Deutsche Energiewende Stromstoß für das Ökozeitalter

Die Regierung verkauft den Entwurf für das Energiekonzept als Blaupause für die Ökorepublik - trotz erheblich längerer AKW-Laufzeiten. Doch kann die Wende wirklich gelingen? SPIEGEL ONLINE zeigt, was am Versprechen einer Stromrevolution wirklich dran ist.

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Strommast: Vier Bausteine für die Stromversorgung der Zukunft
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Strommast: Vier Bausteine für die Stromversorgung der Zukunft

Hamburg - Offshore-Windparks, bessere Gebäudedämmung, mehr Elektroautos und ein europäisches Supergrid: Im Entwurf für das Energiekonzept der Regierung finden sich zahlreiche Vorschläge für die Umstellung der Republik auf erneuerbare Energien. Vieles in dem 39-seitigen Entwurf bleibt vage, immerhin aber ist das Papier ein Anfang. Es definiert Leitlinien für alle drei Energiesektoren - für Strom, Wärme und Verkehr - und für alle Wertschöpfungsstufen, von der Erzeugung bis zum Verbrauch.

Wärmeeffizienz ist ebenso ein Thema wie die Umstellung des Güterverkehrs; Vorschläge für den Ausbau der Stromerzeugung durch Wind und Biomasse finden sich darin ebenso wie Vorschläge für steuerliche Stellschrauben, mit denen ganze Industriesektoren dazu ermutigt werden sollen, ihren Stromverbrauch zu senken.

Experten stellen der Regierung für ihr Energiekonzept gute Noten aus. "Ich bin positiv überrascht", sagt Helmuth Groscurth, Geschäftsführer des Arrhenius-Instituts, das in der Vergangenheit unter anderem das Umweltministerium, Greenpeace und Sharp beraten hat. "Im Grundsatz geht das in die richtige Richtung."

Michael Sterner vom Fraunhofer Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik IWES sagt: "Es zeichnet sich nicht ab, dass das Energiekonzept ein reines Laufzeitverlängerungskonzept wird. Viele wichtige Punkte werden angegangen." Sterner erforscht, wie sich Strom, Wärme und Verkehr zu einem ganzheitlichen, aus erneuerbaren Energien gespeisten System umbauen lassen.

Andere sehen das Energiekonzept skeptischer. RWE-Vizechef Rolf-Martin Schmitz hält die Annahmen der Regierung für überzogen, der Stromverbrauch lasse sich allein durch Effizienzsteigerungen um 28 Prozent senken. Betreiber von Stadtwerken sehen durch die Verlängerung der Atomlaufzeiten ihre Investitionen in erneuerbare Energien in Gefahr. Greenpeace warnt vor massenhaft neuem Atommüll - auf die anderen Punkte des Energiekonzepts geht die Umweltschutzorganisation nicht ein.

Tatsächlich aber spielt die Atomkraft in dem Konzept nur eine untergeordnete Rolle. Und wie stark die gerade beschlossene Laufzeitverlängerung den Ausbau der erneuerbaren Energien bremsen wird, lässt sich noch gar nicht absehen. Denn der Systemkonflikt zwischen erneuerbaren Energien und der Atomkraft hängt vor allem davon ab, dass Solar-, Wind- und Biostrom weiter bevorzugt durch die Netze geleitet werden. Und davon, wie konsequent sie in die Netze integriert und Stromangebot und -nachfrage harmonisiert werden.

Radikalumbau des Stromsystems

Und für den Klimaschutz gilt: Deutschlands CO2-Bilanz hängt weniger vom Atomstrom ab als von einer konsequenten Gebäudesanierung, einer effizienten Industrieproduktion und einer kompletten Umstellung des Verkehrssektors. Für all diese Fragen definiert die Bundesregierung in ihrem Energiekonzept Anregungen, Vorschläge und zum Teil konkrete Zielsetzungen. Sogar fast völlig unerprobte Versuche wie die Erzeugung von synthetischem Gas mit Hilfe von Solar- und Windstrom werden von der Regierung erwähnt.

