Arbeitsmarkt Deutschland braucht mehr Zuwanderung

CSU und CDU streiten erbittert über eine Obergrenze für Flüchtlinge. Der leidige Konflikt verschleiert, dass Deutschland eigentlich viel mehr Immigranten ins Land holen müsste als früher - aus eigenem Interesse.

Ausbildung in Autowerkstatt  (Archivbild)
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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Schlagworte sind eine heikle Angelegenheit in der Politik. Sie mögen kurz und griffig klingen, sind aber manchmal auch schräg und irreführend, außerdem häufig auch noch aufgeladen mit Gefühlen. Darin liegt ihr Reiz, aber auch ihre Gefahr.

Es lohnt sich deshalb, die Bedeutungen von politischen Schlagworten auf ihren Realitätsgehalt zu prüfen. Worüber reden wir eigentlich? Wie könnten realistische politische Optionen aussehen, die sich dahinter verbergen?

Zum Beispiel Obergrenze. Der Begriff hat das Zeug, zum zentralen politischen Schlagwort des Jahres 2017 werden. Die Forderung nach einer "Obergrenze für Zuwanderung" hat bereits im vorigen Jahr das politische Deutschland beschäftigt. Im beginnenden Wahljahr dürfte die Debatte noch mal an Heftigkeit zulegen, angefeuert insbesondere von der CSU und ihrem Vorsitzenden Horst Seehofer, die das Thema gerade wieder wie bei ihrer Klausurtagung ins Zentrum gestellt haben. Die Kanzlerin und ihre Getreuen hingegen haben wiederholt bekräftigt, sie lehnten eine Obergrenze ab.

Das klingt nach einem Grundsatzstreit. Aber das ist natürlich viel zu einfach.

Im engeren Sinne dreht sich die Auseinandersetzung um eine Obergrenze für Flüchtlinge, deren Zuzug die CSU auf 200.000 Personen pro Jahr begrenzen möchte. Aber in der politischen Debatte kommt die Forderung allgemeiner daher: Deutschland müsse die "Zuwanderung begrenzen", so hat es Seehofer in einer Regierungserklärung im Herbst formuliert.

Da bleibt eine erhebliche Unschärfe. Zwischen dem Zuzug von EU-Bürgern, von Arbeitszuwanderern aus anderen Staaten, von politisch Verfolgten und von Kriegsflüchtlingen wird nicht unbedingt explizit unterschieden. Was in der öffentlichen Debatte ankommt, ist die diffuse Forderung nach weniger Zuwanderung insgesamt.

Seehofer fordert folgerichtig auch kein Einwanderungsgesetz, wie es etwa die SPD vorgeschlagen hat, sondern ein "Einwanderungsbegrenzungsgesetz, mit dem Einwanderung gesteuert wird, und eine Obergrenze".

Nehmen wir für einen Moment an, es sei juristisch und technisch möglich, eine Obergrenze für Zuwanderung insgesamt einzuführen. Wie viel Immigration sollte Deutschland anstreben? Wie steht es, ganz egoistisch gedacht, um unsere eigenen Interessen?

Ein paar Fakten: Ohne Immigration würde die Zahl der Erwerbspersonen in den kommenden Jahrzehnten drastisch zurückgehen, und zwar in einem Ausmaß, wie es das wohl noch nie gab in der Geschichte.

  • Angenommen, die Grenzen würden heute komplett dichtgemacht, dann ginge das Erwerbspersonenpotenzial in den kommenden drei Jahrzehnten von rund 45 Millionen Menschen auf 30 Millionen zurück, so hat es das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) berechnet.
  • Auch eine moderate Zuwanderung in Größenordnungen wie im Durchschnitt der vergangenen Jahrzehnte genügt nicht mehr; seit Fünfzigerjahren kamen jährlich rund 200.000 Menschen mehr, als das Land verließen. Würde die Immigration wieder auf dieses Tempo gebremst, schrumpfte nach IAB-Kalkulationen bis 2050 das Arbeitskräftepotenzial auf rund 37 Millionen. Bereits ab Mitte der 2020er Jahre würde sich der Rückgang erheblich beschleunigen.

Die Probleme, die ein derartiges Austrocknen des Arbeitsmarktes nach sich zieht, lassen sich kaum überschätzen: Die Wirtschaftskraft würde schwinden. Die Ära sprudelnder Staatseinnahmen wäre zu Ende. Ganze Regionen würden veröden.

Um diesem düsteren Szenario zu entgehen, bräuchte die Bundesrepublik eigentlich eine umfassende Immigrationsstrategie. Statt über Obergrenzen zu debattieren, wären Zielgrößen für Zuwanderung erforderlich.

