Deutsche-Bank-Chef Ackermann: Feindbild a. D.

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Josef Ackermann präsentiert an diesem Donnerstag zum letzten Mal die Geschäftszahlen der Deutschen Bank. Wie kein Konzernchef vor ihm hat er Deutschlands größtes Geldhaus auf Rendite getrimmt. Am Ende hat er die Kontrolle über sein Erbe verloren.

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Ackermann in Davos: Zu seinen Nachfolgern wahrt er Distanz

Hamburg - Dieser Tag soll noch einmal ihm gehören. Zum letzten Mal trat Josef Ackermann an diesem Donnerstag vor die Öffentlichkeit, um die Geschäftszahlen der Deutschen Bank zu präsentieren. Es sind keine grandiosen Zahlen. Den glänzenden Abgang, den Ackermann eigentlich für sich vorgesehen hatte, hat ihm die Euro-Krise versaut. Die zehn Milliarden Euro Gewinn vor Steuern, die er zu Jahresbeginn angekündigt hatte, waren nicht zu erreichen. Nun sind es 5,4 Milliarden Euro geworden - etwas mehr als die Hälfte. Es war ein eher durchschnittliches Ackermann-Jahr.

Der Schweizer Banker hat das größte deutsche Geldhaus in den vergangenen Jahren radikal umgekrempelt. Aus einem erfolgreichen, aber konservativen deutschen Kreditinstitut ist eine globale Investmentbank geworden, die auf allen wichtigen Märkten mitmischt - und dabei gigantische Gewinne erwirtschaftet.

Ackermann selbst ist dabei für die Deutschen zum Sinnbild des skrupellosen Finanzkapitalismus geworden. An keinem anderen Wirtschaftsboss konnten sich Medien und Bürger in den vergangenen Jahren so reiben wie an ihm. Er steht für das ökonomische Prinzip der Gewinnmaximierung, das den Deutschen schon seit jeher als verdächtig gilt und das mit Beginn der Finanzkrise seine Akzeptanz fast gänzlich verloren hat.

Die 25 Prozent wurden zu seinem Mantra

Dabei hatte Ackermann die Idee zum Umbau der Bank nicht einmal selbst: Sie wurde ihm von seinen Vorgängern vererbt. Schon 1997 gab der damalige Vorstandschef Hilmar Kopper das Ziel vor, die Deutsche Bank müsse eine Rendite von 25 Prozent auf das Eigenkapital erwirtschaften. Kurz darauf wurde Ackermann Chef der aufstrebenden Sparte Investmentbanking - und damit verantwortlich für die Umsetzung des Ziels. Denn 25 Prozent Rendite, so viel war von Anfang an klar, lassen sich nicht mit Firmenkrediten und Anlageberatung verdienen.

Als Ackermann 2002 selbst den Posten des Bankchefs übernahm, machte er die 25 Prozent zu seinem Mantra. Während seiner gesamten Amtszeit arbeitete er sich an dieser Zahl ab. Um sie zu erreichen, ging er hohe Risiken ein. So wurde die Deutsche Bank etwa zu einem der weltweit größten Händler von Finanzderivaten. In den USA verdiente sie mit teilweise rabiaten Methoden am Immobilienboom - und muss sich deshalb vor Gericht verantworten.

Die Finanzkrise hat Ackermann umdenken lassen. Sie machte die dunkle Seite des Investmentbankings allzu sichtbar, zeigte die Schwäche des neuen, einseitigen Geschäftsmodells. 3,8 Milliarden Euro Verlust fuhr die Deutsche Bank 2008 ein: Es war der erste Jahresverlust ihrer stolzen Geschichte - und zugleich Ackermanns größte Schmach.

Von nun an hieß das Stichwort Balance. Der Konzern sollte nicht länger nur vom Investmentbanking abhängig sein. Ackermann kaufte die Postbank - klassisches Kleine-Leute-Geschäft, das er wenige Jahre zuvor noch verschmäht hatte. Nun sollten ausgerechnet die Spargroschen von Oma Kasupke der Deutschen Bank zu mehr Stabilität verhelfen. Ackermann wurde innerhalb des Konzerns zum Moderator zwischen den Welten: zwischen den renditehungrigen Investmentbankern in London und den biederen Sparbuchrittern in Bonn.

Und noch eine Entwicklung hat Ackermann in den vergangenen Jahren durchgemacht: Er ist vom reinen Geschäftsmann zum politischen Banker geworden. Damit steht er in einer großen Tradition: Deutsche-Bank-Chefs wie Hermann Josef Abs, Alfred Herrhausen oder Hilmar Kopper verstanden ihr Amt schon immer auch als politisch-gestaltende Aufgabe. Sie waren das Sprachrohr der deutschen Wirtschaft - und auch deshalb verehrt und gehasst zugleich.

