Deutscher Sommer 2018 Hurra, wir werden normal

Der Berliner Flughafen ist ein Dauerwitz, die Deutsche Bank ein Underperformer, das ganze Land muss plötzlich hitzebedingt Siesta machen - alles gute Nachrichten. Zumindest für unser Verhältnis zum Rest Europas.

Sommer 2018 in Berlin
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Sommer 2018 in Berlin

Eine Kolumne von


Wir Deutschen haben ein paar recht anstrengende Jahre hinter uns. Ständig mussten wir erklären, wie es sich mit der schwäbischen Hausfrau verhält. Und wie man mit Geld umgeht. Mussten den Griechen beibringen, was ein Katasteramt ist. Oder dass man sich an Regeln zu halten hat. Und nicht tricksen darf. Wir mussten verfolgen, wie die Italiener wieder einmal keine Regierung hinbekamen. Und ziemlich rechte Parteien an Zulauf gewannen. Oder mitansehen, wie gebräunte Rentner mittags ziemlich regungslos auf Dorfplätzen sitzen, während wir Hilfe leisten.

Wir mussten erklären, warum es immer besser ist, wenn der Staat sich zurückzieht und alles irgendwie am freien Markt entschieden wird, und uns wundern, dass die Franzosen doch so viel auf den Staat setzen. Oder beim Besuch hübscher alter Städte im Süden feststellen, dass es dem einen oder anderen in diesen Ländern offenbar egal ist, welche Umwelt man den Kindern hinterlässt, man zumindest gern mal was in den Graben wirft.

Und wenn man dann, um das Ganze pädagogisch behutsam in die richtige Richtung zu lenken, auf unsere Vorbildlichkeit in Sachen Pünktlichsein, Mülltrennung, politischer Ordentlichkeit oder Export- sowie tendenziell auch immer Fußballweltmeisterschaft verwies, war's auch wieder nicht richtig. Da hieß es im Zweifel, wir exportieren zu viel. Oder: Streber!

Ganz ehrlich, das kann auf Dauer ganz schön belasten, wenn man als nahezu einziges Vorbild und quasi alleiniger Leistungsträger dasteht. Fragen Sie Christian Lindner. Das ist, wie wenn man mit der Aktentasche schon zur Schule kommt.

Die Wende ist in Sicht

Umso schöner ist, dass die Wende in Sicht ist, sich das Problem unsererseits gerade etwas unversehens zu lösen scheint. Und Deutschland mal ganz verrückte Sachen macht. So wie in der Vorrunde einer Fußballweltmeisterschaft auszuscheiden, was, zugegeben, noch nicht jeder bei uns als Dienst am Vaterland erkannt zu haben scheint.

Wir haben vergangenes Jahr ein so wirres Ergebnis bei der Bundestagswahl abgegeben, dass es monatelang nicht möglich war, überhaupt eine Regierung aufzustellen. Originell. Das kannte man bisher vor allem aus so kuriosen Ländern wie Belgien. Und als die Regierung endlich stand, dauerte es nur ein paar Wochen, bis dieselbe so tief zu seehoferkriseln begann, dass es wieder keine Regierung zu werden schien, bevor sie überhaupt zu regieren begonnen hatten. In Deutschland.

Das hat die Italiener so herausgefordert, dass sie gleich einen draufgelegt und eine Clown-gestützte Regierung aus Rechts-links-oben-unten-egal-jedenfalls-Populisten gewählt haben. Päh.

Wir können uns auch nicht mehr vorhalten lassen, nicht auch Leute im Parlament zu haben, die fast so reden wie Donald Trump - nur dass die bei uns (zum Glück) noch über die eigene Regierung schimpfen können, was der US-Präsident umständehalber jetzt nur noch eingeschränkt tun kann, aber erklären dürfte, weshalb er umso eifriger über andere schimpft. Mit wechselndem Schwerpunkt auf die entsprechenden Vertreter aus Pjöngjang, Teheran, Mexiko-City oder Berlin.

Wir haben in Deutschland mittlerweile Manager, die es so gut verstehen, mit Regeln nicht mehr so schnöde umzugehen wie früher, etwa zum, sagen wir, Abgasverbrauch, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis selbst berufserfahrene Mafiosi erwägen, in Deutschland Fortbildung zu beantragen. Zumal die Betreffenden bei uns ja ganz gut wegzukommen scheinen. Da kann jede Bananen-Republik gleich einpacken.

Personalvorgaben im Land des Ludwig-Erhard-Kults

Und was streberhaften Umgang mit Geld angeht? Können wir uns eigentlich auch nicht mehr so einfach vorhalten lassen. Wie die "Süddeutsche Zeitung" gerade gemeldet hat, kommt die größte deutsche Bank in der Rangliste der wertvollsten Geldhäuser Europas nicht einmal mehr unter die besten 20 - weit hinter der Konkurrenz aus klischeegemäßen Schluderländern wie Spanien, Frankreich und Italien. Hätte der frühere Finanzminister Wolfgang Schäuble in den vergangenen Jahren nicht dreistellige Milliarden dank Nullzinsen gespart, hätte übrigens auch der Bundeshaushalt heute keine schwarze Null.

Die artig wechselnden Verantwortlichen für die Berlin-Schönefelder Virtual-Anlaufstelle für Flugreisende geben sich alle Mühe, jeden verbleibenden Zweifel daran zu beseitigen, dass es sich bei der mittlerweile sechsjährigen Verspätung der Eröffnung des Flughafens um einen ganz unglücklichen Unfall handelt. Auch das ließe sich anmerken, wenn noch mal jemand mit Neid kommt.

