Marode Fernstraßen Hier zerbröseln Deutschlands Brücken

Der Verfall deutscher Brücken ist bedenklich. Millionen Quadratmeter müssen dringend repariert werden. Unsere interaktive Karte zeigt, wie marode die Bauten auf Ihrer Fahrstrecke sind.

Schiersteiner Autobahnbrücke (Archivbild)
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Schiersteiner Autobahnbrücke (Archivbild)

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Schlagzeilen über baufällige deutsche Brücken auf Fernstraßen gibt es regelmäßig. Da ist die Langebachtalbrücke in Arnstein, Sachsen-Anhalt, die seit fast einem Jahr für Laster nicht mehr befahrbar ist. Oder die Dresdner Albertbrücke, über die seit Juli 2014 kein Auto mehr gefahren ist, weil ihre Reparatur sich immer länger hinzieht. Oder die Schiersteiner Brücke, die Anfang 2015, nachdem einer ihrer Pfeiler absackte, zeitweilig gesperrt wurde und wochenlang zwischen Wiesbaden und Mainz für ein Verkehrschaos sorgte.

Ähnliche Zustände dürften bald noch an viel mehr Orten der Republik herrschen. Denn Deutschlands Fernstraßenbrücken sind in einem desolaten Zustand. Nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums befinden sich derzeit rund 2550 Brückenabschnitte in einem mangelhaften oder gar ungenügenden Zustand und müssen dringend saniert werden.

Nach Recherchen des Journalisten Lars-Marten Nagel dürfte sich die Lage in den kommenden Jahren noch deutlich verschlimmern. Nagel hatte vergangenen Herbst einen siebenjährigen Rechtsstreit gewonnen und von der Regierung detaillierte Angaben zum Zustand der gut 39.550 Brücken und 51.400 Brückenabschnitte auf Autobahnen und Bundesstraßen erhalten. Die Grünen-Fraktion hatte weitere Daten beschafft. Erstmals war so eine umfassende Analyse möglich.

Erste Ergebnisse veröffentlichte Nagel vergangenen September in der "Welt". Der Verfall schreitet demnach rasch voran. Rund 12.000 Brückenabschnitte haben nur noch die Note ausreichend; viele davon dürften in den kommenden Jahren ebenfalls sanierfällig werden. Insgesamt müssten rund 3,8 Millionen Quadratmeter dringend repariert werden, so Nagel.

Auf SPIEGEL ONLINE können Sie nun erstmals nachsehen, wie marode die Brücken auf Ihrer ganz persönlichen Fahrroute sind. Folgende interaktive Karte, die mit Hilfe der Grünen-Fraktion entstanden ist, zeigt Ihnen die besonders sanierungsbedürftigen Bauten in der gesamten Bundesrepublik:

SPIEGEL ONLINE
Die Brücken, die in der Karte orange markiert sind, befinden sich in einem mangelhaften Zustand, die rot markierten Brücken gar in einem ungenügenden Zustand. Bauexperten sagen, dass es sich oft nicht rechne, solche Brücken zu sanieren. Einige der Bauten müssen wohl abgerissen und neu errichtet werden - der Verkehr dürfte teils auf Jahre umgeleitet werden.

Der Autofahrerrepublik Deutschland würde dann ein veritabler Brückeninfarkt drohen. Denn gerade der Zustand großer Brücken an stark befahrenen Straßen ist oft besonders schlecht. Jede neue Baustelle würde die ohnehin überlasteten Verkehrswege weiter verengen, den Fernverkehr blockieren und an den Nerven Hunderttausender Pendler zerren.

Bei der Analyse der Daten zeigen sich deutliche regionale Unterschiede: Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland sind die Spitzenreiter in Sachen marode Brücken; in Thüringen und Sachsen ist die Verfallsquote vorbildlich niedrig. Die Brücken in Ostdeutschland sind im Schnitt deutlich jünger als in Westdeutschland.

