28 Jahre Wiedervereinigung Deutschland droht die Ausländer-Lücke

Während die westdeutsche Wirtschaft enorm von Zuwanderung profitiert, geht der Zuzug an Ostdeutschland zum großen Teil vorbei. Das ist ein Problem - und zwar für die gesamte Bundesrepublik.

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Eine Kolumne von


Die Zahlen waren erschreckend. Vor einigen Jahren veröffentlichte das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) eine Prognose für die Jahre bis 2035. Das Kernergebnis: Große Teile Westdeutschlands werden bis dahin von rapidem Bevölkerungsschwund betroffen sein. Nur wenige Regionen können noch Zuwächse erwarten.

Mit anderen Worten: Die Experten sagten dem Westen eine Entwicklung voraus, wie sie in den östlichen Bundesländern längst Realität ist. Dort ging bereits zwischen 1990 und 2012 flächendeckend die Bevölkerung zurück, ausgenommen lediglich das Berliner Umland. Künftig also würden weite Teile der Bundesrepublik ein ähnliches Schicksal erleiden.

Allerdings sind die düsteren Vorhersagen möglicherweise überholt. Zum Glück.

Die BBSR-Experten gingen für ihre Berechnungen von einem konstanten Zuwanderungstrend aus: nämlich von 200.000 Personen jährlich; so viele Menschen wanderten im langfristigen Durchschnitt mehr nach Deutschland ein als aus. In den vergangenen Jahren jedoch war die Zuwanderung nach Deutschland doppelt so hoch. Seit 2012 kommen 400.000 bis 500.000 Menschen jährlich mehr ins Land als gehen, die Flüchtlingszahlen von 2015 nicht mitgerechnet. Dabei handelt es sich überwiegend um Leute aus anderen europäischen Ländern, die in Deutschland einen Job finden.

Dass die Zahl der Beschäftigten immer weiter steigt - und die Wirtschaft immer weiter wächst -, wäre ohne die Zuwanderer unmöglich gewesen. Gerade in den wirtschaftsstarken Regionen Süddeutschlands liegt der Anteil der Beschäftigten mit ausländischem Pass inzwischen bei mehr als 15 Prozent.

So international ist Deutschlands Wirtschaft

Anteil internationaler Beschäftigter an allen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten nach Stadt- und Landkreisen (in Prozent)

Ostdeutschland jedoch profitiert nur unterdurchschnittlich von der Zuwanderung. Das ist ein Problem - für die neuen Länder. Und ein Warnsignal - für den Westen.

Engpässe Ost

Ohne dauerhaft große Zahlen an Immigranten werden sich Teile der Bundesrepublik zu menschenleeren Landschaften entwickeln. Welche Dynamik dadurch entsteht, lässt sich heute schon in Teilen des Ostens beobachten, 28 Jahre nach der Wiedervereinigung, die sich am Mittwoch jährt.

Der "Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit", den die Bundesregierung vor einigen Tagen vorgelegt hat, zeigt: Trotz relativ schwacher Wirtschaftsentwicklung und nach wie vor deutlich höherer Arbeitslosigkeit als im Westen gibt es Engpässe auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt. "Die Zunahme an Fachkräfteengpässen war im Osten am höchsten", wie es in dem Bericht heißt.

Gesucht werden Leute aller möglichen Qualifikationen und Spezialisierungen: Akademiker, insbesondere Ärzte, Ingenieure, IT-Experten und Naturwissenschaftler, außerdem Handwerker aller Art sowie Kranken- und Altenpfleger.

Doch im Osten gelingt es nicht, diese Lücken mit ausländischen Beschäftigten zu schließen. Mit wenigen Ausnahmen, insbesondere Berlin und Umland, liegt der Anteil von Erwerbstätigen mit nichtdeutschem Pass in den Ostregionen weit unter Westniveau: bei weniger als sechs Prozent.

Regionen mit geringem Zuzug von außen sind auch für Einheimische nicht sonderlich attraktiv. Gut ausgebildete junge Menschen ziehen fort. Fachkräfte sind knapp, deshalb können ansässige Unternehmen kaum wachsen. Konzerne investieren anderswo. Umso schlechter sind die Chancen vor Ort.

Eine Folge dieser Entwicklung: Die Alterung schreitet im Osten viel schneller voran als im Westen. Bereits 2030 wird rund ein Drittel der Bevölkerung 65 Jahre und älter sein, wie aus dem Einheitsbericht hervorgeht. Der Anteil der Menschen im wirtschaftlich aktivsten Alter zwischen 20 und 64 Jahren schrumpft rapide.

Imageprobleme im Osten, Rückenwind im Westen

Zugegeben, Ostdeutschland hat einige gravierende strukturelle Nachteile, die sich nicht so einfach ausgleichen lassen. Bereits vor dem Mauerfall war die Bevölkerungsdichte relativ gering. Berlin und sein Umland sind der einzige echte Ballungsraum. Selbst wachsende Großstädte wie Leipzig und Dresden ähneln Inseln in dünnbesiedeltem Land. Dazu kommt ein Imageproblem - geprägt von Pegida, Chemnitz, AfD-Erfolgen, NSU und so weiter -, das auch nicht gerade zur internationalen Attraktivität beiträgt.

