Studie Die Wirtschaft wächst, doch der Wohlstand nicht

Der Wohlstand in Deutschland stagniert laut einer Studie auf dem Niveau der Neunzigerjahre. Schuld sei die Einkommensungleichheit. Allerdings ist die Methodik der Forscher umstritten.

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Der Wohlstand in Deutschland hinkt dem Wirtschaftswachstum im Langzeitvergleich deutlich hinterher. Das ergab eine Studie des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung (IMK). Hauptgrund dafür sei der Anstieg der Einkommensungleichheit. Insgesamt stagniere das Wohlstandsniveau auf dem Niveau der Neunzigerjahre.

Vor allem in den Nullerjahren habe es laut der Studie einen deutlichen Anstieg der Einkommensungleichheit in Deutschland gegeben. "Damals stagnierten die Reallöhne vieler Beschäftigter, während Kapital- und Unternehmenseinkommen stark zunahmen."

Zwar seien die Reallöhne in den vergangenen Jahren spürbar gestiegen - da allerdings auch die Kapital- und Vermögenseinkommen gewachsen seien, sei die Einkommensungleichheit kaum zurückgegangen.

Auch soziale und ökologische Aspekte berücksichtigt

Die Methode, mit der die Forscher den Wohlstand messen, ist allerdings umstritten. Der angewandte sogenannte Nationale Wohlfahrtsindex wird als alternativer Indikator zum gängigen Bruttoinlandsprodukt (BIP) verwendet. Er nimmt vor allem private Konsumausgaben in den Blick. Anders als beim BIP werden dabei neben den ökonomischen auch soziale und ökologische Aspekte berücksichtigt. So versucht das Modell etwa, verschiedene Komponenten wie Luftverschmutzung oder Lärmbelästigung zu einem Geldwert umzurechnen.

Dabei würden zu viele Komponenten außer Acht gelassen, sodass die beiden Größen nur bedingt vergleichbar seien, sagte Nils aus dem Moore, Leiter der Forschungsgruppe Nachhaltigkeit und Governance beim Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen. "Der Indikator ist ein legitimer Beitrag in einer Debatte um erweiterte Wohlstandsmessung, aber es ist nicht so, dass mit diesem Index der Stein der Weisen gefunden wäre."

Bereits Ende Mai hatte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) eine Studie vorgelegt, die zeigt, dass der anhaltende Wirtschaftsaufschwung in Deutschland nicht bei allen Bürgern ankommt. Demnach sind zwischen 1991 und 2015 die realen verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte im Schnitt um 15 Prozent gestiegen. Davon haben laut Untersuchung die meisten Einkommensgruppen profitiert - aber nicht die untersten.

Einkommensungleichheit bedeute aber nicht notwendigerweise Einkommensungerechtigkeit, sagte Stefan Liebig, Vorstandsmitglied beim DIW. "Wenn wir die Menschen fragen, welche Einkommen sie haben wollen und welche Einkommen sie als gerecht ansehen, dann sprechen sie sich in keinster Weise für eine gleiche Verteilung von Einkommen aus. Einkommen sollen durchaus unterschiedlich sein und nach Leistung differenziert sein", sagt Liebig.

ire/dpa

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insgesamt 50 Beiträge
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jrcom 19.07.2018
1.
"Wenn wir die Menschen fragen, welche Einkommen sie haben wollen und welche Einkommen sie als gerecht ansehen, dann sprechen sie sich in keinster Weise für eine gleiche Verteilung von Einkommen aus. Einkommen sollen durchaus unterschiedlich sein" Ja, sie sind musterhaft erzogen.
exilator_ 19.07.2018
2. Neoliberale Heilsversprechen
basieren auf der völlig unhaltbaren Voraussetzung, dass es in Wirtschaft, oder auch im normalen Leben lineare Vorgänge gäbe. Das gesamte Gebäude dieser Afterdoktrin beruht auf diesem völlig irre falschen Voraussetzungen. Nach diesem Grundsatz denken in Deutschlands Politik fast alle Parteien, und machen für ihren Niedergang alles mögliche verantwortlich nur nicht die oben genannte Irrlehre. Es ist eben nur bei Egomanen und Psychopaten ao, dass sie unendlich viel grösseren Reichtum wollen. Heute ist es so, dass andere Faktoren als immer mehr Geld die Arbeitswelt beherrschen. Stolz, Anerkennung über blossen Geldwert hinaus, be- und geschützt sein, auch eben vor dem Neoliberalismus, der alles frisst was Menschen ausmacht. Moralisch ist, was ökonomisch ist, und Demokratie ist Sklaverei, so die Postulate der falschen Propheten, und kein Politiker oder Wirtschaftsführer widerspricht dem, und wenn sich einer traut, dann wird er als Gutmensch diffamiert...von den Schlechtmenschen. Der Ansatz andere Dinge in Berechnungen einfliessen zu lassen als Geld ist völlig richtig und wird nur von Hörigen es Systeems abgestritten. exilator
Tolotos 19.07.2018
3. Natürlich ist die Methodik umstritten!
Schließlich ist es für den Geldadel sehr lukrativ, dass das der Wohlstand so ungleich zu seinen Gunsten verteilt wird. Da macht es sicher Sinn, sich ein paar Kritiker zu kaufen, die Kritik an diesem Zustand verunglimpfen!
robeuten 19.07.2018
4. öhem,
das mag - oder auch nicht - erklären, warum das verfügbare Einkommen abhängig Beschäftigter stagniert. Dummerweise gilt das ebenso für Unternehmer wie kleine Handwerksbetriebe etc. Ich gebe der HB-Stiftung einen TIp: schaut Euch doch einmal an, wieviel der "Mittelstand" an Steuern zahlte - 1990 vs. 2018. Ja, der Neo"liberalismus" versagte erfolgreich den Schluck aus der Lohnbuddel. Nein, das erklärt das Problem nicht einmal im Ansatz!!! Es erklärt allerdings, warum wir immer mehr "working poor" haben - dummerweise eine Klientel, für die sich die feinen Herren Gewerkschafter einen feuchten Dreck interessieren....
mori1982 19.07.2018
5. Einkommen
Beitragsteigt angeblich von 1991 bis 2015 um 15%. Im selben Zeitraum stieg die Inflation un ca 40%. Also am Ende hatten die Haushalte also 25% wenuger Einkommen real als 1991 ?
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