Josef Ackermann hatte eigentlich gar nicht vor, an diese Tradition anzuknüpfen. Als er vor zehn Jahren den Chefposten bei der Deutschen Bank annahm, war Berlin weit weg für den Schweizer. Mittlerweile weilt er regelmäßig in der Hauptstadt - und das nicht nur, weil seine Tochter dort wohnt.

Wann immer eine Bank gerettet, ein Staatsbankrott verhindert oder ein Grüppchen Bundestagsabgeordneter über die Finanzkrise aufgeklärt werden musste - Ackermann war dabei. Im eigenen Haus hat er sich damit nicht nur Freunde gemacht. Vor lauter Politik vernachlässige er das eigentliche Bankgeschäft, warfen ihm andere Manager zuletzt immer wieder mal vor.

Beide Rollen - die des Außenministers der Bank und die des internen Moderators - hätte Ackermann prima weiterspielen können, wenn er - wie zwischenzeitlich geplant - an die Spitze des Aufsichtsrats gewechselt wäre. Dieser Posten hätte ihm die Möglichkeit gegeben, sein eigenes Erbe zu verwalten.

Doch daraus wird nun nichts. Ackermann wird abtreten - so ganz erst Ende Mai bei der Hauptversammlung der Bank. Doch schon nach der Bilanzpressekonferenz an diesem Donnerstag sollen die neuen Chefs das Alltagsgeschäft übernehmen.

An der Spitze der Bank steht dann ein Triumvirat: Vorstandschefs werden der Investmentbanker Anshu Jain und der Firmenkundenexperte Jürgen Fitschen. Oberster Aufseher wird Paul Achleitner, der bisher im Vorstand der Allianz sitzt und früher schon einmal Deutschland-Chef der US-Investmentbank Goldman Sachs war. Beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos posierten die drei vergangene Woche bereits wie fürs Familienfoto. Dass Ackermann darauf nicht zu sehen war, spricht Bände.

Für die Aktionäre war die Ära Ackermann enttäuschend

Wie es mit der Bank weitergeht, hängt nun davon ab, wer von den dreien künftig die Führungsrolle übernehmen wird. Die meisten Beobachter erwarten, dass es der Inder Jain sein wird. Achleitner hat als Aufsichtsratschef keine operativen Befugnisse. Jains Co-Chef Fitschen wird im Herbst 64 Jahre alt und ist damit von vornherein eher eine Übergangslösung.

Die Investmentbanker gelten ohnehin als stärkste Fraktion innerhalb des Hauses. Sie bekamen in den vergangenen Jahren derart großzügige Aktienoptionen ausbezahlt, dass sie mittlerweile zur größten Aktionärsgruppe der Bank aufgestiegen sind. Rund ein Fünftel des Konzerns gehört ihnen. Über ihr Votum kann sich auch Aufsichtsratschef Achleitner nicht ohne weiteres hinwegsetzen.

Für die restlichen Aktionäre war die Ära Ackermann übrigens weit weniger lohnend: Seit der Schweizer im Mai 2002 den Chefposten der Bank übernommen hat, hat sich der Aktienkurs etwa halbiert. Dabei war es damals Ackermanns erklärtes Ziel gewesen, den sogenannten shareholder value zu steigern.

Dieses Ziel wird auch Jain verfolgen. Wichtige Investoren der Bank haben sich bereits für ihn stark gemacht. Sie wollen das Institut lieber auf den Weltfinanzmärkten sehen als auf dem Weltspartag. Setzt Jain sich durch, dürfte deshalb klar sein, wohin die Reise geht. Gezügelt würden die Investmentbanker dann einzig von den neuen, strengeren Vorgaben der Politik.

Ackermann selbst kann all das nicht mehr mitentscheiden. Die Geister, der er einst gerufen hat, haben sich selbständig gemacht und drängen nun an die Macht. Ackermann hat die Kontrolle darüber verloren.