Für die alten Länder jedoch sieht die Sache anders aus. Der Westen ist attraktiv, wie die hohen Zuwandererzahlen zeigen. Die Bundesrepublik sollte deshalb alles daransetzen, diesen Rückenwind zu erhalten. Dazu braucht es insbesondere eine stringente Einwanderungs- und Integrationspolitik, damit die Stimmung nicht noch weiter in Richtung undifferenzierter Grenzen-dicht-Rhetorik abdriftet.

Bislang profitiert der Osten enorm von der Wirtschaftskraft des Westens - und damit auch von der Zuwanderung aus dem Ausland in die alten Bundesländer. So liegt das durchschnittliche Nettoeinkommen ("Nettoäquivalenzeinkommen") der privaten Haushalte im Osten bei knapp 90 Prozent des Westniveaus. Die Wirtschaftskraft pro Einwohner verharrt jedoch unter 75 Prozent, die industrielle Bruttowertschöpfung pro Kopf beträgt sogar nur rund 50 Prozent.

Drei Bemerkungen zum Schluss:

  • Erstens: Nur wenn der Westen sich weiterhin großer Zuwanderungsgewinne erfreuen kann, wird er in der Lage sein, den Osten auch in Zukunft in großem Umfang finanziell zu unterstützen. Sollte hingegen auch der Westen demografisch austrocknen, wie es der BBSR-Bericht vor einigen Jahren vorhersagte, werden die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und die Finanzlage Deutschlands insgesamt leiden.
  • Zweitens: Die Höhe der West-Ost-Überweisungen wird seit Jahren nicht mehr offiziell ausgewiesen. Ein Großteil der Transfers läuft unsichtbar über die gesamtdeutschen Sozialversicherungen. Schätzungen zufolge beträgt der Nettotransfer nach wie vor jährlich mehr als 60 Milliarden Euro. Um mehr Transparenz in die Sache zu bringen, könnte man ja mal wieder offizielle Zahlen dazu veröffentlichen, vielleicht in zwei Jahren zum 30. Jahrestag der Einheit.
  • Drittens: Man darf gespannt sein auf die nächste Raumordnungsprognose des BBSR, die voraussichtlich kommendes Jahr veröffentlicht wird. Das Institut untersteht übrigens dem Bundesinnenministerium, das derzeit von Horst Seehofer (CSU) geleitet wird. Aber das nur am Rande.
Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der kommenden Woche
Montag

Birmingham - Vor dem Brexit-Desaster I - Parteitag der britischen Konservativen. Die Tories sind dabei, sich über die verkorksten EU-Ausstiegsverhandlungen selbst zu zerlegen.

Luxemburg - Entspannung - Eurostat veröffentlicht neue Zahlen zur Arbeitslosigkeit in Europa.

Dienstag

Paris - Neue Autos - Der Internationale Automobilsalon Paris, bei dem eine Menge neuer Modelle und Antriebe zu besichtigen sein dürften, öffnet, zunächst nur für Presseleute.

Birmingham - Vor dem Brexit-Desaster II - Fortsetzung des Tory-Parteitags. Erwartet wird eine Rede von Ex-Außenminister Boris Johnson, der Premierministerin May attackieren dürfte. Johnson war vor dem Referendum im Sommer 2016 eine der Führungsfiguren der Leave-Kampagne.

Mittwoch

Berlin - Und der Zukunft zugewandt? - Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit, dieses Jahr ausgerichtet vom Bundesland Berlin. Auch Demonstrationen sind angekündigt.

Brüssel - Ohne Trump - Nato-Verteidigungsministertreffen: Nachdem der US-Präsident im Frühjahr die Nato-Partner, zumal Deutschland, öffentlich angegriffen hatte und dieser Tage vor der Uno eine bemerkenswerte Rede zur Lage der Welt hielt samt anschließender Pressekonferenz (die die "Financial Times" als "weitschweifig" und "wirr" bezeichnete), sind nun die Fachminister unter sich. Für die USA dabei: Verteidigungsminister Mattis, ein Ex-General des Marine Corps, der den Spitznamen "Mad Dog" trägt. Unter anderem soll es um die verstärkte Zusammenarbeit zwischen der Nato und der EU gehen.

Birmingham - Vor dem Brexit-Desaster III - Abschluss des Tory-Parteitags: Premierministerin May will eine große Rede halten. Das ging beim letzten Parteitag gehörig schief.

Straßburg - Besseres Klima - Das EU-Parlament will sich auf eine Position hinsichtlich der weiteren Absenkung der CO2-Emissionen bei Neuwagen festlegen.