Und die Sache mit der Umwelt? Kommt auch nicht mehr so klar rüber, seit in Deutschland Fahrverbote verhängt werden, weil etliche Städte die Vorgaben zur Luftreinhaltung nicht einzuhalten schaffen, deren Aufstellung wir selber einmal eifrig mitbetrieben haben.

Einen Exportüberschuss - haben mittlerweile auch die Italiener. Und die Arbeitslosigkeit ist EU-weit auf dem tiefsten Stand seit zehn Jahren. Sonderfall Deutschland? Nachlassend.

Was ähnlich für all das gilt, was hiesige Apostel den Griechen oder Spaniern kürzlich noch in Sachen marktwirtschaftliche Päpstlichkeit predigten: in der Zwischenzeit wurden bei uns Mindestlöhne eingeführt, werden chinesische Investoren abgeschreckt, damit sie bloß nicht so marktwirtschaftlich frei bei uns Firmen kaufen, und gibt es einen Pflegeminister, der im Land des Ludwig-Erhard-Kults staatliche Vorschriften zur Personalstärke in der Pflege beschließen lässt - weil der Markt eben doch offenbar nicht alles immer allein regeln kann. Das ahnten die Franzosen schon länger.

Unser schönes Land ist gerade dabei, ein ziemlich normales zu werden

Da passt selbst die kleine Ironie des Wetterschicksals, die dazu führt, dass in diesen Tagen eine ganze Republik wie griechische Rentner auf dem Dorfplatz rumhängt, weil Deutschland sich gerade selbst klimatisch eher südlich orientiert.

Jetzt kann man über all das in tiefen Fatalismus verfallen: ein Deutschland, das mittags erschöpft Siesta macht; beim Ausstatten von Dieselautos trickst; unpünktlich Flughäfen fertigmacht; dessen Großbanken nicht besser als andere mit Geld umgehen; das mit pöbelnden Politpolterern kämpfen muss; und seinen Kindern womöglich auch keine bessere Umwelt hinterlässt als andere; und dann auch noch gegen Südkorea in der Vorrunde ausscheidet. Das kann ja nicht alles an Özil liegen. Klar.

Man könnte allerdings auch sagen, dass unser schönes Land nur gerade dabei ist, ein ziemlich normales zu werden - sagen wir, gemessen an dem Wahn, den es heute überall gibt. Kann ja nicht jeder immer ins Halbfinale kommen, wenn da nur vier spielen. So wie auf Dauer auch nicht jeder Exportüberschüsse haben kann (wo Überschuss ist, muss es auch Defizit geben). Was uns zumindest erspart, weiter darüber nachdenken zu müssen, ob wir nicht einfach zu gut sind für die Welt und überhaupt zu anderen Menschen passen, etwa denen im Süden. Und ob wir im Zweifel noch einen Süd- und einen Nord-Euro brauchen. So ein Quatsch. Märchenhafte Zeit.

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insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
ginamambo 03.08.2018
1. Sehr gut Herr Fricke
besser kann man den jetzigen Zustand in D nicht beschreiben, wir sind schon lange eine Bananenrepublik geworden, das Volk hat`s gemerkt (leider nicht alle) die Politiker interessiert es nicht, es wird ein schlimmes Erwachen geben.
RamBo-ZamBo 03.08.2018
2. asdf
Das soll wohl ein Witz sein... Unser Land ist dabei sämtliche Stärken zu verlieren die uns einst auszeichneten und wir sollen froh darüber sein? Nach dem Motto blos nicht mehr leisten als die anderen, blos nicht auffallen, blos keine Leistungsbereitschaft, kein freies denken? Das können wir uns in anbetracht des globalen Wettbewerbs überhaupt nicht leisten. Gründe etwas zu unterlassen gibt es genug: "Zu anstregend", "zu kompliziert", "zu ambitioniert", "zu teuer", "haben wir früher anders gemacht", "Rücksicht auf andere die noch nicht soweit sind" und leider immer häufiger auch "nach Verordnung XY verboten". Unsere vielen Arbeitsstunden buttern wir doch nur noch in unsinnige Verwaltungstätigkeiten, Innovationen kommen schon länger woanders her. In praktisch allen Bereichen.
santoku03 03.08.2018
3.
Sehr schön ge- und beschrieben. Schade, dass nun gleich wieder die ironiefreien Kleingeister ihre säuerlichen Kommentare beisteuern werden. Das wird mal wieder Matthäus 7,6: „Ihr sollt das Heilige nicht den Hunden geben und eure Perlen sollt ihr nicht vor die Säue werfen, damit die sie nicht zertreten mit ihren Füßen und sich umwenden und euch zerreißen.“ .
oldman2016 03.08.2018
4. Der mediale Wahnsinn
Dank der Kolumne von Herrn Fricke ist der Tag, ja das gesamte Wochenende gerettet. Da aber alles mit allem zusammenhängt, wäre es Aufgabe der vierten Gewalt im Staate, den Verantwortlichen in Politik, Staat und Wirtschaft die Leviten zu lesen. Vor allem in der Politik wird getrickst, verschwiegen und sogar gelogen, dass sich die Balken biegen. Es ist Aufgabe der Medien Lügen als solche zu brandmarken und die Lügner aus den Ämtern zu jagen.
Olaf 03.08.2018
5. Eine gute Nachricht!
Denn wenn wir endlich unsere protestantische Arbeitsmoral ablegen, sind all die Beschimpfungen als Faschisten, Aufrufe zur Demut und Schuldzuweisungen für alles Elend in der Welt sinnlos geworden. Große Teile unser Medien- und Politikelite sind dann arbeitslos.
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