Verkehr Dobrindt treibt der Bahn den Turbokapitalismus aus

Soll die Deutsche Bahn viel Profit machen oder einen gesellschaftlichen Auftrag erfüllen? Bundesverkehrsminister Dobrindt hat sich nun überraschend deutlich positioniert. Konzernchef Grube ist not amused.

Dobrindt (links), Grube (Archivbild)
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Dobrindt (links), Grube (Archivbild)


Bereits beim Frühstück zeichnete sich ab, dass an diesem Tag irgendetwas anders war. Alexander Dobrindt, der stets auf seine Linie bedachte Verkehrsminister, bestellte im ICE ein Croissant mit Marmelade. Zwischen zwei Bissen in den fettigen Plunderteig referierte Dobrindt dann über die Vorteile des Bahnfahrens im Allgemeinen ("Man kann arbeiten") und die Probleme der Deutschen Bahn im Besonderen: Klar, es sei alles nicht wirklich einfach gerade. Aber das Management habe auch vieles angepackt. Was man als Politiker eben so sagt, irgendwo im Nirgendwo zwischen Berlin und Hamburg.

Doch schließlich sprach Dobrindt ein paar sehr deutliche Sätze, in die sich nicht alles Mögliche hineininterpretieren lässt. "Das oberste Ziel der Deutschen Bahn heißt nicht Gewinnmaximierung", ließ er wissen. Und weiter: Der Konzern habe die gesellschaftliche Funktion der Personenbeförderung. Er solle also möglichst viele Regionen bedienen und dabei möglichst viele Menschen transportieren.

So deutlich hat sich schon lange kein Verkehrsminister mehr positioniert. Dobrindts Worte klangen wie die Befriedung eines Konflikts, in dem sich zwei Lager seit der Bahnreform Mitte der Neunzigerjahre nahezu unversöhnlich gegenüberstehen: auf der einen Seite die Befürworter eines vornehmlich an der Profitabilität ausgerichteten Konzerns (Börsen-Bahn), auf der anderen Seite all jene, die der Meinung sind, die Deutsche Bahn habe vor allem dem Steuerzahler zu dienen (Bürger-Bahn).

"Gewinnmaximierung um jeden Preis wäre sicher ein Fehler"

Auch wenn der Börsengang der Deutschen Bahn bereits vor Jahren abgeblasen wurde, eine echte Abkehr vom Immer-mehr-Mantra hat es nur zögerlich gegeben. Auch Konzernchef Rüdiger Grube wollte den Staatskonzern bis vor Kurzem in ein neues Bilanzuniversum katapultieren. Der Umsatz sollte sich bis 2020 auf 70 Milliarden Euro nahezu verdoppeln, der Gewinn ebenfalls drastisch zulegen.

Zwar ist der freundliche Herr Grube längst in der unfreundlichen Realität angekommen. Aber eine Bahn, die sich vorwiegend am Gemeinwohl orientiert und ein hochattraktives Angebot bereithält, hat Deutschland längst noch nicht. Wohl auch, weil es zum Selbstverständnis von fürstlich bezahlten Managern wie Grube gehört, einen international operierenden Konzern zu führen und nicht irgendeine als Unternehmen getarnte schwarz-rot-goldene Behörde.

Entsprechend zurückhaltend reagierte Grube auf Dobrindts klare Ansage. Als wäre er der Politiker - und nicht der Verkehrsminister - flüchtete er ins Ungefähre: "Gewinnmaximierung um jeden Preis wäre sicher ein Fehler. Es wäre aber auch falsch, wenn wir mit dem Geldverdienen aufhörten." Außerdem ließ Grube wissen, er kenne "niemanden, der die Behörden-Bahn zurückhaben will. Die war in jeder Hinsicht alles andere als erfolgreich".

Zumindest im letzten Punkt war er sich mit Dobrindt an diesem Tag einig. Auf Gewinnmaximierung zu verzichten, bedeute natürlich nicht, dass die Deutsche Bahn wieder Verluste schreiben solle, so der Minister.



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insgesamt 138 Beiträge
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Seite 1
in_peius 25.07.2016
1. Zunächst einmal...
sind das nur Worte des Herrn Dobrindt. Ob er diese auch wirklich ernst meint, wird sich dann zeigen, wenn die Bahn abermals die Preise zu erhöhen gedenkt. Also in ca. fünf Minuten...
Bueckstueck 25.07.2016
2. Nichtsdestotrotz
Selten hört man von Dobrindt schlaues, das war mal sowas. Und wenns dem Grube nicht passt, kann er ja gehen. Ohne Abfindung versteht sich.
danielc. 25.07.2016
3.
In der Behörden-Bahn konnte ich mich immer wohlfühlen. Sechserabteile im TEE boten bequem Platz. Heute finde ich bequeme Sitze nur in der ÖBB. Zumindest die westlichen Europäer können sich da etwas anschauen. Eine funktionierende Bahn ist von allgemein gesellschaftlichem Interesse, daher könnten Verluste auch toleriert werden, wenn sie auch sicher nicht erwünscht bleiben.
opinio... 25.07.2016
4. dafür hat er lange gebraucht
Wenn er die Bahn jetzt noch entsprechen einnorded, dann können wir uns bei der Freilassung von Geisterautos und -LKWs ruhig Zeit lassen und uns auf Emissionsreduzierung konzentrieren!
Sixpack, Joe 25.07.2016
5. Im Zug kann man arbeiten!
Timmt, aber mit dem Flugzeug ist man so viel schneller am Ort, das man auch arbeiten kann! Schneller und meist auch billiger.
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