Krise in Europa: Deutschlands Konzerne brauchen starke Rivalen

Von

Deutschland steht glänzend da in Europa, doch die Krisenstaaten planen ihr Comeback. Dank harter Sparstrategien stärken sie ihre Wettbewerbsfähigkeit. Vor allem italienische Unternehmen könnten deutschen Firmen schon bald wieder Konkurrenz machen. Für die Bundesrepublik wäre das ein Glücksfall.

Motorenproduktion bei Ducati in Italien: "Es gibt nur eine europäische Krise" Zur Großansicht
Getty Images

Motorenproduktion bei Ducati in Italien: "Es gibt nur eine europäische Krise"

Berlin - Der Up von Volkswagen Chart zeigen ist schon vom Start weg ein Bestseller. Trotzdem ist der Kleinwagen derzeit für knapp 7500 Euro zu haben - rund 28 Prozent günstiger als der offizielle Listenpreis. Dabei hätte der Volkswagen-Konzern die aggressive Verkaufsförderung über seine Händler gar nicht nötig: Trotz der Absatzflaute in Europa fahren die VW-Fabriken Sonderschichten.

Doch hinter der Billigattacke der Wolfsburger steckt Kalkül. "Der Konzern nutzt seine Stärke, um die Konkurrenten aus dem Markt zu drängen", sagt Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des CAR-Center Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen. Demnach nutzt Volkswagen die temporäre Schwäche seiner Rivalen in anderen europäischen Ländern, um sich dort Marktanteile zu sichern.

Die Verdrängungsstrategie wirft ein Schlaglicht auf ein Ungleichgewicht in Europa: Die deutsche Industrie strotzt derzeit vor Kraft, und sie nutzt wie im Fall Volkswagen ihre Vormachtstellung, um die schwächelnden Wettbewerber in Schach zu halten. Gleichzeitig fordert die Bundesregierung die kriselnden Euro-Länder wieder und wieder auf, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. In den Ohren spanischer und italienischer Unternehmer muss das angesichts der offensiven Verkaufstaktik deutscher Unternehmen zynisch klingen.

Doch hat die italienische und spanische Industrie überhaupt eine Chance, im Wettbewerb mit Deutschland aufzuholen? Wo sind vielversprechende Wirtschaftsbranchen? Und: Müssen sich deutsche Betriebe womöglich warm anziehen, wenn Spanier und Italiener richtig loslegen? Hat die deutsche Wirtschaft vielleicht gar kein Interesse daran, dass Krisenstaaten mit ihren Unternehmen wieder zu Kräften kommen?

Wieder Licht am Ende des Tunnels

Zunächst einmal die ernüchternden Fakten: Laut der Rangliste des World Economic Forum ist Deutschland Nummer sechs der wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaften, Italien belegt nur Platz 42, und auch der Abstand zu Spanien ist riesig (Platz 36).

Doch vor allem Spanien setzt derzeit Reformen in Gang, gegen die die Agenda 2010 der rot-grünen Bundesregierung geradezu ein Klacks war. Mehr als 70 strukturelle Änderungen hat die Regierung von Ministerpräsident Mariano Rajoy im Kampf gegen die Krise bereits eingeleitet, darunter eine deutliche Flexibilisierung des Arbeitsmarkts. Die Lohnstückkosten sind seit 2009 um rund zwölf Prozent gesunken.

Auch Italien attestieren Fachleute gute Ansätze. Sie loben die Änderungen des Rentensystems, die Kürzungen der Staatsausgaben und die konsequentere Eintreibung von Steuern. Von Januar bis April 2012 konnte Italien sein Defizit gegenüber dem Vorjahreszeitraum um knapp zehn Milliarden Euro verringern.

Ein Ergebnis der Reformpolitik sind spürbar verbesserte Handelsbilanzen. So ist etwa das spanisch-deutsche Handelsdefizit in der ersten Hälfte 2012 um rund 50 Prozent geschrumpft - auf weniger als eine halbe Milliarde Euro. "Ich sehe zum ersten Mal ganz vorsichtig wieder Licht am Ende des Tunnels", sagte jüngst Außenminister Guido Westerwelle im Interview mit dem Deutschlandfunk. Die Produktivität sei in den Schuldnerländern erstmals wieder etwas gewachsen.

"Es gibt keine spanische Krise - nur eine europäische"

Dennoch fällt es der Autoindustrie in einigen Staaten schwer, den Anschluss an die deutschen Konzerne zu halten. Fiat und die französischen Anbieter sind weitgehend aufs wachstumschwache Europa konzentriert und verkaufen vor allem Klein- und Mittelklassewagen mit mageren Margen. Expertenschätzungen zufolge sind die Werke in Europa im Schnitt nur zu 70 Prozent ausgelastet. Schon jetzt ist absehbar, dass Fabriken nicht überleben werden, Tausende Arbeitsplätze sind bedroht.

