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Deutschland im Umbruch: Letzte Chance Radikalkur

Schwaches Wachstum, alternde Gesellschaft, überlasteter Staatsetat: Deutschland muss sich einer Langzeitstudie zufolge radikal modernisieren, um international nicht dramatisch zurückzufallen. SPIEGEL ONLINE zeigt, wo der größte Reformbedarf besteht - und welche Erneuerungschancen die Republik hat.

Alternde Gesellschaft: Was Deutschland droht Fotos
REUTERS

Berlin - Die Rezession ist überwunden, der Aufschwung ist da, die Arbeitslosenzahlen sinken: So lauteten die Schlagzeilen deutscher Medien in den vergangenen Wochen. Doch die eigentliche Krise steht Deutschland noch bevor. Das ist zumindest die Kernaussage der am Freitag veröffentlichten Langzeitstudie "Deutschland Report 2035" des Schweizer Prognos-Instituts.

In der Projektion für die kommenden 25 Jahre steht Deutschland demnach vor immensen Herausforderungen: Das Wirtschaftswachstum dümpelt auf niedrigem Niveau, die Bevölkerung schrumpft rapide und zusätzlich kämpft sich der Staat an einer nie dagewesenen Verschuldung ab.

So gehen die Forscher davon aus, dass die deutsche Wirtschaft in den kommenden Jahren durchschnittlich nicht über ein Niveau von mehr als 1,0 Prozent im Jahr hinauskommt. Die EU-Länder werden im Schnitt mit einem Wachstum von 1,4 Prozent auskommen müssen.

Angesichts der kräftigen Wachstumsraten in Deutschland von bis zu 2,5 Prozent in den Jahren vor der Finanzkrise ist das eine ernüchternde Prognose. Überdurchschnittliches Wachstum sagt die Studie nur den deutschen Stadtstaaten Hamburg und Bremen voraus. Berlin und die anderen ostdeutschen Länder hinken dagegen deutlich hinterher.

Die Zahl der Arbeitsfähigen sinkt um mehr als acht Millionen

Hauptursache für die schwache Dynamik ist die alternde Bevölkerung: "Der demografische Wandel ist in vollem Gange und wird sich ab dem Jahr 2020 deutlich beschleunigen", heißt es in der Untersuchung. Leben aktuell knapp 82 Millionen Menschen in Deutschland, werden es bis 2035 nur noch 78 Millionen sein.

Bricht man die Zahlen weiter herunter, wird die Gruppe der Personen im erwerbsfähigen Alter bis 2035 um mehr als acht Millionen oder rund 17 Prozent sinken. Der Wirtschaft werden die Arbeitskräfte zunehmend wegbrechen. Ein positiver Effekt: Die Zahl der Menschen ohne Job dürfte um mehr als eine Million auf dann rund zwei Millionen sinken.

Deutschland steuere auf eine massive Fachkräftelücke zu, warnen die Forscher. Diese hätte erhebliche Wachstumseinbußen sowie eine noch schlechtere Beschäftigungsentwicklung zur Folge, weil vergleichbare Stellen nicht besetzt werden könnten.

Gravierend bleibt zudem das Problem der Staatsverschuldung. Wie soll ein Staat, der jahrzehntelang über seine Kosten gelebt hat, in die Zukunft investieren beziehungsweise kräftig wachsen? Doch statt die Neuverschuldung abzubauen, geht die Tendenz in eine andere Richtung: Die Schuldenstandsquote werde von derzeit knapp unter auf mehr als 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen, schreiben die Forscher - und das, obwohl sich die Bundesregierung gesetzlich dazu verpflichtet hat bis 2016 jährlich mindestens zehn Milliarden Euro einzusparen. Die Forscher glauben nicht daran: "Der Einhaltung der Schuldenbremse messen wir keine Realisierungschance bei."

Mehr Frauen in Jobs bringen, Wochenarbeitszeit verlängern, Schulden abbauen

Für Deutschland sind das schlechte Nachrichten: Das Land droht angesichts der vielen Probleme im internationalen Vergleich dramatisch abzurutschen. Vorreiter werden dagegen Länder wie China und andere Staaten speziell in Asien, die mit zweistelligen Wachstumsraten aufwarten.

Allerdings lassen die Schweizer Forscher noch eine Spur Zuversicht zu - sollte Deutschland schnell die Weichen stellen. Stichwort Alterung und Arbeitsmarkt: Das gesetzliche Renteneintrittsalter müsste schrittweise angehoben werden, mehr Zuwanderer müssen ins Land gelassen werden und mehr Frauen arbeiten. Daneben sei eine längere Wochenarbeitszeit zwingend - wenn auch moderat.

