Müllers Memo Deutschland braucht Flüchtlinge

Immer mehr Menschen aus dem Ausland kommen nach Deutschland. Eine großartige Entwicklung - falls es den Deutschen gelingt, die Zuwanderer zum dauerhaften Bleiben zu bewegen.

Flüchtlinge aus Guinea in Ausbildung: In die Integrationspolitik investieren
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Flüchtlinge aus Guinea in Ausbildung: In die Integrationspolitik investieren

Eine Kolumne von



Flüchtlingsboote auf dem Mittelmeer, Flüchtlingsheime überall in Deutschland - was wir derzeit erleben, ist die neue Normalität. Zuwanderer kommen in großer Zahl nach Deutschland, aus ganz unterschiedlichen Gründen und Ländern: EU-Bürger auf der Suche nach Jobs, Syrer auf der Flucht vor dem Krieg in ihrem Land, Afrikaner in der Hoffnung nach Wohlstand und Freiheit. Knapp eine halbe Million zusätzliche Einwohner hat die Bundesrepublik voriges Jahr gewonnen, 2015 dürften es noch mehr werden. Und ein Ende der Entwicklung ist nicht absehbar.

Es kommen zum großen Teil Menschen, die wir weder abweisen können noch sollten. EU-Bürger genießen Freizügigkeit, so wie auch Deutsche sich im grenzenlosen Europa niederlassen können, wo sie möchten; Kriegsflüchtlinge und Asylbewerber haben verbriefte Schutzrechte. Wer hier leben, arbeiten und sich integrieren möchte, dem sollte die Bundesrepublik von Anfang an die Möglichkeit bieten, heimisch zu werden. Statt über die Verteilung von Lasten auf Bundesländer und Kommunen zu reden, wie es derzeit geschieht, braucht Deutschland ein großes, bundesweites Integrationsprogramm.

Um es klar zu sagen: Es ist ein großer historischer Glückfall, dass Deutschland just in dem Moment Menschen in großer Zahl aus dem Ausland anzieht, in dem diese Gesellschaft sie braucht.

Am Dienstag wird das Statistische Bundesamt die neue Bevölkerungsvorausberechnung bis zum Jahr 2060 vorstellen. Die Zahlen dürften wenig Überraschendes bringen. Ab dem kommenden Jahrzehnt, so sagten es frühere Prognosen der Wiesbadener Statistiker wie auch der Uno vorher, wird die Alterung der deutschen Gesellschaft sich rapide beschleunigen. Der Anteil der Personen ab 67 Jahre, in Relation zur Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter, wird sich bis 2060 in etwa verdoppeln. Währenddessen schrumpft die Gesamtbevölkerung um ein Siebtel - 12 Millionen Menschen weniger. Ein beispielloser Bevölkerungsverlust.

Bei aller Unsicherheit, mit der derartige Projektionen verbunden sind: so hochproblematisch sind doch die langfristigen Aussichten für diese Gesellschaft. Zwei mögliche Entwicklungen könnten für eine Aufhellung der Perspektiven sorgen: ein kräftiger Anstieg der Produktivität und eine hohe Zuwanderungsdynamik - idealerweise eine Kombination aus beidem.

Mit wachsender Produktivität ließe sich unser derzeitiges Wohlstandsniveau auch bei einer sinkenden Zahl von Arbeitskräften halten. Allerdings ist das Produktivitätswachstum überall in der westlichen Welt quasi zum Erliegen gekommen, sodass die derzeit besten Hoffnungen auf dem Zuzug aus dem Ausland liegen.

Damit sind wir bei der aktuellen Zuwanderungswelle. Seit 2010 kommen immer mehr Menschen her. So tragisch die Schicksale sein mögen, die die Migranten zum Verlassen ihrer Heimat treiben, so klar ist auch: Für Deutschland birgt der Einwanderungsstrom große Chancen.

Immer weniger Zuwanderer werden aus Europa kommen

In den Nullerjahren war die Bundesrepublik zeitweise zum Nettoauswanderungsland geworden. Damals schrumpfte die Bevölkerung zeitweise bereits. Diese Entwicklung ist gestoppt und für den Moment umgedreht. Die gute Wirtschaftsentwicklung hierzulande, vor allem aber die wirtschaftlichen Probleme anderswo in Europa und später dann der Bürgerkrieg in Syrien, haben Millionen Menschen veranlasst, ihr Glück in Deutschland zu suchen.

Seit 2012 ist der Zuzug so groß, dass er in etwa den Idealvorstellungen der Bevölkerungsforscher entspricht. Zwischen 350.000 und 530.000 Personen müssten pro Jahr mehr nach Deutschland ein- als auswandern. Dann bliebe die Erwerbsbevölkerung auf lange Sicht in etwa konstant, rechnete kürzlich eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung vor. Dann hätten wir keine Probleme mit der Finanzierung der Renten, des Gesundheitssystems, auch unsere Schulden könnten wir ganz locker bedienen. Es wäre die aus heutiger Sicht bestmögliche Option - wir könnten auf lange Zeit so ähnlich weitermachen wie bisher.

Aber das wird nicht einfach.

Die Integrationsleistung, die wir und die Neuankömmlinge leisten müssen, ist immens. Eine derart hohe Zuwanderungsdynamik würden sich zu einem Nettozuzug von 12,5 bis 18,5 Millionen Menschen bis zur Mitte dieses Jahrhunderts summieren - viel mehr als in den Jahrzehnten seit dem Zweiten Weltkrieg.

