Einschätzung von Ökonomen Flüchtlingskrise stützt deutsche Wirtschaft

Die hohen Flüchtlingszahlen stützen nach Einschätzung führender Ökonomen das Wachstum in Deutschland. Für die Versorgung der Flüchtlinge pumpe der Staat Milliarden in die Wirtschaft, mit denen neue Arbeitsplätze geschaffen würden.

Provisorischer Schlafraum in der Berliner Messe: "Kleines Konjunkturprogramm"
AP/dpa

Provisorischer Schlafraum in der Berliner Messe: "Kleines Konjunkturprogramm"


Wie gut und schnell Deutschland die Flüchtlinge in den kommenden Jahren integrieren und in Arbeit bringen kann, ist ungewiss. Aktuell aber bringen sie Wachstum. Nach Ansicht des Chefs des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, wirken die hohen Flüchtlingszahlen nach Ansicht des Chefs wie ein "kleines Konjunkturprogramm". "Denn der Staat pumpt jetzt viele Milliarden für die Versorgung der Flüchtlinge in die Wirtschaft", sagte Hüther der "Rheinischen Post".

"Diese Ausgaben versickern nicht im Ausland, sondern schaffen im Inland neues Geschäft und neue Arbeitsplätze", sagte der Chef des arbeitgebernahen Instituts. Auch Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater sagte der Zeitung, wegen der milliardenschweren Mehrausgaben für Flüchtlinge seien "einige wenige Zehntelpunkte zusätzliches Wachstum" für die Jahre 2015 und 2016 zu erwarten.

Ob die Zuwanderung langfristig ein wirtschaftlicher Erfolg werde, hänge davon ab, ob möglichst viele junge Flüchtlinge in Arbeit kämen, sagten die Ökonomen. Der unerwartete Konjunkturimpuls durch die Flüchtlingskrise wirkt den Ökonomen zufolge negativen Effekten aus dem Ausland entgegen. Vor allem das schwächere Wachstum in China und anderen Schwellenländern bremse die exportabhängige deutsche Industrie.

Nahles appelliert an die Wirtschaft

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) rief die Wirtschaft dazu auf, sich noch stärker für die Integration junger Zuwanderer in den Arbeitsmarkt einzusetzen. "Die Politik baut bestehende bürokratische Hürden ab, wo es Sinn macht, und unterstützt bei Spracherwerb, Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse und Qualifizierung", sagte Nahles. "Auch die Unternehmen leisten ihren Beitrag in vielen Fällen vorbildlich - aber ich wünsche mir, dass viele bei der Ausbildung noch stärker auf junge Menschen mit Migrationshintergrund setzen."

Der schwarz-rote Koalitionsausschuss hatte im September beschlossen, für die Flüchtlingshilfe im Bundeshaushalt 2016 drei Milliarden Euro bereitzustellen und weitere drei Milliarden Euro an Länder und Kommunen zu geben.

Weltbank sieht Migration als Chance

Die Weltbank geht davon aus, dass die Wanderungsbewegung von Menschen aus Afrika und dem Nahen Osten in wohlhabendere Weltregionen in den nächsten Jahrzehnten nicht abreißen wird. Weil die Weltbevölkerung weiter altert und die Zahl der Kinder stagniert, biete das große Chancen. "Wenn man es politisch richtig macht, kann diese Ära des demografischen Wandels ein Motor des wirtschaftlichen Wachstums sein", sagte der Präsident der Weltbank-Gruppe, Jim Yong Kim am Mittwoch in Lima. In der peruanischen Hauptstadt halten Weltbank und Internationaler Währungsfonds vom 9. Oktober an ihre gemeinsame Jahrestagung ab.

Wenn es Ländern mit alternder Bevölkerung gelänge, Flüchtlinge und Migranten in die Volkswirtschaft zu integrieren, könnten alle profitieren. "Die meisten Hinweise belegen, dass Migranten hart arbeiten und über Steuern mehr leisten, als sie über Sozialsysteme konsumieren", sagte Jim Yong Kim.

Mehr als 90 Prozent der Armut in der Welt verteile sich auf arme Länder mit einer jungen schnell wachsenden Bevölkerung. Gleichzeitig werden drei Viertel des Wachstums in wohlhabenderen Staaten erzielt, wo wesentlich weniger Kinder geboren werden und die Zahl der Alten stark steigt.

nck/Reuters/dpa

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.