Demografie-Studie: Wo die Republik vergreist
Der deutsche Jobmarkt steht vor einem gravierenden Umbruch. In vielen Regionen wird sich die Zahl junger Erwerbstätiger schon in den nächsten fünf Jahren halbieren. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung müssen Firmen viel stärker auf ältere Arbeitnehmer setzen - und höhere Kosten einplanen.
Hamburg - Die Alterung der Gesellschaft verändert den deutschen Arbeitsmarkt fundamental - vor allem im Osten des Landes. Die Zahl der 19- bis 24-Jährigen wird sich in den neuen Bundesländern bis 2015 halbieren, nur Berlin macht laut einer aktuellen Untersuchung eine Ausnahme. Auch im Westen gibt es Regionen, die der demografische Wandel besonders hart trifft - vor allem im Saarland und in Teilen von Rheinland-Pfalz.
Bereits kurzfristig ist ein Einbruch in den Ausbildungsjahrgängen zu erwarten, hat eine Studie der Bertelsmann Stiftung ergeben, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Die Zahl der Arbeitnehmer unter 45 sinkt demnach bis 2025 um rund 4,9 Millionen. Die Gruppe der älteren Erwerbstätigen wächst dagegen um 1,4 Millionen.
Damit findet eine gravierende Verschiebung des Erwerbspersonen-Potentials statt. "Für Unternehmen wird es zunehmend schwierig werden, Arbeitskräfte zu gewinnen", sagt Brigitte Mohn, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung.
Die wichtigsten Ergebnisse der Studie finden Sie in der Fotostrecke oben.
Beispiel Demmin: Die Situation in dem Landkreis in Mecklenburg-Vorpommern zeigt, wie drastisch der demografische Wandel den Osten Deutschlands trifft. Die Zahl der 19- bis 24-Jährigen sinkt dort bis 2015 um 55 Prozent. Während vor drei Jahren noch mehr als 6500 junge Erwerbsfähige in Demmin lebten, werden es neun Jahre später nur noch rund 2900 sein - der Anteil an der Gesamtbevölkerung sinkt von 7,6 auf 3,9 Prozent. Auch Einwohner bis 45 Jahre büßt Demmin ein: 2015 werden es 30 Prozent weniger sein als noch 2006, insgesamt schrumpft die Bevölkerung um knapp zwölf Prozent.
Ähnliche Entwicklung auch im Westen
Grund für den starken Rückgang bei den ganz jungen Erwerbsfähigen ist laut Bertelsmann Stiftung der "Geburtenknick" in den Jahren nach der Wiedervereinigung. Ab Mitte der neunziger Jahre stiegen die Geburtenzahlen wieder. Die Folge: Die Zahl der 19- bis 24-Jährigen nimmt in den Jahren nach 2015 wieder leicht zu.
Obwohl im Osten die Entwicklung extremer ist, stehen auch die alten Bundesländer vor einer ähnlichen Entwicklung. Nur im direkten Umland der Großstädte München, Hamburg und Frankfurt steigt die Zahl der jungen Erwerbstätigen, aber selbst in Köln wird es in 15 Jahren knapp 20 Prozent Unter-25-Jährige weniger geben als noch 2006.
Die Zahlen sind ein Warnsignal für Politiker und Manager: So wie bisher kann es nicht weitergehen. Es werde "immer wichtiger, alle bestmöglich zu qualifizieren", sagt Brigitte Mohn. Dies gelte insbesondere für Kinder und Jugendliche aus schwierigen sozialen Verhältnissen.
"Firmen müssen auf ältere Mitarbeiter setzen"
Doch mit Bildungsreformen allein werde der demografische Wandel nicht zu bewältigen sein: Die Unternehmen müssen sich vielmehr auf älter werdende Belegschaften einstellen, schreiben die Autoren der Studie. "Dazu gehört, einerseits frühzeitig nachhaltige Alterstrukturen aufzubauen und andererseits in die Weiterbildung der älteren Mitarbeiter zu investieren."
"Wir brauchen eine neue Kultur in den Unternehmen", sagt Carsten Große Starmann. Er hat die Studie für die Bertelsmann Stiftung betreut und warnt: "Dass viele Unternehmen weiterhin überwiegend kostengünstigere, junge Arbeitskräfte einstellen, wird langfristig nicht mehr funktionieren. Sie werden zwangsläufig auch auf ältere, das heißt auch teurere Mitarbeiter setzen müssen." Das gelte besonders für kleine und mittelständische Unternehmen, da größere Firmen die Brisanz bereits erkannt und ihre Personalpolitik angepasst hätten.
Denn die Belegschaften würden zwar statistisch altern, heißt es in der Untersuchung. Aber nicht unbedingt in ihrer Leistungsfähigkeit.
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Heft 22/2010:
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