So ließe sich nach IAB-Berechnungen das Arbeitskräftepotenzial über die kommenden Jahrzehnte auf dem heutigem Niveau halten, wenn Jahr für Jahr rund eine halbe Million Menschen mehr nach Deutschland kommen als fortgehen. Nötig wäre ein Migrationsgeschehen wie 2014: Damals kamen knapp 1,5 Millionen Menschen nach Deutschland, 914 000 gingen fort; der Zuwanderungssaldo lag bei 550 000 Menschen, so das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

In dieser Größenordnung müsste es für die absehbare Zukunft weitergehen, wollte man einen demografischen Niedergang verhindern.

Allerdings sind die Herausforderungen, die sich hinter den spröden Zahlen verbergen, enorm. 2014 kamen zwar deutlich weniger Menschen als 2015; damals waren es 2,1 Millionen, davon knapp die Hälfte Flüchtlinge (Zahlen für 2016 liegen noch nicht vor). Aber auch die 2014er-Zahlen liegen weit über jenen Niveaus, an die Deutschland gewöhnt ist. Noch 2010 verzeichnete Deutschland nur halb so viel Immigration.

Dazu kommt ein weiterer Aspekt: Bis 2014 stammten die Zuwanderer überwiegend aus anderen europäischen Ländern. In den nächsten Jahrzehnten jedoch stehen Polen, Spanien oder Rumänien vor ähnlichen demografischen Herausforderungen wie Deutschland. Es gibt dort schlicht und einfach immer weniger Menschen, die zu uns kommen könnten.

Die Zuwanderer der Zukunft müssen deshalb aus Weltregionen mit hohen Geburtenüberschüssen kommen - aus Indien, Pakistan und Afrika -, aus Ländern mit größerer kultureller Distanz und schlechterem Bildungssystem. Entsprechend aufwendig wird die Integrationsleistung für beide Seiten: für Immigranten und Ansässige. Vernünftigerweise sollte die Bundesrepublik in Bildungseinrichtungen vor Ort investieren, um junge Leute auszubilden, ihnen Sprachkenntnisse vermitteln und anschließend die besten auswählen. Sie könnten dann hierzulande von einer ungleich besseren Basis aus ins Berufsleben starten, als das bei den Menschen der Fall, die bislang zu uns kommen.

Im Wahlkampf 2017 sollten realistische Optionen zur Debatte stehen. Wer möglichst wenig Zuwanderung möchte, muss dazu sagen, welche Kosten damit verbunden sind und wer sie tragen soll. Wer aus wirtschaftlichen Gründen hohe Zuwandererzahlen will, muss eine kohärente Immigrations- und Integrationsstrategie vorlegen.

Es geht um komplexe Abwägungen. Die Bürger haben ein Recht darauf, daran teilzuhaben.

Zusammengefasst: Der politische Streit um eine Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen verstellt den Blick auf eine maßgebliche wirtschaftliche Entwicklung: Deutschland braucht in den kommenden Jahren erhebliche Zuwanderung , weil sonst die Zahl der Erwerbspersonen drastisch zurückgehen würde. Dass Zuwanderung aus Weltregionen wie etwa Indien, Pakistan und Afrika erfolgen müsste, stellt die Integrationsfähigkeit Deutschlands vor enorme Aufgaben, finanziell und kulturell.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der Woche

MONTAG

Wiesbaden - Jenseits der Rekorde? - Nach schwachen Zahlen in den Vormonaten legt das Statistische Bundesamt neue Zahlen zu den deutschen Exporten vor.

Luxemburg - Euro-Jobs - Eurostat veröffentlicht die Zahlen zur Arbeitslosigkeit im November.

Berlin - Grüne Positionen - Klausur der Grünen am Beginn des Wahljahrs 2017.

DIENSTAG

Genf - Die Mauer muss weg - Neuer Anlauf der Gespräche über das Ende der Teilung Zyperns.

MITTWOCH

Chicago - Abschied von No. 1 - US-Präsident Barack Obama verabschiedet sich mit einer groß angelegten Rede.

Valletta - Kleines Land, große Aufgaben - Die Kommission zu Besuch beim derzeitigen Ratspräsidenten der EU: Maltas Ministerpräsident Muscat

Kommissionschef Juncker äußern sich zur europäischen Agenda im ersten Halbjahr 2017.

DONNERSTAG

Berlin - Bundesbilanz 2016 - Erste Schätzung des Statistischen Bundesamts zum deutschen Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2016 und zum Saldo der Staatsfinanzen.

FREITAG

Washington - Trump erbt robuste Konjunktur - Neue Zahlen zum Einzelhandelsumsatz in den USA.