Andere Branchen in Südeuropa sind dagegen besser aufgestellt. In Italien bilden neben dem Tourismus vor allem kleinere und mittelständische Familienbetriebe das Rückgrat der Wirtschaft. Sie verdienen ihr Geld im Maschinenbau und im verarbeitenden Gewerbe. In der Mode besitzen Marken wie Benetton, Armani und Versace Weltgeltung, ebenso wie Luxottica als weltgrößter Brillenhersteller. In der Nahrungsmittelindustrie gibt Ferrero den Ton an.

In Spanien zählen die Kommunikations- und Informationstechnik, die metallverarbeitende Industrie und der Maschinenbau zu den wichtigsten Industriezweigen. Im krisengeschüttelten Finanzsektor bildet die Banco Santander den Fels in der Brandung. Kleinere Banken und Sparkassen sind nach den milliardenschweren Wertberichtigungen nach dem Platzen der Immobilienblase in Schwierigkeiten. Auch die mittelständische Baubranche ist deswegen in großer Not, während Großkonzerne wie Hochtief-Besitzer ACS sich am Weltmarkt gut behaupten.

Als echter Mutmacher im Aufholprozess um die Wettbewerbsfähigkeit mit landesweiter Signalwirkung gilt der Großauftrag, den ein spanisches Konsortium, angeführt von der staatlichen Zuggesellschaft Renfe, in Saudi-Arabien an Land gezogen hat. Es geht um eine Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Mekka und Medina, die einmal Hunderttausende Pilger befördern soll. Das Volumen des international umkämpften Prestigeprojekts beläuft sich auf gut 6,7 Milliarden Dollar.

Droht den deutschen Unternehmen also bald neue Konkurrenz aus den frisch reformierten Ländern - schlank, angriffslustig, und nach den Krisenjahren wieder hungrig auf Erfolg und Marktanteile?

Von solchen Gegensätzen wollen die Unternehmer in Deutschland nichts wissen. Im Gegenteil "Es gibt keine spanische Krise - nur eine europäische", sagte BDI-Chef Hans-Peter Keitel auf dem spanisch-deutschen Unternehmertreffen in Madrid. "Wenn Spanien leidet, dann auch Deutschland. Es ist wichtig, dass wir uns auf gemeinsame Wachstumspfade einlassen."

In Euro-Zone Herausforderung größer

Das Problem dahinsiechender Exportmärkte bereitet auch dem Mittelstand größere Probleme als die Konkurrenz. "Der Wettbewerb zwingt uns zu ständigen Innovationen. Das ist zwar anstrengend, aber es bringt uns auch weiter - auch auf den Weltmärkten", sagt Bernd Supe-Dienes, Chef des Overrather Maschinenbau-Spezialisten Supe-Dienes. Viel schlimmer sei es dagegen, wenn die Kunden kein Geld hätten, um Maschinen zu kaufen.

Aus Sicht von Wirtschaftsexperten existiert der Widerspruch zwischen konkurrierenden Unternehmen und den Appellen zu Reformen ohnehin nicht: "Natürlich müssen sich die Unternehmen so gut wie möglich gegen die Wettbewerber aufstellen", sagt Roland-Berger-Partner Max Falckenberg. Gleichzeitig hätten aber auch die Regierungen die Pflicht, optimale Rahmenbedingungen für alle zu schaffen.

In einem gemeinsamen Währungsraum ist diese Herausforderung noch ungleich größer. Denn Unterschiede in der Leistungsfähigkeit der einzelnen Volkswirtschaften lassen sich nicht durch Ab- oder Aufwertung einer Währung ausgleichen. Ein stabiler Euro setze deshalb unbedingt eine Angleichung der Wettbewerbsfähigkeit aller Euro-Partner voraus, sagt Frank Mattern, Deutschland-Chef der Unternehmensberatung McKinsey.

Auch Mattern räumt der Wiederbelebung der Absatzmärkte einen viel höheren Stellenwert ein als einem möglicherweise zunehmenden Konkurrenzdruck für die deutschen Unternehmen. Der Vorsprung sei ohnehin derzeit noch groß.

