Detroits Insolvenzantrag: Bankrotterklärung eines amerikanischen Traums
Mit allen Mitteln hat die Stadt versucht, das Schlimmste abzuwenden, vergeblich: Detroit ist bankrott. Die legendäre Autobauer-Metropole musste Insolvenz beantragen. Es ist die größte Städtepleite der US-Geschichte - und ein Zeichen, dass die Krise längst nicht vorbei ist.
Fast hätte er es geschafft. Als Ronald King, der Rechtsanwalt der Detroiter Pensionskasse, hörte, dass die Stadt am Donnerstag Konkurs anmelden würde, raste er zum Bezirksgericht. Er wollte diesen Schritt per einstweiliger Verfügung im letzten Moment noch verhindern und die Renten der kommunalen Angestellten retten. Die Uhrzeit seiner Eingabe: 16.11 Uhr.
Detroits Insolvenzantrag, eingereicht vom Zwangsverwalter Kevyn Orr bei einem anderen Gericht, ging dort um 16.06 Uhr ein - und blockierte automatisch alle späteren juristischen Manöver. Fünf Minuten nur: "Dies war zweifellos ein Wettrennen", wütete ein frustrierter King hinterher. "Und ein weiteres Beispiel, wie der Volkswille usurpiert wird."
Auch das jüngste, krasseste Kapitel im Kampf um Detroits Zukunft begann somit im Zank. Seit Monaten stritten die Beteiligten um den richtigen Weg, die marode Auto-Metropole und einst viertgrößte Stadt Amerikas vollends vor dem Untergang zu bewahren. Und seit Monaten übertönte das Drama die Vernunft.
Weshalb nun also das Konkursgericht das Sagen hat. Ein historischer Urknall: Es ist die größte Städtepleite der US-Geschichte, mit Schulden, die zwischen 18,5 und 20 Milliarden Dollar pendeln, keiner weiß es so richtig. "Das hat sich seit 60 Jahren angebahnt", sagte Michigans republikanischer Gouverneur Rick Snyder, der den Insolvenzantrag forciert hat.
Misswirtschaft, Rezession, Autokrise, Bevölkerungsschwund, Steuereinbußen, Kriminalität, Verfall: Am Ende ballten sich, trotz aller privaten Anstrengungen, zu viele Faktoren zur Kettenreaktion - ein Zeichen, dass die Konjunktur landesweit zwar anspringt, doch auf kommunaler Ebene weiter stottert.
Was für ein Absturz. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die "Motor City" Amerikas Boomtown - und eine global verständliche Metapher für die Industriemacht USA. 1950 hatte Detroit 1,8 Millionen Einwohner.
Heute sind es kaum 700.000. Nicht nur die Downtown ist eine geschrumpfte Geisterstadt. Insgesamt stehen rund 78.000 Wohnhäuser und Industrieruinen leer.
Nur eins boomt - die Kriminalität. 2012 erlebte Detroit das fatalste Jahr in vier Dekaden, mit 411 Tötungsdelikten, fast genauso viele wie im zwölfmal größeren New York. Nur 8,7 Prozent aller Kriminalfälle werden gelöst, dank der überforderten, unterfinanzierten Polizei.
Diese erschreckenden Zahlen finden sich in dem Insolvenzantrag, einem 16-seitigen Dokument kommunalpolitischen Scheiterns. "Viele werden dies als den Tiefpunkt in der Geschichte der Stadt sehen", schrieb Snyder in seinem Begleitbrief. "Ich finde, dass es auch die Grundlage für die Zukunft der Stadt wird."
Dabei hatte Zwangsverwalter Orr eigentlich einen sanfteren Ausweg finden sollen. Von Snyder eingesetzt, der damit Bürgermeister David Bing entmachtete, legte Orr im Juni einen schmerzhaften Sanierungsplan vor.
Monatelanger Prozess
Doch die betroffenen Parteien spielten nicht mit. Die zwei Pensionsfonds, denen die Stadt allein 9,2 Milliarden Dollar schuldet, blockierten Orrs Plan vor Gericht. Damit gruben sie sich aber jetzt das eigene Grab.
Was nun? Das Gericht bestimmt einen Konkursrichter, der erst mal entscheiden muss, ob das Insolvenzverfahren tatsächlich vorangeht. Dazu bleiben bis zu 90 Tage Zeit.
Die meisten Rechnungen Detroits laufen bis dahin über das Gericht. Polizei, Feuerwehr und Wasserversorgung bleiben erhalten. Das Verfahren schützt Detroit vor Gläubigerklagen, doch die Einwohner nicht vor den Sparfolgen.
Der gesamte Prozess dürfte Monate dauern. "Meine Hoffnung ist", sagte Synder, "dass wir bis zum Herbst nächsten Jahres durch sind."
Es ist ein Fall mit landesweiten Nachbeben. US-Anleihenmärkte, Gewerkschaften und andere Städte in der Finanzklemme dürften gebannt auf den Ausgang starren. Die bisher teuerste US-Kommunalpleite war Birmingham, die größte Stadt Alabamas, mit vier Milliarden Dollar Schulden. Die größte US-Pleitestadt vor Detroit war das kalifornische Stockton.
Die Krise erinnert an die düsteren siebziger Jahre. Auch da standen viele US-Städte vor dem Kollaps, darunter New York City. Präsident Gerald Ford verweigerte aber staatliche Hilfe - was die New Yorker Boulevardzeitung "Daily News" zur klassischen Schlagzeile inspirierte: "Ford an City: Scher dich zum Teufel."
Déjà-vu: Eine Staatsstütze - wie sie 2008 auch die Autobranche rettete - ist diesmal ebenfalls ausgeschlossen, da absolut nicht durchsetzbar.
Nicht, dass es an Geld fehlte. "Es wäre schön, wenn wir Detroit 18 Milliarden Dollar geben könnten", schreibt der Humorist Andy Borowitz. "Aber die haben wir schon Kabul und Bagdad gegeben."
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