BA-Chef über Hartz-IV-Empfänger "Eine fürsorgliche Belagerung finde ich sinnvoll"

Der neue Mann an der Spitze der Bundesagentur für Arbeit will sich stärker um Hartz-IV-Empfänger kümmern. Im SPIEGEL erklärt Detlef Scheele, wieso seine Vermittler "den Arbeitslosen und seine Familie öfter sehen" wollen.

Neuer Chef der Bundesagentur für Arbeit Detlef Scheele (Archiv)
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Neuer Chef der Bundesagentur für Arbeit Detlef Scheele (Archiv)

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Wenn Detlef Scheele am 1. April offiziell sein neues Amt in Nürnberg übernimmt, hat er eine eigene Agenda im Gepäck: "Menschen, die von Hartz-IV-Leistungen leben, brauchen mehr Aufmerksamkeit, als das in den vergangenen Jahren der Fall war. Das sehe ich als meine wichtigste Aufgabe", sagte Scheele im Gespräch mit dem SPIEGEL. Dabei setzt er auch auf sanften Druck: "Wenn man länger aus dem Job raus ist, braucht es manchmal einen Schubs, um zurückzukommen", sagte Scheele. "Unsere Berater und Vermittler müssen den Arbeitslosen und seine Familie öfter sehen."

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Heft 14/2017
Was der rasante digitale Fortschritt dem Menschen abverlangt

Versuche der BA hätten gezeigt, dass die Vermittlungszahlen deutlich anstiegen, wenn die Kontaktdichte sich erhöhe. "Eine so verstandene fürsorgliche Belagerung finde ich sinnvoll", sagt Scheele. Wenn mehr Prävention, mehr Anstrengung in der Vermittlung und mehr Qualifizierung nicht helfen würden, könne auch öffentlich geförderte Beschäftigung die Ultima Ratio sein. "Das Schicksal von Arbeitslosigkeit vererbt sich, das bewegt mich sehr", sagte Scheele. "Wir dürfen Eltern nicht zu Hause rumsitzen lassen, weil sie ihrem Nachwuchs vorleben, von Transferleistungen abhängig zu sein." (Lesen Sie hier das ganze Gespräch im neuen SPIEGEL.)

Der Schwerpunkt folgt schon aus Scheeles Biografie. Bevor er vor eineinhalb Jahren als einfaches Mitglied in den Vorstand der BA nach Nürnberg zog, war er Arbeitssenator in Hamburg und Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium. Vor allem aber arbeitete Scheele viele Jahre lang als Geschäftsführer von Bildungs- und Beschäftigungsgesellschaften in Hamburg. "Es wird also künftig etwas arbeitsmarktpolitischer zugehen", sagte Scheele.

Der neue BA-Chef erkennt zwar "Reformbedarf" bei der Agenda 2010, so müsse etwa das Hartz-IV-Regelwerk vereinfacht werden. SPD-Mitglied Scheele spricht sich im SPIEGEL aber gegen eine "Rückabwicklung" der Arbeitsmarktreformen aus: "Davor könnte ich nur warnen." Pläne des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz für ein neues Arbeitslosengeld Q beurteilt Scheele zurückhaltend. Man müsse die Sorgen der Menschen ernst nehmen, "aber das wirksamste Mittel, die Menschen vor dem Abstieg zu schützen, ist doch, sie in Arbeit zu bringen." Das gelte gerade für die 50-Jährigen, die noch 17 Jahre bis zur Rente vor sich hätten. "Da würde ich immer sagen: Vermitteln hat Vorrang", so Scheele.

Schulz hatte vorgeschlagen, die Bezugsdauer des Arbeitslosengelds zu verlängern, wenn die Betroffenen an einer Qualifizierungsmaßnahme teilnehmen. Es sei immer richtig, den Fokus auf die Weiterbildung zu richten, sagte Scheele dazu. "Aber die Aufgabe der Bundesagentur für Arbeit wird immer darin liegen, die Menschen so schnell wie möglich wieder in Arbeit zu bringen. Das ist unsere Priorität."

Dieses Thema stammt aus der neuen SPIEGEL-Sonderausgabe zur Bundestagswahl - erhältlich ab Dienstagmorgen und schon heute ab 15 Uhr im digitalen SPIEGEL.

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insgesamt 82 Beiträge
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Seite 1
vleischesser 31.03.2017
1.
Was soll mehr Druck anderes bringen als mehr Frust? Hört sich eher nach neoliberaler Reaktion an als nach humaner sozialdemokratischer Reform.
Isolde_S. 31.03.2017
2. Ein ewig Gestriger als neuer Chef der BA
Was der neue Chef der Bundesagentur für Arbeit Detlef Scheele so von sich gibt - blanker Zynismus aus Sicht der meisten Betroffenen. Aber ich bin mir sicher: Er ist ein Mann von gestern, die Geschichte wird ihn entsorgen; das bedingungslose Grundeinkommen für alle BürgerInnen kommt früher oder später sowieso.
th.diebels 31.03.2017
3. Einfach eine
erbärmliche Aussage !
karl-felix 31.03.2017
4. Na,ja
ist das jetzt als Drohung zu verstehen ? Dann liebe Leute duckt euch . Keine gute Perspektive, der Mann ist SPD Funktionär. Wenn der schon vor der Wahl seinen Chef für zu kulant hält , geraten die Hartzler zwischen die SPD- Mühlsteine. Mein erster Gedanke war : Der Fortschritt ist nicht so groß wie er scheint. In der gesetzlichen Krankenversicherung hatte man das über " Krankenbesucher " geregelt und damit die die Familien und Kranken öfter sahen , den Kranken Anwesenheitspflicht und feste Ausgehzeiten verordnet. Wer dann nach 15 Uhr noch nicht zu Hause war, wurde sanktioniert: 2 Tage Krankengeld-Abzug. Das sollte disziplinieren dass der Kranke mit dem Gipsbein nicht zu lange bei Oma zum Kaffee blieb . In meinen jungen Jahren habe ich das mal einen Sommer lang gemacht. Schäme ich mich heute noch für und vergesse nie , wie es durch das Treppenhaus schallte : " Du arrojanten Hond du ." Die Familie hatte schlicht Hunger und ich gerade die Streichung des Krankengeldes für 3 Tage veranlasst. Die hatten bereits 3 Karenztage in der Vorwoche zu verkraften . Ich war jung und brauchte das Geld und der Mann hatte einen Hexenschuss und sich im Mais " gesonnt " damit die Ernte und die Arbeit eines ganzen Jahres nicht vernichtet wurde. . Der Fortschritt könnte nicht so groß sein , als es scheint . Der Erfolg war meßbar. Genügend Schikane zwang auch den Kränkesten wieder an das Fließband.
freizeitverkaeufer 31.03.2017
5. Eindeutige statt multiple Identität des Empfängers. ...
...wäre viel wichtiger als "fürsorgliche Besuche". Ohne eindeutige Persönlichkeitsmerkmale darf es keine Stütze geben. Sozialmissbrauch ist in Deutschland ein Geschäftsmodell und das nicht nur bei Asylbewerbern.
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