Hamburg - Vielleicht haben sie es diesmal übertrieben. Hippe Endzwanziger, wahlweise im Hot-Dog-Kostüm oder halbnackt, die sich anschreien, betrinken und "unheimlich lauten Sex haben" - schnell geschnitten und mit wummerndem Techno unterlegt. Und das als Werbung für einen Bausparvertrag, selbst unter Finanzanlagen ein eher dröges Produkt. Zudem eines, das seine Kunden jahrzehntelang bindet und so gar nicht zu dieser "Generation Vielleicht" passen will, die von Projekten und in komplizierten Beziehungen lebt.
Vielleicht ist der aktuelle Werbespot der Bausparkasse Schwäbisch Hall aber auch nur konsequent: Dass mit der Punchline "Du kaufst keinen Bausparvertrag" ein Bausparvertrag beworben wird, trifft immerhin der Generation liebstes Stilmittel - die Ironie. Man sieht die Schnurrbart- und Wollmützenträger bereits in die Volksbanken strömen und einen der fast 30 Millionen Bausparverträge, die es derzeit in Deutschland gibt, abschließen.
Seit den frühen Tagen der Bundesrepublik wurde der Traum von Eigenheim immer wieder als altmodisch und spießig verlacht - und hat mit seinem Erfolg als des Deutschen liebste Geldanlage doch über jeden seiner Spötter gesiegt.
Am Anfang klang das noch so einfach: Um Millionen Deutsche zu Bausparern zu machen, brauchte es keine überdrehten Werbefilmchen. Da reichte die väterliche Ermahnung von Konrad Adenauers Bauminister Paul Lücke, ein guter Bräutigam möge seiner Braut am Hochzeitstag den Schlüssel fürs gemeinsame Eigenheim überreichen.
Natürlich ging es dabei um mehr als schnöde Wohnungsbaupolitik. Das Reihenhäuschen sollte zum Bollwerk im Kampf der Wirtschaftssysteme werden. Eigenheim gegen Platte, Gurkenbeet gegen Gärtnerische Produktionsgenossenschaft, Heimeligkeit gegen Vermassung. Während "drüben" Trabantenstädte hochgezogen wurden, sollte es sich der Bundesdeutsche auf dem Cocktailsessel im heimischen Wohnzimmer gemütlich machen.
"Wer ein Haus baut, macht keine Revolution"
Die 1952 eingeführte Wohnungsbauprämie wurde so zur vollendeten Symbiose christdemokratischer Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik: Wirtschaftsminister Ludwig Erhard sah eine Gesellschaft von Hauseigentümern aufkeimen, für die ein Sozialismus, der nicht am eigenen Lattenzaun haltmachte, jeden Reiz verlor. Und für Kanzler Adenauer war der gärtnernde Hausbesitzer ohnehin der biedermeierliche Bilderbuchbürger: "Wo Blumen gedeihen, gedeihen auch Kinder; und wo Kinder gedeihen, da gedeiht auch die Kultur und da gedeiht die Freiheit", sprach der Bundeskanzler 1957 - natürlich - auf der Bundesgartenschau. Und überhaupt: "Wer ein Haus baut, macht keine Revolution."
Mit der Machtübernahme Erich Honeckers 1971 öffnete auch die SED-Führung ihre Ohren für die Wohnwünsche ihrer Genossen: Die "Wohnraumeinheiten" in der DDR wurden nun großzügiger geschnitten, die Bäder fast bourgeois (Innen-WC!) und der Parteislogan "Jedem eine Wohnung" verschämt zu "Jedem seine Wohnung" abgewandelt.
Das Eigenheim kämpfte da schon gegen einen neuen Feind: Im studentenbewegten Westen wurde die WG ohne Klotür zur Behausung der Stunde. Der Bausparer war nun die Inkarnation der Piefigkeit der Adenauer-Jahre. Wer nicht zweimal mit der Gleichen pennen durfte, sollte erst recht kein Haus mit ihr bauen. Und weil das Private politisch war, glich die monatliche Einzahlung aufs Bausparkonto einem konterrevolutionären Akt.
Koketterie mit der eigenen Spießigkeit
Die Revolution gegen die herrschenden Wohnverhältnisse währte nur kurz: Die Vorzeige-WG der 68er, die "Kommune I", degenerierte erst zur Hippie-Posse und wurde dann von Rockern kurz und klein geschlagen. Wohngemeinschaften blieben zwar unter Studenten populär, der fertige Studienrat oder Staatsanwalt zog aber lieber in die Doppelhaushälfte im Vorort.
Heute ist der Sieg des Eigenheims so absolut, dass die Koketterie mit der eigenen Spießigkeit ("Papa, wenn ich groß bin...") schon zum Standardrepertoire gehört. Mit dem Ende des Kommunismus wurden alternative Wohnformen unter denen, die sich auch anderes leisten konnten, völlig marginalisiert. Laut einer Umfrage träumen heute fast vier Fünftel der 16- bis 25-Jährigen vom eigenen Haus. "Kaufen oder mieten?" ist eine finanzielle, keine ideologische Frage mehr. Im Herzen oder auf dem Papier: Wir alle sind jetzt Bausparer.
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