Massiver Ausbau der Integrationsinfrastruktur erforderlich

Immer weniger dieser Zuwanderer werden aus Europa kommen, weil das Wohlstandsgefälle abnehmen wird und die dortigen demografischen Perspektiven unseren ähnlich sind. Sie werden von dort kommen, wo das Bevölkerungswachstum noch hoch ist: insbesondere aus Afrika südlich der Sahara sowie aus Indien und Pakistan. Weltgegenden, wo die Bevölkerung noch rapide wächst - und wo die Verteilungskämpfe entsprechend hart sind.

Es sind diese Bedingungen, die afrikanische Migranten heute aufs Mittelmeer treiben. In den kommenden Jahrzehnten wird sich Uno-Prognosen zufolge die Bevölkerung in weiten Teilen Afrikas verdoppeln. Viele der Jungen dort werden sich auf der Suche nach einem besseren Leben Richtung Norden aufmachen. Es ist abwegig anzunehmen, dass die derzeitigen Migrationsströme eine vorübergehende Erscheinung seien, die sich mit ein paar schnellen Maßnahmen managen lassen.

Deutschland wäre in der Lage, deutlich mehr Zuwanderer aufzunehmen als bislang, wenn wir gezielt und konsequent in die Integrationspolitik investieren würden. Montag treffen sich die Integrationsbeauftragten von Bund, Ländern und Kommunen. Im Interesse der Neuankömmlinge wie in deutschem Eigeninteresse ist ein massiver Ausbau der Integrationsinfrastruktur erforderlich: von den Kinderkrippen über Sonderprogrammen in Schulen bis hin zu Betrieben und Universitäten. Nur wenn es gelingt, den Immigranten von Anfang an die Möglichkeit zu bieten, sich hierzulande als willkommene Neubürger zu fühlen, lassen sich Probleme in Chancen verwandeln.

Zuwanderung ist die neue Normalität. Wir sollten das Beste draus machen.


Die wichtigsten Wirtschaftstermine der Woche

MONTAG

KIEW - Ein bisschen Beistand - Die Europa-Spitzen Juncker und Tusk reisen zum EU-Ukraine-Gipfel ostwärts.

MAINZ - Herein! - Die Integrationsbeauftragten des Bundes, der Länder und Kommunen treffen sich zur Bundeskonferenz in Zeiten hoher Zuwandererzahlen.

Cupertino - Die Welt starrt auf eine Uhr - Quartalsergebnisse von Apple, einem Konzern, der derzeit die originelle Idee verfolgt, die Armbanduhr neu zu erfinden.

DIENSTAG

BERLIN - Gealtert, geschrumpft - Das Statistische Bundesamt stellt die neue Bevölkerungsvorausberechnung für Deutschland bis 2060 vor.

München - Deutsche Anklage-Bank - Prozessauftakt gegen Deutsche-Bank-Co-Chef Fitschen, sowie die Vorgänger Ackermann, Breuer und weitere Ex-Vorstände wegen des Vorwurfs des Prozessbetrugs im Kirch-Prozess.

ATHEN - Abschöpfung der Auslandsvermögen - Hunderte Millionen Euro haben griechische Reiche dem Zugriff ihres Fiskus in der Schweiz entwunden. Keinen Tag zu früh trifft sich nun der Finanzminister des quasibankrotten Griechenlands, Gianis Varoufakis, mit einer Delegation des Schweizer Finanzministeriums.

MITTWOCH

Washington - Starker Dollar, billiges Geld? - Die US-Notenbank-Führung entscheidet darüber, ab wann die Zinsen wieder steigen sollen.

Wiesbaden - Das bisschen Inflation - Erste Schätzung zum deutschen Preisanstieg im April.

BRÜSSEL - Euro-Stimmung - Die EU-Kommission veröffentlicht mehrere Konjunkturindikatoren für die Eurozone (Wirtschaftsvertrauen, Geschäftsklima, Verbrauchervertrauen).

Hamburg - Mit Turbulenzen ist zu rechnen - Hauptversammlung der Lufthansa.

DONNERSTAG

NÜRNBERG - Immer mehr Jobs - Der ungebremste deutsche Aufschwung lässt die Zahl der Arbeitsplätze weiter steigen - die Bundesagentur für Arbeit nennt die Arbeitsmarktdaten für April.

Tokio - Yen reloaded - Der geldpolitische Ausschuss der Bank von Japan trifft sich. Das größte Gelddruckprogramm der entwickelten Welt geht weiter.

LEVERKUSEN - Aspirin-Aktie - Die Bayer AG berichtet vom Geschäftsverlauf im ersten Quartal dieses Jahres.

LUDWIGSHAFEN - Chemische Reaktionen - BASF lädt zur Hauptversammlung, legt Zahlen fürs erste Quartal vor und fahndet nach Visionen.

FREITAG

BERLIN - Sonne, Freiheit und so - Zentrale Kundgebung der Gewerkschaften zum 1. Mai. Frontmann: DGB-Chef Hoffmann. Parallel dazu lädt IG-Metall-Chef Wetzel in München zur Demo, IG BCE-Chef Vassiliadis spricht in Ludwigshafen, Ver.di-Chef Bsirske in Essen, IG Bau-Chef Feiger in Bielefeld.

Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.
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