Deutsche in Barcelona: Existenzkrise der Wohlfühl-Migranten

Aus Barcelona berichtet

So hip, so kreativ: Während des Booms zogen viele Deutsche in die Trend-Metropole Barcelona, um sich selbst zu verwirklichen. Dann stürzte die spanische Wirtschaft ab - und für die Zugewanderten steht plötzlich viel auf dem Spiel.

Grafik-Designer Lorenz: Kreativblase neben der Immobilienblase? Zur Großansicht
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Grafik-Designer Lorenz: Kreativblase neben der Immobilienblase?

Vor fünf Jahren dachte Martin Lorenz, er sei am Ziel. Er war angekommen in Barcelona. "Ich dachte 'Wow, ich habe erreicht, was ich immer wollte', sagt der Grafik-Designer. "Ich kam schnell an interessante Projekte, konnte gut davon leben und musste mich auch nicht kaputtarbeiten."

Doch im Sommer 2008 platzte der Traum, ausgelöst durch einen Streik der spanischen LKW-Fahrer. Supermärkten und Unternehmen in der Millionenstadt Barcelona ging der Nachschub aus. Schnell fehlte auch das Papier in der Druckerei, in der gerade Lorenz' Buch gedruckt werden sollte. Natürlich ein Buch über Design, schließlich war Barcelona die gefühlte Trendhauptstadt Europas. Das Projekt musste vorerst gestoppt werden. Ein verhängnisvolles Vorzeichen: Danach ging es abwärts mit Lorenz' Geschäften - parallel mit der Wirtschaft Spaniens.

Dass es dem Land und der Wirtschaftshochburg Barcelona mal schlechter gehen könnte, daran hatte Lorenz nicht gedacht. 2005 tauschte er sein sicheres Einkommen bei einer Frankfurter Agentur gegen die aufregende Zukunft als Freiberufler in der katalanischen Hauptstadt ein. Wie so viele andere Ausländer war er geblendet von der Dynamik Barcelonas. Die Stadt hatte seit den Olympischen Spielen 1992 einen schwindelerregenden Wandel erlebt - von einem dreckigen Industriestandort zu einem modernen Zentrum des kreativen Schaffens. Die lokale Regierung pumpte massiv Gelder in wirtschaftliche und kulturelle Projekte, öffnete den Stadtstrand und bastelte eifrig an ihrem Image als Kreativmetropole mit. Hunderttausende aus aller Welt ließen sich um die Jahrtausendwende anlocken, von der Mischung aus Design und Dolce Vita, darunter viele Deutsche und deutschsprachige Ausländer.

Doch die Erfolgsstory hatte bekanntlich ein jähes Ende, als 2007 der spanische Immobiliensektor zusammenbrach. Die Preise sanken, Millionen haben seitdem ihre Arbeit verloren. Die Party in Barcelona war vorbei - auch für Martin Lorenz.

"Von heute auf morgen war für uns nichts mehr zu holen"

Lorenz schreitet langsam durch die Räume seiner Agentur TwoPoints.Net. Es ist kühl in dem Bürohaus von 1922, das von dem Modernisme-Architekten Josep Puig i Cadafalch an der zentral gelegenen Vía Laietana gebaut wurde. Lorenz hat seinen gestreiften Schal eng um den Hals gebunden. Behutsam präsentiert der 35-Jährige die Werke, die er und seine spanische Frau in den vergangenen Jahren angefertigt haben: Cover, Ausstellungsplakate und Design-Bücher. Vieles davon finanziert von öffentlichen Auftraggebern. Er streicht darüber, als wollte er die Werke konservieren. Als die Krise losging, strich die Regierung ihr Kulturbudget radikal zusammen. Als kein Geld mehr da war, war auch Kunst kaum noch etwas wert. "Von heute auf morgen war für uns nichts mehr zu holen", sagt Lorenz.

