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Demografischer Wandel: Pflegefall Deutschland

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Tagsüber arbeiten, abends die alten Eltern pflegen: Immer mehr Beschäftigte müssen mit dieser enormen Doppelbelastung kämpfen. Unterstützung durch den Chef gibt es selten. Report über ein neues deutsches Phänomen.

Pflegebedürftige: Was sollen Angehörige nach zwei Jahren Teilzeit machen? Zur Großansicht
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Pflegebedürftige: Was sollen Angehörige nach zwei Jahren Teilzeit machen?

Hamburg - Vier Worte waren es, die Sabine Niehages Leben radikal veränderten. Worte, die ihre Mutter im November 2009 an sie richtete. An ihre Tochter, die sie großgezogen hatte. "JETZT BIN ICH DRAN."

Kurz zuvor hatten Ärzte die alte Frau für dement erklärt. Sie hatten der Tochter erklärt, dass ihre Mutter nicht mehr für sich allein sorgen könne, auch nicht allein bleiben dürfe.

An diesem 27. November wusste Sabine Niehage, dass die Tage ihrer Unabhängigkeit gezählt waren.

Die meisten Pflegebedürftigen werden von Angehörigen gepflegt

Sabine Niehage sitzt in einem Café in einer großen deutschen Stadt. Sie will reden. Aber nicht bei sich zu Hause, wo auch ihre Mutter lebt. Wo das Chaos herrscht. Es ist ihr peinlich. Auch ihren wahren Namen will sie nicht öffentlich lesen. Denn die 49-Jährige, die nur hier Sabine Niehage heißt, hat Angst vor dem Unverständnis anderer. Ganz besonders vor ihrem Chef. Den interessieren nur Umsätze und Ergebnisse, sagt sie. Keine traurigen Einzelschicksale.

Auch wenn Niehage es so empfindet: Sie ist keine Einzelkämpferin. Etwa 2,3 Millionen Pflegebedürftige gibt es in Deutschland. Die meisten werden von Angehörigen betreut, meistens Frauen. Mehr als 20 Prozent der Pflegenden gehen noch arbeiten, knapp die Hälfte davon sogar in Vollzeit. Niehage gehört dazu.

Das Problem dabei: Nicht nur Niehages Arbeitgeber, auch die meisten anderen Unternehmen blenden das Phänomen noch völlig aus - obwohl die Zahl der Pflegefälle in Deutschland mit dem demografischen Wandel zunimmt (siehe Grafiken). So soll es schon in zehn Jahren rund drei Millionen Pflegebedürftige geben, hat das Statistische Bundesamt errechnet. Doch während in der Wirtschaft langsam damit begonnen wird, Arbeitnehmern die Verknüpfung der Lebensentwürfe Beruf und Kind zu ermöglichen, wird die Pflegeproblematik immer noch ausgeblendet.

Erschwerend kommt hinzu, dass das Thema auch für viele Angehörige von Pflegebedürftigen ein Tabuthema ist. Wer erzählt schon gern, dass er nach der Büroarbeit die Windeln seines Opas wechseln muss?

Bei der Arbeit verheimlicht sie zunächst ihre Notlage

Die vergangene Nacht muss für Sabine Niehage wieder besonders anstrengend gewesen sein. Ihre Mutter hatte einen schlimmen Hustenanfall. Danach wollte sie nicht mehr schlafen, sondern mit ihrer Tochter plaudern. "Sie hat jedes Gefühl für Raum und Zeit verloren", sagt Niehage. "Ich kann es mir aber nicht leisten, unausgeschlafen bei der Arbeit zu erscheinen."

Niehage ist Bauleiterin bei der Kommune. Sie lässt Parks herrichten, Spielplätze bauen und Sportanlagen gestalten. "Da geht es manchmal um Millionen." Nach der Alzheimer-Diagnose bei ihrer Mutter traute sich Niehage zunächst nicht, den Kollegen davon zu erzählen. "Ich ging morgens normal ins Büro." Alle paar Stunden fuhr sie nach Hause, um nach ihrer Mutter zu sehen. Jedes Mal gab sie vor, irgendein Projekt zu begutachten.

