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31. März 2017, 18:02 Uhr

BA-Chef über Hartz-IV-Empfänger

"Eine fürsorgliche Belagerung finde ich sinnvoll"

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Der neue Mann an der Spitze der Bundesagentur für Arbeit will sich stärker um Hartz-IV-Empfänger kümmern. Im SPIEGEL erklärt Detlef Scheele, wieso seine Vermittler "den Arbeitslosen und seine Familie öfter sehen" wollen.

Wenn Detlef Scheele am 1. April offiziell sein neues Amt in Nürnberg übernimmt, hat er eine eigene Agenda im Gepäck: "Menschen, die von Hartz-IV-Leistungen leben, brauchen mehr Aufmerksamkeit, als das in den vergangenen Jahren der Fall war. Das sehe ich als meine wichtigste Aufgabe", sagte Scheele im Gespräch mit dem SPIEGEL. Dabei setzt er auch auf sanften Druck: "Wenn man länger aus dem Job raus ist, braucht es manchmal einen Schubs, um zurückzukommen", sagte Scheele. "Unsere Berater und Vermittler müssen den Arbeitslosen und seine Familie öfter sehen."

Versuche der BA hätten gezeigt, dass die Vermittlungszahlen deutlich anstiegen, wenn die Kontaktdichte sich erhöhe. "Eine so verstandene fürsorgliche Belagerung finde ich sinnvoll", sagt Scheele. Wenn mehr Prävention, mehr Anstrengung in der Vermittlung und mehr Qualifizierung nicht helfen würden, könne auch öffentlich geförderte Beschäftigung die Ultima Ratio sein. "Das Schicksal von Arbeitslosigkeit vererbt sich, das bewegt mich sehr", sagte Scheele. "Wir dürfen Eltern nicht zu Hause rumsitzen lassen, weil sie ihrem Nachwuchs vorleben, von Transferleistungen abhängig zu sein." (Lesen Sie hier das ganze Gespräch im neuen SPIEGEL.)

Der Schwerpunkt folgt schon aus Scheeles Biografie. Bevor er vor eineinhalb Jahren als einfaches Mitglied in den Vorstand der BA nach Nürnberg zog, war er Arbeitssenator in Hamburg und Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium. Vor allem aber arbeitete Scheele viele Jahre lang als Geschäftsführer von Bildungs- und Beschäftigungsgesellschaften in Hamburg. "Es wird also künftig etwas arbeitsmarktpolitischer zugehen", sagte Scheele.

Der neue BA-Chef erkennt zwar "Reformbedarf" bei der Agenda 2010, so müsse etwa das Hartz-IV-Regelwerk vereinfacht werden. SPD-Mitglied Scheele spricht sich im SPIEGEL aber gegen eine "Rückabwicklung" der Arbeitsmarktreformen aus: "Davor könnte ich nur warnen." Pläne des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz für ein neues Arbeitslosengeld Q beurteilt Scheele zurückhaltend. Man müsse die Sorgen der Menschen ernst nehmen, "aber das wirksamste Mittel, die Menschen vor dem Abstieg zu schützen, ist doch, sie in Arbeit zu bringen." Das gelte gerade für die 50-Jährigen, die noch 17 Jahre bis zur Rente vor sich hätten. "Da würde ich immer sagen: Vermitteln hat Vorrang", so Scheele.

Schulz hatte vorgeschlagen, die Bezugsdauer des Arbeitslosengelds zu verlängern, wenn die Betroffenen an einer Qualifizierungsmaßnahme teilnehmen. Es sei immer richtig, den Fokus auf die Weiterbildung zu richten, sagte Scheele dazu. "Aber die Aufgabe der Bundesagentur für Arbeit wird immer darin liegen, die Menschen so schnell wie möglich wieder in Arbeit zu bringen. Das ist unsere Priorität."

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