Donnerstag

Luxemburg - Verhandlungen über Draghis Kurs - Der Europäische Gerichtshof hört das Gutachter zum Anleihekaufprogramm der Europäischen Zentralbank. Auslöser für das Verfahren war das Bundesverfassungsgericht, das den EuGH gebeten hat zu prüfen, ob die Käufe das in den EU-Verträgen enthaltene Verbot der Staatsfinanzierung durch die Zentralbank verletzen. Bedeutend ist das Verfahren gerade vor dem Hintergrund der potenziell explosiven aktuellen Euro-Finanzlage: Italien fordert mit hohen Defiziten die EU heraus; währenddessen fährt die EZB ihre Anleihekäufe zurück; und in Deutschland ist nicht mehr sicher, ob die Unionsbundestagsfraktion unter ihrem neuen Vorsitzenden Brinkhaus künftige Hilfsprogramme des Rettungsfonds ESM absegnet. (Schon bei der Griechenland-Abstimmung im Sommer hatte die große Koalition keine eigene Mehrheit, da sich einige Unionsabgeordnete enthielten, nicht mitstimmten oder dagegen votierten. Ohne die Stimmen der Grünen hätte der ESM die letzte Griechenland-Tranche nicht auszahlen dürfen.) Umso mehr wird es auch künftig darauf ankommen, dass die EZB voll handlungsfähig bleibt, um im Zweifel Turbulenzen an den Finanzmärkten begrenzen zu können.

Frankfurt/M. - Deutsche Konjunktur - Neue Zahlen zum Auftragseingang in der Paradebranche Maschinenbau.

Freitag

Kiel - Merkel, ihre Freunde und die Partei - Deutschlandtag der Jungen Union. Mit Auftritt von Angela Merkel. Wie wird die traditionell stramm konservative Jugendorganisation die um ihre Autorität kämpfende Kanzlerin empfangen?

Erlangen - Spin-off - Eröffnung der neuen Unternehmenszentrale der Siemens-Abspaltung Siemens Healthineers.

Sonntag

Brasilia - Trump des Südens - Erste Runde der Präsidentenwahl in Brasilien. Das wichtigste Land Lateinamerikas ist nach schlimmer Rezession und haarsträubenden Korruptionsskandalen schwer angeschlagen. Der Rechtspopulist Bolsonaro hat gute Chancen, ins Amt zu kommen. Die zweite Runde der Wahl wird in vier Wochen stattfinden, sofern keiner der Kandidaten über 50 Prozent der Stimmen erhält.

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insgesamt 158 Beiträge
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Seite 1
Zaunsfeld 30.09.2018
1.
Der Grund ist einfach. In Ostdeutschland werden für die gleiche persönliche Arbeitsleistung 30 bis 40% niedrigere Löhne und Gehälter gezahlt (Summe aus absolutem Gehaltsunterschied plus unterschiedlicher Wochenarbeitszeit). Käme ich aus dem Ausland und würde einen Job angeboten bekommen, bei dem ich in Kassel oder Köln 30% mehr Gehalt bekomme als für den gleichen Job in Jena oder Leipzig, würde ich auch lieber den Job in Kassel oder Köln nehmen. DAS ist der Grund - ganz profan, ohne dass ich erst wieder Tiefenpsychologie und Psychoanalyse bemühen müsste.
ditor 30.09.2018
2. Schon schlimm
Es ist schon schlimm zu sehen wie wenig es gelingt die eigene Gesellschaft nachhaltig auftzustellen und wie wenig dies, siehe Kolumne, auch gewünscht ist. Hauptsache genug Zuwanderung damit wir uns nicht umstellen müssen. Da wünscht sich der Kolumnist Integration - die integrierten Zuwanderer werden die gleichen Strukturprobleme haben wie die Einheimischen, die Probleme sind später die gleichen, nur mit mehr Leuten.
AlternativeMeinung 30.09.2018
3. Bevölkerungswachstum = Zunahme der Umveltverschmutzung
Klimaveränderung, Wohnungsnot, Verkehrsprobleme, Zubetonierung... Alles Probleme des Bevölkerungszuwachses. Lasset uns umkehren und das Kapital besser verteilen. Laßt uns die Alten besser integrieren, eine Selbstbestimmung für das eigene Lebensende einführen und das Alter mit Technologie unterstützen. Laßt und ausländische Mitbürger ausbilden und dann zurückschicken um die Heimatländer zu stabilisieren und dort Bedarf aufbauen. Und schafft geldliche Entwicklungshilfe weitgehend ab.
gigi76 30.09.2018
4. Fehlannahme
Mangel an Arbeitskraft beseitigt man am besten durch Automatisierung und generell technischen Fortschritt. Schon heute ist eine Führungskraft in der Lage um den Faktor 10 mehr Mitarbeiter zu koordinieren als vor 100 Jahren. Bedeutet, es braucht gar nicht mehr Zuwanderung, auch aus dem Aspekt der Ressorurcenschonung heraus.
spon_1873159 30.09.2018
5. Immer nur Wachstum?
Wir werdennuns langfristig ohnehin auf eine schrumpfende Bevölkerung und die damit verbundenen Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft einstellen müssen. Dass ein an einer Hochschule Lehrender immer noch das Dogma des ewigen Wachstums zu vertreten scheint, lässt in Hinblick auf die Zukunft des Landes schlimmstes befürchten.....
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