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Demografieschock: Immer mehr Pflegebedürftige
Dann war da noch eine andere bürokratische Hürde: Bei den Kassen kämpfte Niehage dafür, externe Hilfe in Anspruch nehmen zu können, füllte Formulare aus, bettelte regelrecht um Unterstützung. Monatelang geschah - nichts. Dann endlich, mehr als ein halbes Jahr nach dem ersten Formular, gaben die zuständigen Stellen das ersehnte Geld frei. Niehage erfuhr, dass ihre Mutter zur Pflegestufe III gehörte. So konnte sie schließlich eine passende Tagesbetreuung für ihre Mutter finanzieren.

Politiker rufen 2011 zum Jahr der Pflege aus

Endlich hatte Niehage die Kraft, mit ihrem Chef zu sprechen. "Hätte ich es mal lieber nicht getan", sagt sie heute. Ihr Vorgesetzter zeigte kein Verständnis, setzt seiner Mitarbeiterin stattdessen Bewährungsfristen. "Eigentlich hätte ich von ihm nichts anderes erwarten können: Er hat seine eigenen Eltern ohne mit der Wimper zu zucken ins Heim gegeben", sagt Niehage.

Keine Rücksichtnahme des Chefs, langsame Sachbearbeiter - Niehage ist seelisch am Ende. Immerhin kündigt die Politik an, Fälle wie den von Sabine Niehage in Zukunft besser zu regeln. Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) hat 2011 zum Jahr der Pflege ausgerufen. Seine Kabinettskollegin, Familienministerin Kristina Schröder (CDU), machte bereits im vergangenen Jahr Schlagzeilen, als sie das Projekt Pflegeteilzeit ins Leben rief.

Schröders Idee: Bis zu zwei Jahre soll ein berufstätiger Angehöriger halbtags arbeiten können - bei einem Gehalt von 75 Prozent. Danach geht er wieder Vollzeit arbeiten und bekommt weiterhin 75 Prozent des Lohns - bis sich sein Zeitkonto aufgefüllt hat. In der Zwischenzeit soll der pflegende Angehörige die belastende Situation daheim in den Griff bekommen. So die Vorstellung der Ministerin.

Ein 70 Kilo schweres Baby

Experten loben den Vorstoß. Dies sei ein längst überfälliger Schritt, sagt etwa Stefan Görres, Leiter des Instituts für Pflegeforschung in Bremen. "Auch wenn das natürlich nicht reicht, ist das immerhin ein Anfang." Im Schnitt dauert die Betreuungszeit sogar rund acht Jahre. Was also sollen Angehörige nach den zwei Jahren Teilzeit machen? Ihre Lieben doch ins Heim stecken?

Für Sabine Niehage wäre der Ministervorschlag trotzdem keine Hilfe. "Teilzeit kommt für mich nicht in Frage: Dann würde mir mein Chef nur noch schlechte Projekte geben." Sich um die Mutter zu kümmern und gleichzeitig beruflichen Ehrgeiz zu haben, das passe in der heutigen Zeit nicht zusammen. Die Bauleiterin vergleicht sich mit Frauen, die nach ihrer Babypause in Teilzeit zur Arbeit zurückkehren und es danach äußerst schwer haben, beruflich voranzukommen. "Wenn man es so will, habe ich auch ein Baby. Aber es ist 70 Kilo schwer."

Vorschläge aus der Politik allein, befindet auch Experte Görres, können das Problem nicht lösen. "Die Unternehmen stehen in der Pflicht, intelligente Lösungen zu finden", sagt er. "Ihnen bleibt angesichts des sich abzeichnenden Fachkräftemangels auch gar nichts anderes übrig."

Nur wenige Musterbeispiele

Noch scheint der Leidensdruck allerdings nicht groß genug. Bislang tun sich nur wenige Unternehmen mit bemerkenswerten Ansätzen hervor.

Da gibt es das Beispiel Ergo: Die große Versicherungsgruppe bietet ihren pflegenden Mitarbeitern flexible Teilzeitmodelle. Sie hat damit praktisch schon das umgesetzt, was Familienministerin Schröder fordert.

Der Medizinproduktehersteller B. Braun Melsungen richtet seinen Mitarbeitern in besonderen Fällen Telearbeitsplätze ein. So können sie von zu Hause aus arbeiten, sich aber gleichzeitig um ihre Angehörigen kümmern, wenn dringender Bedarf besteht.