Eine Analyse des Entwurfs zeigt: Deutschlands Energierevolution steht ganz am Anfang. Es sind noch viele gesellschaftliche Umwälzungen nötig, damit Strom, Wärme und Verkehr gleichermaßen zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien gespeist werden können. Die Abschaffung der Atomkraft ist noch eins der kleineren Probleme.

Viel wichtiger ist: Windräder und Solaranlagen sind unstete Energiequellen. Mal liefern sie zu viel Strom auf einmal, mal überhaupt keinen. Je mehr Strom aus diesen Quellen kommt, desto stärker schwankt das Energieangebot. Für Deutschland ist das fatal: Die Windenergie soll künftig die größte Energiequelle sein. Die Betreiber müssen also etwas gegen die Schwankungen tun - nur was? Im Energiekonzept macht die Regierung vier Vorschläge. Sie will:

  • Energiespeicher ausbauen,
  • Schwankungen durch beständige Stromerzeugung aus Biogas ausgleichen,
  • den Stromverbrauch stärker dem Angebot anpassen,
  • erneuerbare Energien Spannungsschwankungen in den Netzen ausgleichen lassen.

Wie sinnvoll sind die Ansätze? Kann so die Energiewende gelingen? SPIEGEL ONLINE zeigt, was die Regierung bei der Stromrevolution berücksichtigen muss.

