Pleitestadt Detroit: Auferstehung als Bike City

Aus Detroit berichtet

Pleitestadt Detroit: Von der Motor City zur Bike City Fotos
Anne Fritsch

Motor City war gestern, der Niedergang der US-Autobauer trieb die US-Metropole Detroit in den Bankrott. Die industrielle Leere wird nun gefüllt - von Künstlern, Hipstern und Unternehmensgründern. Ausgerechnet Fahrradfirmen bringen neue Arbeitsplätze.

Detroit ist für Autos gebaut: Hier wurde der erste Kilometer Straße auf dem Kontinent geteert, hier fährt man auf Freeways mit 70 Meilen pro Stunde direkt nach Downtown. Nur im Zentrum stehen ein paar Hochhäuser, der Rest der Stadt ist flach: Einfamilienhäuser und niedrige Industriebauten erstrecken sich über das Stadtgebiet und weit darüber hinaus. Es gibt viel Himmel in Motor City.

Gerade einmal 714.000 Menschen leben hier noch, in der Stadt, die in der vergangenen Woche Insolvenz anmeldete. In der euphorischen Autozeit der fünfziger Jahre waren es noch fast zwei Millionen. Die Leere füllen neuerdings Cafés, vegane Restaurants, Künstler, Hipster und Unternehmer. Gerade in den angesagten Stadtteilen Midtown oder Corktown sind neuerdings immer mehr Menschen auf Fahrrädern unterwegs.

Zwar wirken Radfahrer auf den sechsspurigen Straßen der Autostadt noch etwas verloren, aber sie schließen sich zusammen: Regelmäßig treffen sich Hunderte zur Raddemonstration "Critical Mass", zur jährlichen "Tour de Troit" kommen sogar Tausende. Das Wheelhouse im Stadtzentrum verkauft und vermietet nicht nur Fahrräder, sondern es bietet auch geführte Touren durch die zerfallende Stadt an.

Motor City erfindet sich neu - als Bike City

Noch ist das Rad hier vor allem Lifestyle-Objekt, aber die wachsende Begeisterung dafür bringt immer mehr Geschäftsideen hervor. Motor City erfindet sich neu - als Bike City. Vom Fahrradhersteller über den Lieferservice mit Lastenrädern bis zum Taschenproduzenten, vom Entwicklungsbüro für eine Automatikgangschaltung bis zur Fahrradwerkstatt für sozial schwache Jugendliche: In den vergangenen Jahren haben sich Dutzende Unternehmen gegründet. Und jeden Monat werden es mehr.

Hilfe holen sich viele von ihnen im D:hive, einem Informationszentrum mitten in Downtown Detroit. Hier werden Menschen bei der Unternehmensgründung unterstützt. Das gemeinnützig finanzierte Zentrum bietet einen achtwöchigen Gründerkurs an, in dem die Teilnehmer lernen, welche rechtlichen, finanziellen und organisatorischen Hürden sie zu überwinden haben. Jeder könne kommen, sagt April Boyle, die für die Kurse zuständig ist, "es reicht eine Idee". Im vergangenen Jahr brachten die Kurse rund 90 Gründer hervor, in diesem Jahr werden es doppelt so viele sein.

"Detroit braucht Arbeitsplätze", sagt Boyle. "Die Konzerne haben ihre Produktion immer mehr ins Ausland verlagert. Deshalb setzen wir auf kleine Unternehmen." Lokale Unternehmen seien auch viel loyaler und besser in der Stadt verankert.

Qualitätssiegel "Made in Detroit"

Zak Pashak zum Beispiel: Unter dem Label Detroit Bikes will der Kanadier in Detroit bis zu 20.000 Fahrräder pro Jahr produzieren. Den Prototyp hat er ein paar Blocks entfernt vom früheren Wohnhaus Henry Fords designt und zusammengeschraubt: Ein einfaches Fahrrad für jeden, vom täglichen Arbeitspendler bis zum Freizeitradler. Natürlich hat es einen Rahmen aus Stahl - in der Autostadt eine Selbstverständlichkeit.

Das Rad wird tatsächlich in Detroit hergestellt und montiert: Die Stahlrohre von U.S. Steel werden in der neuen Fabrik geschnitten und geformt, der Rahmen von Hand geschweißt. Langfristig sollen neben Gepäckträgern, Kettenschutz und Schutzblechen möglichst viele Teile vor Ort hergestellt werden.

"Arbeit ist billig hier", sagt Pashak. "Die Leute sind gut ausgebildet, viele suchen Jobs". Die Arbeitslosigkeit in Detroit ist hoch, seitdem die Autoindustrie der Stadt den Rücken gekehrt hat. Trotzdem scheint der Plan verrückt: Fast der gesamte Fahrrad-Massenmarkt wird derzeit aus China und Taiwan bedient. "Es wird funktionieren", sagt Pashak. "Das Label 'Made in Detroit' hat eine große Zugkraft. Die Menschen in den USA nehmen Anteil am Niedergang dieser Stadt und wollen helfen."

Auch Chrysler hat den Mythos vom Abstieg und Wiederaufstieg Detroits groß inszeniert: Auf dem teuersten TV-Werbeplatz während der Halbzeit des Superbowl-Finales. In den Spots treten der Rapper Eminem, ein Sohn der Stadt, und Westernlegende Clint Eastwood auf.

