Boom-Prognosen Zweifel an Deutschlands goldener Zukunft

Wirtschaftsforscher streiten über Deutschlands Zukunft: Die Bundesrepublik stehe vor einem "goldenen Jahrzehnt", prophezeit eine Studie des Schweizer Forschungsinstituts Prognos. Andere Institute sehen die Perspektiven deutlich pessimistischer.

Von und Michael Sauga

Container im Hamburger Hafen: Streit um die "goldenen Zwanziger"
DPA

Container im Hamburger Hafen: Streit um die "goldenen Zwanziger"


Für Deutschland kann es derzeit kaum besser laufen: Die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit sinkt, die Neuverschuldung schrumpft, und nun steht auch noch die Nationalelf im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft. So sollte es weitergehen - und das wird es sogar, wenn man den Berechnungen von Michael Böhmer glaubt. Der Chefvolkswirt des Schweizer Forschungsinstituts Prognos ist sich sicher: "Deutschland hat beste Chancen auf eine hervorragende Dekade."

"Die goldenen Zwanziger" betitelte das "Handelsblatt" entsprechend am Dienstag seinen Bericht über die Studie. Böhmer und seine Kollegen rechnen damit, dass Deutschlands Wirtschaft ab etwa 2020 jährlich um durchschnittlich 1,5 Prozent zulegt. Das wären 0,3 Punkte mehr als in diesem Jahrzehnt. "Noch kämpfen sich die europäischen Nachbarländer aus der Krise, und dämpfen damit aktuell auch das Wachstum in der Bundesrepublik", sagt Böhmer. "Bis 2020 aber dürften fast alle EU-Länder wieder das Vorkrisenniveau erreicht haben, die Investitionsdynamik nimmt leicht zu - mit spürbaren Effekten für Deutschland."

Die Prognos-Experten sind damit deutlich optimistischer als ihre Kollegen aus anderen Think-Tanks. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) etwa hat erst jüngst in einer Studie auf die zu niedrigen Investitionen hierzulande hingewiesen. Soll das Wachstum konstant bleiben, so hatten die Berliner Forscher ermittelt, müssten in der Bundesrepublik Jahr für Jahr rund hundert Milliarden Euro mehr für neue Fabriken, Maschinen, Straßen oder Stromnetze ausgegeben werden als zur Zeit. Geschieht das nicht, stehen Deutschland keine goldenen, sondern eher magere Jahre bevor, prophezeit DIW-Chef Marcel Fratzscher. Schließlich seien Investitionen die "Voraussetzung für ökonomischen Fortschritt". Blieben sie aus, sei eher "mit Stagnation oder einer Phase sehr niedriger Wachstumsraten zu rechnen wie im Japan der vergangenen zwei Jahrzehnte".

Ende der Zwanziger fehlen zehn Millionen Arbeitskräfte

Auch die Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group (BCG) sieht Deutschlands ökonomische Perspektiven eher düster - wenn auch aus anderen Gründen. Die Forscher verweisen auf den Mangel an Fachkräften in Deutschland, der sich wegen der älter werdenden Bevölkerung in den kommenden Jahren drastisch verschärfen wird. Er werde sich - wenn sich an den derzeitigen Rahmenbedingungen nichts ändere - schon ab 2015 unweigerlich in niedrigeren Wachstumsraten niederschlagen. Nach der BCG-Prognose werden gegen Ende des nächsten Jahrzehnts in Deutschland nicht weniger als zehn Millionen Arbeitskräfte fehlen.

Dagegen lässt sich allerdings etwas tun, und darin sind sich Optimisten wie Pessimisten dann wieder einig. Wenn man die Zuwanderung vorantreibt, mehr Frauen und Ältere für den Arbeitsmarkt gewinnt, kann man auch langfristig 95 Prozent des heutigen Arbeitsvolumens aufrechterhalten, sagt Prognos-Forscher Böhmer. Dann könne Deutschland zwar nicht mehr Wachstumslokomotive sein, aber eine von mehreren starken Volkswirtschaften weltweit bleiben.

Auch das DIW hält eine positivere Entwicklung für denkbar - aber nur, wenn sich die Politik in Deutschland spürbar ändert. Die jüngsten Entscheidungen der Großen Koalition etwa, die Rente mit 63 einzuführen und mehr Staatsgeld in die Alterskassen zu leiten, hält Institutschef Fratzscher für wenig hilfreich. Dadurch würden noch mehr Mittel für Konsum statt für Investitionen ausgegeben, warnt er. "Das macht Deutschland nicht unbedingt produktiver."

