Arbeitsmarkt: Deutscher Aufschwung geht an Ausländern vorbei

Von Nicolai Kwasniewski

Agentur für Arbeit in Köln: Doppelt so viele Ausländer wie Deutsche arbeitslos Zur Großansicht
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Agentur für Arbeit in Köln: Doppelt so viele Ausländer wie Deutsche arbeitslos

Ausländer haben es dem IW zufolge auf dem Arbeitsmarkt deutlich schwerer als Menschen mit deutschem Pass - allerdings mit Unterschieden je nach Nationalität. Während jeder zweite Libanese ohne Job ist, sind Rumänen sogar seltener arbeitslos als Deutsche.

Hamburg - Menschen ohne deutschen Pass haben es schwer auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland: Das Institut der Deutschen Wirtschaft Köln (IW) hat dazu erstmals Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA) ausgewertet und festgestellt, dass Ausländer hierzulande rund doppelt so häufig arbeitslos sind wie Deutsche. Die Arbeitslosenquote von Ausländern lag im Juni 2012 bei stolzen 13,9 Prozent, bei Deutschen betrug sie lediglich 6,6 Prozent, schreibt das IW.

Ausländer profitierten zwar vom Aufschwung am Arbeitsmarkt - seit 2005 sank ihre Arbeitslosenquote um ein Drittel -, auch damit liegen sie aber hinter den Deutschen, deren Arbeitslosigkeit um mehr als 40 Prozent zurückging. Als Grund für die deutlichen Unterschiede nennt das IW die unterschiedlichen Qualifikationen: Rund ein Viertel der ausländischen Beschäftigten besitzt demnach keine abgeschlossene Berufsausbildung, bei den Deutschen sind das nur acht Prozent.

Die BA hatte vor einem Vierteljahr einen ähnlichen Befund veröffentlicht, allerdings betrachtete die Behörde nicht nur die Arbeitsmarktchancen von Ausländern, sondern auch von Deutschen mit ausländischen Wurzeln. Demnach hat jeder dritte Arbeitslose einen Migrationshintergrund. Auch die BA sieht die unzureichende Schul- und Berufsausbildung als Grund für den hohen Anteil.

Das IW hat die Zahlen außerdem nach Nationalitäten aufgeschlüsselt: Demnach leiden vor allem Menschen aus dem Libanon unter Arbeitslosigkeit, die Quote liegt bei 55 Prozent. Auch unter Irakern (46 Prozent), Afghanen (37,5 Prozent) und Iranern (37,1 Prozent) sind besonders viele Menschen ohne Job. Die Erklärung dafür: Die Menschen aus diesen Ländern reisen in der Regel nicht aus beruflichen Gründen nach Deutschland ein, sondern weil in ihren Ländern Krieg herrscht oder sie aus politischen oder religiösen Gründen verfolgt werden.

Am unteren Ende der Arbeitslosentabelle finden sich Menschen aus Polen, Kroatien, Portugal und Rumänien, die laut IW "auf dem deutschen Arbeitsmarkt recht gut" zurechtkommen - die Rumänen sind mit 7,5 Prozent sogar seltener arbeitslos als die Deutschen. In der Mitte, mit einer Arbeitslosenquote von 21,5 Prozent, liegen die Türken, die mit 140.000 den größten Teil der insgesamt 460.000 arbeitslosen Ausländer stellen, an zweiter Stelle folgen die Italiener mit 29.000 Arbeitslosen.

Die Zahlen lassen sich allerdings nicht ohne weiteres mit der offiziellen Statistik vergleichen: Sowohl Selbständige als auch Beamte werden in diesem Fall nicht berücksichtigt, sondern ausschließlich sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse. "Die Quote ist nach oben verzerrt", sagt IW-Forscher Holger Schäfer - weil Ausländer zwar häufiger selbständig seien, aber so gut wie niemals Beamtenstatus erlangten, glichen sich die Effekte allerdings größtenteils wieder aus.

