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Deutsche Wirtschaft: Regierung erwartet Ende des Turbo-Aufschwungs

Die Euro-Krise und weniger Bestellungen aus dem Ausland bremsen den Deutschland-Boom. Regierung und Experten schrauben ihre Wachstumsprognosen nach unten. Auch bei den Unternehmen selbst kühlt sich jetzt die Stimmung ab. Besonders die sonst so starke Industrie bereitet Sorgen.

Arbeiter in einer Stahlröhre: Turbo-Aufschwung geht die Kraft aus Zur Großansicht
DPA

Arbeiter in einer Stahlröhre: Turbo-Aufschwung geht die Kraft aus

Berlin - Das nächste Hilfspaket für Griechenland steht. Vorläufig ist der Streit über neue Geldspritzen für das von der Pleite bedrohte Land beigelegt. Die Aussichten für die Wirtschaft sollten jetzt besser werden, doch gerade in Deutschland sieht es längst nicht mehr so rosig aus.

Die Regierung stellt eine deutliche Verlangsamung des Aufschwungs fest und auch bei den deutschen Unternehmen ist die Euphorie vorbei. Der ifo-Geschäftsklimaindex als wichtiger Gradmesser für die Konjunktur hat sich im Juli überraschend deutlich verschlechtert. Er fiel von 114,5 Punkten im Vormonat auf 112,9 Punkte. Die 7000 befragten Unternehmen bewerten nicht nur ihre aktuelle Lage schlechter, sie schätzen auch ihre Geschäftsaussichten negativer ein.

Seit Monaten trotzt die deutsche Wirtschaft der Euro-Krise. Konjunkturforscher überboten sich mit positiven Prognosen. Doch nun bekommen die überschwänglichen Vorhersagen einen Dämpfer. Die Regierung sieht den Boom der vergangenen Monate deutlich gebremst. "Der Konjunkturaufschwung in Deutschland hat sich im zweiten Quartal wahrscheinlich mit deutlich vermindertem Tempo fortgesetzt", schreibt das Finanzministerium in seinem am Freitag veröffentlichten Monatsbericht. "Insbesondere in der Industrie zeigt sich dabei eine Abstufung im Expansionstempo."

Bei den Aussichten gibt sich das Ministerium deutlich zurückhaltender als in den vergangenen Monaten. Die Frühindikatoren deuteten darauf hin, dass auch im weiteren Jahresverlauf mit einem flacheren Wachstumspfad zu rechnen sei, hieß es.

Der Wirtschaft steht eine "sanfte Landung" bevor

Ifo-Experte Klaus Abberger sagte, die deutschen Unternehmen machten sich auf eine allmähliche Abschwächung des Wachstumsbooms gefasst. "Die deutsche Wirtschaft ist trotz aller Turbulenzen um uns herum auf einem guten Weg zu einer sanften Landung." Die Exportwirtschaft rechne mit weniger Nachfrage. Die Entwicklung sei allerdings nicht dramatisch. "Die Lage hat sich etwas verschlechtert, ist aber weiter gut auf hohem Niveau", sagte Abberger. Die Euro-Krise habe den deutschen Firmen bislang so gut wie nichts anhaben können. "Die Wirkung auf die Realwirtschaft ist bisher nicht sehr stark."

Banken-Volkswirte sagen für das zweite Quartal ein Wirtschaftswachstum von 0,5 Prozent voraus. Zu Jahresbeginn war es noch dreimal so stark ausgefallen, weil die Bauwirtschaft die am Jahresende wegen Schnee und Frost liegengebliebenen Arbeiten rascher als erwarten aufholen konnte. Bis Ende 2012 rechnen die Experten mit einem Quartalswachstum, das zwischen 0,4 und 0,6 Prozent schwankt.

Das zweite Halbjahr begann für die deutsche Wirtschaft bereits mit einem deutlichen Dämpfer. Die Industrie wuchs laut einer Umfrage unter 1000 Unternehmen so langsam wie seit knapp zwei Jahren nicht mehr, und die Dienstleister verzeichneten den geringsten Zuwachs seit fast eineinhalb Jahren. "Dem deutschen Aufschwung geht so langsam die Puste aus", sagte Tom Moore vom Markit-Institut. Gründe seien eine geringere Nachfrage nach Waren aus Deutschland bei wichtigen Handelspartnern wie den Euro-Ländern, China und den USA sowie eine schlechtere Stimmung wegen der Schuldenkrise.

