Firmenbeteiligung: Auch der DGB verdient an Leiharbeit

Von Nicolai Kwasniewski

Zeitarbeit ist in deutschen Unternehmen allgegenwärtig - und wird von den Gewerkschaften zum Teil scharf kritisiert. Der Deutsche Gewerkschaftsbund mischt in dem Geschäft mit einer eigenen Firma mit und zahlt Löhne, die unter dem von DGB-Chef Sommer geforderten Mindestlohn liegen.

Mai-Kundgebung des DGB: Profiteur der Zeitarbeit Zur Großansicht
dapd

Mai-Kundgebung des DGB: Profiteur der Zeitarbeit

Hamburg - Das Angebot ist ganz nach dem Geschmack von Arbeitgebern: "Wir bringen die benötigten MitarbeiterInnen zu Ihnen: Kurzfristig, auf Zeit oder auf Dauer und ohne Risiko!" So wirbt die Weitblick-Personalpartner GmbH auf ihrer Website für ihre Dienste, wie Hunderte andere Firmen auch. Ungewöhnlich ist hier allerdings: Weitblick ist eine Tochterfirma des Berufsfortbildungswerks des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB).

Das Unternehmen mit Hauptsitz in Erkrath und Filialen in Hamburg, Berlin, Frankfurt am Main und Essen bietet Beratung, Personalbeschaffung und auch Arbeitnehmerüberlassung, kurz Zeitarbeit.

Die DGB-Gewerkschaften, allen voran die IG Metall, kritisieren die Zeitarbeit zum Teil heftig. Sie sprechen von Leiharbeit und prekärer Beschäftigung, weil Arbeitnehmer auf Zeit weniger Sicherheiten haben als Festangestellte und häufig auch schlechter bezahlt werden. Erstaunlich also, dass der DGB mit der Vermittlung von Leiharbeitern Geld verdient. Im Jahr 2011 hat Weitblick immerhin einen Gewinn von 850.000 Euro gemacht - mit dem Übertrag aus dem Vorjahr lag der Überschuss sogar bei 3,2 Millionen Euro.

Besonders pikant aber ist die Tatsache, dass die Firma zwar den Gewerkschaften gehört, aber seit dem 1. Mai 2006 unter der Mitgliedsnummer 15608 auch im Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen (iGZ) registriert ist - dem Arbeitgeberverband der Branche. Für den Tarifvertrag in der Zeitarbeitsbranche hat der DGB also quasi mit sich selbst verhandelt.

Die unabhängige Hafenarbeitergewerkschaft Contterm hat auf die DGB-Geschäfte aufmerksam gemacht, Gewerkschaftssekretär Sascha Schomacker spricht von einem Skandal. "Wie können die Einzelgewerkschaften im DGB glaubhaft Tarifverträge mit dem Arbeitgeberverband IGZ aushandeln, wenn der eigene Dachverband mit einer eigenen Firma in ihm vertreten ist", fragt Schomacker.

"Vermeidung von Fehlbesetzung und unnötigen Überstunden"

Der DGB sieht keinen Widerspruch zwischen den gewerkschaftlichen Positionen und der Beteiligung an einer Firma, die Zeitarbeiter vermittelt. Weitblick gründe vor allem Transfergesellschaften für von Arbeitslosigkeit bedrohte Beschäftigte, heißt es auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Nach der Entlassungswelle beim Maschinenbauer Heidelberger Druckmaschinen beispielsweise habe die Firma Hunderten Beschäftigten neue Arbeit verschafft. Einzig am Standort Neunkirchen/Saarland würden heute noch Zeitarbeiter vermittelt.

Tatsächlich bietet die Firma in Neunkirchen noch viel mehr als einfache Arbeitnehmerüberlassung: Für Unternehmen, die "noch mehr Entlastung" wünschen, wirbt Weitblick auf seiner Website, übernehme man "die komplette Steuerung der Arbeitnehmerüberlassung in Ihrem Haus". On-Site-Management heißt das und ist eine Möglichkeit, Arbeit auf Leiharbeiter zu verlagern. Die Weitblick-Saar stellt die Vorteile klar heraus: "Flexible Personalbeschaffung exakt auf die jeweiligen Anforderungen der Abteilung abgestimmt" und "Einsatzplanung und -steuerung der Leiharbeitnehmer zur Vermeidung von Fehlbesetzungen, Überbesetzungen und unnötigen Überstunden".

Der DGB versichert: Ziel sei es, die Zeitarbeit in Neunkirchen "sanft auslaufen zu lassen". Der Gewerkschaftsverband sagt allerdings auch, dass das Ziel derzeit nicht absehbar sei, die 268 Beschäftigten am Standort Neunkirchen "in ein dauerhaftes und gerecht bezahltes Arbeitsverhältnis zu vermitteln". Die wirtschaftliche Situation in der Region ist schwierig, reguläre Arbeitsplätze sind rar.