Niehage wäre schon froh, wenn sie einige Dienstakten mit nach Hause nehmen könnte. Bisher hat sie sich nicht getraut, danach zu fragen. "Es wird der Tag kommen, an dem Mutter noch intensivere Betreuung braucht, da brauche ich weitere Optionen." Bis dahin hält Niehages Chef ihr regelmäßig vor, dass sie froh sein solle, im Öffentlichen Dienst zu arbeiten. Woanders wäre sie schon gefeuert worden. Niehage sagt: "Er hat ja recht."

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Bob314 14.01.2011
Die Zahlen sind wohl eher mit 1000 als mit hunderttausend zu multiplizieren, denn sonst gäbe es mehr Pflegebedürftige als Einwohner.
2. .
chaoskatze 14.01.2011
Könnte man bitte, bitte einmal aufhören, über MENSCHEN als FÄLLE zu reden/schreiben? Richtiges Deutsch wäre: IM Pflegefall. Der sogenannte "Pflegefall" ist ein MENSCH mit Pflegebedarf, ein Gepflegter, notfalls auch ein Pflege-Bedürftiger. Aber NIE ein PFLEGEFALL. Oder büßt man mit Pflegenotwendigkeit gleich mal sein Menschsein ein und mutiert zur bloßen Ballastexistenz (sic)?
3. x
mmueller60 14.01.2011
Zitat von sysopTagsüber arbeiten, abends die alten Eltern pflegen: Immer mehr Beschäftigte müssen mit dieser enormen Doppelbelastung kämpfen. Unterstützung durch den Chef gibt es oft nicht. Report über ein neues deutsches Phänomen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,738340,00.html
Das ist auch nicht Aufgabe des Chef oder der Unternehmen. Auch wenn es nie langweilig wird, auf die Unternehmer "da oben" zu schimpfen.
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mmueller60 14.01.2011
Zitat von sysopTagsüber arbeiten, abends die alten Eltern pflegen: Immer mehr Beschäftigte müssen mit dieser enormen Doppelbelastung kämpfen. Unterstützung durch den Chef gibt es oft nicht. Report über ein neues deutsches Phänomen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,738340,00.html
Einem Mann wäre das nicht passiert. Hoffentlich gibt es wenige solche Fälle, die heimlich (!) ihr Privatleben über den Job stellen. Ernsthaft, da muß sie sich eben beurlauben lassen. Man braucht auch in Privatdingen Willensstärke und die Fähigkeit zum Priorisieren.
5. x
mmueller60 14.01.2011
---Zitat--- Niehage wäre schon froh, wenn sie einige Dienstakten mit nach Hause nehmen könnte. Bisher hat sie sich nicht getraut, danach zu fragen. ---Zitatende--- Eine Bauleiterin, die sich nicht "zu fragen traut"? Ja spinn ich denn? Und da wundert man sich, wenn die öffentlichen Bauprojekte im Chaos, Nichtplanung und Korruption untergehen?
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Pflegeversicherungsstufen
Pflegeversicherung
Unter dem Sammelbegriff Pflegeversicherung werden die Versicherungen zur finanziellen Vorsorge gegen das Risiko der Pflegebedürftigkeit zusammengefasst. In Deutschland sind alle krankenversicherungspflichtigen Personen pflegeversichert. Träger der Pflegeversicherung sind die Pflegekassen , die organisatorisch zu den gesetzlichen Krankenkassen gehören. Ob und in welchem Maße eine Person pflegebedürftig ist, entscheidet der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) ; er legt auch die Zuordnung in bestimmte Pflegestufen (I-III) fest. Die pauschalierten Geld- und Sachleistungen bzw. die Kosten für Pflegekräfte sind ein Zuschuss zu den Kosten für die Pflege. Die finanzielle Unterstützung ist nach dem Schweregrad der Pflegebedürftigkeit gestaffelt.
Pflegestufe 0
Um die Pflegestufe I zu erreichen, müssen täglich durchschnittlich mindestens 90 Minuten Hilfe geleistet werden, wovon mehr als 45 Minuten auf die Grundpflege der pflegebedürftigen Person entfallen müssen. Benötigt eine Person weniger Hilfe, bzw. sind die genannten Voraussetzungen für die Pflegestufe I nicht erfüllt, spricht man von der "Pflegestufe 0".
In diesem Fall kann einer pflegebedürftigen Person bei der Begutachtung durch den MDK eine "eingeschränkte Alltagskompetenz" bescheinigt werden. Sie berechtigt, bestimmte Zusatzangebote im Umfang von bis zu 2400 Euro pro Jahr in Anspruch zu nehmen. Darüber hinaus kann der MDK auch Menschen ohne Pflegestufe I bescheinigen, dass eine vollstationäre Pflege notwendig ist.
Pflegestufe I
Pflegestufe I (erheblich Pflegebedürftige): Hierunter fallen Personen, die bei der Körperpflege, der Ernährung oder der Mobilität (der sogenannten Grundpflege ) für wenigstens zwei Verrichtungen aus einem oder mehreren Bereichen mindestens einmal täglich Hilfe und zusätzlich mehrfach in der Woche Unterstützung bei der hauswirtschaftlichen Versorgung benötigen. Um die Pflegestufe 1 zu erreichen, müssen regelmäßig und auf Dauer, täglich und durchschnittlich mindestens 90 Minuten Hilfe geleistet werden und davon wiederum mehr als 45 Minuten auf mindestens zwei Verrichtungen der Grundpflege entfallen.
Pflegestufe II
Pflegestufe II (Schwerpflegebedürftige): Hier ist mindestens dreimal täglich zu verschiedenen Tageszeiten Hilfe notwendig und zusätzlich mehrfach in der Woche bei hauswirtschaftlichen Verrichtungen. Der zeitliche Umfang der Hilfe muss täglich durchschnittlich mindestens drei Stunden betragen; mindestens zwei Stunden davon müssen auf die Grundpflege entfallen.
Pflegestufe III
Pflegestufe III (Schwerstpflegebedürftige): Hierzu zählen Personen, die bei der Körperpflege, der Ernährung oder der Mobilität ( Grundpflege ) täglich rund um die Uhr, auch nachts, Hilfe von mindestens fünf Stunden benötigen sowie zusätzlich mehrfach in der Woche Unterstützung bei der hauswirtschaftlichen Versorgung brauchen.