Spanien im Aufbruch
Niemanden hat der wirtschaftliche Absturz Spaniens so hart getroffen wie die junge Generation des Landes. Eine Woche lang berichten SPIEGEL-ONLINE-Reporter aus Madrid, Bacelona und Cordoba. Sie beschreiben eine Jugend zwischen Arbeitslosigkeit und Aufruhr - aus der viele ihr Glück nun in Deutschland suchen wollen.
Der Euphorie der Zugezogenen ist Ernüchterung gewichen. Neben der Immobilienblase habe es eine Kreativblase in Barcelona gegeben, sagt Lorenz, in der zu viel Geld für zu viel Sinnloses ausgegeben wurde.

War das etwa alles nur ein großer Barcelona-Bluff, auf den scharenweise Deutsche, Italiener, Engländer und Lateinamerikaner reingefallen sind?

Segelclub-Besitzerin Niedermair: "Budgetlimits gab es nicht"

Heidi Niedermair: "Es war alles da" Zur Großansicht
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Heidi Niedermair: "Es war alles da"

Im alten Hafen der Stadt springt Heidi Niedermair mit einem Satz vom Steg auf eines ihrer Sportboote. Die 39-Jährige kam vor zehn Jahren aus Südtirol nach Spanien, um kurz darauf einen Yachtclub zu gründen. Von der Alpenbewohnerin zur Wassersportexpertin: Solche Karrieren seien zu der Zeit völlig selbstverständlich gewesen, sagt Niedermair. "Es war alles da: Lust, Geld, junge Menschen und viel Platz für neue Ideen", sagt sie. "Aber es war absurd, welche Summen Firmen für Kultur- und Freizeitprojekte ausgegeben haben. Budgetlimits gab es einfach nicht." Nach der Firmengründung sei alles sehr schnell aufwärts gegangen. "Es lief von allein. Denn es gab nicht nur viel Bares in der Stadt, zum Barcelona-Lebensgefühl gehörte Segeln einfach dazu."

Niedermair trägt eine dicke Segeljacke und eine getönte Brille, um sich gegen die Februarsonne zu schützen. Das Barcelona-Licht ist warm und weich. Daran mag es liegen, das Niedermairs Sätze harmloser wirken, als die des Designers Lorenz in seinem Altstadtbüro. "2008 ist die ganze Dynamik plötzlich verpufft. Danach wurde alles mühsamer", sagt Niedermair.

Allerdings war das, was Niedermair in ihren ersten Jahren in Spanien als "ganz normal" empfand, ein beispielloses Wirtschaftswunder. Mit Wachstumsraten von im Schnitt mehr als drei Prozent eilte das Land dem Rest Europas davon. Für Barcelona galt das besonders - auch weil die Zentralregierung mit dem Geld prasste als gäbe es kein Morgen.

Im Jahr 2012 liegt die Arbeitslosigkeit in Barcelona bei rund 20 Prozent - deutlich höher noch als in Mecklenburg-Vorpommern. Das schnelle Wachstum gehört der Vergangenheit an. Die Regierung muss sparen. Selbst das weltberühmte Opernhaus Liceu muss nun zwei Monate schließen, um den Ausfall der Subventionen zu verkraften.

"Zum Glück" habe ihr Business Yachtclub zwei Standbeine, sagt Niedermair, eins für Privatmitglieder, die eine monatliche Pauschale zahlen. Und eins für Firmenkunden, die Segelboote mieten, um ihren Mitarbeitern und Kunden etwas Gutes zu tun. Die Kunden kämen von überall aus Europa, berichtet Niedermair, mittlerweile überwiegend aus dem Norden. "Das federt den Rückgang bei den spanischen Firmen ab."

Niedermair ist sich sicher: Es ist das Rezept der zugewanderten Unternehmer, in schwierigen Zeiten auch auf den internationalen Markt setzen zu können. Sie nutzen ihre Sprachkenntnisse und Kontakte in die alte Heimat - ein Vorteil gegenüber den meisten Spaniern, die die jetzige Krise mit voller Wucht trifft.