Berichtssaison - Quartalszahlen von JPMorgan Chase, Bank of America und Wells Fargo.

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insgesamt 598 Beiträge
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Seite 1
aa_mode 08.01.2017
1.
Als ob geschlossene Grenzen den Arbeitsmarkt austrocknen würden. Er würde es sowieso, denn derzeit kommen vorwiegend Menschen zu uns, die unqualifiziert und kulturell meilenweit von einer Intergration in unsere Lebensformen und Wertevorstellungen entfern sind. Erst in zweiter oder dritter Generation könnten deren Nachkommen volkswirtschaftlich von Nutzen sein. Unser Problem ist, dass wir kein Konzept für eine gesteuerte Zuwanderung haben. Aber lässt man mal wirtschaftliche Aspekte beiseite, ist es natürlich selbstverständlich, hilfesuchenden Menschen Schutz zu gewähren. Diese Aspekte sollte man nicht miteinander vermischen.
stesch 08.01.2017
2. ...und es kamen Menschen.
Herr Müller deutet es an, aber formuliert es nicht aus. Wenn wir mehr Zuwanderung aus wirtschaftlichen Gründen wollen, werden wir Zuwanderung aus anderen Gründen einschränken müssen. Damit sind nicht politisch Verfolgte gemeint, die ein grundgesetzlich garantiertes Recht auf Asyl haben. Aber diese Menschen stellen auch nur eine Minderheit von etwa 5 % der Einwanderer. Eine Masseneinwanderung wie im Jahr 2015 können wir uns allerdings nicht noch einmal leisten. Sowohl die gut ausgebildeten und qualifizierten als auch die bestenfalls langfristig in den Arbeitsmarkt zu integrierenden Zuwanderer bringen wahrscheinlich ihre Familie mit. Es wäre also der gleiche Fehler wie in den 60er und 70er Jahren, solche Zahlen nur auf die Arbeitskräfte zu beschränken. Nur nebenbei: Gibt es nicht gerade eine Diskussion, daß immer mehr Arbeitsplätze durch Roboter und andere Technologien wegfallen?
Freidenker10 08.01.2017
3. Industrie 4.0 ?
Das stimmt doch so nicht! Wei viele Prognosen hab ich gelesen in denen prognostiziert wird dass durch die Automatisierung der Industrie zig Millionen Arbeitsplätze wegfallen sollen. Macht doch keinen Sinn den vielleicht momentanen Bedarf durch Immigration zu decken, um dann in 10 jahren festzustellen das die Jobs nicht mehr existieren und alle im Sozialsystem landen. War dieses kurzsichtige Denken nicht auch das Problem der Gastarbeiter der 60 und 70 Jahre? Schon in den 80 jahren fing es doch mit der Arbeitslosigkeit an und aus einem Arbeitskräftemangel wurde Arbeitslosigkeit. Wenn schon Immigration dann doch eher mit Zeitverträgen. Die Menschen können sich Geld ansparen und danach in ihrer Heimat mit diesem Geld was aufbauen, wäre für beide Seiten ehrlicher und sinniger!!
gut-mensch 08.01.2017
4. Eine typische Volkswirtsmeinung
Leider zu oberflächlich. Unsere Wirtschaft ist auf Effizienz getrimmt, d.h. gleicher oder sogar steigender Output wird mit immer weniger menschlicher Arbeitskraft erwirtschaftet. Es gibt zwar immer noch grundsätzliche Bedarfe an einfachen Arbeiten, wie Straßenkehren, Grünanlagenpflege o.ä. aber die will keiner machen oder bezahlen. Die Arbeitslosigkeit unter Zuwanderern ist deutlich höher als bei der bestehenden Bevölkerung. Das wird sich so schnell auch nicht ändern. Und wenn sich die Zuwanderer soweit eingelebt haben dass sie einen sinnhaften Beitrag leisten können kann ich mir schwer vorstellen, dass sie dann vom verdienten Geld einen großen Teil abgeben wollen um damit das Rentnerheer der Bundesrepublik zu finanzieren, die selber mit egoistischem Verzicht auf Kinder wenig dazu beigetragen haben ihre eigene Zukunft abzusichern.
Räuber Hotzenplotz 08.01.2017
5. Vielleicht ja, aber qualifizierte und selektierte...
Zuwanderung. Wilde, unqualifizierte Zuwanderung aus Nahost und Afrika macht das Problem -wenn denn vorhanden- nur noch größer. Also, endlich mal ein Einwanderungsgesetz a la Kanada o.ä. aufsetzen und gleichzeitig das illegale Betreten des Staatsgebiets abstellen. Dann wird ein Schuh draus...
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