Trotzdem rekrutiert die Neunkirchener Weitblick-Filiale laut Jobcenter weiterhin Bewerber vom Ingenieur bis zum Kassierer - einige zum derzeit gültigen Tarif der Zeitarbeitsbranche von 8,19 Euro, andere für einen Stundenlohn von 7,89 Euro. Dabei hatte DGB-Chef Michael Sommer erst in der vergangenen Woche auf seiner Neujahrspressekonferenz die Gewerkschaftsforderung nach einem "gesetzlichen flächendeckenden Mindestlohn von 8,50 Euro" bekräftigt.

Auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE heißt es beim DGB, Weitblick zahle einen Zuschlag "in Höhe der Differenz zum Branchentarifvertrag, der für den Entleihbetrieb gilt". Diejenigen, die in Neunkirchen betreut werden, aber zeitweilig keinen Einsatzbetrieb haben, bekommen in dieser Zeit ebenfalls 8,50 Euro - allerdings erst seit diesem Jahr. Vorher waren es - trotz der lautstarken DGB-Forderungen nach einem Mindestlohn - nur 8,19 Euro.

Die Hafengewerkschaft Contterm fordert den DGB auf, den betroffenen Arbeitnehmern den Ausgleich für die vergangenen Jahre nachzuzahlen, so Schomacker. In den aktuellen Stellenausschreibungen ist von dem Zuschlag keine Rede. Aber neue Bewerber sollen ja auch nicht mehr aufgenommen werden.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 90 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Das ist
buntesmeinung 21.01.2013
nicht ganz so neu, dass die Gewerkschaften sich als Interessenvertreter der Arbeitnehmer gerieren, dort aber, wo sie selbst Arbeitgeber sind, ihre hehren Forderungen vergessen. Das gilt natürlich nicht für das gehobene Management. Heuchler allesamt!
2. Nur eine weitere, perverse
zeitmax 21.01.2013
Sauerei in diesem, darin so gesegneten Land...
3. Heuchler
abseitstor 21.01.2013
Zitat von sysopZeitarbeit ist in deutschen Unternehmen allgegenwärtig - und wird von den Gewerkschaften zum Teil scharf kritisiert. Der Deutsche Gewerkschaftsbund mischt in dem Geschäft mit einer eigenen Firma mit und zahlt Löhne, die unter dem von DGB-Chef Sommer geforderten Mindestlohn liegen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund besitzt Leiharbeitsfirma - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/der-deutsche-gewerkschaftsbund-besitzt-leiharbeitsfirma-a-877620.html)
Dass in den Gewerkschafts-Zentralen genau die Verhältnisse herrschen, die beim pösen Kapital angeprangert werden, ist ja schon lange bekannt. Gewerkschafts-Bonzen sind halt vor allem eines: elende Heuchler.
4. Auch der DGB verdient an Leiharbeit
donzdorfer 21.01.2013
Das ist ein Skandal , aber das zeigt das wahre Gesicht der Gewerkschaften, Weshalb brauchen wir sie noch ? Ohne die Gwerkaschafteb geht es auch.
5. optional
aras62 21.01.2013
... soll das eine neue INFO sein?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Staat & Soziales
RSS
alles zum Thema Leiharbeit
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 90 Kommentare
  • Zur Startseite
EU-Beschluss
Arbeitszeit-Richtlinie
Die Höchstarbeitszeit pro Woche beträgt 48 Stunden, durch individuelle Vereinbarung kann es aber auch mehr sein.
Allerdings kann die Bereitschaftszeit in aktive und inaktive Phasen gesplittet werden. Aktive Bereitschaftszeit gilt als Arbeitszeit, inaktive Bereitschaftszeit nicht.
Inaktive Bereitschaftszeit kann als Arbeitszeit berechnet werden, wenn nationale Gesetze dies vorsehen oder die Sozialpartner das vereinbaren.
Eine Arbeitszeit von mehr als 60 Wochenstunden ist nur ausnahmsweise und durch Vereinbarung der Tarifparteien möglich.
Für Beschäftigte, bei denen durch Ausnahmeregelungen die inaktive Bereitschaftszeit als Arbeitszeit gerechnet wird, gilt eine neue Obergrenze von 65 Stunden pro Woche.
Leiharbeitsrichtlinie
Zeitarbeiter sollen grundsätzlich vom ersten Tag an die gleichen Rechte im Betrieb bekommen wie ihre festangestellten Kollegen. Das gilt für Bezahlung, Urlaub und Elternzeit.
Zeitarbeiter müssen auch Kantine, Kindergarten oder Transportmittel der Firma nutzen dürfen. Ausnahmen sind möglich, wenn die Gewerkschaften und Arbeitgeber dies vereinbaren.
In Deutschland gilt bereits der Grundsatz der gleichen Bezahlung und Behandlung von Zeitarbeitern (equal pay). Davon kann aber abgewichen werden, wenn durch Tarifvertrag andere Regelungen vereinbart sind, etwa für die Zeit der Einarbeitung.