Grund genug für Mattern, im Interview mit SPIEGEL ONLINE von den Deutschen ein wenig Entgegenkommen zu fordern. "Es wäre zuviel verlangt, wenn die Südeuropäer die Lücke in Sachen Wettbewerbsfähigkeit ganz allein schließen müssten", sagt er. Deutschland könne durchaus seinen Beitrag leisten, etwa in Form höherer Löhne. "Sie führen hoffentlich auch dazu, dass die Nachfrage im Inland lebhafter wird. Davon würden am Ende auch südeuropäische Anbieter profitieren, die Olivenöl oder Wein in Deutschland verkaufen wollen."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 39 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Was für ein planwirtschaftlicher Unfug
RalfWagner 22.09.2012
Wenn ich mehr Geld bekomme, dann kauf ich mit ein iPad aus China und kein Olivenöl aus Italien und schon gar keinen Fiat. Zudem geht es nicht um Angleichung der Wettbewerbsfähigkeit der Länder - die gibt es in den USA ja wohl auch nicht - sondern darum, dass jeder versucht, seinen Hausaufgaben zu machen. In Deutschland war das Fall. Der Rest hat Pech.
2.
g0r3 22.09.2012
Zitat von RalfWagnerWenn ich mehr Geld bekomme, dann kauf ich mit ein iPad aus China und kein Olivenöl aus Italien und schon gar keinen Fiat. Zudem geht es nicht um Angleichung der Wettbewerbsfähigkeit der Länder - die gibt es in den USA ja wohl auch nicht - sondern darum, dass jeder versucht, seinen Hausaufgaben zu machen. In Deutschland war das Fall. Der Rest hat Pech.
Immerhin haben Sie mit diesem Posting eines mit Bravour erreicht: Nämlich zu zeigen, dass Sie nicht verstanden haben worum es geht. Das sind wohl die Nachteile der Meinungsfreiheit. Auch die ohne Ahnung dürfen eine Meinung haben.
3. Sinnvolle Investitionen
TheBear 22.09.2012
Zitat von sysopGetty ImagesDeutschland steht glänzend da in Europa, doch die Krisenstaaten planen ihr Comeback. Dank harter Sparstrategien stärken sie ihre Wettbewerbsfähigkeit. Vor allem italienische Unternehmen könnten deutschen Firmen schon bald wieder Konkurrenz machen. Für die Bundesrepublik wäre das ein Glücksfall. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,854990,00.html
Man stärkt seine Wettbewerbsfähigkeit nicht durch "hartes Sparen" sondern durch Investitionen in Ausbildung und neue Technologien, und durch langfristiges Denken. Es ist wirklich erstaunlich wie alle das "wir müssen sparen" dauernd nachplappern. Man muss lediglich zwei Prinzipien befolgen a) man sollte nach Möglichkeit nicht dauernd mehr ausgeben als man einnimmt b) wenn aber doch, das Geld für sinnvolle Investitionen ausgeben
4.
janne2109 22.09.2012
Zitat von RalfWagnerWenn ich mehr Geld bekomme, dann kauf ich mit ein iPad aus China und kein Olivenöl aus Italien und schon gar keinen Fiat. Zudem geht es nicht um Angleichung der Wettbewerbsfähigkeit der Länder - die gibt es in den USA ja wohl auch nicht - sondern darum, dass jeder versucht, seinen Hausaufgaben zu machen. In Deutschland war das Fall. Der Rest hat Pech.
was ist das für ein in Teilen unsinniger Beitrag? Sie können doch weiterhin Livio Öl kaufen. Und wenn Sie schreiben -- die USA WOHL auch, und nicht wissen, lassen Sie das schreiben ganz. Übrigens läßt der Spon-Artikel eine Quintessenz vermissen.
5. Target 2
vaclaus 22.09.2012
Deutschlands Koncerne bekommen ihr Geld von der Bundesbank, die der EZB gegenüber Förderung in Höhe vom 750 Miliarden Euro hat. Natürlich kaufen die anderen Eurozonestaaten gerne in Deutschland, wenn sie anschreiben lassen dürfen. (Deutsche Bundesbank - TARGET2-Saldo - TARGET2-Saldo (http://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Standardartikel/Service/Services_Banken_Unternehmen/target2_saldo.html)).
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Staat & Soziales
RSS
alles zum Thema Eurokrise
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 39 Kommentare
Fotostrecke
Grafiken: So wettbewerbsfähig sind die Euro-Staaten

Weltweiter Wettbewerbs-Index
Land Position 2012-
2013
Wert Position 2011-
2012
Verän-
derung
Schweiz 1 5,72 1 0
Singapur 2 5,67 2 0
Finnland 3 5,55 4 1
Schweden 4 5,53 3 -1
Nieder-
lande
5 5,50 7 2
Deutsch-
land
6 5,48 6 0
USA 7 5,47 5 -2
Groß-
britannien
8 5,45 10 2
Hongkong 9 5,41 11 2
Japan 10 5,40 9 -1
Qatar 11 5,38 14 3
Dänemark 12 5,29 8 -4
Taiwan 13 5,28 13 0
Kanada 14 5,27 12 -2
Norwegen 15 5,27 16 1
Österreich 16 5,22 19 3
Belgien 17 5,21 15 -2
Saudi-
Arabien
18 5,19 17 -1
Südkorea 19 5,12 24 5
Australien 20 5,12 20 0
Frankreich 21 5,11 18 -3
... ... ... ... ...
Irland 27 4,91 29 2
Spanien 36 4,60 36 0
Italien 42 4,46 43 1
Portugal 49 4,40 45 -4
Slowenien 56 4,34 57 1
Zypern 58 4,32 47 -11
Griechen-
land
96 3,86 90 -6
Quelle: Weltwirtschaftsforum
Fotostrecke
Fotostrecke: Spaniens Unternehmer trotzen der Krise