Bündnis 90/Die Grünen

Hauptgrund für den raschen Verfall ist der stark gestiegene Warentransport. Die meisten Brücken waren in den Sechziger- oder Siebziger Jahren gebaut worden - in Zeiten, in denen es vergleichsweise wenig Güterverkehr gab. Entsprechend niedrig waren die Standards in puncto Tragfähigkeit, die meisten Brücken wurden aus günstigem Spannbeton gefertigt. Heute zerbröseln die Bauten unter dem Gewicht tonnenschwerer Lkws.

Der nun drohende Brückenkollaps hat sich lange angekündigt. Nach Angaben des ADAC wurden zwischen 2001 und 2011 jährlich nur rund 360 Millionen Euro in den Erhalt deutscher Fernstraßenbrücken investiert, dabei habe der Finanzierungsbedarf eher bei 600 Millionen Euro gelegen. So habe sich der Verfall Jahr für Jahr verschlimmert, moniert der Autoklub.

Verkehrsminister Alexander Dobrindt will Deutschlands Bröselbrücken vor dem Zusammenbruch retten. Er hat dazu ein sogenanntes Sonderprogramm Brückenmodernisierung aufgelegt. Für die Jahre 2015 bis 2018 stehen insgesamt zwei Milliarden Euro zur Verfügung. Die Länder forderte er auf, schleunigst die entsprechenden Genehmigungen für baufällige Brücken zu erteilen. "Jede Sanierungsmaßnahme, die Baurecht erhält, werden wir finanzieren", verspricht der CSU-Politiker.

Den Grünen geht das nicht weit genug. "Der Sanierungsstau in Deutschland ist über Jahre entstanden, weil der Bund die falschen Prioritäten gesetzt hat", sagt der Fraktionsvize Oliver Krischer. "Wir brauchen endlich eine konzertierte Aktion von Bund und Land für eine schnellere Planung und Sanierung der Brücken. Aber wie bei der Aufklärung der VW-Abgasaffäre versagt Dobrindt auch hier."

Zusammengefasst: In Deutschland gibt es Tausende akut baufällige Brücken, deren Verfall in einem bedenklichen Tempo voranschreitet. Unsere interaktive Karte zeigt, wo die besonders maroden Bauten liegen.

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insgesamt 305 Beiträge
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Seite 1
stammbus 07.03.2016
1. Da fehlt schon mal eine ...
... nämlich in Oldenburg (Oldb) die Brücke der A 293 über die Alexanderstraße, die möglicherweise noch in diesem Jahr abgerissen werden soll.
dallmann67 07.03.2016
2. Marode Brücken reparieren?
Das ist mit all den SCHWARZEN NULLEN nicht zu machen. Abgelehnt euer Ehren!
MKAchter 07.03.2016
3. Kein Geld da?
Für das Sonderprogramm Brückensanierung hat der Bund ganze 2 Mrd. Euro für die Jahre 2015 - 18 zusammengebracht. Dies dürfte bei weitem nicht reichen. Wohlgemerkt, hier geht es um "Lebensadern", um Basis-Infrastruktur des Landes. Wenn ich dann zur Kenntnis nehme, dass für den genannten Zeitraum "flüchtlingsbedingte Aufwendungen) von summiert ca. 50 Mrd. Euro in allen öffentlichen Haushalten zu stemmen sein werden... So lassen die Zahlenvergleiche einen erstaunt zurück.
horstvonork 07.03.2016
4. A7
Bitte ergänzen Sie die Rader Hochbrücke, die erst im vorletzten Sommer gesperrt werden musste, um Notreparaturen durchzuführen, damit sie noch einige Jahre bröckeln kann und nicht sofort in Staub zerfällt. Restlebensdauer knapp 10 Jahre, sofern sich der Lastverkehr an die Auflagen hält! Und es handelt sich hier im Artikel nur um Bundesbrücken, das dicke Ende kommt noch im Bereich der Länder! [informativ zum Thema:http://www.shz.de/regionales/schleswig-holstein/politik/neue-rader-hochbruecke-soll-ab-2022-gebaut-werden-id12212206.html]
frageniemals 07.03.2016
5. Zuerst im Westen!
Täglich pendeln, Soli zahlen für die da drüben, es reicht. Wir haben es nötiger, im Westen werden nämlich Werte geschöpft!
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