Die Säulen des Sozialsystems
Arbeitslosenversicherung
Jeder Arbeitnehmer in Deutschland ist Pflichtmitglied der Arbeitslosenversicherung. Die Hauptleistung der Versicherung ist das Arbeitslosengeld I (ALG I), das einen Teil des ehemaligen Nettoeinkommens ersetzt und bis zu ein Jahr nach Verlust einer Stelle gezahlt wird. Für ältere Arbeitslose gelten Ausnahmen. Läuft die Zahlung des ALG I aus, ohne dass eine neue Stelle gefunden wurde, wird anschließend Arbeitslosengeld II (ALG II) gezahlt. Das Instrument - auch bekannt als Hartz IV - wurde im Jahr 2005 geschaffen, als die ehemalige Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammengelegt wurden. Der Beitragssatz zur Arbeitslosenversicherung beträgt derzeit 3,0 Prozent des Bruttolohns. Arbeitgeber zahlen diesen Satz auch für jeden Beschäftigten.
Krankenversicherung
Es gibt zwei Arten von Krankenversicherungen - die Gesetzliche (GKV) und die Private (PKV). Rund 90 Prozent der Erwerbstätigen sind in der GKV pflichtversichert. Der Beitragssatz beträgt aktuell 15,5 Prozent für alle Versicherten. Zusätzlich können die Krankenkassen vom Einkommen unabhängige Beiträge erheben. Seit Anfang 2009 fließen alle Beiträge in einen Gesundheitsfonds, aus dem sie an die Kassen verteilt werden. Der Zugang zur PKV steht nur Selbstständigen und Arbeitnehmern oberhalb einer Einkommensgrenze offen.
Rentenversicherung
Die Beiträge werden durch ein Umlageverfahren finanziert, bei dem die Berufstätigen die Leistungen der Rentner zahlen. Anhand der eingezahlten Beiträge wird die künftige Rentenhöhe errechnet. Zurzeit liegt der Beitragssatz bei 19,6 Prozent. Im Januar 2013 sinkt der Beitrag auf 18,9 Prozent. Das gesetzliche Renteneintrittsalter wird derzeit stufenweise von 65 Jahren auf 67 Jahre heraufgesetzt.
Pflegeversicherung
Die Pflegeversicherung ist die jüngste der Sozialversicherungen in Deutschland. Sie ist eine Grundversicherung, die einen Teil der Pflegekosten abdeckt.


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