Web-Designer Burghart: "Mir tut die Krise gut"

Ralf Burghart: "Die Kreativen sind durchgeflogen" Zur Großansicht
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Ralf Burghart: "Die Kreativen sind durchgeflogen"

In Ralf Burgharts Web-Agentur auf der Portal del Angel, der zentralen Einkaufsstraße Barcelonas, fängt die Internationalität schon beim Personal an. Die 30 Mitarbeiter kommen aus Kolumbien, Österreich, Spanien und anderen europäischen Ländern. Im Großraumbüro - ausgestattet mit Jugendstilboden, Sechzigerjahre-Lampen und Ikea-Stühlen - wird gedämpft in einem Mix aus Spanisch und Englisch gesprochen.

Mit seiner Nickelbrille und seiner Trainingsjacke wirkt der 45-jährige Burghart wie ein verbummelter Langzeitstudent. Doch der Schein trügt. Burghart ist nicht nur Unternehmer - er denkt auch wie einer. Der gebürtige Düsseldorfer baut die Internetseiten für große deutsche Modefirmen, wie Esprit und Hugo Boss. 2004 kam er nach Barcelona. "Für mich zählten vor allem der Lifestyle und das kreative Potential."

Aus Projekten in Spanien hat sich seine Firma Machinas längst verabschiedet, weil sie zu klein waren und "nicht zum Gesamtgefüge passten", wie Burghart sagt. Mit der Krise habe das aber gar nichts zu tun. Im Gegenteil: "Mir tut die Krise gut", sagt der Unternehmer trocken. "Die Preise im Land sind am Boden." Für ihn heißt das: weniger Miete und niedrigere Personalkosten. So zahle sich der Umzug nach Barcelona inzwischen doppelt für ihn aus, meint Burghart: "In den ersten Jahren hatte ich Party und Urlaub vor der Haustür, jetzt habe ich vor allem beste Rahmenbedingungen und immer noch Urlaub vor der Tür."

Dass es nicht allen Zuwanderern ging wie ihm, weiß auch Burghart. Er habe unzählige Leute kommen und gehen sehen. "Die Kreativen sind durchgeflogen - und jetzt schon in der nächsten vermeintlichen Trendstadt. Geblieben sind ernstzunehmende Unternehmer."

"Wenn gar nichts mehr geht, gibt es immer noch die Heimat"

Auch Martin Lorenz setzt seit Ausbruch der Krise verstärkt auf internationale Auftraggeber und bereist mit seiner Frau die großen Messen Europas, um neue Kunden zu gewinnen. Ein deutscher und ein chinesischer Design-Verlag sind schon dabei. "Aber es kann mehr werden", sagt Lorenz. So versucht der Kreative auch in der neueren Trendstadt Berlin Fuß zu fassen, mit einem kleinen Büro, das ehemalige Mitarbeiter aus Barcelona aufbauen.

Es scheint: Wer sich bisher als Zugewanderter durchgebissen hat, findet auch im weiteren Verlauf der Krise Wege zum Überleben. Und noch eins eint die deutschsprachigen Unternehmer, wie Lorenz es formuliert: "Wir kämpfen darum, hier zu bleiben. Aber wir wissen auch: Wenn gar nichts mehr geht, gibt es immer noch die Heimat." Diesen letzten Ausweg zurück nach Deutschland haben sie den Spaniern voraus.