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 25 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Progressor 09.07.2014
1. Andere Ansicht
Die deutsche Wirtschaft wächst nicht, sondern weist trotz weiterhin hoher Leistungsbilanzüberschüsse ein rezessiv wirkendes Wirtschaftswachstum auf. Das bedeutet die Produktivität steigt schneller als die Nachfrage. Das wirkt sich negativ auf die Beschäftigung aus. Bei der Arbeitslosenqoute wird weiterhin mit allen Tricks gearbeitet. Bald wird z.B. der Jubel einsetzen, der auf der Möglichkeit der Rente mit 63 basiert. Die Nettokreditaufnahme des Staates war noch nie Null und wird es trotz der Absichen im Jahr 2015 nicht werden. Es sei denn es geht in die Rezession. Falls es den Problemstaaten im Euroland tatsächlich gelingt ihre Wettbewerbsfähigkeit zu bessern, wird die deutsche Leistungsbilanz Richtung Ausgleich gedreht, was das deutsche Wachstumsmodell Exportüberschüsse beeinträchtigt. Dabei ist heute schon zu sehen, dass selbst der exorbitante Aussenbeitag kaum noch die Konjunktur stimuliert. "Goldene Jahre" wirds aber ganz bestimmt geben, fragt sich nur für wen. Ob die Arbeitnehmer endlich wieder mal am Produktivitätsfortschritt beteiligt werden, steht in den Sternen.
Daniel M. 09.07.2014
2. Und täglich grüßt der ...
Wirtschaftswahrsager. Da wird mal wieder die Glaskugel bemüht, um wahlweise eine "goldene Dekade" oder aber das Gegenteil zu prophezeien. Wenn dann noch die Vorausschau schwindender Bevölkerung hinzukommt, dann ist die Wahrsagerei komplett. Wenn diese falschen Propheten wenigstens die richtigen Schlüsse ziehen würden. Jedoch wird u.a. reflexartig auf verstärkte Zuwanderung, längere Lebensarbeitszeit und und und verwiesen, statt eventuell das Bildungssystem Deutschlands oder die sozial bedingte Ungleichheit anzuprangern. Nein, die Apologeten der Zukunft übertreffen sich im Kartenlesen und werden dafür auch noch gut bezahlt. Von wem eigentlich?
Observer 09.07.2014
3. Es ist gute Tradition,
eher pessimistische Vorhersagen in Bezug auf die Wirtschaftsleistung oder auch den Lebensstandard in Deutschland abzugeben. Auf zwei Dinge kann man sich allerdings immer verlassen: die Vorhersagen stimmen nie - und es ist auch stets besser ausgegangen als prognostiziert. Es empfiehlt sich, auch die hier gemachten Einlassungen in eben diesem Licht zu betrachten.
hairforce 09.07.2014
4. Wie soll das funktionieren
Zitat von sysopDPAWirtschaftsforscher streiten über Deutschlands Zukunft: Die Bundesrepublik stehe vor einem "goldenen Jahrzehnt", prophezeit eine Studie des Schweizer Forschungsinstituts Prognos. Andere Institute sehen die Perspektiven deutlich pessimistischer. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/deutschland-und-prognos-studie-goldene-zwanziger-moeglich-a-980119.html
Die ersten Mittelständler/Handwerksberiebe können keine Lehrstellen mehr besetzen da das Angebot an Schulabgängern, mit nur annähernd akzeptablen Zeugnissen und Arbeitswille katastrophal ist. Qualifizierte ältere Arbeitnehmer lassen sich frühzeitig Pensionieren. Wer glaubt das man mit mit Harz 4 Empfängern aus Osteuropa unseren Qualitätsstandard aufrecht erhalten kann muss fern jeder Realität leben. Die Quittung für die Politik seit der Groko wird schneller kommen als uns lieb sein kann.
vox veritas 09.07.2014
5.
Zitat von sysopDPAWirtschaftsforscher streiten über Deutschlands Zukunft: Die Bundesrepublik stehe vor einem "goldenen Jahrzehnt", prophezeit eine Studie des Schweizer Forschungsinstituts Prognos. Andere Institute sehen die Perspektiven deutlich pessimistischer. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/deutschland-und-prognos-studie-goldene-zwanziger-moeglich-a-980119.html
Es wird kein goldenes Zeitalter für die Deutschen geben. Die demografische Entwicklung wird dafür sorgen, daß immer weniger Arbeitskräfte auf dem Markt sind, die über ihre Steuern, die Schuldenlast bedienen können - ganz zu schweigen von den laufenden Kosten für den regulären Etat (und die Sonderausgaben für die EU, etc.)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.