Aufschwung hängt "am seidenen Faden"

Der Aufschwung hänge am "seidenen Faden", sagte Moore. Der Einkaufsmanagerindex für die Industrie fiel auf 52,1 von 54,6 Punkte. Das ist der niedrigste Stand seit Oktober 2009. Das Barometer hielt sich aber noch über der Marke von 50 Zählern, ab der Wachstum signalisiert wird. "Die Industrie hat es besonders hart getroffen", sagte Moore. "Der Rückgang beim Neugeschäft sorgte dafür, dass die Produktion nahezu zum Stillstand gekommen ist." Erstmals seit mehr als zwei Jahren erhielten die Unternehmen weniger Aufträge als im Vormonat. Besonders aus dem Ausland blieben viele Bestellungen aus.

Zumindest für den deutschen Arbeitsmarkt aber gibt es gute Nachrichten: Denn trotz des langsameren Wachstums wollen laut der Markit-Umfrage sowohl Dienstleister als auch Industrieunternehmen neue Mitarbeiter einstellen.

Ursache für die zurückhaltenden Einschätzungen ist die nachlassende Weltkonjunktur. Chinas Industrie schrumpfte im Juli zum ersten Mal seit einem Jahr - auch weil die Notenbank im Kampf gegen die Inflation ihre Zinsen mehrfach angehoben und Geld aus dem Wirtschaftskreislauf gezogen hat. Auch im Euro-Raum läuft es nicht gut: Das Wachstum der Privatwirtschaft ist nahezu zum Erliegen gekommen. "Die Finanzkrise außen vor, war der Juli der schlechteste Monat seit dem Irak-Krieg 2003", sagte Markit-Chefvolkswirt Chris Williamson. Der Einkaufsmanagerindex für die Privatwirtschaft der Währungsunion fiel auf 50,8 von 53,3 Punkten. Das ist der niedrigste Stand seit fast zwei Jahren. Auch aus der weltgrößten Volkswirtschaft USA kamen zuletzt vor allem enttäuschende Konjunkturdaten.

Forscher rechnen 2011 mit deutlichen Wachstum

Auch Börsenprofis zweifeln daran, dass die deutsche Wirtschaft den Turbo-Boom durchhalten kann. Der Konjunkturindex des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) ist im Juli erneut gefallen. Grund war vor allem die Sorge wegen der Euro-Krise.

Doch trotz der gedämpften Aussichten - mit einem raschen Ende des Aufschwungs rechnen Experten nicht. In einem Punkt sind sich Wirtschaftsforscher einig: Die deutsche Wirtschaft wird 2011 deutlich wachsen. Allerdings gibt es bei den Prognosen eine deutliche Spanne. So sagte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) für das laufende Jahr zuletzt lediglich ein Wachstum von 3,2 Prozent voraus. Andere Institute sind weitaus optimistischer und rechnen 2011 mit einer Steigerung des Bruttoinlandsprodukts von 3,6 bis vier Prozent.

mmq/Reuters

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insgesamt 155 Beiträge
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    Seite 1    
1. Wirtschaftspolitische Hofberichterstattung!
lmxlmx 22.07.2011
Zum x-ten Mal werden die gängigen vorgekauten Phrasen unter die Leute gebracht.... Die Mär vom Turboaufschwung soll unter die Leute gebracht werden!
2. *
jomarten, 22.07.2011
Zitat von sysopDie Euro-Krise und weniger Bestellungen*aus dem Ausland bremsen den Deutschland-Boom. Regierung und Wirtschaftsexperten schrauben ihre Wachstumsprognosen nach unten. Besonders die sonst so starke Industrie bereitet Sorgen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,775874,00.html
Es ist doch völlig egal ob Aufschwung oder nicht, beim gemeinen Arbeitnehmer kommt sowieso nichts an. Da werden die Griechen aber sauer sein, dass wir in den nächsten Jahren nicht mehr ganz so viel überweisen können.
3. Ich
forumgehts? 22.07.2011
Zitat von sysopDie Euro-Krise und weniger Bestellungen*aus dem Ausland bremsen den Deutschland-Boom. Regierung und Wirtschaftsexperten schrauben ihre Wachstumsprognosen nach unten. Besonders die sonst so starke Industrie bereitet Sorgen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,775874,00.html
verrate jetzt, wie Experten zu ihren Meinungen kommen: Sie nehmen ein Gänseblümchen: die Wirtschaft boomt, die Wirtschaft boomt nicht, die Wirtschaft boomt, die Wirtschaft boomt nicht.......
4. Ja, ja, der Euro
triple-x 22.07.2011
Prima, jetzt kommt die Krise wenigstens auch bei uns an. Danke, Frau Merkel, für Ihre Krisenbewältigung. Danke, Herr Kohl, für die systemischen Fehler, die der Konzeption des Euro zugrunde liegen. Hoffentlich werden Ihre beider Namen schnellstmöglich im Orkus der Geschichte verschwinden - auch wenn für Ihre Fehler noch ein, zwei Generationen büßen werden.
5. Titel erledigt
susie.sunshine 22.07.2011
Dann hat sich das bestimmt damit erledigt? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,772775,00.html
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