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insgesamt 25 Beiträge
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1. ...
TonyBliar 01.02.2012
Zitat von sysopDer glänzende Abgang, den Ackermann eigentlich für sich vorgesehen hatte, hat ihm die Euro-Krise versaut.
Der Abgang sollte wohl im Akkusativ stehen, oder hat hier jemand schwarzen Humor?
2. kontrolle
Lobesamen 01.02.2012
Zitat von sysopJosef Ackermann präsentiert am Donnerstag*zum letzten Mal die*Geschäftszahlen*der Deutschen Bank. Wie kein Konzernchef vor ihm hat er Deutschlands größtes Geldhaus auf Rendite getrimmt. Am Ende hat er die Kontrolle über sein Erbe verloren. Deutsche-Bank-Chef Ackermann: Feindbild a. D. - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,812725,00.html)
Kontrolle verloren? Im Artikel , gaaanz unten, heisst es, er habe die Kontrolle über die Geister, die er rief, verloren, dh. über die designierten Nachfolger. Das ist, mit Verlaub, Schmarrn. Oben im Thema klingt es gar so, als habe er die Kontrolle über die Bank verloren. Auch das ist Käse. Nichts als Häme, Verdrehtheiten und Schmähkritik ist hier zu lesen über einen der profiliertesten Manager der letzten 10 Jahre.
3. Natuerlich hat der Mann
hdudeck 01.02.2012
Zitat von LobesamenKontrolle verloren? Im Artikel , gaaanz unten, heisst es, er habe die Kontrolle über die Geister, die er rief, verloren, dh. über die designierten Nachfolger. Das ist, mit Verlaub, Schmarrn. Oben im Thema klingt es gar so, als habe er die Kontrolle über die Bank verloren. Auch das ist Käse. Nichts als Häme, Verdrehtheiten und Schmähkritik ist hier zu lesen über einen der profiliertesten Manager der letzten 10 Jahre.
die Kontrolle verloren, naemlich der Gier geopfert. Wieviel Processe stehen denn z.B. in den USA alleine an. Wieviel Millionen oder gar Milliarden werden bald als Strafen/Ablasszahlungen fuer die teilweise illegalen und gesetzwiedrigen Geschaefte faellig? Aber wie immer, nach mir die Sintflut, hauptsache ich selbst Leuchte helle.
4. Dienstleiter
puqio 01.02.2012
Wenn Dienstleister wie Krankenhäuser oder Banken ihren Fokus ganz auf Rendite ausrichten, also Gewinn machen auf Kosten der Kunden, ja, die Kunden so beraten, dass es möglichst viel Geld in die eigenen Kassen bringt, dann geht mir das Messer in der Hosentasche auf. Gibt es bei uns keine moralischen Grenzen mehr? Spielt der Mensch als Patient oder als Kunde keine Rolle mehr? Geht es nur noch um Gewinn?
5. 25% bei 3% Wachstum - nachhaltig?
larsmach 01.02.2012
Wer eine Million investiert, kann (bei hohem Risiko) eine hohe Rendite erwirtschaften (Beispiel: Technologieentwicklung/Forschung - hochriskant). Wer 10 Milliarden einsetzt, der muss erklären, wo sich nachhaltige Deals finden lassen, die tatsächlich eine solche Rendite erwirtschaften können ohne entdeckt worden zu sein (d.h. noch nicht im Preis gestiegen, was ebendiese Rendite auf Normalniveau bringt). Der Kapitaleinsatz (meist mit geliehenem Geld) etlicher Hedgefonds und Investmentbanken ist derart gewaltig, dass die genannten Renditeziele aufgrund der schieren Größe nicht realistisch sind: Andernfalls hätten wir zweistelliges Wirtschaftswachstum.
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Zur Person
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Josef Ackermann, Jahrgang 1948, kam als Sohn eines Schweizer Arztes zur Welt und wuchs in dem kleinen Städtchen Mels auf. Sein Studium absolvierte er an der Schweizer Elitehochschule St. Gallen, 1977 promovierte er zum Dr. oec. Nach beruflichen Stationen bei der Schweizer Kreditanstalt und der Credit Suisse kam Ackermann 1996 zur Deutschen Bank, zunächst als Vorstand für den Geschäftsbereich Kreditrisiken.
Im Mai 2002 übernahm Ackermann die Führung des angeschlagenen Finanzinstituts, das er mit einem harten Sanierungskurs wieder in die Spitzengruppe der globalen Geldhäuser brachte. Ackermann ist einer der umstrittensten Manager des Landes - unter anderem, weil er auch in der Finanzkrise stur am Ziel einer Eigenkapitalrendite von 25 Prozent festhielt.

Kritiker werfen ihm vor, dabei zu sehr auf das Investmentbanking zu setzen und den Heimatmarkt zu vernachlässigen. Ackermanns Lebensmittelpunkt ist in Zürich. Der Opernfan ist verheiratet und hat eine Tochter.