Studie Mindestlohn in Deutschland nicht existenzsichernd

In den EU-Staaten mit einer gesetzlichen Lohnuntergrenze sind die Mindestlöhne kräftig gestiegen. Das Niveau in Deutschland liegt dabei einer Studie zufolge aber weiterhin spürbar unter dem westlicher Länder.

Kellnerin (Archiv)
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Deutschland liegt mit seinem Mindestlohn weiter deutlich unter dem Niveau anderer westeuropäischer Eurostaaten. Während hierzulande der gesetzliche Mindestlohn bei 9,19 Euro pro Stunde liegt, würden die EU-Staaten mit Ausnahme Großbritanniens mindestens einen Betrag von 9,66 Euro gewährleisten. Das geht aus einer Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung hervor.

Laut dem internationalen Mindestlohnreport 2019 der gewerkschaftsnahen Stiftung seien es in Frankreich inzwischen mehr als zehn Euro und in Luxemburg würden sogar 11,97 Euro gezahlt.

Insgesamt seien die gesetzlichen Mindestlöhne in jenen 22 EU-Staaten, die über dieses Instrumentarium verfügten, im Schnitt zuletzt "kräftig angehoben worden". Die durchschnittliche Steigerung belaufe sich dabei auf nominal 4,8 Prozent, nach Abzug der Inflation verblieben 2,7 Prozent.

In Großbritannien liegt der Mindestlohn demnach mit umgerechnet 8,85 Euro aktuell etwas niedriger als in Deutschland, wird aber zum April auf 9,28 Euro angehoben. Die Experten der Stiftung wiesen zudem darauf hin, dass er ohne die jüngste Abwertung des britischen Pfunds deutlich höher wäre.

Gemessen an der Kaufkraft stehen Mindestlohnempfänger in Deutschland der Untersuchung zufolge wegen des niedrigeren Preisniveaus zwar etwas besser da - unterm Strich haben Mindestlohnempfänger in Frankreich, Luxemburg und den Niederlanden immer noch mehr Geld in der Tasche. Mit denen in Belgien liegen sie etwa gleichauf.

Experten fordern europaweite Koordinierung

Gemessen am allgemeinen Lohnniveau in Deutschland war der Mindestlohn den Forschern zufolge "moderat". Im Jahr 2017 entsprach er demnach knapp 48 Prozent des sogenannten Medianlohns. Zwölf EU-Staaten kamen auf höhere Werte, darunter Portugal, Polen und Großbritannien. Das Jahr 2017 wurde laut Stiftung für diese Betrachtung gewählt, weil es seitdem keine neueren internationalen Vergleichsdaten dazu mehr gab.

Dem WSI zufolge gelten Mindestlöhne generell ab einem Niveau von 60 Prozent des nationalen Medianlohns als "einigermaßen existenzsichernd". In der Bundesrepublik müssten diese dafür auf fast zwölf Euro ansteigen.

Die Düsseldorfer Experten regten eine europaweite Koordinierung der Mindestlohngestaltung mit dem Ziel eines "angemessenen, existenzsichernden Niveaus" an. Dies könne nationale Initiativen unterstützen und für ein "sozialeres Europa" sorgen. Auf die Gefahr, dass höhere Mindestlöhne den Verlust von Arbeitsplätzen nach sich ziehen, gehen die Studienautoren nicht ein.

brt/AFP

insgesamt 174 Beiträge
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Nordstadtbewohner 14.02.2019
1. Was ist eigentlich existenzsichernd?
"Insgesamt seien die gesetzlichen Mindestlöhne in jenen 22 EU-Staaten, die über dieses Instrumentarium verfügten, im Schnitt zuletzt "kräftig angehoben worden" Dass die Mindestlöhne zuletzt in 22 EU-Staaten angehoben wurden, ist vor allem der Politik geschuldet. Oft werden in Wahlkämpfen höhere Mindestlöhne versprochen, damit die Politiker auch gewählt werden. Dadurch wird zunehmend das Leistungsprinzip infrage gestellt und somit die Bezahlung von Arbeitnehmern nicht mehr abhängig von der eigentlichen Produktivität gemacht. Dazu kommt: Wer legt eigentlich fest, was existenzsichernd ist? Politiker und andere Meinungs- und Deutungshaber? Fakt ist eins: Wer als Anlernkraft arbeitet, wird auch in Zukunft nur von dem leben können, was er auch selbst erwirtschaftet. Alles andere sind Illusionen.
hisch88 14.02.2019
2.
Ich bin zwar auch für eine Erhöhung des Mindestlohns (min. 10 Euro), aber die Tabelle zeigt auch wo Deutschland liegt (6-te Stelle), vor allem, wenn wichtige (relativ starke) Länder die nicht dem Mindestlohn-Vorgaben angeschlossen sind fehlen: •Finnland •Italien •Schweden •Zypern •Dänemark •Österreich Irgendwie sinnfrei die Tabelle.
peccato 14.02.2019
3. Zynisch
Was soll dabei heraus kommen, wenn sich staatlich sattgefütterte Politiker, Funktionäre aller Richtungen, ob Gewerkschaften, Kirchen, sogenannte Sozialverbände, darüber beraten, was man den hart Schuftenden Gutes tun kann? Eine Erhöhung um ein paar Cent wird als großer Entwurf gefeiert. Diejenigen, die es betrifft, werden doch gar nicht berücksichtigt, angehört. Es ist beschämend. Aber keiner der Täter schämt sich. Es gehört dazu, abgebrüht zu sein. Die Demokratie steht auf tönernen Füßen.
eckawol 14.02.2019
4. Hang zur Gleichmacherei :
Experten fordern europaweite Koordinierung, obwohl gemessen an der Kaufkraft Mindestlohnempfänger in Deutschland der Untersuchung zufolge wegen des niedrigeren Preisniveaus etwas besser da stehen. Unterm Strich haben Mindestlohnempfänger in Frankreich, Luxemburg und den Niederlanden immer noch mehr Geld in der Tasche, aber bei höheren Lebenshaltungskosten ist das "Mehr" unter dem Strich kein Vorteil.
th.m 14.02.2019
5. Schöner Artikel...
bis auf den letzten Satz. Der Mindestlohn als Arbeitsplatzvernichter - ein altes Märchen.
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