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1.
botschinski 21.02.2012
zum Barcelona-Lebensgefühl gehörte Segeln einfach dazu... Da ein Grossteil meiner Familie in Barcelona lebt und geboren wurde, kann ich mit Sicherheit sagen: So ein absoluter Schwachsinn...zum Lebensgefühl der Touristen vielleicht.
2. Aha.
medley63 21.02.2012
Zitat von botschinskizum Barcelona-Lebensgefühl gehörte Segeln einfach dazu... Da ein Grossteil meiner Familie in Barcelona lebt und geboren wurde, kann ich mit Sicherheit sagen: So ein absoluter Schwachsinn...zum Lebensgefühl der Touristen vielleicht.
Was gehört denn dann zum Barcelona-Lebensgefühl? Der Artikel ist ja ziemlich schlank geschneidert und erzählt uns eigentlich nur ein paar...naja, "funny tales about successfull germans" und lässt ansonsten das Land und seine "indigenen" Bewohner weitgehenst aussen vor. Insofern wäre es interessant von einem, quasi "Insider" wie ihnen zu erfahren, wie die Welt von Norberto und Noelia Normales aussieht. Nur zu. Ich lese ihnen gerne zu. :o)))
3. 100% Zustimmung
pn0563 21.02.2012
Zitat von botschinskizum Barcelona-Lebensgefühl gehörte Segeln einfach dazu... Da ein Grossteil meiner Familie in Barcelona lebt und geboren wurde, kann ich mit Sicherheit sagen: So ein absoluter Schwachsinn...zum Lebensgefühl der Touristen vielleicht.
Yup, ich lebe und arbeite selbst seit einigen Jahren in Barcelona, mit reichlich einheimischen Freunden und Kollegen. Ich war nie segeln und kenne auch niemanden der hier normalerweise segelt. Da hat sich SPON wohl entweder in romantischen Klischees verloren oder als Werbemaßnahme einspannen lassen. Ein Punkt den ich allerdings aus dem Artikel klar bestätigen kann ist der Vorteil der internationalen Orientierung. Als international tätige Firma haben wir auch in Krisenzeiten weiterhin mehr als genug zu tun. Der spanische Markt spielt dabei aber nur eine kleine Rolle, das meiste geht ins Ausland. Umgekehrt sind aber die Fremdsprachenkenntnisse. Die lokale Konkurrenz hingegen steht mit dem Rücken zur Wand weil sie sich seit jeher nur auf den heimischen Markt konzentriert und das auch nicht geändert hat. Auf der Personalseite bleibt es allerdings ein Problem - sollte man bei 20% Arbeitslosigkeit zwar nicht glauben, aber gute Leute mit Auslandserfahrung und Sprachkenntnissen sind hier weiterhin schwierig zu bekommen, sodass wir sie oft aus dem Ausland holen müssen.
4.
janne2109 21.02.2012
Zitat von botschinskizum Barcelona-Lebensgefühl gehörte Segeln einfach dazu... Da ein Grossteil meiner Familie in Barcelona lebt und geboren wurde, kann ich mit Sicherheit sagen: So ein absoluter Schwachsinn...zum Lebensgefühl der Touristen vielleicht.
ja und solange so über fehlende Arbeitsplätze geschrieben wird erst recht nicht. Was heißt "zu holen", das ist Proll-Deutsch und Denke. ....."Von heute auf morgen war für uns nichts mehr zu holen".....
5. uff
ralfbb 21.02.2012
ich habe von 2006-2009 in BCN gelebt und kann das Segeln-gehoert-zum-Lebensgefuehl auch nicht bestaedigen. Was das schoene Leben in BCN hauptsaechlich ausmachte, waren das sonnige Wetter, die Naehe zum Meer, Palmen :), das Essen und Trinken als auch das weltoffen Klima. Es war nicht nur die im Artikel genannte Immobilienkrise die dem Land zu schaffen gemacht hat und noch zu schaffen macht, es wurden auch viele Fabriken zugemacht. Forschung & Entwicklung findet dort nicht wirklich statt im Vergleich zu Deutschland.
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Spanien im Aufbruch

Niemanden hat der wirtschaftliche Absturz Spaniens so hart getroffen wie die junge Generation des Landes. Eine Woche lang berichten SPIEGEL-ONLINE-Reporter aus Madrid, Bacelona und Cordoba. Sie beschreiben eine Jugend zwischen Arbeitslosigkeit und Aufruhr - aus der viele ihr Glück nun in Deutschland suchen wollen.

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Fläche: 505.988 km²

Hauptstadt: Madrid

Staatsoberhaupt:
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Regierungschef: Mariano Rajoy

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