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insgesamt 84 Beiträge
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1. Arbeitslosigkeit und Bildung
irrealis 11.09.2013
Das ist ja wieder einmal ungerecht. Da müssen die Deutschen schnell ihren ausgleichenden Beitrag leisten. Also gemäß Sigmar Gabriel Hausaufgaben und Fleiß verbieten, dann steigt die Arbeitslosenquote der Deutschen ohne Migrationshintergrund ganz schnell an.
2. optional
thomas_gr 11.09.2013
Wenn 25% ohne Schulbildung sind, was sind dann die Gründe für die anderen 10-15% Arbeitslosigkeit? Der Diskriminierungsaspekt kommt hier leider viel zu kurz. Bildung ist ein Thema klar, aber auch gebildete Ausländer oder deutsche mit migrationshintergrund haben es schwerer auf dem Arbeitsmarkt. Ich weiß von einer Freundin, dass Fortbildungsmaßnahmen des Arbeitsamtes bevorzugt an Deutsche ohne Migrationshintergrund vergeben werden. Außerdem stellen immernoch Menschen Menschen ein. Wie sollte es also da nicht zu Diskriminierung kommen?
3. Nicht nur
biddebidde 11.09.2013
an Ausländern...
4. Welcher Aufschwung
BenediktG 11.09.2013
Rosarote Brillen können die grassierende Verarmung in diesem Land ebensowenig "schön" werden lassen wie die unermüdliche Betonung eines "Aufschwungs" wo die Früchte in den schon vollen Körben landen, deren "Anziehungskraft" solange groß genug dafür ist, bis man seine Privilegien für eine gerechtere Verteilung opfert, die am Ende allen nützt, wie diese Privilegiendekadenz den Mehrheiten schadet.
5. Schlussfolgerung ???
EL2666 11.09.2013
Zitat: "Demnach leiden vor allem Menschen aus dem Libanon unter Arbeitslosigkeit, die Quote liegt bei 55 Prozent. Auch unter Irakern (46 Prozent), Afghanen (37,5 Prozent) und Iranern (37,1 Prozent) sind besonders viele Menschen ohne Job. Die Erklärung dafür: Die Menschen aus diesen Ländern reisen in der Regel nicht aus beruflichen Gründen nach Deutschland ein, sondern weil in ihren Ländern Krieg herrscht oder sie aus politischen oder religiösen Gründen verfolgt werden." Zitat Ende. Könnte es nicht daran liegen, dass Asylbewerber gar nicht arbeiten dürfen ?
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Die Säulen des Sozialsystems
Arbeitslosenversicherung
Jeder Arbeitnehmer in Deutschland ist Pflichtmitglied der Arbeitslosenversicherung. Die Hauptleistung der Versicherung ist das Arbeitslosengeld I (ALG I), das einen Teil des ehemaligen Nettoeinkommens ersetzt und bis zu ein Jahr nach Verlust einer Stelle gezahlt wird. Für ältere Arbeitslose gelten Ausnahmen. Läuft die Zahlung des ALG I aus, ohne dass eine neue Stelle gefunden wurde, wird anschließend Arbeitslosengeld II (ALG II) gezahlt. Das Instrument - auch bekannt als Hartz IV - wurde im Jahr 2005 geschaffen, als die ehemalige Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammengelegt wurden. Der Beitragssatz zur Arbeitslosenversicherung beträgt derzeit 3,0 Prozent des Bruttolohns. Arbeitgeber zahlen diesen Satz auch für jeden Beschäftigten.
Krankenversicherung
Es gibt zwei Arten von Krankenversicherungen - die Gesetzliche (GKV) und die Private (PKV). Rund 90 Prozent der Erwerbstätigen sind in der GKV pflichtversichert. Der Beitragssatz beträgt aktuell 15,5 Prozent für alle Versicherten. Zusätzlich können die Krankenkassen vom Einkommen unabhängige Beiträge erheben. Seit Anfang 2009 fließen alle Beiträge in einen Gesundheitsfonds, aus dem sie an die Kassen verteilt werden. Der Zugang zur PKV steht nur Selbstständigen und Arbeitnehmern oberhalb einer Einkommensgrenze offen.
Rentenversicherung
Die Beiträge werden durch ein Umlageverfahren finanziert, bei dem die Berufstätigen die Leistungen der Rentner zahlen. Anhand der eingezahlten Beiträge wird die künftige Rentenhöhe errechnet. Zurzeit liegt der Beitragssatz bei 19,6 Prozent. Im Januar 2013 sinkt der Beitrag auf 18,9 Prozent. Das gesetzliche Renteneintrittsalter wird derzeit stufenweise von 65 Jahren auf 67 Jahre heraufgesetzt.
Pflegeversicherung
Die Pflegeversicherung ist die jüngste der Sozialversicherungen in Deutschland. Sie ist eine Grundversicherung, die einen Teil der Pflegekosten abdeckt.
Wer bekommt Hartz IV?
Die Politik führt eine heftige Debatte über die Weiterentwicklung von Hartz IV - doch wer bezieht die Arbeitslosenhilfe eigentlich? SPIEGEL ONLINE hat demografische Merkmale zusammengetragen.
Schulbildung
Schulabschluss Anteil in Prozent
Noch Schüler 4,2
Schule beendet ohne Abschluss 8,4
Sonder-/ Förderschule 1,2
Hauptschule 47,2
Realschule 29
Fachhochschule 1,9
Abitur 7,5
Werte gerundet, fehlende Anteile zu 100 Prozent: keine oder falsche Angaben; Quelle: IAB "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung"
Berufsbildung
Berufsbildung Anteil in Prozent
Schüler an allgemeinbildender Schule 4,4
Kein beruflicher Abschluss 37,5
Anlernausbildung, Hilfsjob 4,3
Lehre, betriebliche Ausbildung 36,6
Berufsfachschule 6,4
Meister, Techniker 3,2
Berufsakademie 0,8
Diplom (FH), Bachelor 2,2
Diplom (Uni) oder BA 3,0
Werte gerundet, fehlende Anteile zu 100 Prozent: keine oder falsche Angaben; Quelle: IAB "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung"
Migrationshintergrund
Migrationshintergrund Anteil in Prozent
Kein Migrationshintergrund 60
Selbst zugezogen 29,8
Mindestens ein Elternteil zugezogen 6,1
Mindestens ein Großelternteil zugezogen 2,2
Werte gerundet, fehlende Anteile zu 100 Prozent: keine oder falsche Angaben; Quelle: IAB "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung"
Behinderung
Behinderung Anteil in Prozent
Amtlich festgestellt 10,3
Nicht amtlich festgestellt 86,7
Antrag gestellt 2,9
Werte gerundet, fehlende Anteile zu 100 Prozent: keine oder falsche Angaben; Quelle: IAB "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung"
Schwerwiegende gesundheitliche Einschränkung
Schwerwiegende gesundheitliche Einschränkung Anteil in Prozent
Ja 27,8
Nein 71,9
Werte gerundet, fehlende Anteile zu 100 Prozent: keine oder falsche Angaben; Quelle: IAB "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung"
Verweildauer
Viele Arbeitslose beziehen laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung über einen längeren Zeitraum Hartz IV. Im Dezember 2007 waren demnach 78 Prozent der Leistungsempfänger mindestens zwölf Monate ununterbrochen im Leistungsbezug. Bei rückläufigen Empfängerzahlen sank die Zahl der Langzeitbezieher kaum. ssu