Fehlende Langzeitspeicher Deutschland droht die Stromlücke

Wenig Sonne, wenig Wind, hoher Verbrauch: Laut einer Studie werden Extremwetterlagen die Stromversorgung immer stärker gefährden - wenn nicht bald ein Konzept für Langzeitspeicher vorliegt.

Windenergiepark in Brandenburg
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Windenergiepark in Brandenburg

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Es ist kalt, fast windstill, und tief über den Städten und Dörfern hängen graue Wolken, die alles Licht zu verschlucken scheinen. Kein Bild aus dem Sommer, doch der nächste Winter kommt bestimmt. Und dann wird es nicht nur draußen wieder ungemütlich, sondern auch in den Schaltstellen des deutschen Energiesystems - das in den kommenden Jahren immer stärker durch solche sogenannten kalten Dunkelflauten gefährdet wird.

Denn der Anteil an erneuerbaren Energien wird stetig steigen. Und je stärker die Versorgung von ihnen abhängt, desto wetterfühliger wird die Republik. Die Industrienation Deutschland mit ihren Hochpräzisionsmaschinen und Rechenzentren wird sich, wenn sie den Weg einer CO2-freien Energieerzeugung konsequent verfolgt, künftig immer stärker um Stromlücken sorgen müssen.

Die Regierung hat für dieses Problem noch kein solides Zukunftskonzept. Bislang existiert nur ein Strategiepapier des Bundeswirtschaftsministeriums namens "Strom 2030", in dem es heißt, man wolle die Versorgung künftig stärker denn je durch Importe aus Nachbarländern sichern.

Das aber werde nicht immer klappen, heißt es in einer Studie des Berliner Analyseinstituts Energy Brainpool im Auftrag des Ökostromanbieters Greenpeace Energy, die dem SPIEGEL vorliegt. Denn von einer kalten Dunkelflaute sind oft große Teile Europas zur selben Zeit betroffen, und auch viele andere EU-Staaten treiben die Energiewende voran. "Ein grenzüberschreitender Ausgleichseffekt existiert daher nur sehr bedingt", schreiben die Experten.

Etwa alle zwei Jahre steht das deutsche Stromsystem laut Energy Brainpool besonders unter Druck. Denn in diesem Zeitabstand komme es zu Wetterlagen, bei denen bis zu zwei Wochen lang kaum Strom aus Wind und Sonne zur Verfügung stünde. Kurz- und mittelfristige Ausgleichmöglichkeiten - etwa Pump- und Batteriespeicher oder die Steuerung der Stromnachfrage - gelangten dann an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit.

Immer weniger Ersatzkraftwerke

Bislang springen in solchen Notsituationen die konventionellen Kraftwerke ein. Doch von diesen werden durch den Atomausstieg und den ab 2018 geplanten Ausstieg aus der Kohlekraft bald immer mehr vom Netz gehen. Spätestens dann müsse die Regierung eine bessere Strategie zur Sicherung der Stromversorgung in wind- und sonnenarmen Zeiten entwickeln, schreibt Energy Brainpool.

Mögliche Lösungen sind schon jetzt im Gespräch. Eine Idee ist, dass Deutschland und andere EU-Staaten die gigantischen Wasserkraftwerke in Ländern wie Norwegen oder Österreich mitnutzen. Die Betreiber der konventionellen Kraftwerke schlagen einen sogenannten Kapazitätsmarkt vor, bei dem Kohle- und Gaskraftwerke gegen eine Gebühr für den Notfall vorgehalten werden.

Eine weitere Idee ist, in stromreichen Zeiten Elektrizität in synthetischen Wasserstoff oder Methan umzuwandeln. Dieses kann im herkömmlichen Erdgasnetz gespeichert und im Falle einer Dunkelflaute durch Gaskraftwerke rückverstromt werden. Mehrere Forschungsinstitute und Unternehmen experimentieren bereits mit dieser Technik herum, unter anderem auch Greenpeace Energy. (Wie die Technik genau funktioniert, können Sie hier nachlesen.)

Um eine komplett erneuerbare Stromversorgung gegen jegliche Wettereinflüsse abzusichern, wären laut Energy Brainpool Gaskraftwerke mit einer installierten Leistung von 67 Gigawatt sowie Elektrolyseure mit einer Gesamtleistung von 42,7 Gigawatt nötig.



insgesamt 220 Beiträge
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Neapolitaner 28.06.2017
1. Winterpause entschieden günstiger
Ab Mitte Oktober, je nach Wetterlage evtl. auch Anfang November, sollte die Energiewirtschaft eine Pause einlegen - Zeit für Wartung für Windkraft und Solaranlagen. Das Netz wird dann abgestellt - vergleichbar einer Kleingartenanlage, bei der auch bei Beginn der Frostperiode das Wasser abgestellt wird. Wenn die Tage länger werden und die Sonne ab März wieder richtig lacht, geht das elektrische Netz wieder an und die Winterpause ist vorbei. Für die Bürger heißt das natürlich: Mit der Jahreszeit leben. Ganz ökologisch.
ulrich_loose 28.06.2017
2. Es gibt kein Konzept für Langzeitspeicher
wenn man unter Langzeit etwas größeres als 30 Minuten versteht. Bezahlbar ist das natürlich ebenfalls nicht - auch dann nicht, wenn man die bösen klassischen Kraftwerke extrem verteuert. Lange Rede - die Wende, eine Fahrt ins Nirgendwo.
no-brain-no-pain 28.06.2017
3. Wo ist das Problem?
Lösung: 1. Elektroautos fungieren als Smart Grid für die Energiespeicherung (zur Erinnerung: die Batterie eines Opel Amperas deckt den durchschnittlichen Energiebedarf eines 4 Personenhaushalts für mehr als 5 Tage). 2. Biogas muss zwar kontinuierlich erzeugt werden, aber die sofortige Einspeisung ist gerade im Sommer unsinning. Also: Biogas speichern - und Kraft-Wärme gekoppelt gerade bei Dunkelflauten verstromen. Übrigens: wenn dem Biogas zusätzlich noch das CO2 vor dem Verbrennen entzogen wird wirkt Biogaserzeugung als echtes "CO2 - sink"
pommbaer84 28.06.2017
4. Listen
Wir holen uns Listen der Verbände die gegen Atomstrom kämpfen und stellen den Unterstützern als erstes den Strom ab wenn es mal knapp wird. Danach sind die dran, die gegen Windenergie kämpfen.
ich-geb-auf 28.06.2017
5. was wenn alle mal E-Autos haben..
..achso.. ich vergas, Strom kommt ja aus der Steckdose. Wird noch lustig werden, wenn der Strombedarf rapdie steigt, zudem in der Stadt nicht jeder eine Garage oder Stepllplatz vor dem Haus hat.
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