Edle Retro-Rahmen und Fahrradtaschen

Während Pashak mit seiner Fahrrad-Massenproduktion an die industrielle Vergangenheit anknüpft, bedienen viele andere Unternehmer die Nischenmärkte: Von Hand fertigt Steven Bock unter dem Namen "Detroit Bicycle Company" edle Retro-Rahmen für Singlespeed-Räder und Fixies. An Bocks Fahrrädern hängen Lenker- und Satteltaschen aus Leder im passenden Design, hergestellt von Marc Bay.

Jahrelang hat Bay Kleidung und Accessoires für Motorradfahrer entwickelt und verkauft. Dann, sagt er, sei ihm klar geworden, dass der motorisierte Lebensstil und die Billigproduktion in Fernost nicht nachhaltig sind. Also gründete Bay neben seinem Job in der Motorradindustrie die Firma Detroit Cargo. Acht Leute, die früher in der Autoindustrie beschäftigt waren, schneiden, nieten und nähen jetzt Fahrradtaschen. Bay hofft, dass er so zum Wandel der Autostadt beiträgt.

Eines unterscheidet die neuen Unternehmer von den alten Konzernen: Die Produkte werden zwar in Detroit produziert, die Zielgruppe sitzt aber nicht in der Stadt. Erst müssen sich die Fahrräder von Zak Pashak, die Rahmen von Steven Bock und die Taschen von Marc Bay im wohlhabenderen Rest der USA und im Ausland verkaufen. Mit den Gewinnen lassen sich dann vor Ort Arbeitsplätze sichern - langfristig der einzige Weg, um Detroit aus der Pleite holen.

Keiner glaubt, dass die vielen Kleinunternehmer das allein schaffen, aber sie könnten den Boden bereiten für eine zweite Blüte der Stadt. Pashak formuliert seinen Traum so: "Wenn wir unser erstes Fahrrad nach China verkaufen, ein Fahrrad, das in den USA hergestellt wird, dann werde ich allen hier einen ausgeben."

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insgesamt 40 Beiträge
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1.
kollerspeter 26.07.2013
Zitat von sysopAnne FritschMotor City war gestern, der Niedergang der US-Autobauer trieb die US-Metropole Detroit in den Bankrott. Die industrielle Leere wird nun gefüllt - von Künstlern, Hipstern und Unternehmensgründern. Ausgerechnet Fahrradfirmen bringen neue Arbeitsplätze. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/detroit-wandelt-sich-von-der-autostadt-zur-fahrradmetropole-a-912873.html
Im September startet meine große US-Tour. Detroit ist fest mit eingeplant. Bin total gespannt!
2. Nicht lange sappeln, jammern und nöhlen...
sappelkopp 26.07.2013
Zitat von sysopAnne FritschMotor City war gestern, der Niedergang der US-Autobauer trieb die US-Metropole Detroit in den Bankrott. Die industrielle Leere wird nun gefüllt - von Künstlern, Hipstern und Unternehmensgründern. Ausgerechnet Fahrradfirmen bringen neue Arbeitsplätze. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/detroit-wandelt-sich-von-der-autostadt-zur-fahrradmetropole-a-912873.html
...sondern anpacken, Ideen entwickeln, etwas unternehmen. Klasse!
3. Es gibt ja kaum etwas schöneres
ratxi 26.07.2013
Zitat von sysopAnne FritschMotor City war gestern, der Niedergang der US-Autobauer trieb die US-Metropole Detroit in den Bankrott. Die industrielle Leere wird nun gefüllt - von Künstlern, Hipstern und Unternehmensgründern. Ausgerechnet Fahrradfirmen bringen neue Arbeitsplätze. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/detroit-wandelt-sich-von-der-autostadt-zur-fahrradmetropole-a-912873.html
Eine schöne Geschichte. Ich wünsche Detroit viel Erfolg. Es gibt ja kaum etwas schöneres, inspirierendes als die neue Aufbruchstimmung nach einem Zusammenbruch...
4. Ich würde mein Rad lieber von Detroit anstelle China kaufen
NETSUBJEKT 26.07.2013
So etwas kann man nur unterstützen. Das muss man den Amis lassen: Sie sind kreativer als die Chinesen, während die Chinesen effektiver sind: Dafür aber Masse statt Klasse produzieren. Ausserdem scheint es so, als entsorgten sie ihren Giftmüll, indem sie ihn in ihren Exportprodukten verarbeiten, mit denen sie die Billigmärkte dieser Welt überschwämmen. Die schrecken einfach vor nichts zurück, wenn es darum geht, möglichst billige Materialien zu verarbeiten, egal wie gesundheitsschädlich diese sind. Das Kupfereloxierte Rad sieht einfach mal saucool aus. Ich hoffe auf Kataloge im Internet. Schade dass solche Entwicklungen in Deutschland nirgens statt finden. Es gibt in den neuen Bundesländern genügend Orte, die es nötig hätten. Aber daran ist vermutlich auch der deutsche Amtsschimmel schuld.
5. Fahrrad statt Auto
Cherubino 26.07.2013
Na endlich mal ein vernünftiger Trend aus Amerika! Wenn das auch bei uns Schule macht... Aber macht es ja eigentlich schon, wenn ich mich auf meinem täglichen Arbeits(radl)weg so umschaue.
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