Folge man den Ratschlägen, würde sich die Situation für die Unternehmen merklich entspannen, heißt es in der Studie. Außerdem würden die sozialen Sicherungssysteme entlastet, die sonst eine harte Belastungsprobe bestehen müssten: Denn die Alterung in der Bevölkerung und die sinkende Erwerbstätigenquote führen zu stark steigenden Kosten für die Rente, Krankenversicherung und die Pflege.

Prognos zufolge steigen die Gesamtbelastungen von heute knapp 40 Prozent auf voraussichtlich 46 Prozent im Jahr 2035. Doch sorgt man jetzt vor, dürften die Kosten deutlich geringer ausfallen als bisher angenommen.

Die größte wirtschaftspolitische Herausforderung stelle jedoch der Abbau der Staatsverschuldung dar: "Diese ist nicht nur Voraussetzung für einen starken Euro-Raum, sondern ebenso für wirtschaftliches Wachstum in Deutschland."

Gelingt dies alles nicht mindestens teilweise, sieht es schlecht aus für Deutschland. Dann nämlich sei selbst das moderate Wachstum von 1,0 Prozent gefährdet.

yes

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Forum - Konjunktur - hat Deutschland die Krise hinter sich gelassen?
insgesamt 1871 Beiträge
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1. Harte Einschnitte müssen kommen
Hercules Rockefeller, 22.06.2010
Um dieses erneute zarte Pflänzchen des Aufschwungs nicht zu gefährden, müssen jetzt auch Opfer von den Beschäftigten kommen! Lohnverzicht im Krankheitsfall, unbezahlte Mehrarbeit und Lockerung der Kündigungsfristen müssen kommen, sonst ist die Wirtschaft des Todes!
2. .
frubi 22.06.2010
Zitat von sysopDie Wirtschaft in Deutschland wächst wieder. Auch der monatliche Geschäftsklima-Index des Münchener ifo-Instituts ist erneut gestiegen. Ist die Krise schon überwunden oder droht ein erneuter Rückgang der wirtschaftlichen Leistung?
Wieso sollte auch die Wirtschaft vom Sparpaket betroffen sein? Die Airlines und Stromkonzerne geben ihre Mehrkosten einfach an den Endkunden weiter und dieser bezahlt schön brav. So sieht es aus. Naja. Der H4ler wird durch die Kürzungen nun leider auf seine E-Klasse verzichten müssen aber ansonsten seh ich keine Maßnahme, die der Wirtschaft hätte schaden können. Wieso auch. Die Realwirtschaft ist nicht der Schuldige in Sachen Finanz- und Eurokrise.
3. Soso,,,
gehlhajo, 22.06.2010
". Euro-Krise und das Sparpaket der Merkel-Regierung haben die Konjunktur nicht abgewürgt." Seit wann ist das Sparpaket eigentlich in Kraft ?
4. Fakten oder Meinungen?
Stefanie Bach, 22.06.2010
Zitat von sysopDie Wirtschaft in Deutschland wächst wieder. Auch der monatliche Geschäftsklima-Index des Münchener ifo-Instituts ist erneut gestiegen. Ist die Krise schon überwunden oder droht ein erneuter Rückgang der wirtschaftlichen Leistung?
Wird hier nicht wieder Substanz durch Meinung ersetzt? Der sogenannte Geschäftsklima-Index des ifo-Instituts ist doch nur eine Umfrage. Das sind keine Fakten, das sind Meinungen. Die Politik sollte sich lieber um ihre Aufgaben kümmern: Soziales Konjunkturprogramm statt Not und Realitätsverlust (http://www.plantor.de/2009/soziales-konjunkturprogramm-statt-not-und-realitatsverlust/).
5. hurra!
zynik 22.06.2010
Zitat von sysopDie Wirtschaft in Deutschland wächst wieder. Auch der monatliche Geschäftsklima-Index des Münchener ifo-Instituts ist erneut gestiegen. Ist die Krise schon überwunden oder droht ein erneuter Rückgang der wirtschaftlichen Leistung?
Hurra! Wir maschieren weiter für den Index und singen die Hymne des Wachstums. Was wäre dieses Land nur ohne seine Meldungen vom Wirtschaftswachstum und sinkenden Arbeitslosenzahlen aus dem Ministerium für Wahrheit?
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Quelle: Statistisches Bundesamt / ILO


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