren Jahrgänge für die dann alten Babyboomer schuften?" Und genau diese Generation darf dann teilweise mit 63 Jahren in Rente gehen, während ich selbst definitiv bis 67 arbeiten darf, weil ich studiert habe - soviel zur Generationengerechtigkeit, dass ich den heutigen Alten Ansprüche finanzieren muss, die ich selbst nicht haben werde, wenn ich einmal alt werde. Was das Rentenpaket der Bundesregierung angeht, so kann ich nur jedem jungen und gut qualifizierten Menschen raten, dieses Land zu verlassen. Sollen die egoistischen Babyboomer doch einmal schauen, wer ihre überzogenen Ansprüche dann bezahlt. Übrigens ist es gar nicht so schlimm ins Ausland zu gehen. Ich hätte mir das nie vorstellen können, aber in der Wirtschaftskrise 2009/10 habe auch ich meinen Job verloren und war fast ein Jahr lang arbeitslos. Am Ende habe ich dann aber einen guten Job in der Schweiz gefunden, wo ich seitdem auch lebe. Inzwischen fühle ich mich dort so wohl, dass ich aktuell nicht im Traum daran denke, nach Deutschland zurückzukehren. Das unsägliche Rentenpaket ist ein weiteres starkes Argument, in der Schweiz zu leben und zu arbeiten. Arbeiten in Deutschland lohnt sich einfach nicht.
3. armselig
pingu67 15.06.2014
Der Mensch hat trotz gestiegener Lebenserwartung nicht länger als bisher Kraft zum Arbeiten. Deswegen werden solche unsinnigen Rufe keinen Sinn haben. Mir machen solche Theorien riesige Angst. Ich arbeitete viel und arbeite viel. Bin aber erst 47 und merke aber jetzt schon, dass die kommenden 20 Jahre bis 67 sehr beschwerlich werden. Die Kraft beginnt schon jetzt weniger zu werden. Die Menschen kraftlos an ihre Schreibtische zu setzen bringt den Betrieben auch nichts.
4.
Join_Me 15.06.2014
Warum schaffen wir die Rente nicht gleich ab? Natürlich muss weiterhin Rentenversicherung bezahlt werden. Wenn wir schon dabei sind können wir die Rentenversicherung auch auf 45% erhöhen, natürlich nur für Arbeitnehmer. Gleichzeitig entbinden wir die Arbeitgeber von ihrem Teil der Rentenversicherung. Jemand der heute schon 47 Jahre gearbeitet hat und im Juli in Rente geht bekommt 1300 € im Monat Rente im Monat. Das ist ein Witz. Bis ich Rente bekomme sind es Stand heute noch etwa 27 Jahre, allerdings hoffe ich das ich vorher schon den Löffel abgegeben habe, damit ich nicht in Altersarmut versinke. Ich verdiene ganz gut und lege monatlich Geld weg, aber davon kann man im Alter doch nicht leben, selbst wenn man in seiner Eigentumswohnung lebt.
5. Leicht gesagt...
anonguest 15.06.2014
Für eine Professor. Da ist der einzige Chef der liebe Gott und wenn man mal nicht so gut bei Laune ist, macht halt der Assi die Vorlesung. Was ist mit denen, den der Chef 50 (fünfzig) Stunden die Woche im Nacken sitzt und noch 10 Überstunden extra fordert? Die, die den ganzen Tag in körperlich anspruchsvoller Arbeit schuften? Die, die jeden Tag höchst konzentriert Arbeit verrichten, an der Menschenleben hängt? Und umgekehrt darf man auch nicht vergessen, dass die Automatisierung immer mehr und mehr zunimmt. Es ist doch jetzt schon immer weniger Arbeit im "Mittelfeld" zu haben. Entweder billigste Tagelöhnerarbeit oder High-Tech. Zwischendrin wird's dünn, weil der Roboter das auch alles mittlerweile kann. Bedenkt das der Herr Professor auch oder ist er einfach nur froh, exponentielles Wachstum berechnen zu können?
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Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.


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