Schwarz-gelbe Energiepläne



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 56 Beiträge
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gunman, 08.09.2010
1. Ökorepublik ?!
Zitat von sysopDie Regierung verkauft den Entwurf für das Energiekonzept als Blaupause für die Öko-Republik - trotz erheblich längerer AKW-Laufzeiten. Doch kann die Wende wirklich gelingen? SPIEGEL ONLINE zeigt, was an den Versprechen einer Stromrevolution wirklich dran. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,716192,00.html
Deutschland lebt immer noch vom Speck seiner Innovationen aus der vorletzten Jahrhundertwende. Maschinenbau, Elektromotoren, Fahrzeugbau. Ökorepublik? Klar doch. Passt unmittelbar. Die Welt wird sich bedanken, wenn sich die deutsche Konkurrenz endgültig in dieses Nirwana verabschiedet. Die Deutschen erleben es ja im Grunde jetzt schon, wie sich niemand für die hiesige Atomdebatte interessiert, je nach Bedarf anderswo neue Kernkraftwerke gebaut werden und man Fr. Merkel auf Klimagipfeln grinsend auf die Schulter klopft ansonsten aber nicht mal ansatzweise navollzieht, was die Deutschen meinen, zur Rettung der Welt vorleben zu müssen.
atomkraftwerk, 08.09.2010
2. .
Punkt 1 - größere Anreize für bessere Speicher Gute Idee, aber doch keine Stauseen sondern miniaturisierte Batteriesyteme mit hoher Speicherdichte sind gefragt. Punkt 2 - ein klares Konzept für Biogas Die Befürchtungen stehe ja schon im Text. Punkt 3 - schlaue Stromzähler, die dem Verbraucher wirklich etwas nützen Und was sollen sie nützen? Wenn ich mir Kaffee koche verbraucht das eine bestimmte Menge Energie, die ist unabhängig vom Zähler. Punkt 4 - wie erneuerbare Energien Schwankungen in den Netzen ausgleichen. :-) der ist lustig. Wind- und Sonnenenergie sind doch mit die Ursachen für Netzschwankungen. Atomkraftwerke dagegen laufen stabil, unabhängig vom Wetter und Gebeten zu irgendwelchen Göttern. Mein Gegenvorschlag: Sofortiger Ausstieg aus der Kohleverbrennung und mehr Kernkraftwerke und schnelle Brüter bauen.
2laky, 08.09.2010
3. Microspeicher
Man könnte kleine Energiespeicher in so ziemlich jedem Haus unterbringen, entweder Luftdruck (am besten die mit Gasturbine, auch wenn sie etwas Abgase verursachen, denn sie können im Winter zusätzlich die Heizkosten verringern) oder Wasserspeicher im Kleinformat. Ich frage mich auch, ob sich Wasserspeicher nicht ebenfalls mit einer Gasturbine statt einer Wasserturbine betreiben lassen, ein ausgeklügeltes Einspritzsystem das das Wasser mit Hilfe eines Lichtbogens verdampft könnte ja trotz des Stroms für den Lichtbogen eine höhere Energieausbeute haben wenn der Maßstab klein genug ist (PS: wer sich für die Idee interessiert kann gerne nochmal nachhaken ;) )
Holledauer, 08.09.2010
4. Öko-Republik - Womit denn?
Deutschland ist ein hochentwickeltes Industrieland und auf eine verlässliche Energieversorgung angewiesen. Wer liefert bislang verlässlich? Kohle, Kernenergie und Gas! Die sogenannten erneuerbaren Energien sind, mit Ausnahme vielleicht der Wasserkraft, so unzuverlässig, wie es einem Industrieland eben nicht gut tut. Da mögen doch die Grünen und die selbsternannten Weltenretter noch so sehr beteuern, es ginge auch ohne Kernenergie, aber das tut’s halt doch nicht, wenn man ohne grüne Scheuklappen rechnet. Zum Thema Risiko der Atomenergie: Sicher, das Risikopotential ist höher als bei den anderen Energiequellen, aber wie sich doch in den letzten 30 Jahren gezeigt hat, in Deutschland doch offensichtlich beherrschbar. Die Medien und die interessierten Kreise sprechen zwar sehr häufig im Zusammenhang mit Kernkraftwerken über „Störfälle“, auch wenn es sich meistens um Störungen handelte. Die angesprochenen Medien täten gut daran, sich einmal die Begriffsbestimmungen zu „Störung“ und Störfall“ anzusehen. Es gab übrigens in Deutschland noch nie Reaktor-bedingte Störfälle! Zum Risiko des Atommülls: Wir haben bereits einige tausend Tonnen lang-strahlendes Material produziert. Wenn da jetzt noch einige tausend Tonnen dazu kommen, wird das Risiko nur noch unwesentlich erhöht. Im Übrigen ist es die Politik, die bislang Lösungen verhindert hat. Man hat sich damals ein Zonenrandgebiet ausgesucht, nach dem Motto, da wehren sich zumindest nicht die, welche jenseits der Grenze wohnen. Nun: Diesbezüglich dumm gelaufen. Es gibt auch in Süddeutschland geeignete geologische Formationen. (Ich wohne übrigens in der Nähe einer solchen Formation!) Risiko Flugzeugabsturz: Ich warte darauf, dass die deutschen Berufshysteriker dahinter kommen, dass auch von einem Staudamm große Gefahren ausgehen können, wenn er von einem Flugzeug gerammt wird. Wann erfolgt endlich einmal der Ausstieg aus der Stromgewinnung aus Wasserkraft?
warzenmeissel 08.09.2010
5. Ganz genau,
Zitat von gunmanDeutschland lebt immer noch vom Speck seiner Innovationen aus der vorletzten Jahrhundertwende. Maschinenbau, Elektromotoren, Fahrzeugbau. Ökorepublik? Klar doch. Passt unmittelbar. Die Welt wird sich bedanken, wenn sich die deutsche Konkurrenz endgültig in dieses Nirwana verabschiedet. Die Deutschen erleben es ja im Grunde jetzt schon, wie sich niemand für die hiesige Atomdebatte interessiert, je nach Bedarf anderswo neue Kernkraftwerke gebaut werden und man Fr. Merkel auf Klimagipfeln grinsend auf die Schulter klopft ansonsten aber nicht mal ansatzweise navollzieht, was die Deutschen meinen, zur Rettung der Welt vorleben zu müssen.
deswegen werden weltweit immer mehr Fertigungen für Erneuerbare Energien aufgebaut, deswegen haben uns China und die USA beim Ausbau Erneuerbarer Energien inzwischen überholt und ist unser EEG zu einem Exportschlager mit lauter Nachahmnungstätern geworden.
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