Von Stefan Simons und Carsten Volkery, Paris und London
London/Paris - Die Anzeichen verdichten sich, dass Jeroen Dijsselbloem neuer Präsident der Euro-Gruppe wird. Auf die offizielle Verkündung muss der Niederländer zwar noch bis zum nächsten Treffen der Finanzminister am 21. Januar warten. Aber in Brüssel und anderen Hauptstädten der Währungsunion wird der Niederländer bereits offen als designierter Nachfolger des Luxemburgers Jean-Claude Juncker gehandelt.
Am Mittwoch trat der 46-jährige Dijsselbloem zu einem Bewerbungsgespräch beim französischen Finanzminister Pierre Moscovici in Paris an. Die sozialistische Regierung unter Präsident François Hollande hatte bislang noch Vorbehalte gegen den Sozialdemokraten, der daheim in einer Koalition mit den Rechtsliberalen einen harten Sparkurs fährt.
Von dem Gespräch drang nichts nach draußen. Die französische Regierung ist offenbar noch nicht bereit, öffentlich einzuknicken und Dijsselbloems Nominierung offiziell zuzustimmen. Doch Moscovici und Dijsselbloem müssten sich nach Meinung französischer Beobachter eigentlich gut verstanden haben. "Dijsselbloem hat alles, um Moscovici zu gefallen", schrieb die Tageszeitung "La Tribune". "Er ist wie Moscovici ein vernünftiger Mann der Linken." Viel erwarten könne der Franzose von seinem Kollegen aber nicht, resümierte das Blatt. Der Niederländer müsse sich als Euro-Gruppenchef vor allem gegenüber der deutschen Öffentlichkeit und der Bundesregierung beweisen.
Haushaltsfalke und Reformer
Dijsselbloem gehört dem rechten Flügel der niederländischen sozialdemokratischen Partij van de Arbeid an. Er gilt als Reformer und Haushaltsfalke - Qualitäten, die ihm das Wohlwollen der Bundesregierung sichern.
Deutschland besteht darauf, dass der neue Euro-Gruppenchef aus einem Land mit Triple-A-Rating kommt. Das schränkt den Bewerberkreis stark ein: Neben Deutschland besitzen nur noch Luxemburg, Finnland und die Niederlande die Bestnote in Sachen Kreditwürdigkeit. Nachdem Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble am Widerstand aus Paris scheiterte, war Dijsselbloem aus deutscher Sicht der nächstbeste Kandidat. Die niederländische Regierung wird in Berlin als treuester Alliierter in der Euro-Krise gesehen.
Dafür wird auch Dijsselbloems Unerfahrenheit in Kauf genommen. Der jugendlich wirkende Mann mit den dunklen Locken und der randlosen Brille ist ein Neuling auf dem europäischen Parkett. Erst im November war er zum Finanzminister der Niederlande ernannt worden und damit in die erste Reihe der Politik aufgerückt. Zuvor war er als bildungspolitischer Sprecher seiner Partei selbst den meisten Niederländern kein Begriff. Wenn er Schlagzeilen machte, dann mit seiner Kritik an Gewalt in Videospielen.
Unauffälliger Kandidat aus kleinem Land
Der Agrarökonom hat also viel aufzuholen, wenn er nun eins der wichtigsten Ämter im Kampf gegen die Schuldenkrise übertragen bekommt. Seine Unerfahrenheit steht in starkem Kontrast zu dem reichen Erfahrungsschatz seines Vorgängers, des luxemburgischen Premierministers Jean-Claude Juncker, der die Geburt der Gemeinschaftswährung von Beginn an miterlebt hatte.
Die Profillosigkeit muss aber kein Nachteil sein, im Gegenteil. In Europa haben blasse Politiker aus kleinen Ländern erfahrungsgemäß die besten Chancen, zu erfolgreichen Brückenbauern zu werden. Der Belgier Herman Van Rompuy war auch ein unbeschriebenes Blatt, als er 2009 überraschend zum ersten EU-Ratspräsidenten gekürt wurde. Er wurde mit großer Skepsis im Job empfangen, doch erwies sich bald als effizienter Strippenzieher - gerade weil er nicht von vornherein als Anwalt eines Staates oder einer inhaltlichen Position galt.
Dijsselbloem spricht sehr gutes Englisch, seit er in Irland ein einjähriges Masterstudium in Betriebswirtschaftslehre absolviert hat. Ihm wird außerdem nachgesagt, ein guter Zuhörer zu sein. Das ist in der Politik zwar häufig ein vergiftetes Kompliment. An der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton wurden zunächst auch die Zuhörerqualitäten gelobt, bevor man ihr dann Führungsschwäche und Ideenlosigkeit vorwarf.
Doch an der Spitze der Euro-Gruppe ist zweifellos ein ausgleichendes Gemüt gefragt. Schließlich bietet der Posten kaum formale Kompetenzen und lebt vom diplomatischen Geschick seines Inhabers. Deshalb war der Bewerber Schäuble im Kreis seiner europäischen Kollegen auch umstritten. Vertreter der großen Länder stehen immer im Verdacht, ihre nationalen Interessen in den Vordergrund zu stellen. Diesen Vorwurf wird Dijsselbloem sich kaum anhören müssen.
Im Unterschied zum selbstbewussten Juncker, der die Rolle des "Mister Euro" gern als große Bühne nutzte, wird von Dijsselbloem ein zurückhaltendes Auftreten erwartet. Das Beispiel Van Rompuy zeigt jedoch, dass sich dies im Laufe der Zeit ändern kann. Der Belgier agiert inzwischen zunehmend selbstbewusst und setzt auch eigene Akzente - häufig zum Unmut von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Auch Dijsselbloem könnte noch für solche Überraschungen gut sein.
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